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DAS
GEDÄCHTNIS DES FILMS
"Die Kontinuität der Bilder vernichtet
das Sujet..." Hartmut Bitomsky
Am 12.Januar 1977
starb Henri Langlois. Langlois war der Mitbegründer und
langjährige Direktor der Cinematheque Francaise in Paris.
Seinen Zeitgenossen erschien er wie aus einem Roman von Charles
Dickens entsprungen. Er neigte zu Vorurteilen, war extrem
abergläubisch, und er war nachtragend. Wen er jedoch ins Herz
geschlossen hatte, dem erschien er als der gutmütigste
Mensch, der je auf Gottes Erden wandelte. Dieser Mann verkörperte
das "organisierte Chaos" schlechthin. Sein Verdienst als
Sammler und Archivar von Filmen ist jedoch kaum zu ermessen. Nicht
nur, weil Langlois eine große Anzahl von bedeutenden Filmen
für die Nachwelt bewahrte, sondern auch, weil er für ein
großes Publikum zu- gleich die Möglichkeit schuf, sich
diese Filme auch anzuschauen.
Er verstieß damit gleich gegen
zwei Grundprinzipien des Archivwesens. Er sammelte nicht nur, was
ihm momentan wichtig erschien, wie die meisten Archive, sondern er
sammelte alles, soweit es sein Budget zuließ.
Der zweite
Fehler, den er machte, war, wie schon erwähnt, die Filme
nicht in einem dunklen Keller zu bewahren, sondern kontinuierlich
zu zeigen. Später stellte sich heraus, daß gerade bei
den alten Nitro-Kopien durch diese Form der "Lüftung"
die typische Gasbildung und frühzeitige Zersetzung verhindert
wurde.
Wenn je einer Anspruch auf den Titel hatte, das Gedächtnis
des Films zu sein, dann war es Henri Langlois. Er war das
Gedächtnis des Films umso mehr, als es bei ihm keine
Kataloge, kein genaues Verzeichnis der Bestände der
Cinematheque gab. Es gab nur einen riesigen Packen Schulhefte, in
die Langlois die eingehenden Filme in einer oft unleserlichen
Schrift notiert hatte.
Dabei liegt die Frage nahe, ob er selbst
noch einen annähernd genauen Überblick bewahrte. Man hat
ihm das zurecht oft vorgeworfen.
Aber: wer sich erinnert,
verstrickt sich in Widersprüche.
DIE REKONSTRUKTION EINES FILMS: ICH WILL MICH ERINNERN...
Kevin Brownlow,
der Verfasser der bisher umfangreichsten Studie über den
Stummfilm, befaßte sich in den 70er Jahren mit dem
ehrgeizigen Projekt, einen der großen Filme seiner Kindheit,
Abel Gance "Napoleon", in der ursprünglichen
Fassung zu rekonstruieren. Bei seinen Recherchen stieß er
auf verschiedene Fassungen des Films. Eine Anfrage bei dem damals
noch lebenden Gance brachte jedoch keinerlei Aufschluß
darüber, welches die von ihm autorisierte Fassung war.
Wahrscheinlich ist, daß es von vornherein verschiedene
autentische Fassungen des Films gab. Brownlow war von diesem
Ergebnis überrascht, hätte es im Grunde aber nicht sein
dürfen.
Es ist bekannt, daß die Filmfirmen, nach
Aufkommen des Tonfilms und bevor die Synchrontechnik ausgereift
war, verschiedene Fassungen eines Films in den unterschiedlichen
Landessprachen herstellten, aber auch, daß es verschiedene
Fassungen des gleichen Films innerhalb eines Landes gab.
...WIE ES WIRKLICH WAR
Das Ende von Julien Duviviers Klassiker
"La Belle Equipe" etwa weist zwei Varianten auf, ein
"happy end" und ein schlechtes Ende. Der Film sollte
zunächst schlecht enden. Das kam aber beim Publikum nicht an,
und man drehte das "happy end" nach. Als der Film vor
Jahren rekonstruiert wurde, fand sich nur noch eine deutsch
untertitelte Kopie von der ursprünglichen Fassung.
Heute gibts wieder beide Fassungen.
Von solch gravierenderen Fällen
abgesehen, ist es keine Seltenheit, daß auch heute noch
verschiedene Fassungen eines Films existieren. Stanley Kubricks
Film "Shining" beispielsweise hat eine Originallänge
von 146 Minuten. Die amerikanische Fassung ist um zwei Minuten
kürzer. Die europäische ist sogar noch kürzer, sie
hat nur 119 Minuten. Da es sich bei "Shining" um einen
Horrorfilm handelt, liegt die Vermutung nahe, daß die
Kürzungen Gewaltsequenzen im Film betreffen. Allerdings ist
bekannt, daß Kubrick selbst die Kürzungen für den
europäischen Markt vorgenommen hat. Eine Nachprüfung
ergibt, daß der Vorwurf der Selbstzensur kaum zutrifft.
Durch die Weglassung bestimmter Sequenzen wurde der Hand-
lungsverlauf zwar etwas gestrafft, wirkt dadurch aber weitaus
subtiler als die längere Fassung.
DIE ZENSUR
Fragt man einen Filmkurator, welches seine
wichtigsten Hilfsmittel zur Ermittlung der authentischen Version
eines Films sind, so wird er eine Reihe von Dingen aufzählen.
Er wird aber niemals die "Zensurkarten" vergessen.
In
der Stummfilmzeit hatten die Zensurkarten die Funktion, den Text
der Zwischentitel sozusagen "sittenrichterlich verbindlich"
festzuhalten. Besitzt ein Filmkurator neben verschiedenen
Filmfragmenten eines zu rekonstruierenden Films auch
Original-Zensurkarten, so geben diese oft den entscheidenden
Aufschluß über die ursprüngliche Gestalt des
Films.
Ein interessanter Fall ist die Kürzung der deutschen
Fassung von Louis Malles "Les Amants". Der Film handelt
von einer Frau aus der Oberschicht, die sich in einen Studenten
verliebt und ihren Mann verläßt. Der Film enthält
einige für die damalige Zeit delikate Bett-und
Badewannenszenen.
Als bekannt wurde, daß die deutsche
Fassung um einige Minuten kürzer war als die Original
Version, vermutete man natürlich, man sei in Deutschland um
die besonders delikaten Momente betrogen worden. Der Film wurde
vor einigen Jahren in der ARD erstmals in der Originallänge
ausgestrahlt, und dabei stellte sich etwas ganz anderes heraus. In
der deutschen Version fehlten lediglich jene Szenen, in denen die
Tochter der Frau ins Bild kam. Das wahrhaft skandalöse für
die damalige Zensur war also, daß die "betrügerische"
Ehefrau gleichzeitig Mutter war.
Nicht eigentlich um Zensur geht
es im Folgenden. Als Ende der 60er Jahre die Filmindustrie ihren
Boykott ( Keinen Meter Film dem Fernsehen !) gegen die
Fernsehanstalten lockerte, hatten die Sendeanstalten noch ein sehr
starres Programmschema. Um die Spielfilme in dieses Schema
einzupassen, scheute man damals nicht davor zurück, die
Filme, die länger waren als die vorgeschriebenen 90 oder 120
Minuten Sendezeit, rigoros zusammenzuschneiden.
Noch heute kommt
es ab und an vor, daß die Fernsehanstalten sich damit
brüsten, erstmals die Original-Kinofassung zu zeigen, die
sie noch, vor Jahren selbst verstümmelt hatten.
DAS VERGESSEN
Für einen Filmenthusiasten gibt es
nichts schlimmeres, als von der Verstümmelung eines Films zu
hören. Einen Film zusammenzuschneiden bedeutet, ihn, wenn
nicht gar des Kopfs, so doch der Arme oder Beine zu berauben.
Ein
besonders kurioser Fall ist deshalb die Verfilmung von Georges
Simenons Roman "La Nuit du Carrefour" durch Jean Renoir.
In seinen Memoiren ist Renoir voll des Lobes über den Roman
und schildert die langwierige Suche nach einem geeigneten Drehort
für diesen ausgesprochen mysteriösen und dunklen
Thriller um eine Diebes-und Schieberbande. Als die strapaziösen
Dreharbeiten zu Ende waren und man mit den Arbeiten am Filmschnitt
begann, stellte sich heraus, daß zwei Rollen fehlten. Der
Film kam dennoch heraus, und die Kritik war begeistert auch dann
noch als Jahrzehnte später das Mißgeschick bekannt
wurde. Wäre es deshalb Ironie zu behaupten, daß der
Film der mysteriösen Atmosphäre des Romans gerade
deshalb so gerecht wurde, weil ihm Stücke fehlten ?
Die
Entdeckung der Originalkopie von Friedrich Wilhelm Murnaus "Der
brennende Acker", der lange Jahre nur in einer schlecht
erhaltenen und sehr lückenhaften polnischen Version erhalten
war, weist in eine andere Richtung. Im Zuge der
anti-psychiatrischen Bewegung in Italien öffneten die alten
Irrenhäuser ihre Pforten. Ein Wanderschausteller, der die
Insassen der Anstalten bis dahin mit regelmäßigen
Vorführungen von Stummfilmen beglückt hatte - er hatte
herausgefunden, daß die psychisch Kranken mit Stummfilmen
mehr anfangen konnten als mit Tonfilmen - hängte in dieser-
Zeit sein Gewerbe an den Nagel und vermachte seinen Filmbestand
der Cineteca Italiana in Mailand.
Soweit die Fundgeschichte. Jahre
später vergleicht ein Filmkritiker das wiedergefundene
Original mit einer Nacherzählung Lotte Eisners, die den Film
in den 20er Jahren gesehen hatte, und kommt dabei zu folgendem
Ergebnis: Der Film besteht... primär aus Löchern, aus
Schlünden und Grüften, unentwickelten und
unausgesprochenen Hoffnungen, abgebrochenen und entstellten
Beziehungen; aus Mißverständnissen und Abweisungen,
einem Zuviel oder Zuwenig an Erklärungen. Den Unterschied
erkennt man schon, wenn man die Bilder, die in Lotte Eisners Buch
gesammelt sind, mit den Fotogrammen aus dem Film vergleicht. Die
production stills im Buch sind wirkliche Standbilder: in sich
geschlossene Komposition und Konfiguration, das bäuerliche
Drama, das Kammer spiel in seiner ganzen Konzentration. Es fehlt
in diesen Bildern die winzige Verschiebung, auf die Murnaus
Inzenierung baut, in der alles minimal, unmerklich fast, versetzt
und deplaziert ist.
DIE SELBSTZENSUR, DIE KEINE IST
In
Hollywood ist es von jeher üblich, daß der Regisseur
nicht die Schnittrechte an einem Film erhält. Der Regisseur
hat genau Buch zu führen, wieviel Rohfilm er belichtet, und
alles Material geht dann ans Studio, das den Schnitt unter
Aufsicht des jeweiligen Produzenten vornimmt. Der Regisseur John
Ford entwickelte deshalb schon früh die Angewohnheit, nur
soviel Material zu belichten, wie er für seinen Film wirklich
benötigte. Bei einer solchen Arbeitsweise werden natürlich
die Variationsmöglichkeiten des Cutters, der den Endschnitt
macht, ziemlich eingeschränkt.
Dies alles wäre nicht
weiter von Belang, wenn nicht bekannt wäre, daß Ford
Dinge wegließ, die für den Fortgang der Handlung von
besonderer Bedeutung waren.
Bei den Dreharbeiten zu "She Wore
a Yellow Ribbon" suchten Fords Drehbuchautoren Frank Nugent
und Laurence Stallings stundenlang, den Regisseur dazu zu bewegen,
eine Szene zu drehen, die sie vom Standpunkt der Story für
eine Schlüsselszene hielten. Ford drehte sie zwar. Aus der
entgültigen Fassung flog sie auf seine Anweisung hin wieder
heraus. John Baxter schrieb deshalb einmal über Ford: Er ist
kein unkomplizierter Geschichtenerzähler. Die Unterdrückung
der Erzählung ist Teil seines Stils.
Ähnlich, nur ein
wenig deutlicher, formuliert es Bitomsky im Zusammenhang mit Max
Ophüls: Ophüls legt ebensoviel Wert auf die Kontinuität
wie auf die Lücken. Ich verstehe das so, daß er nicht
etwas auslassen wollte, was überflüssig,
selbstverständlich, leicht zu erraten oder redundant wäre.
Die Auslassungen liegen auf der Seite des Sujets, und die
Kontinuität liegt auf der Seite des Films, möchte ich
meinen. Die Auslassungen markieren etwas, das er nicht in den Film
aufnehmen wollte. Die Schnitte pressen die auseinanderliegenden
Einstellungen zusammen, damit nichts dazwischen Platz finden kann.
Nichts soll den Strom der Bilder sprengen, oder anders:
DIE
KONTINUITÄT DER BILDER VERNICHTET DAS SUJET.
Rainer
Wiessner

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