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Oudeis und Polyphem

– über eine Stelle bei Homer

„Niemand“.

Man weiß nicht viel von Homer, doch er lebte wahrscheinlich im 8. Jahrhundert v. Chr. Über seine Person hatte man schon im Altertum keine sichere Auskunft. Vielfach wurde er als blinder Greis beschrieben, als dessen Heimat unter anderem Smyrna und die Insel Chios angegeben wurden. In den Charakterisierungen Homers wird seine Armut hervorgehoben, er soll viel gereist sein und am Sängerkrieg in Chalkis teilgenommen haben. Er starb angeblich auf Ios.
Jemand sagte, daß jemand sagte. Durch einen großen Vulkanausbruch auf der Insel Santorin ging auch das Wissen um die kretischen „Linearschriften“ unter. Von da ab gibt es lange Zeit nur die mündliche Überlieferung.
Homer war ein Wanderer, ein „Sänger“ und ein „Niemand“, und eben das bedeutete das Wort „Oudeis“ im Altgriechischen.

Gastfreundschaft

Ich bin nicht der Erste und vermutlich nicht der Letzte der den seltsam modernen zeitlichen Aufbau sowohl der „Illias“, als auch der „Odyssee“ bemerkt.

Die „Illias“ beginnt ja - was die „erzählte Zeit“ betrifft - ungefähr in der Mitte , nämlich mit dem Zorn des Achilles der mit dem Feldherrn der Achäer, Agamemnon hadert.
Während die „Odyssee“ mit dem Ratschlag der Götter beginnt, dass es allmählich an der Zeit sei Ulixes von der Insel der Kalypso zu entfernen.
Erst etwa in der Mitte seiner zweiten großen Erzählung der „Odyssee“ berichtet Homer über die Gründe, warum Ulixes so lange über das östliche Mittelmeer segelte, bis er endlich seine Heimat Ithaka erreichte.
Er hatte sich nämlich die Feindschaft des mächtigen Gottes Poseidon eingehandelt, weil er dessen einäugigen Sohn, den Cyclopen Polyphem geblendet hatte.
Ulixes erzählt diese Geschichte während eines Festes der Phäaken, deren König Alkinoos ihn, den Wanderer, gastfreundlich aufgenommen hatte.
„Sagen will ich zuerst, wie ich heiße: damit ihr mich kennet,
Und ich hinfort, solange der grausame Tag mich verschonet,
Euer Gastfreund sei, so fern ich von hinnen auch wohne.
Ich bin Odysseus, Laärtes‘ Sohn, durch mancherlei Klugheit
Unter den Menschen bekannt ...“


Dieser Passus über die Gastfreundschaft ist sehr wichtig um die Odyssee zu verstehen, in der es immer wieder um die Zuflucht geht, die der Wanderer von Fremden in Anspruch nimmt. Zunächst muß der Gast dem Gastfreund seinen Namen nennen. Und zwar seinen wirklichen Namen nebst seiner Genealogie und er muß von seinen Taten erzählen, darüber berichten wer er „wirklich“ ist.

Was Ulixes den Phäaken erzählte

Ulixes ( Odysseus ) segelt nach dem Sieg über Troja wohlgemut nach Ithaka zurück. Es ist eine ganze militärische geordnete Flotte von Segelschiffen, die aber wohl oft „die graue Woge mit Rudern schlugen“ – wegen der Windflauten.
Man kann sich denken, daß es schnell Versorgungsprobleme gab. Nicht lang gefackelt, man hält bei der nächsten Siedlung ( zufällig die der Kikonen ) an. Die Männer werden umgebracht, die Frauen vergewaltigt, die Güter unter den „Freunden“ geteilt.
Dieses Unrecht wird durch eine vernichtenden Niederlage gerächt, durch die heraneilenden Kikonen. Die Griechen müssen fliehen und landen an der Küste der „Lothophagen“ ( der Blütenesser ). Hier sind die Zustände so paradiesisch , daß die Kundschafter die U. ausschickt bleiben wollen. Ulixes muß sie mit Gewalt an die Masten binden, daß die Reise weitergeht.
Ulixes spricht zwar immer und stets von den „lieben Gefährten“, aber nach einigem Lesen sieht man schon, daß es sich lediglich eine poetische Floskel handelt. Ein Kenningar wie etwa „als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte“ oder „die graue Woge mit Rudern schlagen“.
Als einer der wichtigsten Warlords der Achaer, konnte Ulixes auch für die vielen Homers nicht jemand sein, der die Welt mit Samthandschuhen anfasste.
Er plündert zunächst die Stadt der Kikonen ohne sie um Gastfreundschaft zu bitten - alte Gewohnheiten lassen sich nicht so schnell ändern, - dann schleppt er die „Deserteure“ ( darum handelt diese euphemistische Episode der Lotophagen ) auf die Boote zurück.
Schließlich landet die Flotte auf der Insel der Cyclopen. Diese „Barbaren“ sind seßhafte „Hirten“, die eine Vorform des Landbaus betreiben. Hier gilt nur Clansrecht, das Homer/Ulixes folgendermaßen beschreibt:
„Dort ist weder Gesetz noch öffentliche Versammlung (...)
und jeder richtet nach Willkür
seine Kinder und Weiber, und kümmert sich nicht um den anderen.“

Diese Aussage ist für Jemanden, der sich kurz vorher genau über diese Dinge hinweggesetzt hat, einigermaßen seltsam. Man mag zwar einwenden, daß der Begriff „Gesetz“ damals nur für das einzige „zivilisierte“ Volk galt, nämlich die Griechen, dennoch ist hier eine generelle „Barbarenfeindlichkeit“ der vorgeschichtlichen Griechen zu sehen, die nur die eigene Kultur als Absolutum sahen.
Ulixes oder Homer, der blinde Erzähler präzisiert das folgendermassen:

„ ... es gebricht den Cyklopen an rotgeschnäbelten Schiffen,
auch ist unter dem Schwarm kein Meister, kundig des Schiffbaus,
schöngebordete Schiffe zu zimmern, dass die mit Botschaft
zu den Völkern der Welt hinwandelten, wie sich so häufig
Menschen über das Meer in Schiffen einander besuchen;
welche die Wildnis bald zu blühenden Auen sich schüfen (...). “

Übersetzt in unsere moderne Terminologie hiesse das: Die Cyclopen sind so unterentwickelt, dass sie weder in der Lage sind, Handel zu treiben noch „Informationen“ zu sammeln, um ihre Agrikultur und damit auch ihre barbarische Gesellschaft zu verbessern. Sie können einem schon leid tun.
Aber was soll eigentlich diese scheinbar „zivilisatorische “ Abschweifung von der Erzählung ?
Die Flotte ist in einem sicheren Hafen mit einer Süßwasserquelle gelandet – der Grund der Landung. Man versorgt sich mit Wasser und schlachtet eine reichliche Anzahl wilder Ziegen. Jetzt könnte man sich wieder auf den Weg machen.
Doch nein !

Ulixes sagt zu den Gefährten:
„Bleibt ihr übrigen jetzt, ihr meine lieben Gefährten.
Ich und meine Genossen, wir wollen im Schiffe hinüber
fahren und Kundschaft holen, was dort für Sterbliche wohnen:
Ob unmenschliche Räuber und sittenlose Barbaren,
oder Diener der Götter und Freunde des heiligen Gastrechts.“


Seltsam ! Gerade noch hat der Erzähler einen ausschweifenden Bericht über die Gesellschaft und die Agrikultur – verbesserungswürdig - der Cyclopen gegeben. Und schon weiß er wieder Nichts.
Übrigens, warum will Ulixes das überhaupt wissen ?

Vielleicht besteht die Lösung dieses Rätsels darin, daß hier zwei Texte miteinander kompiliert wurden, oder mehrere Stimmen zugange sind. Zumindest eine, die schon alles weiß und den Überblick hat, und manchmal ziemlich beschönigend einen anderen Bericht, den von Ulixes, argumentativ unterstützt.
Andere, die „Wilden“, die „Barbaren“ haben eben eine Unordnung - das war ein Gemeinplatz für die vielen Stimmen die schliesslich „Homer“ bildeten.
Ich denke, dass es sich hierbei um eine typische Übermittlungsphrase handelt, die zu einer Handlung – einer neuen Geschichte - überleiten soll.
Und diese Geschichte handelt von „Oudeis“ und „Polyphemus“.
Vielleicht handelt es sich um einen altgriechischen Sprachwitz, der bei den diversen Übersetzungen der „Odyssee“ meistens untergeht.

Wie schon erwähnt heisst „Oudeis“ (auf altgriechisch „Niemand“), während „Polyphemus“, der „Vielgerühmte“ ist.

Es handelt sich also um eine Geschichte in der Jemand anonym bleiben will – unerkannt. Denn Odysseus hat eine ganze Menge von Gründen „Niemand“ zu sein. Da ist einmal eine ganze Rotte von Göttern die ihm auf den Fersen ist. Aber eigentlich ist er eben das Gegenteil, nämlich der „Vielgerühmte“, nämlich der polypheme Odysseus.
Er trifft also in gewisser Weise auch auf sich selbst.

Ein genauerer Blick auf Polyphem

Polyphem wird in der Odyssee als menschenfressender Riese beschrieben. Und hier ähnelt er Kronos ( Chronos ), dem chontischen Vorgott insofern, als dieser bekanntlich seine eigenen göttlichen Kinder „gefressen“ haben soll. Aber man kann die Spur der Riesen und ihrer Überwinder auch in bestimmten eurasischen Volkserzählungen verfolgen, wie es etwa Georges Dumézil in seinem Buch „Loki“ tut. Es sind gemeinsame vorgeschichtliche Erzählungen, mit denen die westwärts wandernden indogermanischen Völker ihre Geschichten mit den jeweils vorgefundenen Geschichten verglichen und vermischten.
Was in der Gestalt des Riesen zum Vorschein kommt, ist die Furcht vor der Nacht. Denn damals war Nacht wirkliche Nacht, eine Undurchdringlichkeit, die dem menschlichen Handeln eine Grenze setzte. Und deshalb erzürnte es z.B. auch den „Grendel“ der Beowulfsaga „den bösen Kraftgeist, der im Finsteren hauste“, dass die Skyldinge eine grosse Halle bauten in der Licht war, die sowohl der Gastfreundschaft als auch der Wehr gegen den Waffensturm zugeeignet war.
Deshalb kommt Grendel über „Heorot“ – das ist der Name der Halle – in der ersten Dämmerung, der „Utne“ - um die Helden zu töten und zu fressen.

Wenn diese Furcht vor der wirklichen, der dunklen Nacht, nur jeweils erzählerisch erneuert, verändert und kompiliert wurde, dann hat man die Mythe des geblendeten Polyphemus –etwa als „Grendel“ in der Beowulfsaga – etwas genauer im Blick.
Das Gegenteil der Nacht ist in der irano-indischen „Rigveda“ übrigens „Usas“.
In der „Rigveda“ spannt „Usas“ rötliche Rinder an ihren Wagen „und schafft Reichtum indem sie begehbare Pfade schafft.“
Das ist nicht etwa die Sonne, sondern die Morgenröte, man kann sie in der Odyssee unschwer wiedererkennen als „Eos“.

Schlechte Kommunikation – schlechte Gastfreundschaft

Odysseus und seine Gefährten brechen schliesslich in die Höhle des Cyclopen ein und essen seinen Schafskäse. Und haben so schon das Gesetz der Gastfreundschaft gebrochen. Schliesslich kehrt der Riese mit seinen Tieren zurück. Er sagt nicht etwa:
„Wer hat aus meinem Löffelchen gegessen ?“ - wie der zornige Zwerg bei Schneewitchen, sondern kümmert sich zunächst ostentativ nach Hirtenart um seine Schafherde. Er sieht die Eindringlinge wohl. Aber da die Griechen keine Anstalten machen sich vorzustellen gibt er ihnen Zeit. Er zeigt ihnen, dass alles seine rechte Ordnung hat und die richtige Reihenfolge.
( Da ich kein griechisch kann, benutze ich für die Handlungen und Fragen des Polyphem die englische Übersetzung von Butler, die diesen Augenblick besser zum Ausdruck bringt als die eher gegen Polyphem voreingenomme deutsche Übersetzung. Für die Antworten jedoch die deutsche Übersetzung )

„He sat down and milked the sheep and the bleating goats,
All in due order, and set each young one to his mother;“

Dann erst frug er:
„Sag mir deinen Namen ?“

Und Niemand antwortete.

„And at once when he had curdled half the white milk,
He skimmed it off and put it up in wicker baskets,
And half of it he stood in pails so he would have it
To drink when he reached for it, to have it for supper.“

Schließlich erneut die Frage:
„Sag mir deinen Namen ?“

Und wiederum bekommt der Cyklop keine Antwort

„And when he had hurried at attending to all his tasks,
he kindled a fire.“

Dann sagt er aufblickend:
„Fremde, wer seid ihr ?
Endlich antwortete Odysseus:

„We are Achaians coming from Troy, driven off course
By all kinds of winds over the great gulf of the sea;
Wanting to go homeward, we came by other passages,
By another way.
And so we have arrived here and come up to your knees
To see if you may provide some guest gift ...
We are your suppliants.
Zeus is the protector of suppliants and guest friends,

Darauf antwortete Polyphem:

„You are a fool, stranger, or have come from afar
Cyclopes have no regard for aegis-bearing Zeus.“


Dreimal hat Polyphem gefragt Und schliesslich bekommt er eine beleidigende Antwort. Nämlich indem Zeus und nicht sein Vater Poseidon als Garant der Gastfreundschaft genannt wird.
Das ist so daneben, dass Polyphem mit einer weiteren Beleidigung reagieren muss.

Zeus war in seiner Jugend ein Träger der Aegis, ein Gewand aus Ziegenfell das nur lybische Jungfrauen trugen. Mit so einem Verberger seines eigentlichen Geschlechts, mit so einem Feigling haben die Zyklopen nichts zu schaffen.

„Du musst ein Narr sein, Fremder oder von weit herkommen“,
dass Du davon nichts weisst.“

Erst dann beginnt die eigentliche kannibalische Farce die Polyphem zum wilden Barbaren macht. Eine Handlung die übrigens der Tötung der Freier auf Ithaka – die ebenfalls die Gastfreundschaft missbrauchen – durchaus entspricht.
Nicht umsonst ist Ulixes der Fürst der List, der Verstellung und der Lüge.
Er dreht sich die „Gastfreundschaft“ so hin, wie er es gerade braucht.
Wusste Homer übrigens ( oder sein Text ) von diesem Wiederspruch ?
Natürlich !
Das Interessante an dieser Stelle der Odyssee ist ja gerade, dass Homer diesen Vorgang nicht verbirgt.
Ulixes verletzt alle möglichen „Gastfreundschaften“ soweit sie Barbaren betreffen, nimmt aber die Gastfreundschaft der Phäaken, auch der Nymphe Kallipso als selbstverständlich entgegen.
Und tötet später auf eine ebenso heroische wie barbarische Weise die Freier der Penelope.

Action !

Mein Versuch die Odyssee nach modernen Wertemustern zu beurteilen ist natürlich hoffnungslos naiv. Erstens dachten die antiken Griechen anders - auch über die Gastfreundschaft, zweitens entsteht eine Erzählung nicht im Rahmen einer „geglückten Kommunikation“. Wenn Alles richtig „kommuniziert“ entsteht ja leider wenig Erzählenswertes.
Das ist ja gerade das Paradox der „falschen Kommunikation“ in der Erzählung, die gerade jene falschen Handlungen – etwa im Theater - entfaltet, die wir genussreich zur Kenntnis nehmen.
Übrigens im Wissen, dass es am Ende mehr oder minder gut ausgeht, oder eine "Katharsis" (eine Läuterung der Seele von Leidenschaften als Wirkung des antiken Trauerspiels) stattfindet.
Die implizite Moral einer Erzählung ist ja nur erkennbar durch einen kompletten Durchlauf des Programms einer Erzählung. Erst wenn Sie zu Ende erzählt worden ist, werden wir wissen was letztlich BESSER gewesen wäre.

Erzählungen berichten also früher - in der griechischen Tragödie - über den FALSCHEN Beginn von Kommunikation und endeten eine Zeit lang in der KORREKTUR der falschen Kommunikation, eben der Läuterung durch falsche Leidenschaften. Heute ist das Alles ein wenig komplizierter geworden.

Kurt Wiessner

 


 
 
 
   
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