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Virtuelle Realitäten
23.März.2002
Kolportage in Schwarzweiß: Die Künstlerin F., spezialisiert auf sorgfältig
ausgeleuchtete Akte, fährt nach Wien, um in einem Bordell zu fotografieren. Was sie vor allem
einfängt, ist das Warten, die Langeweile, die Banalität des Puff-Alltags. Als sie mit fünfzig
Filmen im Koffer in ihr komfortables Landhaus zurückkehrt, hat ihr studierter arbeitsloser
Freund dort seinen eigenen Puff eröffnet. Und ihre fotografische Restausrüstung profitablen
Zwecken, sprich der Erpressung, zugeführt. Einige der abgebildeten Personen erkennt F. wieder,
es sind dickleibige, kleinschwänzige Honoratioren darunter, die ihre Vernissagen mit
verschmitzten Bonmots und verschwitzten Tätscheleien bereichert haben. Angeekelt vernichtet F.
zuerst das säuberlich beschriftete, dilettantisch fotografierte Beweismaterial, danach ihre
eigenen, allzu ähnlichen Wiener Filme. Als ihr Freund Stunden später nach Hause kommt, mit
dieser frühen Ankunft hat er nicht gerechnet, streiten sie so heftig, dass F. ihm schließlich
ein Stativ über den Kopf zieht. Dann greift sie zur Kamera, öffnet die Lamellen der Jalousien,
lasst die späte Nachmittagssonne hindurch und bannt seinen schönen toten Körper auf Schwarzweiß.
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So jedenfalls habe ich F.s zukünftige Geschichte gesehen, als ich sie gestern abend als
Protagonistin in ihrem persönlichen Film noir erlebte.
24.März.2002
Eröffnung des Otto Dill-Museums in Neustadt: Der Pfälzer "Löwen-Dill", der alles
porträtierte, was nicht rechtzeitig auf den Bäumen war, liebte vor allem die
Geschmeidigkeit der Wildkatzen. In der Zeit des Nationalsozialismus kehrte er von
abstrakteren Bewegungsstudien zu statisch-naturalistischen Abbildern zurück, nahm seinen
Viechern auch die frohen Farben. Am meisten hat mir bei der Laudatio des Kunsthistorikers
die Formulierung gefallen, Dill habe in dieser Zeit seinen Tieren die staatlich verordnete
Werktagskleidung angelegt.
25.März.2002
Lese erst jetzt das Sonderheft der "New York Review of Science Fiction" zum
11. September, erschienen im November 2001. Neben den Zeugen- und Betroffenheitsberichten,
die wir inzwischen alle rezitieren können, eine skurrile Geschichte von James Morrow:
Godzilla und King Kong konvertieren angesichts der Katastrophe zu Rettern Manhattans.
Im letzten Absatz äfft King Kong die Haltung der Freiheitsstatue nach und drückt - hoch
über den Trümmern - die Verletzten, Mühseligen und Beladenen an sein großes Herz, während
die Echse die East River Savings Bank mit dem Rücken abstützt. So lassen sich sogar die
Invasions-Ikonen der Fünfziger Jahre, die plattfüßigen und langschwänzigen Dissidenten des
American Life Style, in die nationale Erhebung integrieren.
26.März.2002
Truman Show, eXistenZ, Matrix: In gewisser Weise thematisieren sie alle die Auflösung
von Wirklichkeit. "Die Wirklichkeit zerfällt in eine Reihe von Optionen", sagt John Clute 2000
in dem Interview mit mir. Elias Canetti schreibt 1978: "Eine peinigende Vorstellung: daß von
einem bestimmten Zeitpunkt ab die Geschichte nicht mehr wirklich war. Ohne es zu merken, hätte
die Menschheit insgesamt die Wirklichkeit plötzlich verlassen; alles, was seitdem geschehen sei,
wäre gar nicht wahr: wir könnten es aber nicht merken. Unsere Aufgabe sei es nun, diesen Punkt
zu finden, und so lange wir ihn nicht hätten, müßten wir in der jetzigen Zerstörung verharren."
(Die Provinz des Menschen - Aufzeichnungen 1942 - 1972, FaM 1978, S. 69). 1990 schreibt
Baudrillard ("Das Jahr 2000 findet nicht statt"): "Vor allem die modernen Medien haben jedem
Ereignis, jeder Erzählung und jedem Bild einen Simulationsraum mit grenzenloser Flugbahn
eröffnet. Jedes Faktum, jedes politische, historische oder kulturelle Merkmal erhält bei
seiner Verbreitung durch die Medien eine kinetische Energie, die es für immer seinem eigenen
Raum entreißt und in einen Hyperraum vorantreibt ... Wir brauchen keine Science-fiction mehr."
(S.9) Wir haben auch keine Referenz-Räume mehr.
science-meets-fiction.de
30.März.2002, Ostersamstag
Ein eklatanter Verlust an Außenwahrnehmung, ja - und eben deshalb, eine Reaktion
darauf, die Sucht nach Vergewisserung, die Suche nach dem verlorenen Ort und der verlorenen
Zeit. Deshalb diese Schwemme von DDR-Erinnerungsliteratur auf der Leipziger Buchmesse, bei
der selbst Sascha Anderson und Hermann Kant so etwas wie eine Rehabilitation erlebten. Deshalb
diese SPIEGEL-Serie zur Vertreibung der Deutschen, nachdem die Verkaufszahlen den Grass´schen
KREBSGANG profitabel erscheinen ließen. Denn natürlich ist diese Sucht nach Vergewisserung
ihrerseits ein Phänomen, das die Marktforschung durchaus erfasst hat.
31.März.2002, Ostersonntag
Sucht nach Vergewisserung auch deswegen, weil der Verlust an Außenwahrnehmung
gekoppelt ist mit dem Verlust des Zeit-Gefühls - einem Gefühl für ein gewisses zeitliches
Kontinuum. Die "Realität" zerfällt in Moment-Aufnahmen, deren innerer Zusammenhang nicht
ersichtlich ist. - Angeblich verschicken nirgendwo die Kids so viele SMS wie hierzulande.
Meinem Eindruck nach - ich beobachte das ständig im ICE - enthalten die meisten dieser
Botschaften, die so mühselig einzutippen sind, nur die Frage Was machst du gerade ? Worauf
die Antwort lautet: Ich schicke dir gerade eine SMS. Auch eine Standort-Bestimmung.
Das "Architektenforum" letzte Woche in Speyer beklagt den Verlust von Gemeinschaftssinn und
Nachbarschaft in den verödeten Innenstädten.
7.April.2002
Eben diesen Gemeinschaftssinn und die Nachbarschaft - das geteilte Lebensgefühl - in verödeten
Innenstädten/ Innenlandschaften beschwört Stephen King in all seinen Romanen.
Und eben das, die
direkte Ansprache der "Freunde und Nachbarn" im inneren Monolog (mit seinem Übermaß an kursiv
gesetzten Simultan-Kommentaren), im Dialog oder auch in einer von verschiedenen Stimmen
erzählten Geschichte ("Buick"), macht King so überaus populär. Also nicht der Kitzel der eher
willkürlich gewählten Versatzstücke des Horror.
Wenn ich den "Buick" nach dem Zufallsprinzip aufschlage, finde ich auf jeder Seite Sätze
der
Rückversicherung ("Ich weiß, was du meinst"), des stillschweigenden Einverständnisses, trotz
aller Widrigkeiten weiterzumachen ("Aber zunächst mal räumen wir diese Scheiße hier weg").
Sätze, die den Leser zum Komplizen des Helden wider Willen mit all seinen Schwächen machen
("Man sollte ja meinen, dass ein Mann meines Alters allmählich mal gelernt haben sollte, dass
man das nicht macht"). Sätze, die den Leser in die Gemeinschaft der - unfreiwillig, weil anders
nicht zu überleben ist - "Guten" einbinden ("Unsere Aufgabe besteht nur darin, darauf
aufzupassen"). Und wenn alle Federn lassen müssen, dann ist das "der Preis, den wir dafür
zahlen, es gut zu tun.".
In Kings mit "Schwachen", Misshandelten und Verlassenen aller Couleur bestücktem Universum
sind fast immer die Kinder/ Jugendlichen die Katalysatoren für die Bekämpfung des Bösen.
Nicht weil sie unschuldig sind (oh nein, würde King hier in seiner affirmativen Erzählart
anfügen), sondern weil sie noch längst nicht alle Facetten einer gleich-gültigen Welt
wahrgenommen und internalisiert haben.
In Stephen King-Romane einzutauchen ist wie ein Spaziergang durch schäbige, herunter
gewirtschaftete Shopping Malls der amerikanischen Wunderwelt an einem schwülen Sonntag
Nachmittag. Man spürt dabei, wie der aufgeheizte Asphalt an den Sohlen der Turnschuhe kleben
bleibt. Allerdings wiederholen sich diese Spaziergänge, so dass man bereits ahnt, wo man
schließlich landen wird. Und dann ist es Zeit, sich zur Abwechslung dem einen oder anderen
Autor zuzuwenden, der seinen Freunden und Nachbarn die Freundschaft längst aufgekündigt hat.

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