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Virtuelle Reisen

10.April.2002

Das Reisen als Gelegenheit, unterschiedlichste Identitäten anzunehmen, aus Abenteuerlust, als Kompensation, als Therapie - was auch immer. Als bester Schutz vor Anmache hat sich für mich die Rolle der streng katholischen Hausfrau mit mindestens sechs Kindern und missionarischem (Anti-Abtreibungs-)Eifer erwiesen. Bester Schutz gegen unerbetene Lebensbeichten der Zugnachbarn ist die Nervosität der frisch aus der geschlossenen Psychiatrie entlassenen Paranoikerin, es sei denn, das Gegenüber entpuppt sich beispielsweise als protestantischer Landpfarrer aus Westrauderfehn/ Ostfriesland. Denn manchmal gipfelt eine länger währende Zugreise auch darin, dass einer dieser fiktiven Personen das Angebot auf Rettung/Begleitung bei Behördengängen/ Beistand/ Beischlaf/ ein komplett neues Leben unterbreitet wird. Wie damals, auf der langen Reise nach Sofia ...

Behind and Beyond

We drank slivovitz against the cold
while the train passed borders and barren fields
and talked of Kafka Perutz Prague and Marienbad.
I guess we´d met before
because I remembered my life in Serdica,
visits to his grandmother and her chicken coop,
hot binges with his artist friends,
our wedding in that sinister town hall,
love-making in his white-washed room
where we watched cheep pornos
I´d brought from Frankfurt.
We´d spent a full life, together,
by the time we reached Sofia
and promised to meet again
next year, perhaps in Marienbad.

15.April.2002

Zweite Kolportage in Schwarzweiß: Als wir damals in dieses Bergdörfchen zwischen Rom und Neapel gerieten, war die Zitronenernte gerade eingebracht, wir landeten mitten in einem rauschenden Fest. Und in dem langen, weißen Kleid, das ich auf irgendeiner verlassenen Wäscheleine vor unserer Hütte gefunden hatte, tanzte ich die ganze Nacht mit dem Zigeunerkönig, dem Herrscher über die Zitronenplantagen. Schwarzes Hemd, schwarze Jeans, schwarze Stiefel, schwarze Mähne. Tango. Es fehlte zum Werbespot nur noch die Rose zwischen den Zähnen. Auch das jähe Ende dieser Romanze ist in Schwarz getaucht. Am Spätnachmittag des folgenden Tages rollt ein klappriger LKW vor unserer Hütte vor, hoch beladen mit Zitronenkisten. Der Typ, der absteigt und zwei Kisten vor dem Eingang abstellt, sieht verknittert, verkatert, verlebt und irgendwie vertraut aus. "Ciao Bella" zischt er zwischen schwarzverstockten Zähnen hervor, "und danke für gestern." Erst da fällt mir auf, dass wir beim schwarz-weißen Paartanz offenbar ganz ohne Worte ausgekommen sind.

18.April.2002

Die dritte Kolportage in Schwarzweiß ist meine winterliche Nachtreise nach Rom, bei der die Realität von Anfang bis Ende ver-rückt war, gerade so viel, dass ich mitten in eine Kafka- Geschichte eintauchte ...

Nachtreise

Der Teufel muss mich geritten haben, dass ich diesen Zug tatsächlich nahm. Aber der Anruf meines alten Freundes hatte dringend geklungen, es schien ihm schlechter zu gehen. Ich erreichte den Vorstadtbahnhof kurz nach Mitternacht. Durch das Schneegestöber hastete ich hinüber zu den verlassenen Bahngleisen, platschte durch schmutzige Schneepfützen. Der Uniformierte, der plötzlich aus der Nacht auftauchte, sah mich eindringlich an und murmelte:
Ihr Zug fährt heute hier nicht ab, gehen Sie zum hintersten Gleis. Es kann nicht immer alles nach Fahrplan gehen, Sie sehen ja selbst, welche Zeiten wir haben. Wie soll sich da ein Zugführer an den Plan halten.

Auf dem entferntesten Gleis steht der Zug, eine nasse schwarze Raupe. Nur aus wenigen Fenstern dringt fahles Licht. Im Zug sind fast alle Fenster zum Gang hing mit Gardinen verhängt. Ich reiße eine Tür auf und schlage sie gleich wieder zu, weil ich das Liebesspiel der zwei Jugendlichen nicht stören will. Im Nachbarabteil streiten sich zwei Männer, ihre Gesichter sind rot und aufgedunsen und verströmen Schnapsdunst. Aus dem dritten Abteil lächelt mir eine alte Frau entgegen, in sizilianisches Witwenschwarz gehüllt. Ihre wachen blauen Augen stehen in seltsamem Kontrast zum weißen Haar, im Schoß hält sie ein rosa Strickzeug. Was könnte beruhigender sein als das monotone Klappern der Nadeln?

Erschöpft lasse ich mich in die zerschlissenen Sitze fallen, während der Zug auch schon anfährt.

Warum sagt die Alte nichts auf meinen Gruß, warum sieht sie so starr an mir vorbei, warum lächelt sie ununterbrochen? Irritiert greife ich nach meinem Buch und lese:
Eine dringende Reise stand mir bevor, ein Schwerkranker wartete auf mich in einem zehn Meilen entfernten Dorfe. Und später: Zur Mauer, an die Seite der Wunde legen sie mich. Dann gehen alle aus der Stube; die Tür wird zugemacht; der Gesang verstummt; Wolken treten vor den Mond; warm liegt das Bettzeug um mich; schattenhaft schwanken die Pferdeköpfe in den Fensterlöchern.

Müdigkeit macht meine Glieder schwer, ich kann sie nicht mehr bewegen, gebe der Schwere nach. Weißt du, raunt es an meinem Ohr, deine Reise wird vergeblich sein, du wirst ihm nicht helfen können. Wir wollen sehen, wie deiner eigenen Wunde beizukommen ist, ich werde sie freilegen und beschneiden.

Schemenhaft nehme ich die alte Frau wahr, wie sie sich über mein Bett beugt, ich will ausweichen, aber da ist die Mauer. Als etwas in ihrer Hand aufblitzt, kralle ich meine Finger in ihren Arm, der nachgibt, denn ihr Fleisch ist alt und schwammig. Das Instrument klirrt auf den Boden. Ich will um Hilfe schreien, aber mein Mund öffnet und schließt sich wie ein Fischmaul, kein Ton dringt heraus. Ich bin ein Fisch, ich schwimme durch trübes Wasser, ich muss an die Oberfläche.

Ich tauche auf. Das Abteil dreht sich um mich, kommt schließlich zum Stillstand. Ich bin allein und atme tief durch, nur nicht der Panik nachgeben. Auf dem Boden blitzen Stricknadeln, daneben türmt sich ein Chaos aus Jeans, Pullovern, Unterwäsche, Schreibutensilien - der gesamte Inhalt meiner Tasche, bis auf ein paar Kleinigkeiten wie Geld. und Schmuck.

Auf dem trübe beleuchteten Gang tritt mir der Uniformierte entgegen, dem ich meinen Verlust sogleich melde.
Ich hatte Sie doch gewarnt, es geht nicht alles nach Plan in diesen Zeiten, sagt er. Ich kann Ihnen auch nicht helfen, vielleicht haben Sie den Besuch der alten Dame auch nur für sich erfunden, da sie mir gänzlich unbekannt ist.

Ja, einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen. Gleich sind Sie am Ziel, sagt der Uniformierte, hier müssen Sie aussteigen. Er reißt die Tür auf und mir schlägt bittere Kälte entgegen.

Als ich zurückschaue, scheint mir die alte Frau neben dem Uniformierten am Fenster zu stehen. Ja, sie lächelt. Aber dann legt sich ein Wirbel von Schneeflocken zwischen mich und den abfahrenden Zug und lässt ihre Konturen hinter der Scheibe verschwimmen.

 


 
 
 
   
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