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Charles Palliser ist selbst in der artenreichen englischen Literaturszene ein
Phänomen. Sein erstes erfolgreiches Buch "Quincunx" ist, was den Ton betrifft,
eine gelungene stilistische Weiterführung der viktorianischen Thriller von Wilkie Collins,
ergänzt durch die peinlich genaue historische Reanimation Londons in der Mitte des 19.
Jahrhunderts.
Dabei sind seine Charaktere keine Figuren aus der schreiberischen Retorte, wie in vielen der
modischen historischen Krimis, die uns die Rätsel der menschlichen Existenz, die zu einem
Verbrechen führen, allzu transparent machen wollen.
Trotz der Nähe zu den großen englischen Romanciers des 19. Jahrhunderts Dickens und
Collins hat man beim Lesen von "Quincunx" durchaus den Eindruck ein sehr modernes Buch
vor sich zu haben. Das liegt vielleicht daran, dass Palliser zwar sehr ausgearbeitete Plots
erfindet, sie aber immer auch zugunsten der Gaslicht-Athmosphäre des Romans willentlich
"abstumpft". Das Rätsel und die unbegreiflichen Halbschatten der menschlichen
Sozialsphäre sind ihm schließlich wichtiger als der Knalleffekt am Schluß.
In seinem nächsten Buch "Betrayals" ( Verätereien) stellte Palliser noch
größere Anforderungen an seine Leser. Das Buch besteht aus 10 scheinbar
unzusammenhängenden Episoden, die erst ganz am Schluss ein vages Ganzes bilden.
Es ist ein grossartiger Versuch den Leser selbst zum Detektiv ( zum Autor ) zu machen,
doch gleichzeitig auch eine radikale Erweiterung des Erzählprinzips von Wilkie Collins
"Monddiamand", aus der Aneinanderschachtelung vieler Stimmen eine Art Wahrheit zu
rekonstruieren.
Es läßt sich denken, dass "Betrayals" kein grosser publizistischer Erfolg
war, aber für mich ist es eines der interessantesten Bücher die ich in den letzten
zehn Jahren gelesen habe.
Woher dieser Eindruck ?
Es gibt bei Palisser einen Widerstand gegen die "objektive Allübersicht" im
klassischen Kriminalroman und was die Auflösung seiner Geschichten betrifft, orientiert
sich der Autor eher am trüben Licht der kriminologischen Wirklichkeit.
Denn in der Geschichte des Kriminalromans - die auch die Geschichte der Soziologie
wiederspiegelt - geht es auch immer um den Methoden eines Beobachters, der wie Sherlock Holmes
in der Lage ist "die Wahrheit und nichts als die Wahrheit" ins Licht zu bringen.
Was aber, wenn es diese letztliche "Wahrheit" nicht geben kann ? Und wenn diese
sogenannte Wahrheit, nur das Dogma eines sehr klugen, aber trotzdem unwissenden Richters ist ?
Der neue Roman von Charles Palliser "The Unburied" ( Der Unbegrabene ) versucht den
Leser anders in die Geschichte zu verwickeln. Ungleich zu "Betrayals" wird die
Rahmenhandlung - das Mordkomplott an einem exzentrischen Bankier in der imaginären
englischen Kleinstadt Thurchester - relativ früh transparent. Wie bei der
"interlaced" Graphik im Internet erzeugt der Autor einen zunächst sehr
groben Umriss des "Falles" der sich allmählich mit psychologischen Details
anfüllt. Und dank der Virtuosität des Autors ist der Leser dem Protagonisten
Dr. Courtine diesmal immer eine Nasenlänge voraus.
Diese Geschichte allein wäre vielleicht ein wenig langweilig. Deshalb wird die
Rahmenhandlung durch eine Vielzahl anderer Geschichten ergänzt. Und eine davon ist die
von Dr. Courtine selbst, einem ein wenig zu abgeklärten Dozenten für englische
Geschichte, der die Einladung seines Studienfreundes Austin Fickling nach Thurchester annimmt,
ein Intrigant, der ihn nochmals für seine Machenschaften benutzen will.
Ficklings Plan geht fehl, weil Courtine selbst eigennützige Gründe hat Thurchester
zu besuchen. Denn Courtine ist spezialisiert auf angelsächsische Geschichte und hier besonders
auf die Vita Alfreds, des sächsischen Königs von Wessex und seinem Kampf gegen die
Dänen. Angeblich soll es in Thurchester ein altes Manuskript geben, das seine
Lieblings-Theorien über King Alfred beweisen soll.
Dadurch kommt Courtine jedoch mit den kleinen und großen Intrigen der englischen
Kleinstadt in Kontakt. So war es von Austin Fickling aber nicht geplant, denn ...
Aber man soll ja nicht alles verraten.
Es bleibt noch zu sagen, dass die Rahmenhandlung und die Gespenstergeschichte von "
The Unburied" nicht nur ein wenig an Charles Dickens unvollendeten Roman "
THE MYSTERY OF EDWIN DROOD" erinnern. Nicht lange nach dem Erscheinen dieses
Roman-Fragments bemängelte der große Kritiker Andrew Lang in seinem Essay
"The Puzzle of Dickens's Last Plot"dass Dickens bei allen Vorzügen von
"Edwin Drood", die Athmosphäre "of a small cathedral town"
sträflich vernachlässigte. Dies auf vorzügliche Weise nachzuholen geht
ganz auf Pallisers Konto.
Very well done.
Kurt Wiessner
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