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Schlechte Gewohnheiten

– eine Textcollage –

„Wir Menschen sind stets mehr unsere Üblichkeiten als unsere Wahl “.
Odo Marquard ( Apologie des Zufälligen; Reclam 8351 )

Kafka erfindet die Eisenbahn hinzu

Über Arbeit klage ich nicht so, schreibt Kafka über seine Zeit bei der Arbeiterversicherungsanstalt, wie über die Faulheit der sumpfigen Zeit. Die Bureauzeit nämlich läßt sich nicht zerteilen, noch in der letzten halben Stunde spürt man den Druck der 8 Stunden wie in der ersten. Es ist oft wie bei einer Eisenbahnfahrt durch Nacht und Tag, wenn man schließlich, ganz furchtsam geworden, weder an die Arbeit der Maschine des Zugführers, noch an das hügelige oder flache Land mehr denkt, sondern alle Wirkung nur der Uhr zuschreibt, die man immer vor sich in der Handfläche hält... Alle Menschen, die einen ähnlichen Beruf haben, sind so. Schließlich setzt er noch hinzu. Ich weiß keine Geschichten, sehe gerne Menschen, mache täglich Spaziergänge in Eile durch vier Gassen, deren Ecken ich schon abgerundet habe...

Wochentags. Gare d'Orleans- Austerlitz- Auteuil

Marc Auge faßt zusammen: Der Stammgast einer Linie läßt sich ohne weiteres an der eleganten und natürlichen Sparsamkeit seines Ganges erkennen (...) Läßt sich, gleichsam den gekachelten Wänden entsprungen, das Grollen eines Zuges vernehmen, das die meisten Gelegenheitsfahrer in Aufregung versetzt, dann weiß er, ob er seine Schritte beschleunigen muß oder nicht, denn entweder kann er die Entfernung, die ihn vom Abfahrtsbahnsteig trennt, genau abschätzen und beschließt, sein Glück zu versuchen oder es bleiben zu lassen, oder er hat die Quelle des provozierenden Getöses identifiziert und als Täuschung durchschaut, als einen von anderswo kommenden Ruf, als trügerisches Echo eines anderen Zuges, als Versuchung, sich zu irren, und Verheißung einer Irrfahrt (...) Die Gewissenhaftesten gehen in ihrem Übereifer so weit, sich den günstigsten Platz im Wagen auszusuchen, von dem aus sie bei der Ankunft am schnellsten aussteigen können.

Hitchcock erfindet die Untergrundbahn neu

Christopher Emmanuel Balestreros spielt Baß in einer Band im New Yorker Stork Club. Am Feierabend, weit nach Mitternacht, verläßt er das Lokal durch den Vordereingang, eskortiert von zwei gummiknüppelschwingenden Polizisten. Doch das scheint nur so. Vor dem Eingang zur Subway biegen sie ab. Balestreros geht die Treppe zu den Bahnsteigen hinunter. Nochmal Glück gehabt! Aber Balestreros scheint das nicht bemerkt zu haben. Auch scheint es ihm nichts auszumachen, in diesen Höllenschlund hinabzusteigen, wo ihn am Ende der Treppe die Schwärze unweigerlich verschlingen wird und wo im nächsten Moment ein qietschender und fauchender Minotaurus direkt auf ihn zukommt.
Im Waggon, den nur wenige Fahrgäste bevölkern, greift unser Bassist nach der Zeitung. Mit geübtem Griff schlägt er zunächst die Seite mit den Rennergebnissen auf. Daneben eine Anzeige: Family fun - travel with Ford at first class prices , die eine Familienidylle darstellt. Mit einem Lächeln überschlägt er die nächsten Seiten bis zu: For the New York family it's the Savings Bank with the dividend extras. Einen Moment scheint er angestrengt zu überlegen - dann wendet er sich wieder den Rennergebnissen zu.
Irgendwie ist er der Hölle entronnen, obwohl es immer noch Nacht ist. In einer Kneipe in Jackson Heights, wo man ihn offensichtlich kennt, bestellt er einen Kaffee und schreibt Tips neben die Renntabellen. Später betritt er einige Straßen weiter ein Haus. Musik ertönt, als er die Türe öffnet und sichtlich bemüht ist , keinen Lärm zu machen. Bedrohlich wirkende Baßläufe. Durch die halb geöffnete Tür vom Gang aus schaut er in ein Zimmer. Im Bett liegen zwei Kinder. Er geht den Gang entlang weiter. Immer noch diese Musik. Will er in die Küche, ein Messer zu suchen ? Vor der nächsten Tür bleibt er stehen, öffnet sie. Dahinter ist es stockdunkel. Er macht Licht:
O Rose, das tut mir leid. Jetzt habe ich dich aufgeweckt.
Im Bett liegt eine blonde Frau, seine Frau. Schlagschatten überall an den Wänden. Die Gesichter im Halbdunkel. Die Musik hat aufgehört.
Weil sie Zahnschmerzen hat, liegt sie so spät noch wach. Das Gespräch dreht sich nun um Zähne, Arztrechnungen und Geldsorgen. Dazwischen wirft ihr der Mann immer wieder begehrliche Blicke zu, beruhigt sie, küßt sie lange und mit verhaltener Leidenschaft. Doch sie ist müde. Der Mann hat nur noch Sorgen. Allmählich geben wir es auf, in dieser Szene noch auf einen Mord zu warten. Und obwohl Hitchcock gelogen hat und uns keine wahre Geschichte erzählt, sondern wieder nur eine von seinen Räuberpistolen erzählt und obwohl der Alltag eines New Yorkers nicht das Inferno ist, sehen wir Balestrero über die Schulter als wenn dieser 14.Januar 1953 ein Tag wie jeder andere auch wäre.

Bresson und Fuller

Michel arbeitet gewöhnlich an Wochenenden auf der Rennbahn. Im dichten Gedränge schenkt man seiner Hand, die die Handtasche einer vor ihm stehenden Dame öffnet und ihr ein Portemonnaie entnimmt, keine Beachtung. Auf dem Nachhauseweg beobachtet Michel die Leute in seinem Abteil. In seiner Nähe liest ein Mann stehend in der Zeitung. Kurz vor der nächsten Station faltet er sie zusammen, erst einmal, dann noch einmal. Michel hat verstanden, was der Mann ihm sagen wollte. Zu Hause übt Michel an seinem Jacket, das er an einen Kleiderständer gehängt hat, wie eine Zeitung ein Gedränge ersetzen kann. Moe verkauft Krawatten gelegentlich aber auch Tips an die Polizei. Moe spart für ein eigenes Grab, um nicht auf den Armenfriedhof nach Potters Field zu kommen. Einen Taschendieb erkennt sie an seiner Arbeitsmethode. Gesichter interessieren sie nicht. Hatte er eine Zeitung bei sich ? War sie lediglich eingeschlagen oder richtig gefaltet ? Sah man die Vorder- oder die Rückseite ? Benutzte er die Zeitung nur als Deckung oder hielt er die Zeitung über die Handtasche, als er sie schloß ?

Das Verbot

Selbst dem erfahrendsten Stammgast einer Metro-Linie wird der schönste aller in französischer Sprache geschriebenen Sätze entgehen, der noch bis vor wenigen Jahren auf den Türscheiben der Waggons zu lesen stand: "Le train ne peut partir que les portes fermées" - Der Zug kann erst abfahren , wenn die Türen geschlossen sind. "Die Racinesche Vollkommenheit dieses Alexandriners, dem das stumme e am Ende eine verlängerte Schwingung verleiht, entzückte unseren Lehrer", schreibt Augé.

Edgar Morin befragt einen Freund

" Meine Arbeit ist verlorene Zeit."
Einverstanden, aber erinnere dich. Du hast gekämpft. Man träumt von einem anderen Leben, trachtet nach etwas anderem.
"Die Vorstellungen lassen sich nicht immer realisieren. Man nimmt es...oder nein, man nimmt das Leben nicht wie es kommt."
Man muß sich anpassen.
"Ich bewundere und beneide solche, die sich ganz anpassen können. Ich tue das - innerlich -nur zum Teil."
Was ist mit dem anderen Teil ?
"Ich hüte ihn. Oder besser, bis jetzt habe ich ihn geschützt."
Und was ist das genau ?
"Das ist mein ganz persönlicher Teil. Ich glaube unser Drama ist, daß man immer weniger seine Arbeit sucht,sondern daß man darauf fällt. Was muß man nicht alles haben, wenn schon keinen Titel, dann ein Pöstchen, eine feste Stellung. Man braucht einen Ausweis, eine Arbeitserlaubnis. Der heutige Mensch, das ist ein Bündel, ein Personalausweis. Nicht jeder kann ein Künstler sein, kaum einer mehr Handwerker. Da muß man also jeden Tag gegen die Langeweile ankämpfen. Eine Arbeit, die einen nicht interessiert, die keinen Sinn hat. Man muß sie trotzdem tun und muß sie erleiden bis abends sechs".
Aber nach sechs Uhr ?
"Da versucht man, man selbst zu sein. Bis sechs Uhr hat man eine Arbeit. Und danach wird man ein anderer."
Und was macht der ?
"Er lebt...er ist gefangen. Aber ich glaube, man muß sich immer mehr von der Arbeit entfernen und mehr auf die Seite legen für das, was ich das Leben am Rande (la vie marginale) nennen will."

( aus : Chronik eines Sommers ; Jean Rouch/Edgar Morin - 1961 )

Rainer Wiessner

Anmerkung:
Edgar Morin, Jahrgang 1919, emeritierter Direktor des Forschungszentrums Centre national de la recherche scientifique (CNRS), ist einer der bedeutendsten französischen Denker der Gegenwart. In der Résistance Anhänger der Kommunisten, wurde Morin 1951 wegen antistalinistischer Haltung aus der KPF ausgeschlossen. Morin war Mitbegründer des Komitees gegen den Algerienkrieg und der Zeitschrift Arguments. Die Werke Morins liegen in zahlreichen Sprachen vor. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählt das soziologische Hauptwerk "La Méthode" (1977-1991).

 


 
 
 
   
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