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Charles Lamb „Sedet, aeternumque sedebit, infelix Theseus“ 1 VIRGIL Daß es eine professionelle Melancholie gibt ( wenn man mir diesen Ausdruck verstattet ) verbunden mit dem Beruf des Schneiders ist eine Tatsache, die vermutlich nur wenige bestreiten würden. Sicher bin ich auch, daß ein Appell an meine Leser, " ob sie etwan einen dieser Fakultät kennten, der nicht von einem Temperament sei das - um mich milde auszudrücken - weitab angesiedelt ist von der Stimmung Mercurs oder heiteren Sinnes genannt zu werden verdient" überhaupt nichts erbrächte. Beobachten wir nur die merkwürdige Gravität ihres Ganges, denn wahrlich, kein Pfau stolziert bedächtiger als ein Gentleman dieser Profession, die dafür bekannt ist unfreiwillig dem Sinnspruch recht zu geben der da heißt : " Geh und ich sage dir wer du bist." Hat man ihn je mit gespitztem Mund gesehen, pfeifend wie einen Kutscher auf dem Trottoir oder gar beobachtet, wie er sich mit nachdrücklicher Gewalt, gleich einem Bäcker, durch die Menge schob; gesehen, wie er selbstvergessen und verliebt vor sich hinlächelte ? Bleibt er stehen wo die Menge Klumpen bildet, und beliebt es ihm den Straßensängern zuzuhören ? Oder flieht er nicht eher den Pöbel als ein Weiser, der volkstümliche Vergnügungen verachtet ? Ach, wie überaus selten ist ein robuster, launiger Schneider ! ein fröhlicher und lärmiger Meister der Nadel ! " Geboren wurde ich im Zeichen des Scorpions ", schreibt Sir Thomas Browne, " Saturn gab die Zeit an, und ich fürchte dieser bleierne Planet hat einigen Einfluß auf mich." Man könnte meinen, er beschriebe den Schneider in sich ! Abgesehen aber von der wirklichen Berufung von Sir Thomas, dünkt mir als Aszendent der Nadel- und Fadeninnung ein wollener Planet zweckmäßiger und das Sternbild des Widders astrologisch sinnvoller. Sir Thomas fährt also fort :"Witz ist mir fremd, und der gackernde Frohsinn einer Gesellschaft ist mir ein Greuel." Wie wahr und wie typisch für diese Körperschaft , deren Sparsamkeit bekannt ist, sei es an Worten, sei es an Scherzen. Obzwar Gegenstand mancher launigen Bemerkung, läßt eine schlagfertige Erwiderung von selten eines Exemplars jener Gattung oft auf sich warten. Auch geistige Getränke scheinen keinen Einfluß auf den Schneider auszuüben, zumindest sind keine äußerlichen Anzeichen beschwipster Eitelkeit zu erkennen. Vielleicht - man weiß es nicht - schwillt sein Kamm bei drei oder mehreren Gläsern, aber dies scheint eine höchst innerliche Angelegenheit zu sein. Und ich fürchte, dieser verborgene Stolz ist ein alarmierendes Zeichen. Stolz und eine melancholische Disposition scheinen mir nah verwandt - und die heraufgezogene Zugbrücke zum gewöhnlichen Jahrmarkt der Eitelkeiten läßt nichts Gutes ahnen. Es ist diese Verstockheit, welche überhaupt erst den Humeur eines gesteigerten Hochmuts entstehen läßt. Deshalb mag der Schneider stolz sein, niemals scheint er uns eitel und eingebildet. Und die Auslage seines prächtigen Musterbuchs, welche dem Regenbogen nachzueifern scheint, zeigt kein Nachlassen in dieser beharrlichen Regung, vergleichbar nur etwan mit dem Gestus des Perückenmachers und der beiläufigen Gebärde, mit der jener eine Locke oder ein Haarteil hervorhebt. Ja, vielmehr breitet er diese Kostbarkeiten vor uns mit der grämlichsten Miene aus, so als sei ihm diese Pracht höchst gleichgültig. Güldene Stoffe wecken keinesfalls seine Begeisterung, wie auch dicke, schwer zu bearbeitende Tuche ihn nicht zu bedrücken scheinen - dies nur vergleichbar mit dem schönen Motto auf dem geprägten Schild Charles Brandons bei seiner Heirat mit des Königs Schwester. Und ja - ich zweifle sogar, daß er an den Farben selbst ein Wohlgefallen findet, da doch nur Iris, die Blumengöttin, für die Färbung des Gewebes sorgte. Weitere Beobachtungen, die meine Annahme erhärten sollen : - wer sah jemalen eine Announce in der Zeitung, die die Heirat eines Schneiders ankündigte, noch die, welche die Geburt des ältesten Sohnes anzeigte ? Und wann, so frage ich, richtete ein Schneider je eine Tanzveranstaltung aus, ward dafür gerühmt, die Quadrille vortrefflich auszuführen ? Gibt es unter ihnen Meister des Seiltanzes oder sonst einer jener luftigen Beschäftigungen deren Glanz auf den Darsteller zurückfällt ? Sing-along oder meisterhaftes Violinspiel? Sind sie interessiert an öffentlichen Vergnügungen, an Feuerwerk, Glockenspiel, dem Abfeuern von Kanonen et cetera ? Tapfer sind sie, soviel ist gewiss, aber ich wende mich an jene, die Zeugen der Heldentaten von Eliots berühmter Truppe waren ob sie jemals in der Hitze des Gefechts jene gedankenlose Todesverachtung zeigten für die der Franzose berühmt ist, aber war ihnen nicht eher jene melancholische Tapferkeit eigen, deren die Spanier bezichtigt werden ? Jener Mut, der für eine eher gesetzte Lebenseinstellung charakteristisch ist. Sind sie passionierte Neuigkeitskrämer ? - Eine Handvoll kannte ich, die zumindest dem Habitus grüblerisch veranlagter Politiker sehr nahe kamen; aber ich fürchte, daß ein Vergnügen an leichtherzigem, wohlgemutem Klatsch über weltliche Vorkommnisse bei den Schneidern - im Unterschied zur schwatzsüchtigen Gesellschaft der Barbiere - nur selten anzutreffen ist. Dieser ihnen eigene, charakteristische Trübsinn ist so deutlich, daß ich mich frage, warum keiner der Autoren, die sich so ausdrücklich mit der Melancholei beschäftigten, dies nicht bemerkt haben sollten. Burton, dessen Buch eine ausführliche Zusammenfassung aller Klassiker ist, die vor ihm mit diesem Thema befasst waren; Burton, der alle Abarten dieser Krankheit behandelt von der hypochondrischen oder verblasenen, von der heroischen oder Liebesmelancholie, gedachte nicht der Schneider. Selbst Shakespeare hat sie übersehen : " Ich habe weder des Gelehrten Melancholie ( sagt Jaques in " As you like it " ) die Nacheiferung ist; noch des Hofmanns, die hoffärtig ist; noch des Soldaten, die ehrgeizig ist; noch des Liebhabers, die das alles zusammen ist ". Doch dann, wenn alle Welt erwartet : " noch die des Schneiders ... ", welche so und so geartet sei, erreicht er schon das Ende seiner Aufzählung und beschäftigt sich fortan mit seiner eigenen Melancholie. Auch Milton hat diese Möglichkeit übersehen, obschon er dazu Gelegenheit gehabt hätte, nämlich in seinem Penseroso.6 Doch diese Leerstellen im Werk der Historienschreiber vermögen nichts gegen die Existenz wohl bezeugter Tatsachen, weshalb ich mit meiner Entdeckungsfahrt fortfahren werde die doch zum Ziel hat, die Gründe herauszufinden, warum diese Schwermutstendenzen bei den Schneidern - mehr als bei jeder anderen Profession - so überreichlich vertreten sind. Könnte es nicht so sein, daß der Brauch, Kleidung zu tragen - welcher an uns überliefert wurde seit dem Tag des Sündenfalls - eine Ernsthaftigkeit ( und noch mehr ) , das Bewußtsein über die ursprüngliche Ordnung der Welt, in die Gemüter jener einschmolz, die damit beauftragt wurden, die menschliche Tracht zu ersinnen, gleichsam um die Erinnerung an die Ersteinführung der Kleidung wachzuhalten und als wandelnde Denkmäler, nämlich der absurden Umkehrung unserer Schande in ein fashionables Ornament des Körpers, zu dienen. Diesem entspricht, so meine ich die Tatsache, daß von den Schneidern, die in der kabbalistischen Kryptik ihres Ordens über einer Höhle oder einer Art von hohlem Gelaß brüten, gesagt wird es lägen gewisse Gegenden der Schwermut stets zu ihren Füßen. Doch anstatt weiter im Dunkeln zu stochern und bloße Vermutungen zu äußern, laßt uns lieber versuchen die wirklichen Gründe dieser Melancholie aufzuspüren. Und es sind vor allem deren zwei - wenn man andere, untergeordnete Ursachen einmal beiseite läßt - nämlich : Primo - die sitzende Lebensweise des Schneiders und secundo, die ihm eigentümliche Diät. Zunächst zu ihren exzessiven Sitzgewohnheiten. Ein Beispiel hierfür liefert Dr. Norris berühmte Erzählung über den Wahnsinn des Mr. John Dennis , in welcher besagter Patient, anläßlich der Behandlung seiner geschwollenen Füße , die Meinung äußerte, daß dies wohl " durch Krittelei " so weit gekommen sei. Eine Selbstdiagnose, die der studierte Arzt jedoch mit den Worten ablehnte, daß er von solch einer Unpässlichkeit noch niemalen gehört habe. Mr. Dennis - der, wie sich herausstellte, nicht in allen Angelegenheiten auf den Kopf gefallen war - erwiderte jedoch mit einiger Leidenschaft , daß dies keine Krankheit, sondern eine edle Kunst sei und daß er zur Ausübung derselben schon manches Mal 14 Stunden pro Tag sitzend verbracht habe; und daß ihm das ja ein schöner Doktor sei, der rein gar nichts über die Verbindung von Hirn und Beinen wisse. Wenn man sich nun vorstellt, daß diese 14 stündigen " Sitzungen ", - eine Leibesübung, der sich der vormalige Kritiker vermutlich nur manchmal unterwarf, um seine " Bemerkungen " niederzuschreiben - dem Schneider in pflichtgetreuer, täglicher ( mit Ausnahme des Sonntags ) Tätigkeit mehr als billig sind - und das das ganze Jahr hindurch - sollten wir uns dann darüber wundern, wenn sein Geist Schaden erleidet, da er doch genauso wie der edlere Körperteil des Kritikers unlöslich verbunden ist mit jenem überbeanspruchten Teil des Körpers, der für das Sitzen verantwortlich ist. Die unnatürliche und peinvolle Verrenkung der Gliedmaßen muß das Übel ja anziehen, und so erlaube ich mir, den Schneider welcher da kreuzbeinig auf seinem Tische thront, mit jenen übellaunigen Matronen zu vergleichen, die die Beine überkreuzen, um es recht unbequem zu haben. Unseren Vorfahren galt diese Positur übrigens als die Haltung, in welcher Verwünschungen ausgesprochen werden. Und von den Türken - die das kreuzbeinige Sitzen besonders kultivieren - wird gesagt , daß sie recht schwermütige Menschen seien. Bleibt die Ernährung. Wozu ich just eine höchst bemerkenswerte Passage in Burtons " Anatomie der Melancholie " und zwar im Kapitel " Schlechte Ernährung als Ursache der Melancholie " finde.7 Hier steht geschrieben : " Unter den Gemüsen gelten als besonders unzuträglich Kürbis, Gurke und Melonen; aber insbesonders der Kohl verursacht schlimme Träume und schickt schwarze Dünste in das Gehirn." Auch Galen verdammt im seinem Werk " Von denen erkranckten Cörpertheilen " ( Buch III, 6 ) den Kohl. Siehe auch Isaak, Buch II, Kapitel l: "animae gravitatem facit - item, er beschwert das Gemüt." Es würde mir schwerfallen, auf dieses Zeugniss eines Autors zu verzichten - der bekanntlich keine eigenen Forschungen anstellte, sondern lediglich die Meinungen der antiken Mediziner zitierte - trägt er doch dazu bei, daß mein Vorurteil zur völligen Gewißheit wird. Denn es ist ja bekannt, daß das letztgenannte Gemüse von alters her beinahe die einzige Ernährungsgrundlage dieser aussergewöhnlichen Profession darstellt. BURTON, Junior 7 ( Übersetzung aus dem Englischen von Kurt Wiessner ) Anmerkungen: 1. "Er sitzt und wird in alle Ewigkeit so sitzen. Der unglückliche Theseus." Bekanntlich wurde Theseus, der König von Athen, lange Zeit nach seinem Abenteuer im Labyrinth des Minos, von Pluto, dem Herrscher über die Unterwelt, an einen Stein gefesselt. Da Lamb diese Sage bei der bürgerlichen Bildungsschicht, die seine frühen Essays zu lesen bekam, voraussetzen konnte, ward Theseus so zu einem an Fels und Garnknäuel gefesselten Phänotyp des Schneiders. 2.Sir Thomas Browne (1605-1682) Verfasser der philosophisch-religiösen Bekenntnisschrift "Religio Medici ". Einer der ausgiebigst zitierten Urväter des englischen Essays. Neben der " Anatomie der Melancholie " empfahl Coleridge dem Jugendfreund Charles Lamb auch die Lektüre von Brownes Werk. 3.Charles Brandon, der Herzog von Suffolk; siehe auch Shakespeares Stück "Heinrich XIII". Heiratet gegen den Widerstand Heinrichs dessen Schwester. Was es mit dem Motto auf dem Schild Brandons auf sich hat, konnte ich noch nicht herausfinden. 4. Eliots Truppe : vermutl. George Eliot alias Lord Heathfield, der die Felsen von Gibraltar gegen die Franzosen und Spanier verteidigte. 5. Da wir hier beiläufig den Barbier in einer vergleichenden Studie über professionelle Gemütsstimmungen erwähnen : Ich hoffe doch, daß kein anderes Gewerbe sich dadurch gekränkt fühlt oder es uns gar als Grobheit anrechnet, wenn ich feststelle, daß es die Bartkratzer an Artigkeit, Menschenliebe und all den geselligen und sozialen Tugenden, die uns das Leben versüßen, mit jedem anderen Beruf aufnehmen. Denn in der Tat ist die Wertschätzung, die ich diesem nützlichen und liebenswürdigen Menschenschlag entgegenbringe, so groß, daß es in einer der Inns of Court ( wo die vorzüglichsten Exemplare dieser Gattung anzutreffen sind, mit Ausnahme vielleicht der Barbierstuben an den Universitäten ) gleich sieben von ihnen gibt, mit denen ich persönlich bekannt bin und vor denen ich meinen Hut ziehe. Mein liebenswürdiger und weltgewandter Freund Mr. A * * * * vom Flower-de-luce-court in der Fleetstreet wird mir vergeben, daß ich ihn an dieser Stelle persönlich nenne, denn ich versichere Ihnen, daß ich auch keine Viertelstunde „unter seinen Händen" verbrachte, ohne einen Nutzen aus seinen liebenswürdigen Unterhaltungen zu ziehen. ( Textergänzung, die in der revidierten Fassung des Essays von Lamb als Anmerkung untergebracht wurde. ) 6. Miltons "II Penseroso" - "Der Nachdenkliche". Poem, das sich anders als die Dürersche " Melancholia ", auf das schöpferische Idol des florentinischen Neoplatonismus bezieht : " Hence vain deluding Joys, / The brood of Folly without father bred ...." 7. Burton, Robert: alias Democritus junior. Englischer Importeur von klassischem Gedankengut. Lamb, Charles : alias Burton junior. Autor von " The Melancholy of Taylors ". Essayist und Clerk der Londoner East India Company. Last not least : Rainer, mein Bruder, hatte offensichtlich ein besseres Gedächtnis für Textstellen als meine Wenigkeit und machte mich auf ein weiteres Beispiel der psychologischen Disposition uralter Berufe aufmerksam. Am Anfang des wunderbaren Buches von Claude Levy-Strauss '' Die eifersüchtige Töpferin " heißt es : "... mein Orchesterleiter verhalf in seinem Arbeitsbereich alten und verbreiteten Anschauungen zu neuem Leben, denen zufolge eine Homologie zwischen zwei Systemen besteht: dem der Berufstätigkeiten und dem der Temperamente; Anschauungen, bei denen man sich noch beute fragen kann, ob sie völlig willkürlich sind oder nicht wenigstens teilweise auf einem Fundus von Erfahrung und Beobachtung beruhen. ( ...) Man stellte die Weber und Schneider, vielleicht deshalb, weil sie sitzend und hockend arbeiteten, als Krüppel oder Verwachsene dar. Die bretonischen Märchen verleihen dem Schneider mit Vorliebe das Aussehen eines schieläugigen Buckligen mit struppigem roten Haar. Die Metzger dagegen galten als robust und gesund."
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Translation is in the public domain;
2006 by Kurt Wiessner • kurtwiessner@hiatus.de
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