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King CoraxAus dem Kamin einer Grosswäscherei steigt schon morgens dichter Dampf in den Himmel, und man kann grosse Vögel sehen, die sich, begünstigt von der Thermik der warmen Luft, in spiralförmigen Kreisen nach oben tragen lassen. Ernsthafte Geschäftleute im schwarzen Anzug auf dem Weg zur Arbeit - " kraah ".Die Firma " Insektenvertilgung & Co ", seit dem Miozän im Geschäft, stattet der Mülldeponie Mannheim/Nord einen observierenden Besuch ab - " Ki-kook." Heute abend habe ich sie besucht, die Saatkrähen. Gegen den Abendhimmel zeichneten sich in den kahlen Baumkronen schon die Krähennester ab - " Hark ". Und auf einer einsamen Neckarinsel, ganz in der Nähe einer Schleuse habe ich sie schliesslich gefunden. Zwei- bis dreihundert Vögel , die schweigend wie übernächtigte Fluggäste den Kopf zwischen das Gefieder stecken - dicke vogelähnliche Beeren auf den Silhouetten der Äste. Das Schweigen im Walde dauerte allerdings nicht lange. Ein Kundschafter meldete mein unbefugtes Eintreten in Krähengebiet, und eine Wolke aufgebrachter Vögel zog zur nächsten Baumgruppe. Krähen halten nicht besonders viel vom Menschen, und man sagt in England, dass allein der Umriss eines Gewehrs den Krähenstamm zu einem schweigenden Umzug veranlassen könne. Vermutlich stammt auch dieses Gerücht von jenem anglikanischen Geistlichen, der Anfang des 19. Jahrhunderts beobachtet haben will, dass sich " rooks " ( die englische Bezeichnung für die Saatkrähe ) am Tag des Herrn " friedlicher verhalten als an normalen Werktagen. Natürlich kann man Saatkrähen in der Dämmerung nicht von ihren unmittelbaren Verwandten den Rabenkrähen ( Corvus corone ) unterscheiden. Saatkrähen sind zwar etwas kleiner als Rabenkrähen und tragen als Erwachsene unbefiederte, grindig-bleiche Schnäbel, aber diese Merkmale lassen sich unter schlechten Lichtverhältnissen nicht erkennen. Es ist eine andere Eigenschaft die " rooks " charakterisiert : die Saatkrähe ist ja im Unterschied zu ihren nahen Verwandten ein Zoon politikon, ein soziales Wesen, das erst spät am Abend Gestalt annimmt. In der Dämmerung beginnt der weite und in Etappen angelegte Weg zum gemeinsamen Schlafplatz. Kleinere Krähenbanden versammeln sich an bestimmten Treffpunkten - wie etwa der kleinen Neckarinsel wo ich sie beobachtete, - fliegen unruhige Kreise über den Bäumen um sich endlich niederzulassen. Später am Abend erheben sie sich erneut in die Luft um gemeinsam zum nächsten Treffpunkt fliegen und so fort, bis in finsterer Nacht die " rookery ", der Krähenhorst erreicht wird - der Hauptversammlungsort an dem sich früher mehrere tausend Individuen zusammenfanden. Die Saatkrähen, die man in den Wintermonaten häufig sieht, kommen übrigens aus dem europäischen Teil Russlands. Der Vogel des Jahres 1986 ist in der Bundesrepublik selbst eher selten geworden. Besonders Anfang des 20. Jahrhunderts wurden ihre grossen Nistplätze systematisch von Jägern und Bauern heimgesucht, weil sie der Landwirtschaft angeblich enorme Schäden zufügten. Und so kommt das sommerliche "Krächzen" der Krähen , das eigentlich vom alten "krachen" kommt und eher ein rabisches Geräusch beschreibt als einen krähischen Laut - und schon gar nicht zu vergleichen ist mit der " belegten Zunge " einzelner Rabenkrähen, die unsere Parks bewohnen und am Morgen einen kleinen Abstecher in die Stadt unternehmen. Es gibt viele Arten von Rabenvögeln, die in verschiedenen Teilen Europas unterschiedlich häufig auftreten. In Berlin, am Bahnhof Zoo sieht man viele Nebelkrähen - eine Abart der Rabenkrähe -, an der niederländischen Küste Dohlen und Elstern und in den Kleinstädten von Wales fast ausschliesslich Dohlen. Einen vom Stamme der Corviden wird man aber schwerlich auf zufälligen Streifzügen begegnen. Den mächtigen Raben selbst - corvus corax. Das Verschwinden des RabenIn seiner höchst lesenswerten " Naturgeschichte Londons " beschreibt Richard S.R. Fitter die Lebensumstände einer mittelalterlichen Stadt :" Bis zum frühen vierzehnten Jahrhundert waren die Strassen Londons weder befestigt, noch wurden sie regelmässig gesäubert - die Ergebnisse kann man sich unschwer vorstellen. Eine der indirekten Auswirkungen waren regelmässig wiederkehrende Seuchen. (...) Aus diesem Grund ist es nicht überraschend, dass bestimmte Vögel und Tiere als Müllbeseitiger geachtet waren. Im frühen Mittelalter oblag diese Pflicht halbwilden Schweinen, doch als die Stadt dichter bebaut wurde, wurden die Herden zottiger Schweine, die Strassen und Küchenmisthaufen heimsuchten langsam lästig." Anders verhielt es sich mit den Gabelweihen ( roten Milanen ) und den Raben. Diese Vögel waren im mittelalterlichen London sehr zahlreich und waren ihrer Nützlichkeit halber geschützt. Im Jahre 1465 beschreibt Schaschek, der Sekretär des Barons Leo von Rozmital ( eines Schwagers des Königs von Böhmen ) die grosse Anzahl der Milane in London und fügte an , dass es einem Kapitalverbrechen gleichkäme eine Weihe zu töten: " Nicht nur dass sie ( die Londoner ) unsere Abscheu vor Raben- und Saatkrähen und Dohlen nicht teilen; und der Rabe mag immerhin zu seinem Vergnügen krächzen - denn niemand schert sich hier um das schlechte Omen -; man straft gar diejenigen die sie töten, weil sie die Strassen der Stadt von Unrath freihalten . Und das nämliche ist der Fall mit den Gabelweihen, die so zahm sind, dass sie oft kleinen Kindern die Butterbrote aus den Händen stibitzen." Die friedliche Koexistenz der Milane und Raben mit dem Menschen endet Mitte des 18. Jahrhunderts. Eine eminente Quelle hierfür ist das Buch Robert Smiths " The Universal Directory for Destroying Rats and other Kinds of Fourfooted and Winged Vermin " geschrieben im Jahre 1768. Als Grund für die Ausrottung der Raben im London im 18. Jahrhundert gibt Smith an, dass Raben wie auch andere Raubvögel junge Hühner, Enten und Kaninchen töteten. Dass es Kopfprämien für die grossen Raub- und Aasvögel der immer dichter bevölkerten Städte gibt, ist nicht der einzige Grund für das Verschwinden der Raben. Es sind die neuen Hygienevorstellungen der Städter, die auf den Strassen und Hinterhöfen keine organischen Abfälle oder Tierkadaver mehr duldeten. Diese "Qualitätsveränderung" freiliegenden Abfalls der modernen Städte und Dörfer des 18. Jahrhunderts, hatte natürlich auch Einfluss auf die Tierwelt. Und auch die verelendete Bevölkerung der industrialisierten Städte stellte sich um. In der Not, sagte man damals, frisst der arme Teufel Fliegen, aber auch Katzen und Singvögel oder eben Raben , " die man vornehmlich mit einer sauersüssen, dicken Pfefferbrühe zu Tische bringt." Irgendwann im 19. Jahrhundert müssen alle drei Faktoren : Kopfprämie, die neue urbane Hygiene und der Hunger dazu geführt haben, dass sich die Raben auf die waldreichen Wildnisse der westlichen Hemisphäre zurückzogen. Dorthin jedenfalls, wo es noch ausreichend Aas gab. Hierzulande ist der Rabe nur noch Gegenstand der Folklore und allenfalls in unzugänglichen Teilen der Alpen, in den Wäldern von Thüringen oder in Vogelparks anzutreffen. Der AasfresserIn der Bibelübersetzung Martin Luthers, der für das alte Testament vorzüglich die Masora ( eine Thorafassung, die jüdische Gelehrte zwischen 750 und 1000 A.D. erstellten ) verwendete, lässt Noah den den Raben als ersten Vogel erkunden ob " die Wasser vertrockneten auf Erden."Erst dann lässt er nacheinander drei Tauben frei. Die Erste kehrt unverrichteter Dinge zurück. Die Zweite trägt einen Ölzweig im Schnabel. Die Dritte und Letzte kehrt nicht wieder. Es sind also eigentlich vier Vögel die ausgeschickt wurden - unter Verletzung der göttlichen Dreizahl. Heute weiss man, dass die Erzählung von der Sintflut aus dem Akkadischen entlehnt wurde, der semitischen Sprache der Babylonier und Assyrer. Und hier sieht das Gilgamesch-Epos eine andere Reihenfolge der ausgeschickten Vögel vor. Utnapischtim/Noah schickt zunächst eine Taube, dann eine Schwalbe aus, schliesslich den Raben : " Der Rabe flog und sah das Wasser schwinden, er frisst, scharrt im Schlamm, krächzt, kehrte aber nicht um. " Auch ohne den genauen redaktionellen Werdegang der Masora nachvollziehen zu können, leuchtet der Sinn dieser " Zensur " ein. Es handelt sich, wenn man so will, um eine " reziproke Konkruenz " mit theologischer Vorzeichenänderung. Während im akkadischen Mythos der letzte Vogel, der Rabe, nicht zurückkehrt ( " ... er frisst, scharrt im Schlamm ... " ), kehrt der Rabe in der Massora als erster Vogel zurück. Er bleibt nicht, um sich von menschlichen Aas zu ernähren - wie es der akkadische Mythos nahelegt. Man sollte sich das Strafgericht Gottes eben nicht als eine zerstörte Welt vorstellen, in deren Schlamm Kadaver treiben, sondern als neue Welt, die als Erstes einen Ölzweig hervorbringt. Das Verzehren von " Ludern und Äsern " gibt aber nur einen Aspekt der Folklore um den Raben wieder. Denn in der griechischen und vorderasiatischen Mythologie werden Raben und Krähen oft mit dem Fehlen von Wasser verknüpft. In alten griechischen Fabeln wird vom Raben berichtet, den Apollon einst um Wasser bat. Der Rabe jedoch kümmert sich nicht darum und verweilt an einem Weizenfeld oder einem Feigenbaum und wartet bis die Früchte reif sind. Zur Strafe verurteilt ihn Apollon während des Sommers Durst zu leiden. Diese Erzählung scheint mit dem Sternbild des Raben ( Corvus Sitiens ) verknüpft zu sein, die den Übergang der Sommerzeit - der Trockenzeit - zur Regenzeit anzeigte. In einer Enzyklopädie des 16. Jahrhunderts heisst es darum lapidar, Überlieferung und Hörensagen kühn verknüpfend : " Man will auch gewiss glauben, dass die kleine Art der Raben im Monath Junio nicht saufe, und dieses daher schlüssen, weil sie zu dieser Zeit auf den Äckern ganz matt zusammen sitzen und zu schreyen pflegen." Es gibt aber auch eine biblische Quelle, die auf den " trockenzeitlichen " Aspekt des Raben hinweist. Im Buch der Könige verkündet der Prophet Elia als Strafe Gottes eine Dürre : " Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen,ich sage es denn." Um dem Zorn Ahabs zu entfliehen verbirgt sich Elia am Bache Krit der im Jordan mündet. Ernährt wird er während dieser Zeit von Raben, die ihn des Morgens und des Abends mit Brot und Fleisch versorgen. Als der Bach vertrocknet, findet Elia Unterschlupf bei einer Witwe in der Nähe von Sidon, deren Ölkrug und Mehltopf solange unerschöpflich sein sollten " bis auf den Tag, an dem der HERR regnen lassen wird auf Erden." Hier sei auf eine Parallität beider Erzählungen hingewiesen. Der Prophet der Dürre wird erst vom Zeigevogel der Trockenzeit ernährt, dann von einem märchenhaften Vorratstopf, der nicht alle wird, bis die ersten Regentropfen fallen. Der veräterische RabeEs gibt eine grosse Anzahl mythischer Erzählungen die den Raben als leichtfertigen Plauderer, als Verräter von Geheimnissen beschreiben.Es gibt so viele Variationen der Bestrafung des " veräterischen Raben " und ihre geographische Verbreitung ist so gross, dass sie von Griechenland und dem Vorderen Orient nachzuweisen ist, von den sibirischen Völkern bis zu den Indianern Südamerikas reicht. Die bekannteste Version wird im neunten Fragment der Canterbury Tales als " die Geschichte des Verwalters" erzählt. Chaucer entnahm sie vermutlich Pindars " Pythischen Oden " und Ovids " Metamorphosen ", wobei er den Hauptteil der Mythe um " Apollon und Koronis " beiseite liess : Phöbus Apollon, im Mittelalter ein eher verschwommener, mythischer Held lässt eine weisse, sprechende Krähe bei Koronis, seinem Weibe zurück und geht auf Reisen. Während seiner Abwesenheit lässt sich Koronis mit einem Liebhaber ein, ein Vorfall, der Apoll von der Krähe hinterbracht wird. Apollon tötet im Jähzorn sein Weib und bereut. Bestraft für die unkluge Geschwätzigkeit wird jetzt der sprechende Vogel mit einem schwarzem Gefieder. Die zeitgemässe Moral : " Wer Falsches sprach, macht niemals ganz und gar Das ungesprochen, was gesprochen war. Gesagtes ist gesagt, und es ist fort, Reut oder plagt uns noch so sehr das Wort. " So sehr Chaucer noch heute recht hat, was die gesellschaftlichen Auswirkungen des Klatsches betrifft, so wenig hat seine Geschichte mit dem ursprünglich prähellenischen Mythos zu tun. Nimmt man die " Griechische Mythologie " Robert Graves zur Hand, erfährt man Folgendes : Die Gestalt der Koronis ( gr. Krähe ) ist ein Aspekt der Göttin Athene, die ihrer Orakel wegen berühmt war, aber auch als Heilerin, " Hygieia " verehrt wurde. Ihr Allheilmittel war die Mistel, griechisch ixias. Und hier ist zu bemerken, dass der Liebhaber der Koronis mit dem sie Apollon " betrog ", Ischys ( Stärke ) hiess und so eine starke etymologische Verwandschaft mit der Mistel aufweist. Ihren Beinamen " Koronis " erhielt Athene wegen der orakelhaften Krähe und in dieser Eigenschaft war Athene Schutzherrin des Krähen-Orakels von Thessalien, über das der Clan der Lapithen lange Zeit bis zur Invasion der kriegerischen Hellenen herrschte. Dieser Kult schloss auch einen Heroen ein, den die späten Griechen als Chronos kannten - Väterchen Zeit - welcher mit einer Sichel in der Hand dargestellt wird - mit der er den Uranos entmannte. Im Spätmittelalter wird aus Chronos der Tod schlechthin - bewaffnet mit Sichel und Stundenglas zeigt er den Lebenden wie vergänglich ihr Dasein ist. Tatsächlich war Chronos oder Kronos, ursprünglich Koronos - das männliche Gegenstück der Koronis, der prophetischen Krähe. Man mag dieser Interpretation der ineinander verfliessenden mythischen Bilder folgen oder nicht, aber man wird eine Gemeinsamkeit nicht verleugnen können. Vom pelasgischen Krähen- Orakel bis zu Chaucers " weisser Krähe " lässt sich ein schwarzgefiederter Faden ziehen, der mit den Glück oder Unglück verheissenden, verräterischen oder geschwätzigen Rabenvögeln verbunden ist. Und diese Eigenschaft des Raben lässt sich auch bei den Salish und Thompson-Indianern, die den Fraser-Fluss im heutigen British Columbia bewohnten, wiederfinden. Überliefert von Claude Levy Strauss : Mythologica IV.1 - IV.2 Der transarktische Rabe Bei den Salish, indianischen Stämmen, die den Thompson-Indianern benachbart waren, wird der Sohn des Coyoten Snikia'p, der mit der Tochter des Adlers verheiratet wurde, von seinem Vater verdrängt und findet sich heimatlos auf einem Baum wieder - nackt und schlotternd gegen die Kälte kämpfend. Es folgt eine Reise zum Himmel auf der er mehrere Abenteuer besteht. Schliesslich findet er seine treulose Frau wieder und lässt eine Quelle sprudeln wo das Paar seine "tränenüberströmten " Gesichter waschen kann. Doch trotz der abgelegenen Stelle an der die geheime Begegnung stattfindet, entdeckt Rabe - ein Diener von Adlertochter - den Dorfbewohnern die Neuigkeit. Eine ausführlichere Version des selben Mythos vom Vogelnestausheber wird von den Thompson-Indianern überliefert : Der Sohn Cojotes kehrt in einem geflochtenen Korb vom Himmel zurück und vereint sich mit seiner ihm treu gebliebenen zweiten dunklen Frau ( die erste wird als von weisser Farbe beschrieben und ist eine Seeschwalbe ) . Beide schlagen weit ab vom Dorf Cojotes ihr Lager auf... " Der Held jagte alle Tage, und er versammelte alle Hirschtiere des Landes an einem abgelegenen Ort. Cojote und die Leute des Dorfs konnten kein Wild mehr töten; da sie sich allein von Wurzeln ernähren mussten, litten sie bald Hunger. Schliesslich entdeckte der Rabe, dass der Held und seine Frau im Überfluss lebten, während die übrige Bevölkerung hungerte. Und als er aufgefordert wurde, zu verraten, woher das Wildbret stamme, um das sich seine Kinder zankten, gab er die Herkunft seines Vorrats preis. Man eilte zu dem Helden, um ihm zu seiner Rückkehr zu beglückwünschen und an seiner Tafel zu speisen. " In dieser letzten Version des Mythos vom Vogelnestausheber " verrät " der Rabe den Menschen wo Wild - oder besser Aas - zu finden war. Diese Funktion des krächzenden Raben, der dem Menschen der Vorzeit zeigte, wo leichte, proteinreiche Beute zu machen war, scheint der eigentliche Ursprung der Mythenvielfalt um den Raben zu sein - vielleicht sogar der Ursprung für die Vogelschau der neolithischen Völker. Rabenbanden und Rabeneltern Sollten die klugen Raben aber so unklug sein durch Geschrei auf sich aufmerksam zu machen, während sie einen Kadaver aufbrachen - und sich somit selbst um die Beute zu bringen ? Bernd Heinrich, ein nach Amerika übersiedelter deutscher Verhaltensforscher hat über Jahre das soziale Verhalten der Kolkraben im U.S.Staate Maine beobachtet. Was ihn besonders faszinierte war das sogenannte " Rekrutieren " , also die Rufe einzelner Raben die Aas gefunden hatten. Handelte es sich dabei um eine Art sozialem Altruismus ? Doch allerdings verhielten sich andere Raben ruhig, wenn sie Fallwild entdeckt hatten. Nach langen Beobachtungsserien fand Heinrich das Muster. Die Raben die nicht riefen, waren erwachsene Revierraben, während die rekrutierenden Raben noch nicht verpaarte Jungvögel waren, die sich gegeneinander um Unterstützung gegen die dominanten " mächtigeren " Paare riefen, in deren Revier sie wilderten. Durch diese Beobachtung löst sich auch endlich das Rätsel um die Metapher der "Rabeneltern". Tatsächlich werden jugendliche Raben früh aus dem elterlichen Revier verstossen um sich Rabenbanden anzuschliessen. Und das Seltsame ! Dieses Verhalten war schon im 2. Jahrhundert nach Christus bekannt, denn schon Claudius Aelianus beschreibt diese Dualität der rabischen Gesellschafterei : " Aristoteles berichtet, dass die Raben den Unterschied zwischen guten und mageren Böden kennen. Denn auf Land, das reichlich allerlei Frucht trägt, treten sie in grossen Verbänden auf, aber auf unfruchtbarem, trockenem Gebiet nur jeweils in Paaren. Seine Jungen pflegt jeder Rabe aus seinem Nest zu verbannen, kaum dass sie erwachsen sind. Deswegen suchen sich die Jungen ihr eigenes Futter, und später sorgen sie nicht für den Unterhalt ihrer Eltern. " Kurt Wiessner
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© 2004 by Kurt Wiessner • kurtwiessner@hiatus.de
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