15. Juli 2002
Niemand spricht mit mir
In dieser Nacht träumte ich, wir hätten zusammen
in der Gischt getanzt, so ausgelassen, dass sie schließlich
alle Kleidung abwarf, sich in eine Möwe verwandelte und anmutig
über die heran rollenden Wellen hinweg glitt.
Jetzt sitzt sie mir gegenüber am
Frühstückstisch und stopft das vierte Brötchen mit
abwesendem Blick in sich hinein. "Ich bin anders als die
anderen", sagt das Kind in der Hülle einer dreißigjährigen
Erwachsenen. "Ich bin was Besonderes und deshalb will mit mir
niemand zu tun haben." Seit unserer letzten Begegnung vor zwei
Jahren hat sie mindestens zwanzig Kilo zugenommen. Ihre Konturen
sind so verschwommen wie ihre Sätze verwischt, sie dehnt die
Silben, lässt Satzenden in der Luft hängen - wie das Brötchen,
das auf halbem Weg zwischen Teller und Mund in der Schwebe erstarrt,
während sie es anstiert wie ein unbekanntes Objekt. Ein
lautloses Lachen erschüttert ihren feisten Körper, sie fährt
mit dem angebissenen Brötchen durch den Topf mit Kräuterquark,
malt weiße Wellenlinien auf den Holztisch.
"Das Meer", sagt sie und
lacht lauthals. "Ich will ans Meer, am Meer wird alles gut."
"Und was willst du dort tun?"
"Eis essen, so viele Kugeln wie ich will. Alle Sorten. Im Heim
nehmen die mir dauernd mein Essen weg oder schicken mich aufs
Zimmer, ehe ich mit Essen fertig bin." Sie reißt den
Vanillejoghurt auf, den Erdbeerjoghurt, den Himbeerjoghurt,
schaufelt sich alles auf den Teller, schüttet die Schale mit
frischen Erdbeeren darüber aus und beginnt, die Masse in sich
hinein zu löffeln. Als ich den Brotkorb, Aufschnitt,
Marmeladen, Honig, die Butter aufs Tablett stelle, um alles in die Küche
zu tragen, schreit sie los mit dieser lauten, heiseren Stimmte, in
der stets ein Hass auf die ganze Welt mitzuschwingen scheint. "Du
bist genauso wie die anderen", brüllt sie, "immer
nehmen mir alle alles weg. Aber Gott wird jemand schicken, der euch
alle erschießt und ich werde ganz allein übrig bleiben,
denn ich bin was ganz Besonderes." Sie ballt die Fäuste
und hebt sie drohend gegen mich.
"Warum bist du was Besonders?",
frage ich.
"Weil ich über meine
Probleme reden will, aber niemand hört mir zu. Niemand spricht
mit mir."
"Und was sind deine Probleme?"
"Dass niemand mit mir spricht.
Niemand hört mir zu. Niemals hört mir einer zu." Sie
haut ihre Zähne in den Handrücken, so dass ein tiefer
Abdruck zurückbleibt, der zu bluten anfängt. Sie starrt
das Blut an, wischt es ab und verstreicht es über die
Quarkwellen auf dem Holztisch, vermischt Quark und Blut zu einem
rosigen Schaum. "Gott", sagt sie und lacht wissend, "hat
mich geschaffen, um das Chaos in die Welt zu bringen. Gott hat mich
anders gemacht, deshalb versteht mich keiner. Niemand spricht mit
mir, niemand hört mir zu."
"Ich spreche mit dir", sage
ich. "Über was möchtest du reden?"
"Über meine Probleme",
sagt sie. "Niemand spricht mit mir, niemand hört mir zu."
"Tut es dir Leid", frage
ich, "dass du nicht mehr mit deinem Vater, deiner Mutter und
deinem Bruder zusammenlebst?"
"Nein", sagt sie und
grinst. "Vor meinem Vater hatte ich Angst, vor meinem Bruder
hatte ich auch Angst, die waren so streng. Die haben mir immer mein
Essen weggenommen und mich aufs Zimmer geschickt. Genau wie im Heim.
Da durfte ich nicht reden über meine Probleme - dass mit mir
niemand spricht."
"Und deine Mutter?"
"Du sollst keine Fragen stellen",
sagt sie beleidigt. "Jetzt rede ich. Aber niemand hört mir
zu. Im Heim hab ich die Polizei angerufen, aber die ist auch nicht
gekommen, um mit mir zu reden. Dabei müssten die doch alle
verhaften, denn die sperren mich dort auf mein Zimmer, nur weil ich
über meine Probleme reden will. Das dürfen die doch nicht.
Aber mir hört ja niemand zu." Ein weiterer Biss, in den
Arm diesmal. Eine dünne Blutspur sickert bis zum Handgelenk
hinunter. Sie springt auf, reißt sich die Kleider vom Leib,
schluchzt laut, rennt ins Bad, stellt die Dusche an, spült das
Blut weg, trocknet sich ab, cremt sich mit langsamen liebevollen
Bewegungen den riesigen Körper von oben bis unten mit Nivea
ein, bis sie wie eine Speckscharte glänzt.
"Fertig?", frage ich und
werfe ihr meinen Bademantel zu. "Dann lass uns jetzt tanzen."
Ich greife nach ihrer fettigen Hand, die mich wegstößt.
Aber sie folgt mir zögernd in mein Arbeitszimmer. Während
sie mich misstrauisch beäugt und in der Tür stehenbleibt,
lege ich die CD auf, die gerade zur Stelle ist, drehe auf volle
Lautstärke, schwinge meine Arme hoch, stampfe mit den Füßen,
wende mich langsam um. Und merke, dass sie direkt hinter mir steht
und alle meine Bewegungen imitiert. Ein Lächeln huscht über
ihr verstörtes, zerstörtes Gesicht, ohne dass es die
leeren Glasmurmelaugen erreicht. Jetzt breitet sie die Arme wie zum
Fliegen aus, ihr Blick trifft kurz den meinen.
