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5. Mai 2002

LUCIA

In jenem Zug zwischen Neapel und Mailand improvisierten wir Wärme. Notgedrungen, denn die Heizung war ausgefallen und es war ein bitterkalter Dezember. Wegen all dieser Streitereien mit B., die noch auf dem Bahnhof von Neapel andauerten, hätte ich den Zug beinahe verpasst. Entnervt hastete ich ins erstbeste Abteil - und wurde angesichts meiner aufgelösten Mähne und Miene mit lautem Gelächter begrüßt. Erbost musterte ich die beiden Typen neben mir, lachte dann aber selbst mit, weil sie ein komisches Paar abgaben: Über rotbackigen, breitflächigen Gesichtern waren ihre Schädel nach internationaler Militärfacon kurz geschoren, über den bunt zusammengewürfelten Klamotten trugen sie dicke Felljacken, aus denen in Gürtelhöhe zwei Hundeschnauzen herausragten. Es sah so aus, als hätten sich zwei kleine Wölfe Schafspelze übergestreift.

Ihr Lachen fiel mir als Erstes auf, denn es kam in Kaskaden und endete mit einem Schluckauf. Dazwischen deutete sie keuchend auf sich selbst: "Lucia, aus dem Land des Lichts." Unglaublich, dass aus diesem schmalen Körper solche Salven dröhnten. Und dass unter dieser Madonnenstirn, umrahmt von langen schwarzen Haaren, ein derart sinnlicher Mund grinste. "Und das hier", brachte sie schließlich hervor, "sind die Brüder Franco und Antonio aus Monreale. Die Schnauzen gehören zu Gari und Baldi."

Leise jaulend plumpste das Duo Gari-Baldi aus der Wärme der Jacken auf den kalten Boden, als Franco und Antonio aufstanden, um einen schweren Schrankkoffer von der Gepäckablage auf die Sitze zu hieven. Während Franco den Koffer aufschnappen ließ und darin herumkramte, begann mein leerer Magen laut zu knurren, ein Knurren, das noch lauter wurde, als ich den Kofferinhalt sah: eine riesige Schinkenkeule, ein Fünfliterkanister mit Rotwein, zwei lange Stangen Weißbrot, zwei Gläser, ein scharfes Messer, Leinenservietten. Daneben ein Zettel, auf dem mit eckiger Schrift ein einziger Satz gekritztelt war: LASST ES EUCH SCHMECKEN! MAMA. Vom Zettel fast verdeckt: die signierte Fotografie eines jungen Mädchens.

Die Hunde sabberten und versuchten immer wieder, am Koffer hochzuspringen, reichten mit den kurzen Beinen aber nicht heran. Während Antonio großzügig von Brot und Schinken abschnitt und Franco die Scheiben an uns weiterreichte, wanderte Lucias Blick zwischen dem Koffer und den Brüdern hin und her. Sie füllten die Gläser, ließen sie kreisen, bedienten sich auch selbst an Brot und Schinken. "Alles hausgemacht", war der einzige Kommentar, zu dem sich Antonio hinreißen ließ. "Von unserem Hof." Zufrieden kauten wir alle sechs, denn natürlich hatten auch Gari-Baldis Bettelaugen ihr Ziel erreicht. Den Schrankkoffer als provisorischen Tisch zwischen uns gestemmt, genossen wir andächtig das Festmahl, bis Lucia schließlich bemerkte: "Kommt, wir wollen ein bisschen reden. Jeder von euch hat eine Frage bei mir frei. Besser gesagt: eine Antwort. Schließlich lebe ich davon, Fragen zu beantworten. Oder auch zu stellen. Ihr müsst wissen, ich bin Wahrsagerin. Hab mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Und mit den unterschiedlichsten Problemen und Sorgen. Eine Frage also - die Frage, die euch am wichtigsten ist."

Während Franco angestrengt die Stirn runzelte und Antonio ungerührt weiterkaute, beugte sich Lucia plötzlich zu mir hinüber und flüsterte in mein Ohr: "Wetten, dass er nach Maria fragt?" Verständnislos sah ich sie an und zuckte die Schultern. Antonio kam Franco jedoch zuvor. "Wird sie gesund werden?", platzte er heraus. Lucia betrachtete nachdenklich den Proviant, die beigelegten Leinenservietten, den Zettel, das Adressenschild am Koffer. "Du wirst deine Mutter bald wiedersehen", erwiderte sie. "Bei euch zu Hause wird sich alles fügen." Und zu Franco gewandt: "Keine Angst, Maria wird auf dich warten. Aber schreib ihr oft, das braucht sie jetzt."

"Woher wusstest du …", begann Franco, aber Lucia winkte lächelnd ab. "Berufsgeheimnis." Auffordernd blickte sie mich an. "Meine Frage", sagte ich, "besteht nur darin, dass ich von dir wissen will, was ich dich gern fragen würde."

Sie musterte mich, mein leichtes Gepäck, die Bücher auf meinem Sitz, die kuliverschmierten Hände. "Du", sagte sie, "würdest gern fragen, ob du diesen Umbruch in deinem Leben - diesen beruflichen und persönlichen Umbruch - auch verkraftest. Aber indem du mir diese bestimmte Frage gestellt hast, wußtest du selbst auch schon die Antwort."

Franco und Antonio sahen verwirrt von Lucia zu mir und wieder zu Lucia, hoben schließlich die Gläser und murmelten: "Auf Lucia, die Wahrsagerin." "Auf Lucia, die Wahres sagt", ergänzte ich, "und der auch manches entgeht." Zwischen Garis und Baldis Pfoten war mir, während sie am Koffer hochsprangen, eine zerknitterte Visitenkarte aufgefallen, die ich schnell aufgehoben und an mich genommen hatte. Eine Visitenkarte, die schwarz auf weiß besagte: Dr. Lucia Eco, Psycho- und Verhaltenstherapie, San Felice.

 


 
 
 
   
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