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Light’s out for the Territory
von Iain Sinclair ( Granta;1997)
Auf dem Innencover seines kryptischen Buches über London , auf dem er mit Schlips und
Designer-Brille auftritt, sieht Iain Sinclair so reserviert aus wie ein Banker, dem gerade
die vorletzten Felle fortgeschwommen sind. Doch der Eindruck täuscht. Iain Sinclair ist
Lyriker, Romancier, Filmemacher, Gärtner, Buchhändler, Essayist und Herausgeber der Lyrik
Anthologie "Conductors of Chaos" ( bei Picador).
Doch besonders ist er ein Kenner des Londoner Eastends und ein bissiger Beobachter der sich
verändernden "Psychogeographie" Londons unter den Premiers Thatcher, Mayor und Blair.
Schon der Titel "Light’s out for the Territory" ist ein mit Säure durchtränkter Witz.
In den letzten Sätzen von "Huckleberry Finn" macht sich Huck ja bekanntlicherweise aus dem
Staub ins Indianerterritorium ("light out for the territory"), um den erzieherischen Zugriff
der Witwe Douglas zu entkommen. Eine kleine Veränderung macht daraus "Lichter aus im
Territorium" – Sinclairs Kommentar zur zunehmenden Verelendung der Londoner Randbezirke und
seiner kulturellen Szene.
Das Buch besteht aus neun Wanderungen durch die englische Hauptstadt. Sinclair zeigt dem
Leser "verborgene" Ansichten von London die der Tourist wohl niemals zu sehen bekommt, nicht
weil er sie nicht sieht, sondern weil er sie nicht genau versteht. Der rote Faden der sich
durch das Buch zieht ist ein Raisonement über die dunklen Energien des Neokapitalismus,
welche die neue glänzende architektonische Fassade Londons formten, um gleichzeitig seine
Bevölkerung daraus auszustoßen.
Die Wanderungen Sinclairs durch London finden eher in "Zonen" statt. "Zonen" in denen das
Geld und die billige Unterhaltung regieren, und den enteigneten "Zonen" der Baracken und der
Randbezirke.
"Bewaffnet mit einem billigen Notizbuch, begleitet von dem Photographen Marc Atkins, würde ich
alle giftigen Pictogramme transkribieren die unsere beinahe beliebige Route dekorierten. Die
Botschaften sind in Wirklichkeit unwichtig. Städtische Graffiti sind nur zu oft Unterschriften
ohne Text, anonyme Autographen. Der "tag" ( etwa "Schild", die häßlichen, schwarzen ins
Unendliche wiederholten Graffitti in weißgekachelten Unterführungen. A.d.Ü. ) ist alles und
er wird genauso eifersüchtig verteidigt wie die Coca Cola oder Disney Logos."
Von besonders beissendem Sarkasmus sind seine Randbemerkungen über sogenannte Berühmtheiten
des Establisments. John Major, der Sinclair in Hackney vor den Bleistift springt, wird
charakterisiert als:
"... von blutloser Erscheinung; bis oben hin zugeknöpft, Hände um sich geschlungen,
Chirurgenlächeln. Die Zweitbesetzung für Gilbert und George."
Mit besonders ausgesuchten Schmähungen überhäuft er auch die seiner Meinung nach schlecht
konstruierten „Tory-Krimis“ von P.D. James:
"Wenn zwei von James konstruierte "Bullen" nur eine kurze halbe Stunde beim Bier
zusammensitzen , geht es bestimmt um die moralische Rechtfertigung der Todesstrafe."
Im zweiten Teil des Buches geht es um die "ausgestoßenen" Künstler Londons, Leuten, die wie
Sinclair selbst lange Zeit "on the brink" (am Rand) leben und lebten wie etwa sein Kollege an
der Filmhochschule Christopher Petit.
Der ein oder andere kennt vielleicht noch Chris Petit`s Film "Radio On" von 1979, in dem der
damals noch relativ unbekannte Sting einen grandiosen Gitarreneinstand auf einer Tankstelle gibt.
Sinclair besucht Petit in seinem Domizil in Nordlondon und vermittelt uns einen Vorgeschmack
seines ( inzwischen auch ins Deutsche übersetzten ) Psychothrillers "The Psalm Killer".
Wer also etwas Neues über ein London jenseits der stereotypen Reiseführer wissen will, wird
bestens bedient von den sarkastischen, oft auch sehr komischen poetischen Phantasmen Sinclairs.
Kurt Wiessner

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