Uschs Diarium  Kurts Bücher Mattias - ein Bericht Buchbesprechungen

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Landschaft kopfumschlossen

Man nehme den tiefsten Brunnen in Alexandria und den Schatten einer der Pyramiden und es entsteht die Ahnung einer Krümmung der Welt im Licht der griechischen Geometrie.
Man nehme das Licht von Polaris, dem Nordstern oder eine Magnetnadel und schon hatte der arabische Seemann eine Ahnung wo er sich befand - nämlich auf einer Linie, die immer nach Norden wies.
Vielleicht wußte dieser Seemann aber auch aus dem "al-Majisti" (dem mittelalterlichen "Almagest" oder der "Megale Syntaxis tes Astronomias", des Ptolemäus - soviele Namen für ein einziges Buch), daß die Erde möglicherweise eine Kugel ist. Aber hatte die Erde im Mittelalter deshalb schon Kugelgestalt angenommen ? 
Ich denke nicht !
Als Jugendlicher hatte ich nie verstanden, daß die klassischen Vorstellungen von der Erde nur großartige philosophische Spekulationen waren. Und daß "unser Weltbild" erst völlig "rund" wurde, als sich Cristoffer Columbus entschied China auf dem umgekehrten Seeweg zu entdecken. 
Schließlich hatte sich die Erde allmählich zunächst unwillig, dann immer schneller entschlossen, sich um ihre Achse zu drehen. Wie es Gaston Bachelard einmal deutete.
Erst dann, durch den Bericht des Columbus, und durch die Verbindung der vielen Linien die immer nach Norden wiesen, durch die Beobachtung der Sterne, entstand allmählich die Gewißheit der Erde als Kugel. 
Später wurde diese Kugel in Längen- und Breitengrade eingeteilt und schließlich zu einer mehr oder minder exakten Karte, einem verkleinerten Analogon der Welt - einem Analogcomputer auf Papier - mit dem man eine Reise plant oder mit dessen Hilfe man sich während des Reisens orientiert. 
Besser aber - man läßt planen. Das Reisebüro bietet ein methodisches, cartesisches Reisen an, das das frühere "Elend", das Ausland, die Mühsal des Reisens ins Reich der Erzählungen verweist. Heute reisen wir glücklicher als Odysseus, Eric der Rote oder Alexander Selkirk und erreichen " in Windes Eile " mit dem Flugzeug jenen zeitlosen Ort, der Urlaub heißt. Er könnte irgendwo liegen und Paul Nizan meldete schon lange vor dem Beginn des Massentourismus berechtigte Zweifel über diese Art des Reisens an :
" Wer ein waches Bewußtsein hat, dem wird schon bei der ersten Landung klar, was die Wahrheit der Reisen ist. Er ist nach Singapur oder nach den Marquesas aufgebrochen und hat sie schon entdeckt, bevor er den Bittersee und die desolaten Squares von Suez passiert hat."

Gesichtskreis ( horizon kyclos )

Früher flohen wir aus dem Lokalen, der Begrenzheit eines vertrauten Ortes, der unseren Kopf beschränkte, der unser Bewußtsein begrenzte, der einen Limes durch unseren Kopf zog, in die Fremde.
Das Neue, neue Länder und neue Geschichten winkten in der Ferne, in der unendlichen Weite der göttlichen Welt.
Oder anders !
Meer und Himmel, beide zusammen formen für den Seemann eine perfekte Linie die man Horizont nennt. Und diese Linie bildet zugleich die Begrenzung, das Ende des Gesichtskreises ( horizon kyklos ), hinter dem nichts mehr kommt als das Hörensagen. 
"Ich bin herumgefahren," berichtete der englische Ritter John Mandeville der angeblich hinter diesen Horizont der damaligen Zeit gereist ist "und habe viele wunderbare Städte und Königreiche gesehen (...) Und ich habe dieses Buch in französischer Sprache verfasst, weil nicht jedermann Englisch redet, noch jedermann Latein versteht. Und falls ich mich jetzt bei einigen Dingen irren sollte, die ich hier berichte, weil sich viele Dinge im Lauf der Zeit verändern, die vor langer Zeit so gewesen sind, bitte ich die Leute, daß sie das berichtigen. Denn einer kann sich nicht bei allen Dingen in gleichem Maße an alles erinnern. Daher möge mich der schelten, so wie er meint recht zu haben."
Oh, die Zeiten haben sich geändert !

Heute kann ich mit George dem Maler und Copyboy aus Brooklyn über die Musik, die Malerei und die Ansichten sprechen, als lebten wir Tür an Tür. Gerade so, als teilten wir schon seit Jahrzehnten dieselbe "Lokalität", denselben "Ort", dieselbe große Stadt. 
Wir verstehen uns, wir sprechen eine ähnliche Sprache (und ähnlich deshalb, weil ich nie ganz den kulturellen Reichtum des amerikanische Englisch erfassen werde), wir reden über Dasselbe, dieselben Bücher, dieselben Filme, verständigen uns über ähnliche Eindrücke. 
Es scheint ganz so, als ob sich unser Horizont erweitert hätte. Und scheinbar im selben Maße, wie unsere Fähigkeit erweitert wurde, Aphorismen (aph-(h)orizein) zu produzieren und über diese Grenzlinie zu sprechen. 
Doch nein ! Ganz im Gegenteil !
Wir gehören lediglich einer Generation an, die den selben kulturellen Horizont an Karten und Bildern verwendet. Die Dasselbe in Karten und Bildern sieht. Die einen ähnlichen Horizont hat. 
Aber die Begrenztheit, (der Horizont) ist nach wie vor dieselbe geblieben wie bei Homer oder Sir John Mandeville, wenn wir anderes beschreiben sollen. 
Dieser Horizont ist etwas, das unsere Wahrnehmung erreicht hat durch die Verwendung neuer "Augen und Ohren": Telephon, Fernsehen, E-Mail und Tourismus.
Was uns von dort erreicht - durch die neuen Medien - ist der weit ausgreifende, moderne, kommunikative "Gesichtskreis" der Länder des Westens. Wir haben uns global so weit angenähert, daß wir uns verstehen.
Was wir jedoch nicht mehr verstehen, ist, über einen "eigenen" Horizont zu gebieten. Es bleibt nur noch das Bedürfnis danach. 
Nach der Heimat, der originären Landschaft unseres eigenen Gesichtskreises. Das kostbare Terrain der Phantasie, das seine Impulse aus der Tradition empfängt. 
Darin besteht das Paradoxon des Horizontes.

Sainte Terre ( Thoreau )

Ganz zu Beginn seines Essays "Walking" erläutert der amerikanische Nonkonfomist Henry David Thoreau das Herkommen des mittelenglischen Wortes "saunterer." Nämlich als die Bezeichnung müßiger Menschen, die im Mittelalter herumschweiften und die Gastfreundschaft benutzten, unter dem Vorwand ins heilige Land - "a la Sainte Terre" - zu pilgern. 
Daraus wäre dann der Kinderruf geworden: "Hier geht ein Sainte-Terrer ! - ein Saunterer." 
So ganz ernst nimmt Thoreau seine Etymologie schließlich nicht, denn er bietet eine zweite Deutung des Wortes an. 
"Sauntering" könne sich auch von "sans terre" herleiten, "Saunterer" wären also Menschen, die keine bestimmte Heimat haben und somit überall zu Hause sind, denn das ist das Geheimnis des erfolgreichen Pilgers (nämlich ins heilige Land zu wandern). 
Aber einer, der nur still zu Hause sitzt, und sein Vermögen mehrt, - meint Thoreau verschmitzt - "ist vielleicht ein größerer Vagant und Müßiggänger, als der ‚Saunterer', der nicht müßiger ist als ein mäandernder Fluß, der nur den kürzesten Weg ins Meer sucht."
Wer darin eine Aufforderung zu exzessivem Reiseunternehmungen sieht, wird von dem Querdenker Thoreau schnell enttäuscht. Seine Wanderungen führen nicht nach Jerusalem und noch nicht einmal zu den Niagara Falls. Sie führen nur in die nähere Umgebung von Concord, Massachusetts.
Denn:
"Meine Umgebung bietet viele schöne Spaziergänge; und obwohl ich viele Jahre beinahe jeden Tag gewandert bin - manchmal sogar mehrere Tage hintereinander - habe ich sie noch lange nicht ausgeschöpft. Eine völlig neue Aussicht ist mir eine große Freude. Und ich kann sie fast jeden Nachmittag bekommen. Zwei oder drei Stunden des Wanderns führen mich in ein fremderes Land, als ich es mir erträumte. Und ein einzelnes Bauernhaus - das ich vorher noch nie gesehen hatte - gilt mir manchmal so viel, wie die Besitzungen des Königs von Dahomey. 
Und tatsächlich finde ich eine seltsame Harmonie zwischen den Möglichkeiten der Landschaft, die innerhalb eines Kreises von zehn Meilen liegt, oder eines Nachmittagsspaziergangs, und den dreimal zwanzig Jahren ( und wenns hoch kommt noch zehn Jahre dazu ) eines menschlichen Lebens. Man wird nie ganz vertraut damit werden."

Thoreau als Prophet der Wildnis am `Walden Pond` hat heute seine scheinbar unfreiwillig komischen Seiten, wenn er zum Beispiel einen Sumpf als "sanctum sanctorum", als Heiligtum der Heiligtümer bezeichnet. Was er jedoch meint, ist, daß die Wildnis das einzig erneuernde Element der amerikanischen Zivilisation darstellen sollte. Solch einer kargen Erde entsprangen schließlich auch Homer und Konfuzius und die biblischen Propheten, die sich ausschließlich von Heuschrecken und wildem Honig nährten. Eine Kost, die für Thoreau als besonders "wild" galt.
Das Rätselhafte an Thoreau ist, daß er zwar den amerikanischen Horizont findet der sich immer nach Westen erstreckt, aber genau dies ist auch die Richtung der Trapper, der Eisenbahn und der konföderierten Kavallerie. Es ist eine elliptische Bahn, wie die eines Kometen. Und wie ein Komet kehrt er immer wieder zurück an seinen Ausgangspunkt - Concord.
Die "wilden", natürlichen Dinge bleiben für ihn jedoch der Hauptgegenstand seiner "frommen" Wanderungen. 
Thoreau ist zwar der Feind der Kolonialisierung des Westens, dieser Verwandlung des "wilden" Sumpfes in Ackerland, diese Umwandlung des "Wilden" in die kultivierten Rasenflächen des Geistes. Und er findet nichts als Spott für seine Zeitgenossen, deren Gehwerkzeuge durch den Kommerz wie gelähmt zu sein scheinen. 
Doch deutet sein "Weg in die Wildnis" in dieselbe Richtung, nach Westen. 
Aber auf anderen Wegen !
"Manche reisen gar nicht; Andere nur auf Schnellstraßen; Wenige über Land. Straßen sind nur für Pferde und Geschäftsleute gemacht. Und ich wandere nicht oft auf diesen Straßen im Vergleich zu diesen. Weil ich eben nicht in Eile bin eine Gaststätte, ein Geschäft oder einen Pferdewechsel zu erreichen zu denen Straßen führen. Ich bin mir selbst ein zu gutes Pferd um auf den Wegen zu kleben."

Nostalgia

Es gibt die kultivierten Gärten im Fremdenverkehrsprospekt, es gibt den gepflegten englischen Rasen der Vorstädte und es gibt die Gärten unserer Vorstellung und unserer Erinnerung. 
Mag mein Garten immer wild und ungepflegt sein. Mag sich darauf niederlassen, was immer an Dingen vorhanden ist. Ich lasse es kommen wie es kommt.
Denn wie Lukrez schreibt, ist in der Natur 
"sicher und klar verfügt, wo jedes (Ding) wachse und wohne."
Aber der andere Garten ... !
Wenn man in etymologischen Schleifen um den Garten geht, der in zwei Sprachfamilien noch beides ist: Form und Inhalt. 
Nämlich "garda" im Gotischen - das Gatter. Etwas, das ausschließend ist - etwas, das den Eindringling ausschließt. 
Aber auch den Esel einschließt, der weiß, daß das Gras auf der anderen Seite (der nicht Ereichbaren) immer grüner ist. 
Das erreichbare Gras innerhalb des "garda" mag strotzen vor Grün, aber Buridans Esel kann sich trotzdem nicht entscheiden zwischen den Möglichkeiten. 
Es gibt delikate Kräuter im Garten, die unendlich süß duften, aber das hastig zusammengeraufte trockene Heubündel außerhalb des "garda" ist dem Esel immer begehrenswerter als leichter erreichbare Dinge.
Denn das Neue ist immer besser als das Alte !
Aber laß nur einige Jahre vergehen und das nun sattsam bekannte Neue wird unweigerlich zu etwas Altem. Und die Gefühle und die Erinnerung werden zu einer rückwarts gewandten Utopie, die jetzt Natur heißt. Nicht, daß damals alles besser war - beileibe nicht - aber in der Nostalgie scheint jetzt etwas auf, das emotional deutlicher scheint als das Neue. 
Umgeben von der Vielfalt der technischen Langeweile, sehnen wir uns auch nach der Einfalt des Natürlichen - den nahen überbleibseln einer ALTEN Welt.
Deshalb ist ein gewichtiges Moment des Reisens, auch des Massentourismus, die Nostalgie.
Nach einem Leben das voller schrecklicher Ereignisse war schreibt George Gissing in seinem Reisebuch "Am Ionischen Meer":

"Ich werde auf das Ionische Meer blicken, nicht nur vom Zug aus oder von einem Dampfschiff, und mit einiger Muße: Ich werde die Küsten sehen wo sich einst die die griechischen Städte Tarentum and Sybaris, Croton and Locri befanden. Jeder Mensch hat seine eigene geistige Leidenschaft; und die meine ist es, dem Leben wie ich es kenne zu entfliehen und mich in jene alte Welt hineinzuträumen welche die phantasievolle Freude meiner Kindheit war. Diese griechischen und römischen Städtenamen ziehen mich ungeheuer an; sie machen mich wieder jung und bringen die deutlichen Eindrücke jener Zeit wieder zurück, als jede neue Seite eines Buches - seis in Griechisch oder Latein - eine neue Erfahrung von wunderbaren Dingen war. Die Welt der Griechen und Römer, das sind meine romantischen Länder. Und ein Zitat aus einer dieser beiden Sprachen erregt mich auf eine besondere Art und Weise. Es gibt bestimmte Passagen in Griechischen oder Lateinischen Versen, die ich nicht lesen kann, ohne daß meine Augen anfangen zu tropfen und die ich nicht laut zu lesen vermag, weil sonst meine Stimme versagen würde."

Dieses Alte ( diese alte Welt ) ist im Grunde eine Suche nach dem Verborgenen. Nach dem, was wie ein Blitz hervorkommt an Erinnerung. Eine Suche nach den Welten, die möglich gewesen wären, aber nicht geworden sind. So kommt der "Suche nach der verlorenen Zeit" eine süße unbestimmbare Gewalt zu, die wiederum das Neue in ihnen vollkommen auslöscht. Die Landschaft wird nirgendwo besser definiert als an ihrem Verschwindepunkt. Sie entsteht erst richtig, während sie verschwindet. Denn sie besitzt unsere Seele, indem sie in unserer Erinnerung nistet wie ein Gespenst.  Beim Wandern oft eine Langeweile an der Langsamkeit des landschaftlichen Vorbeiziehens. Da wir eine Karte im Kopf haben die bis nach Usbekistan reicht und noch weiter bis zum Mond , zum Saturn, zu den Magellanschen Wolken bis zu den Quasaren reicht, sieht unsere "geographische" Seele sich als einen winzigen Punkt der von Stein zu Stein, von Flechte zu Flechte, also gemächlich von einem Atom zum Anderen reist. Man kommt schlecht voran und obwohl man weiß, daß es so gut ist langsam zu reisen, zu wandern, und von einem Ding zum Anderen zu vagieren, denkt man oft an einen schnelleren Weg.
Später jedoch ein Ziehen in der Brust, ein Verlangen, eine Sehnsucht, diesen blauen Himmel, das ferne Meer, das Kläffen eines Klosterköters, das vergilbte Sammelsurium einer Einsiedlerklause noch einmal wiederzusehen. All diese Eindrücke werden nicht abgetragen von der eher gleichgültigen Eindrucksflut unseres modernen Alltags, sondern entstehen unwillkürlich als Kontrast zu ihm.  Auch das Wasser wird schließlich zu etwas, das nicht unwillkürlich aus der Leitung fließt, sondern unseren Durst stillt. Ein Berg ist Etwas, das man erst ersteigen muß, um ihn sehen zu können.  Und unsere Seele - das unmaterielle Sublime - macht daraus ein nostalgisches Relikt, das uns manchmal und unverhofft überwältigt.
Übrigens betrachte ich gerade die Stereoaufnahme eines Weizenfeldes bei Zülpich in der Eifel. Vor langer Zeit stand darauf eine römische Villa.
Wenn es ein sehr trockener Sommer ist, behindern die immer noch vorhandenen Grundmauern den Wassernachschub und beeinträchtigen das Getreidewachstum. Mit dem Segelflugzeug könnte man die Umrisse des einstigen "hortus" sehen, des Hortes. Die vergangene Landschaft unter der Landschaft. Denn zweifellos haben unsere neuen Verkehrsmittel auch die Landschaft als einen Erfahrungshorizont verändert.

Weltschnelligkeit

" Das Reisen wird nämlich in genauem Verhältnis zu seiner Geschwindigkeit stumpfsinnig."
John Ruskin 

" Welch ein wildes eigenartiges Vergnügen, nachts in meiner Koje in dem luxuriösen Salonwagen zu liegen, gezogen von dem mächtigen Baldwin - der mich umfaßt und auch erfüllt mit der geschwindesten Bewegung und der ruhelosesten Kraft."
Walt Whitman
 
Die Eisenbahn erschließt die Räume und vernichtet den Raum dazwischen - die Landschaft. 
Die Gesichter die an den Zugfenstern des Interregio von Heidelberg nach Frankfurt "kleben" und späten sommerlichen Blumen und Feldern nachschauen, sehen so nicht "Landschaft", als ein sich nur langsam veränderndes "Stilleben" das sich in Perspektiven auffächert, sondern erfahren eher den geographischen Raum den die Eisenbahn durchzieht. 
Denn man möchte ankommen ! Man reist nicht mehr ins Schicksal über Stock und Stein, über die Heide, übers Land oder über die Wasser des Mittelmeeres wie Odysseus, sondern hat schon genaue Vorstellungen über den Ort den man schließlich und "letzten Endes" erreicht. 
Und während wir fahren, wissen wir schon, daß der Ort, den wir erreichen werden, uns nie mehr völlig überraschen wird. Denn schon ist Er beschrieben und eingebettet in eine Ordnung, die nie wieder die Grenze zum Unwahrscheinlichen überschreiten wird. 
So ist also nicht die Schnelligkeit, mit der wir heute reisen das entscheidende Moment moderner Fortbewegung, sondern das schon Bekannte des Ankunftortes - und also das Ende der Wunder.
Im Gegensatz zu dem englischen Ästheten Ruskin begrüßt der amerikanische Dichter Walt Whitman die Geschwindigkeit, die für ihn aber eher eine "poetische und nationale", eben eine amerikanische Geschwindigkeit ist. Aber wie Thoreau sieht er zuweilen im Handel, der zunehmenden "Geschaftelhuberei" (besonders der Südstaaten) das Problem: 

"Licht und Schatten, diese seltsame Übereinkunft von Körper und Identität, diese Gier, die gefällig alles verschlingt. Und endloser Stolz und endlose menschliche Eroberung - unaussprechliche Freuden und Sorgen. Und das Wunder, das jeder sieht in Allem, zu jeder Zeit - für immer. 
Gegen was hast Du das eingetauscht, Kamerad !
Für Dein bißchen Handel mit Weizen. Für Deinen kleinen Laden ? Oder um eine Position im Handel einzunehmen. Daß ein müßiger Gentleman oder seine Lady mit Deinen Gütern sinnvoll seine Freizeit ausfüllt.
Denkst Du denn, daß der Inhalt der Landschaft und ihre Form nur darin bestünde, daß sie gemalt würde ? Und daß an Männern und Frauen nur das Romanhafte wichtig ist? Und daß Lieder nur Klang sind, nichts sonst?."


Das romantische Piktoreske entsteht gleichzeitig mit dem "Handel und Wandel", entsteht gleichzeitig mit dem immer schnelleren Austausch der Güter, durch Kommunikation. Durch Schnelligkeit.
Wer darüber etwas über diesen Prozess erfahren will, lese Knut Hamsuns "Markens Grode" ( zu deutsch: "Segen der Erde").
Die Eisenbahnschwellen verbinden konkrete Orte mit anderen konkreten Orten. Und das Abenteuer des Reisens verschwindet immer mehr und mit ihm seltsamerweise das NEUE der Dinge. ALLES scheint sich mehr oder minder zu gleichen. Und wenn das Fremde einmal nicht ( mit der "übrigen" Welt ) zu kommunizieren scheint, dann ist es nur eine Frage der Zeit, daß sie endlich kommuniziert.
Der Zug ist heute eine reine Fortbewegungsmaschine, die nur durch den Zufall Landschaften dem Blick eröffnet. Es gibt sie dennoch und mehr als an den Autobahnen. Trotzdem ist jeder Eindruck zu kurz, um sich einzuprägen. Und wozu auch ? Ich möchte von einem Ort zum Anderen gelangen. 
Ich will ankommen. Ich komme an und bin bald zu Hause - in vertrauter Umgebung.

Das Nest

" In einem Palast gibt es keinen Winkel für die Intimität."
Baudelaire

Eine Karte zu zeichnen. Nichts leichter als das. Doch wie schwer, das Innere der Karte in die Welt zu zeichnen.
Leicht, denn die ganze Erde ist bereits vermessen, geschätzt und eingeteilt. Es ist leichter meinen Standort - auf Längen- und Breitengrade genau - zu errechnen, als mein Zuhause, mein Heim: Den Intimitätswert eines inneren Raumes, welcher sich schwerlich auf einer geodätischen Mission durch Triangulation ermitteln läßt. 
Wo ist also dieser Ort, dieses Haus, das ich bewohne ?
Aber stellen wir diese Frage zunächst zurück, die andere schon, mehr schlecht als recht, beantwortet haben und behalten wir nur im Auge, daß sich die Geographie, die Beschreibung der Erde als Netz über Küstenlinien und Bergzüge, im Allgemeinen auf einen Bezugspunkt, einen Nullmeridian bezieht.
Es gibt ein ganzes Buch über diesen Raumpunkt in der Dichtung - ein viel zu wenig Bekanntes. In der "Poetik des Raumes" erinnert uns Gaston Bachelard an das Eingangskapitel von Victor Hugos "Notre-Dame de Paris" :
"Mit einem kurzen Satz verbindet Victor Hugo die Bilder und die Wesen in der Funktion des Wohnens. Für Quasimodo, sagt er in Notre-Dame de Paris, ist die Kathedrale nacheinander Ei, Nest, Haus, Vaterland, All gewesen. Man könnte fast sagen er habe ihre Form angenommen wie eine Schnecke die Form ihres Muschelhauses annimmt. Das war seine Wohnung, sein Loch, seine Hülle ... er hing daran wie eine Schildkröte an ihrem Schild. Die zerklüftete Kathedrale war sein Panzer."
über das Nest schreibt Bachelard weiter :
"Die Entdeckung eines Nestes versetzt uns in unsere Kindheit zurück, in die Kindheit ganz allgemein. In Kindheiten, die wir hätten haben sollen. Selten sind diejenigen unter uns, denen das Leben das volle Maß seines kosmischen Bezugs gegeben hat." 
Und schon scheine ich einen dieser Nullmeridiane gefunden zu haben, einen Bezugspunkt, der sich freilich auf ein Bewußtsein bezieht, das seinen Ort gefunden hat in Bezug auf den Kosmos, die Natur. 

Den Baum vor lauter Bäumen nicht finden

Vom Fenster meiner Wohnung aus sehe ich eine Buche, der ich meine Vorstellung vom Wesen des Blattes verdanke. 
Biegsame Gräser schwanken hin und her, selbst bei leisem Wind, während sich die Blätter der Buche kaum zu bewegen scheinen. Es gibt nur ein sanftes Einschwingen, ein kaum wahrnehmbares Einlassen der leicht bewegten Lüfte, ein Wegwinken. 
Man bewegt sich wie ein Blatt im Wind, das heißt, man läßt die Gewalt des Windes, der Luft vorüberströmen und bewegt sich selbst kaum um einen Millimeter. 
Bei sehr starkem Wind rollen sich die Blätter des Baumes jedoch schließlich ein, und verkleinern damit ihre Oberfläche. 
Mit seinen starken Wurzeln und seinem dicken Stamm wird der Baum zu einem umgekehrten Schiff, das - anders als die hölzerne Karavelle von Kolumbus - bei Wind seine Segel einzieht. 
Trotzdem kann man manchmal "den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen". 
Aber dieses Sprichwort ist so lange unwillkürlich benutzt worden, daß man wiederum nicht mehr genau begreift was es eigentlich bedeutet. 

Jemand könnte zum Beispiel sagen, dieser Text verzettele sich in Einzelheiten, während die Sicht auf das Allgemeine, den Wald ausbleibt.
Nämlich, wie nämlich ist der Wald beschaffen ? Wie steht es mit der Gesellschaft oder mit der Sache des Menschen ? 
Jeder seriöse Wissenschaftler weiß, daß man dieses Allgemeine, diesen Wald nie genau bestimmen kann. Man weiß, daß der Wald aus Bäumen (aus Einzelheiten) besteht und man weiß, daß diese Einzelheiten einen Sinn, eine Erklärung hergeben müssen. Es können auch mehrere Erklärungen des Gleichen sein. Aber Nichts (keine Einzelheit) kann ohne Erklärung einfach für sich bleiben. 
Unsere Gesellschaft (unser Wald) kann keinen Baum für sich lassen, ohne ihn als Ensemble (als Baumgesellschaft) zu sehen. 
Ohne das Eine oder das Andere erschöpfend zu klären.
Daher: ein einzelnes Wesen finden in der Vielheit. Den Baum sehen trotz der vielen Bäume, trotz und gerade wegen des Waldes. Etwas Einzelnes, Unwiederholbares, Wundersames sehen, der Gleichförmigkeit zum Trotz.
Klarheit und Vielfalt. Wie oft werden wir genötigt, das eine zugunsten des anderen aufzugeben ? Und meistens zugunsten des scheinbar Klaren !
Und jetzt erst lese ich in Ernst Blochs " Leipziger Vorlesungen " über Platons " Theaitet ", der Erkenntnistheorie :

" Die Sinnlichkeit, (...) - gibt nur Vielheit, > sensus dat pluralitatem < (...). Ich sehe durch die Sinne niemals Begriffliches, niemals Ideen, niemals Gattungen, ich sehe nur hic et nunc, das Hier und Jetzt, und immer geteilt, hier eine Nase dort eine Augenbraue, hier eine Tür und dort eine Lampe und hier diese Decke; das Deckenhafte sehe ich mit den Sinnen nicht. In der Schau sehe ich es, aber nicht mit den Sinnen. "

Aber es liegt etwas in der Luft, eine Krise, ein Sturm kündigt sich an. Der Himmel verdüstert sich und eine schwere Stille liegt über der Landschaft. Zeit, die Fenster zur Welt zu schließen und die Leinwandbahnen einzuholen, die zum Bleichen auf den Feldern Harlems liegen. Zeit die Blätter meines Manuskripts vom Garten ins Haus zu holen. Zeit die Segel zu streichen, den Blütenkelch zu schließen, die Segelallee zu reffen.
In stürmischen Zeiten kommt es ganz darauf an, unsere Oberflächen zu verkleinern, sie im Idealfall auf den Punkt, sie zum Verschwinden zu bringen in einer Singularität des Raums.
Denn was nützt mir meine freie Beweglichkeit, meine kardanische Aufhängung, meine Sensibilität, die auf leiseste Bewegungen reagiert, wenn sie mit der Gewalt der Krise konfrontiert wird ?

Das Auge des Namens

Nicht die Götter " elohim " schufen am Anfang Himmel und Erde, sondern ein zorniger, eifernder Gott - Jahwe - der den Plural in sich nicht mehr duldet. Am Anfang war das Chaos und am Ende, sechs Tage später, eine gewisse Ordnung, ein Garten, in den der Adam der St. James Bibel hineingesetzt wird.
1:31 And God saw every thing that he had made, and, behold, [it was] very good.
(Und Gott sah Alles und siehe "Es" war vollendet.)
Und damit ist Alles gesagt.
Das große Geheimnis der Schöpfung besteht darin, daß GOTT geblendet ist von seiner Vollkommenheit. Er sieht nichts als das große Gesetz, das Dharma der Welt. Es ist ein Blinder, ein geblendetes Alles, das in Gang setzt, was er im Einzelnen nicht mehr übersieht.
Vor allem aber erkennt er das Leben nicht.
Deshalb benennt Adam, das sterbende Auge, die Einzelheiten, die Eigenschaften, die Namen der Dinge. Und deshalb soll Adam paradoxerweise sterben an der Welt.
" Die Welt wird mit dem Auge erlöschen.
Alles wird im Beginn gesagt sein. "

Edmond Jabés

Denn wenn Adam sein Auge schließt, wird alles wieder vollkommen sein. .Wenn die Welt für Adam zuende ist, wird in diesem Tod alles wieder so sein wie am ersten Tag. 
Doch wozu dieser Umweg des Lebens ? Und wozu Sein, wenn Nichtsein der Weg ist, dein Auge, meines, und das Auge Adams zu schließen ?

Der Name der Zeit

2:20 And Adam gave names to all cattle, and to the fowl of the air, and to every beast of the field; but for Adam there was not found an help meet for him.
Die Benennung der Welt ist die harte und erschöpfende Arbeit des Lexikographen, des Enzyklopädisten oder des vergleichenden Anatomen. Aber Adam, der den Wesen einen Namen gab, war nicht Diderot oder Cuvier, die aramäischen Hirten Palästinas hatten solches nicht im Sinn. 
Und daß Adam den Dingen ( den Tieren ) einen Namen geben soll, hatte ursprünglich keineswegs den Sinn, daß er Namen verteilte, oder den Dingen einen Namen gab. Sondern dieser Riese der hebräischen Mythologie Adam erkannte lediglich, daß alle Tiere zwiefach vorhanden waren, also männlich und weiblich waren.
Es ist die konkrete Kenntnis der Fortpflanzung, der Sexualität, die von den viehzüchtenden Beduinen des Orients mit besonderen patriarchalischen Tabus belegt war. 
Zunächst ist Adam, dann seine erste Gefährtin die Dämonin Lilith ( die aus minderem Material: Schmutz und Sediment geschaffen wurde ) 
Diese erste Ehe ging nicht gut aus. Denn Lilith war eigensinnig. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, daß sie genausogut war wie Adam. Was für ein Widersinn in einer Gesellschaft von indoeuropäischen Hirten, die gerade das Patriarchat erfunden hatten und es in alte Mythen gewaltsam hineinzimmerten. 
Die neuen Geschichten erzählen von Liliths zügelloser (matriarchaler) Sexualität, und so wurde sie in der Mythologie zu einem furchtbaren Dämon.
Der zweite Versuch Gottes, eine Gefährtin für Adam zu schaffen erzeugte die erste Chawah ( Eva ). Und Gott machte sie so - wie sich sehr viel später Mary Shelley eine männliche Chimäre vorstellte; zu einem seltsamen Geschöpf kompiliert aus anatomischen Einzelheiten. 
Und Adam schüttelte sich vor Widerwillen.
Erst nachdem die zweite Chawah ( die wirkliche Eva ) aus einem nutzlosen Körperteil Adams , nämlich einer Rippe ( daher die Metapher "spare rib", in manchen hebräischen Legenden ist auch von einem äffischem Schwanz die Rede ) geschaffen wurde, akzeptierte der Urmensch Adam(ar) diese dritte Gefährtin. 
So weit jedenfalls die alten hebräischen Erzählungen.
Man wird nun zu recht fragen, warum "Gott" oder die Kompilatoren der gültigen mittelalterlichen Thora in Spanien sich der Mühe unterwarfen, die Sexualität erst ins Leben zu rufen ( zu "erklären" ), um sie alsogleich im "Sündenfall" zu verdammen.
Aber diese Frage ist vermutlich falsch gestellt. Denn für die Juden in der "Verbannung", der Diaspora, ging es zunächst darum, aus ganz verschiedenen Volkserzählungen des Anfangs ( der Genesis ) ein Ganzes zu schaffen. Es ging vor allem darum zu erklären, warum der Mensch ein "Geworfener", ein "Verbannter" aus der Geborgenheit einer ursprünglichen Landschaft ist: nämlich dem Garten, dem griechischen "paradisa", dem Wonneland. Und so will der "Sündenfall" in der Thora eher erklären, woher diese "Aussetzung" des Menschen kommt. Sie kommt wie im Buddhismus durch das "Begehren", dem "Wollen", und die Bedingung ist, daß die Schlange sagt: "nequaquam morte moriemini." 
Nicht wirklich werdet ihr sterben ! 
Es wird keine wirkliche Konsequenz haben. Ihr werdet nicht wirklich sterben, sondern nur irgendwann. Und dieses Irgendwann wird der Tod sein.
Vielleicht wird hier deutlich, was das Faszinierende des mystischen "Judentums" ist. Es ist der direkte Draht zu Gott, ohne die Vermittlung "halbgöttlicher" Autoritäten wie etwa des katholischen Papstes. 
Hier wird eine Menschwerdung beschworen, eine Entwicklung des Menschen beschrieben, die zum "homo sapiens sapiens" wird, indem sie gegen göttliche Gesetze verstößt und gerade deshalb verstoßen wird, weil sie das göttliche Gesetz im Sündenfall genau "erkennt" und im Einklang zu Gott ( ein Allesseher der amüsanterweise vorgibt, nicht zu sehen ) dagegen verstößt.
Denn hier bekommt die Frage "Warum ?" einen völlig anderen existentiellen Beigeschmack als im Christentum. Denn dieses "Warum" ist nicht nur retorisch oder mystisch gemeint, um sofort von scholastischen Spitzfindigkeiten beiseite geräumt zu werden, sondern dieses jüdische "Warum" formuliert seinen Zweifel wirklich.
Und das heißt, "Gott, bist du auch ein wenig das Böse und auch der Tod ?" 
Dahinter erhebt sich die bläuliche Gebirgslandschaft nicht des Orients, sondern des muselmanischen Spanien, der Berge von Andalusien.
Seit Bergson und Teilhard de Chardin ahnen wir, seit bestimmten Schlüsselwerken des französischen " Strukturalismus " wissen wir definitiv, daß die Worte - oder besser die Sätze, die sich aus ihnen formen lassen, das Wesen der Schöpfung ausmachen. 
Die Namen die Adam den Dingen der Welt gab, erzeugten nicht nur sinnhafte Identitäten, sondern erschufen durch die Erinnerbarkeit ihrer Namen auch die Erinnerung selbst.
Das Gute erschafft das Böse, indem es wissentlich wegsieht. Erst indem Gott wissentlich wegsah entstand die wirkliche Schöpfung. 
Und in diesem Wegsehen und Vergessen der Götter bevölkerte sich langsam und allmählich die Welt.

Animaux - Belebtes

Die Schwalbe verkörpert für mich die Treffsicherheit innerhalb eines langen Bogens, einer engen Ellipse. Ihre Flugbahn wird so berechnet, daß der extremste Punkt dieses Umlaufes um einen Punkt, zugleich der Langsamste ist. Die Bewegung kehrt sich um und ermöglicht den kurzen Kopfsprung der Schwalbe um das Junge am Boden zu füttern. 
Mitten im Kreisen eine Bewegung, die unmöglich scheint und dennoch möglich ist. 
Und die Fliege wandert von einem Schnabel in den Anderen.
Ja, Tiere sind " gut zu denken ", schreibt Levy-Strauss irgendwo in " La pensée sauvage ". Sein ganzes Werk ist ein Beweis dafür, daß der Mythos, die Erzählung vom Tier ein mit Scharfblick geschaffenes Kompendium über die Psychologie des Menschen selbst ist. 
Und wenn wir genau hinsehen, öffnet sich langsam unser inneres Auge und wir sehen, daß der sogenannte Primitive in einer subtilen Welt des Sehens UND der Bedeutungen lebte. 
Was für eine poetische und verlorene Welt, in der die Menschen sich selbst betraten, und sich in der Pflanze, dem Tier selbst begegneten durch die mythische Erzählung. 
Die Letztere ein roter Faden durch ein Labyrinth. 
Sollen wir es Welt nennen ?

Wasser ( Panta rei )

Der Rhein, der Rhythmus und der Rheumatismus. Drei Worte die dieselbe Wurzel haben, den Fluß nämlich, der vermutlich nichts anderes ist als die leichte Dünung des Mittelmeers unter einem griechischen blauen Himmel: 
Rheûma - der Fluß, die Strömung
Rheîn - fließen, strömen
Alles fließt nämlich oder strömt und verändert sich von einem Augenblick zum Anderen. Es ist eine mikroskopische, aber auch eine makroskopische Bewegung.
Während ich den Fluß entlangrenne, der sich wenige Kilometer später mit dem Rhein vereinigt, beobachte ich das zerzauste Weiß der Wolken dieses Apriltages. Und irgendetwas in mir - etwas das ich nicht genau bestimmen kann, weil ich es nicht bestimmen will - freut sich an dieser sachten Veränderung die auf eine unbestimmte Weise auch eine Wiederkehr des Gleichen ist. 
"Und wenn ich wirklich leben würde", so sagt der Dichter zu seinen Träumen, "wenn ich mir wünschte zu leben - dann nur so."
Eine beständige, sachte Umwandlung des Gleichen. Eine leichte Bewegung, die sich gleich bleibt im ändern. Eine Welle, die stetig bleibt in all ihren Variationen.
Und auf sachte Weise vorwärtsdrängt.
Doch indem der Mensch in der Lage ist über das richtige Leben im falschen nachzudenken, hat er seinen tierischen Körper schon verlassen. Und was bleibt ist die kindliche oder romantische Sehnsucht wieder zu einer Prästabilität, einer Harmonie der Dinge zurückzukehren. 
Vielleicht ist es das, was wir schließlich "Landschaft" nannten. 
Die Ruhe, die wir finden, wenn eine Wolke über den "Animus", über unsere tierische Seele streicht. 
Denn wir sind noch nicht so lange Nicht-Tier um nicht zu begreifen, daß Alles in das Fließen fließt, in den Rhein, in den Fluß, das Meer. Das Meer aus dem wir kamen, das unsere erste Umgebung war und die wir ( in unserem Blut verinnerlichten ), während wir langsam an Land gingen.
Das Meer, das es noch nicht gab als der Mond geboren wurde und die Oberfläche der Erde so heiß war, daß es nur dichte Wolken gab über einer lichtlosen, dunklen Welt. Als diese Wasser niederschlugen in einem langandauernden Regen der Milliarden Jahre dauerte. Diese Wasser, die die Täler der Welt langsam auffüllten. Deren Masse aus zwei flüchtigen Gasen besteht - und somit leichtbeweglich ist. 
Wasser, das in Bewegung gesetzt wird durch das Kreisen des Mondes. Der somit die Wellen und die sanfte Dünung des Mittelmeeres erzeugte, über die "Heraklit der Dunkle" an der Ostküste des griechischen Archipels so lange nachdachte, daß ihm ein Satz in den Sinn kam : " Panta rei - Alles fließt. "
Und noch immer entspricht der Salzgehalt unseres Blutes dem des Meeres, das die ersten Kohlendioxyd erzeugenden Mikroorganismen umspülte. Und vielleicht entspricht der Mond, der die Gewässer in Bewegung setzt, unserem Herzen, das unser inneres Meer bewegt.
Makrokosmos und Mikrokosmos.
Aber ein Rhythmus.
Vielleicht erfand Herakleitos von Ephesos als Erster "za" - das bedeutet auf chinesisch " sich setzen ". 
Er war der Erste, der sich setzte, um zu betrachten. Der Erste, der sich umsah in dieser Welt. Der Erste, der sich nicht treiben ließ vom Puls, dem Impuls des Herzens. Und etwas sah, das sich heute nur noch schwer in Worte bringen läßt.
Es ist dasselbe was der Chinese Tendo Nyojo unter "shikantaza" verstand. 
" Einfach in Stille sitzen."
In der Nachfolge dieses Tendo schrieb der japanische Meister des Soto-Zen Dogen über das Wasser :
" Wasser ist überall. Denk darüber nach. Schau genau hin. Aber nicht so, daß Du, als einer der das Wasser erblickt, denkst. Nein. Das Wasser denkt, das Wasser erblickt. Das Wasser bezeugt das Wasser. Das Wasser erkennt das Wasser. Das Selbst trifft auf das Selbst und geht mit ihm seinen Weg. Das Anderselbst durchdringt das Anderselbst, geht mit ihm vor und zurück, hinein und hinaus. "

"Gemessen an meiner Ungeduld, ...

komme ich zu langsam zurück, oder besser: zu langsam wieder herauf. Wir glaubten an die Welt zu denken und denken nur an die Landkarte, und wenn man von Süden nach Norden fährt, fährt man auf der Weltkarte von unten nach oben. Im Himmel hat das keine Bedeutung. Der Norden liegt in allen Himmelsrichtungen."
Paul Nizan: Aden 

Paul Nizan, Schüler der "École Normale Supérieur" und Jugendfreund Sartres, tritt 1926 mit 21 Jahre eine Reise nach Aden an. Ein Jahr ist er dort (im kolonialen Yemen) als Hauslehrer beschäftigt. Zurück in Frankreich wird er ein Jahr später aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs von der er sich 1939, kurz nach dem Hitler-Stalin-Pakt trennt. Er stirbt 1940 in einem Rückzugsgefecht der französischen Armee um Dünnkirchen durch eine deutsche Kugel.
Vorher schrieb er zwei hinreißende Pamphlete. "Aden" ist eines davon. Es ist eine leidenschaftliche Abrechnung mit der Welt des "homo oeconomicus", des rein auf Gewinn rechnenden Menschen und seiner Mythen. Und ein Mythos beschäftigt ihn vor allem, nämlich die Reise "Europas" in den Osten. Die im Mittelalter beginnt und noch im Zeitalter der Aufklärung eher eine Reise in die Utopie ist. 
Aber die Reise im 20. Jahrhundert ist nichts anderes als eine Eroberung, als eine Erschließung von "Erdöl- und Gewürzproduzenten". Nizan verfügt nicht über einen verengten marxistischen Blickwinkel, denn selbst das Scheitern seiner Reise - oder seiner Flucht - bezieht sich auf auf klassische Vorbilder.
Denn: "Es gibt nur eine einzige Art zu reisen, das ist die Reise zu den Menschen, die Reise des Odysseus, wie ich hätte wissen müssen, wenn mir meine humanistische Bildung etwas genützt hätte. Und sie endet immer mit der Rückkehr." 
Und: "Wenn man gesagt hat, daß es Landstriche gibt, wo man vor Kälte krepiert, und andere, wo man vor Hitze umkommt, und daß man nur in den Zwischenzonen erträglich leben kann, ist der Poesie der Erde nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Länder sind keine Mitglieder eines Vereins noch Morallehrer oder Missionare, die in der einen Ecke die Unordnung, in der anderen die Ordnung predigen: alles ist in uns. Sie können uns von nichts überzeugen."
So ist die Landschaft also vor allem eine Eigenschaft der Menschen. Man soll den Raum nicht länger nach einer bourgeoisen Ästhetik betrachten - also als etwas Schönes -, sondern als etwas das die Menschen prägt, die in ihm arbeiten. Für den Bauern ist der Raum nur etwas Vorgefundenes aus dem sich Nutzen ziehen läßt. Und diese Bearbeitung des Raumes durch den Menschen ergibt erst den Reiz, das scheinbar Exotische der Landschaft.
Der Mensch jedoch - und selbst seine Abwesenheit - ist nach Nizan das prägende psychische Element der Landschaftsbetrachtung. 
Es ist überhaupt die Frage der zwanziger Jahre: 
"Gibt es also keine Geheimnisse mehr ? Und was tritt an die Stelle dieses Suchens nach dem Fremden, dem Neuen, der Exotik ?" 
Der jugendliche Nizan beantwortet diese Fragen, nach seinem entäuschenden Besuch "Adens", seiner Erfahrung mit der schon ausgelaugten, zerlumpten Fremde der kolonialisierten Landstriche, mit einer zornigen und deshalb auch vagen, humanistischen Globalität: 
Der Norden ( die mystische Richtung ) ist dort, wo auch der Mensch ist. 
Arthur Rimbaud, dieser außerordentlich auto-aggressive Dichter hatte Frankreich im Zorn den Rücken gekehrt und schrieb aus Aden am 8. Oktober 1887 an die Seinen:
"Ich möchte am liebsten Schluß machen mit all diesen verflixten Ländern, aber man hofft eben immer, daß die Dinge sich zum Besseren wenden, und so bleibt man dabei (...). Und dann, was soll ich in Frankreich ? (...) Zurückkehren hieße mich begraben." 
Deshalb sind die gescheiten französischen Idealisten der dreißiger Jahre Rimbaud nachgereist. Für sie bedeutete das "Dableiben" in Frankreich eine Art Begräbnis im schon gemachten Bett maßgeschneiderter Anstellungen. Doch anders als Rimbaud - der nur sterbend von Somalia nach Marseille zurückkehrte - war Nizan zurückgekommen , um etwas Neues zu beginnen. Nämlich um eine Familie zu gründen und dem arbeitendem Menschen ( wie er ihn als freischwebender Kommunist verstand ) ein Stück Würde zurückzugeben. 
Das Pamphlet "Aden" selbst ist eine beißende Satire über die Landschaften der Fremde. Port Sudan im roten Meer zeigt sich am Horizont mit "niedrigen Palmen auf dackelartigen Pfoten" und "längs der Kais drehen sich ganze Schwärme von Haien ungeschickt auf den Rücken und betteln wie Bären um Futter. (...) Sie sind genauso wie alle anderen Tiere." 
Wie ein Taschenspieler dreht Nizan die Vorzeichen des Bestiariums Lautreamonts einfach um. Denn zumindest im Einflußbereich der Kolonialmächte vermag er nichts von den gebleckten Zähnen der Natur zu sehen. Der Reisende sieht nur domestizierte Wesen und Landschaften. Und Aden ist nur ein Loch in einem Felsen, einem Gemisch aus Orient und britischen Empire das nur dunklen Zwecken dient.
"Diese Zwecke heißen hier Krieg, Handel und Transit."
Und soll das alles gewesen sein ?

Landschaft kopfumschlossen

In einem Eintrag seines "Chinatagebuchs" erwähnt Victor Segalen 1911 den provenzalischen Dichter Jules Boissière, der "seine schönsten provenzalischen Gedichte in Hanoi schrieb."
Und Segalen stellt ihn sich ( dieses Sich ) vor:
"Mit lauten Worten hatte Boissière seine Abreise herbeigerufen, kaum aber war er auf dem Schiff in Richtung Asien, da träumte er nur noch von den Dichtern der Provence und sanften Horizonten: ... Sounge i felibre esteba & ich denke an die Dichter der Provence ... "
Obgleich zwischen der Geburt von Victor Segalen (1878) und Paul Nizan (1905) nur die Zeitspanne einer Generation vergangen ist, könnte der Grundtenor ihrer Schreibweisen nicht verschiedener sein. 
Denn dazwischen lag der erste Weltkrieg und die bolschewistische Revolution. 
Vielleicht war es deshalb für Victor Segalen, der gleichzeitig Arzt, Reisender, Philosoph, Poet und Archäologe in China war, noch möglich, sich der Fremde, der Exotik, dem "Leib der Erde" zu nähern, ohne den beißenden Schmerz der Orientierungslosigkeit zu spüren.
Bei Segalen gibt es den Traum noch und die sanften Horizonte der Fremde. Eine Fremde, die mit einigem Abstand der Reisenden wieder zur Provence oder zur Bretagne werden konnten. Bei Segalen gibt es zwar eine massive Kritik des europäischen Kolonialismus, aber es ist eine Kritik, die noch zu hoffen wagte. Eine Hoffnung, die darin bestand, daß das spirituelle Element, das Poetische des Orients eines schönen Tages Europa verfeinern würde.
In China schrieb Segalen auch das Manuskript "Peintures" (Bilder). Es handelt sich dabei um sehr poetische Kommentare zu bestimmten chinesischen Tuschzeichnungen.
Und eines dieser, auch als magisch begriffenen Bilder, betitelte Segalen als "Landschaft":

"Nicht viel Himmel, aber sehr viel Erde. Aufgetürmte Hügel, die das Ergebnis menschlicher Arbeit sind. Und als Zeuge der Maler und die Arbeit der Erde. Wolken entfallen dem Himmel, die die Verkleidungen der Berge enthüllen und durchbohren. Und Beides zugleich.
Dagegen die Ebene, als einfach nur da und notwendig. überarbeitet, eingesäht und beerntet. Doch selten gemalt. 
Niemand bezeugt hier das menschliche Maß des Zeugens und Sähens."


Auf diesem Bild ist Niemand zu sehen - jedenfalls kein Mensch. Aber heißt das auch, daß Niemand in diesem Bild vorhanden ist ? 
Segalen beantwortet diese Frage, indem er schreibt:

"Ihr Betrachter dieses Bildes solltet noch genauer als ein Schauspieler seine Rolle wahrnimmt, den Menschen nachahmen. Und zwar folgender maßen:
Indem das Wenige, das vom Himmel bleibt eure Braue verziert.
So wird der Bergrücken zu einer Augenmaske." 


Niemand scheint da zu sein als deine eigene Präsenz ? Aber da ist noch die Landschaft, als menschliche Haut begriffen, durchbohrt durch die Sinne - als gewaltiger, erstaunter Ausdruck !

Kurt Wiessner

 
 
 

 


 
       
© 2004 by Kurt Wiessner; kurt.wiesssner@hiatus.de