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Landschaft
kopfumschlossen
Man nehme den tiefsten Brunnen in Alexandria und den
Schatten einer der Pyramiden und es entsteht die Ahnung einer
Krümmung der Welt im Licht der griechischen Geometrie. Man
nehme das Licht von Polaris, dem Nordstern oder eine Magnetnadel
und schon hatte der arabische Seemann eine Ahnung wo er sich
befand - nämlich auf einer Linie, die immer nach Norden wies.
Vielleicht wußte dieser Seemann aber auch aus dem
"al-Majisti" (dem mittelalterlichen "Almagest"
oder der "Megale Syntaxis tes Astronomias", des
Ptolemäus - soviele Namen für ein einziges Buch), daß
die Erde möglicherweise eine Kugel ist. Aber hatte die Erde
im Mittelalter deshalb schon Kugelgestalt angenommen ? Ich
denke nicht ! Als Jugendlicher hatte ich nie verstanden, daß
die klassischen Vorstellungen von der Erde nur großartige
philosophische Spekulationen waren. Und daß "unser
Weltbild" erst völlig "rund" wurde, als sich
Cristoffer Columbus entschied China auf dem umgekehrten Seeweg zu
entdecken. Schließlich hatte sich die Erde
allmählich zunächst unwillig, dann immer schneller
entschlossen, sich um ihre Achse zu drehen. Wie es Gaston
Bachelard einmal deutete. Erst dann, durch den Bericht des
Columbus, und durch die Verbindung der vielen Linien die immer
nach Norden wiesen, durch die Beobachtung der Sterne, entstand
allmählich die Gewißheit der Erde als Kugel.
Später wurde diese Kugel in Längen- und Breitengrade
eingeteilt und schließlich zu einer mehr oder minder exakten
Karte, einem verkleinerten Analogon der Welt - einem
Analogcomputer auf Papier - mit dem man eine Reise plant oder mit
dessen Hilfe man sich während des Reisens orientiert.
Besser aber - man läßt planen. Das Reisebüro
bietet ein methodisches, cartesisches Reisen an, das das frühere
"Elend", das Ausland, die Mühsal des Reisens ins
Reich der Erzählungen verweist. Heute reisen wir glücklicher
als Odysseus, Eric der Rote oder Alexander Selkirk und erreichen "
in Windes Eile " mit dem Flugzeug jenen zeitlosen Ort, der
Urlaub heißt. Er könnte irgendwo liegen und Paul Nizan
meldete schon lange vor dem Beginn des Massentourismus berechtigte
Zweifel über diese Art des Reisens an : " Wer ein
waches Bewußtsein hat, dem wird schon bei der ersten Landung
klar, was die Wahrheit der Reisen ist. Er ist nach Singapur oder
nach den Marquesas aufgebrochen und hat sie schon entdeckt, bevor
er den Bittersee und die desolaten Squares von Suez passiert hat."
Gesichtskreis
( horizon kyclos )
Früher flohen wir aus dem Lokalen, der
Begrenzheit eines vertrauten Ortes, der unseren Kopf beschränkte,
der unser Bewußtsein begrenzte, der einen Limes durch
unseren Kopf zog, in die Fremde. Das Neue, neue Länder
und neue Geschichten winkten in der Ferne, in der unendlichen
Weite der göttlichen Welt. Oder anders ! Meer und
Himmel, beide zusammen formen für den Seemann eine perfekte
Linie die man Horizont nennt. Und diese Linie bildet zugleich die
Begrenzung, das Ende des Gesichtskreises ( horizon kyklos ),
hinter dem nichts mehr kommt als das Hörensagen. "Ich
bin herumgefahren," berichtete der englische Ritter John
Mandeville der angeblich hinter diesen Horizont der damaligen Zeit
gereist ist "und habe viele wunderbare Städte und
Königreiche gesehen (...) Und ich habe dieses Buch in
französischer Sprache verfasst, weil nicht jedermann Englisch
redet, noch jedermann Latein versteht. Und falls ich mich jetzt
bei einigen Dingen irren sollte, die ich hier berichte, weil sich
viele Dinge im Lauf der Zeit verändern, die vor langer Zeit
so gewesen sind, bitte ich die Leute, daß sie das
berichtigen. Denn einer kann sich nicht bei allen Dingen in
gleichem Maße an alles erinnern. Daher möge mich der
schelten, so wie er meint recht zu haben." Oh, die
Zeiten haben sich geändert !
Heute kann ich mit
George dem Maler und Copyboy aus Brooklyn über die Musik, die
Malerei und die Ansichten sprechen, als lebten wir Tür an
Tür. Gerade so, als teilten wir schon seit Jahrzehnten
dieselbe "Lokalität", denselben "Ort",
dieselbe große Stadt. Wir verstehen uns, wir
sprechen eine ähnliche Sprache (und ähnlich deshalb,
weil ich nie ganz den kulturellen Reichtum des amerikanische
Englisch erfassen werde), wir reden über Dasselbe, dieselben
Bücher, dieselben Filme, verständigen uns über
ähnliche Eindrücke. Es scheint ganz so, als ob
sich unser Horizont erweitert hätte. Und scheinbar im selben
Maße, wie unsere Fähigkeit erweitert wurde, Aphorismen
(aph-(h)orizein) zu produzieren und über diese Grenzlinie zu
sprechen. Doch nein ! Ganz im Gegenteil ! Wir
gehören lediglich einer Generation an, die den selben
kulturellen Horizont an Karten und Bildern verwendet. Die Dasselbe
in Karten und Bildern sieht. Die einen ähnlichen Horizont
hat. Aber die Begrenztheit, (der Horizont) ist nach wie
vor dieselbe geblieben wie bei Homer oder Sir John Mandeville,
wenn wir anderes beschreiben sollen. Dieser Horizont ist
etwas, das unsere Wahrnehmung erreicht hat durch die Verwendung
neuer "Augen und Ohren": Telephon, Fernsehen, E-Mail und
Tourismus. Was uns von dort erreicht - durch die neuen Medien
- ist der weit ausgreifende, moderne, kommunikative
"Gesichtskreis" der Länder des Westens. Wir haben
uns global so weit angenähert, daß wir uns verstehen.
Was wir jedoch nicht mehr verstehen, ist, über einen
"eigenen" Horizont zu gebieten. Es bleibt nur noch das
Bedürfnis danach. Nach der Heimat, der originären
Landschaft unseres eigenen Gesichtskreises. Das kostbare Terrain
der Phantasie, das seine Impulse aus der Tradition empfängt.
Darin besteht das Paradoxon des Horizontes.
Sainte
Terre ( Thoreau )
Ganz zu Beginn seines Essays "Walking"
erläutert der amerikanische Nonkonfomist Henry David Thoreau
das Herkommen des mittelenglischen Wortes "saunterer."
Nämlich als die Bezeichnung müßiger Menschen, die
im Mittelalter herumschweiften und die Gastfreundschaft benutzten,
unter dem Vorwand ins heilige Land - "a la Sainte Terre"
- zu pilgern. Daraus wäre dann der Kinderruf
geworden: "Hier geht ein Sainte-Terrer ! - ein Saunterer."
So ganz ernst nimmt Thoreau seine Etymologie schließlich
nicht, denn er bietet eine zweite Deutung des Wortes an.
"Sauntering" könne sich auch von "sans
terre" herleiten, "Saunterer" wären also
Menschen, die keine bestimmte Heimat haben und somit überall
zu Hause sind, denn das ist das Geheimnis des erfolgreichen
Pilgers (nämlich ins heilige Land zu wandern). Aber
einer, der nur still zu Hause sitzt, und sein Vermögen mehrt,
- meint Thoreau verschmitzt - "ist vielleicht ein größerer
Vagant und Müßiggänger, als der ‚Saunterer',
der nicht müßiger ist als ein mäandernder Fluß,
der nur den kürzesten Weg ins Meer sucht." Wer darin
eine Aufforderung zu exzessivem Reiseunternehmungen sieht, wird
von dem Querdenker Thoreau schnell enttäuscht. Seine
Wanderungen führen nicht nach Jerusalem und noch nicht einmal
zu den Niagara Falls. Sie führen nur in die nähere
Umgebung von Concord, Massachusetts. Denn: "Meine
Umgebung bietet viele schöne Spaziergänge; und obwohl
ich viele Jahre beinahe jeden Tag gewandert bin - manchmal sogar
mehrere Tage hintereinander - habe ich sie noch lange nicht
ausgeschöpft. Eine völlig neue Aussicht ist mir eine
große Freude. Und ich kann sie fast jeden Nachmittag
bekommen. Zwei oder drei Stunden des Wanderns führen mich in
ein fremderes Land, als ich es mir erträumte. Und ein
einzelnes Bauernhaus - das ich vorher noch nie gesehen hatte -
gilt mir manchmal so viel, wie die Besitzungen des Königs von
Dahomey. Und tatsächlich finde ich eine seltsame
Harmonie zwischen den Möglichkeiten der Landschaft, die
innerhalb eines Kreises von zehn Meilen liegt, oder eines
Nachmittagsspaziergangs, und den dreimal zwanzig Jahren ( und
wenns hoch kommt noch zehn Jahre dazu ) eines menschlichen Lebens.
Man wird nie ganz vertraut damit werden." Thoreau als
Prophet der Wildnis am `Walden Pond` hat heute seine scheinbar
unfreiwillig komischen Seiten, wenn er zum Beispiel einen Sumpf
als "sanctum sanctorum", als Heiligtum der Heiligtümer
bezeichnet. Was er jedoch meint, ist, daß die Wildnis das
einzig erneuernde Element der amerikanischen Zivilisation
darstellen sollte. Solch einer kargen Erde entsprangen schließlich
auch Homer und Konfuzius und die biblischen Propheten, die sich
ausschließlich von Heuschrecken und wildem Honig nährten.
Eine Kost, die für Thoreau als besonders "wild"
galt. Das Rätselhafte an Thoreau ist, daß er zwar
den amerikanischen Horizont findet der sich immer nach Westen
erstreckt, aber genau dies ist auch die Richtung der Trapper, der
Eisenbahn und der konföderierten Kavallerie. Es ist eine
elliptische Bahn, wie die eines Kometen. Und wie ein Komet kehrt
er immer wieder zurück an seinen Ausgangspunkt - Concord.
Die "wilden", natürlichen Dinge bleiben für
ihn jedoch der Hauptgegenstand seiner "frommen"
Wanderungen. Thoreau ist zwar der Feind der
Kolonialisierung des Westens, dieser Verwandlung des "wilden"
Sumpfes in Ackerland, diese Umwandlung des "Wilden" in
die kultivierten Rasenflächen des Geistes. Und er findet
nichts als Spott für seine Zeitgenossen, deren Gehwerkzeuge
durch den Kommerz wie gelähmt zu sein scheinen. Doch
deutet sein "Weg in die Wildnis" in dieselbe Richtung,
nach Westen. Aber auf anderen Wegen ! "Manche
reisen gar nicht; Andere nur auf Schnellstraßen; Wenige über
Land. Straßen sind nur für Pferde und Geschäftsleute
gemacht. Und ich wandere nicht oft auf diesen Straßen im
Vergleich zu diesen. Weil ich eben nicht in Eile bin eine
Gaststätte, ein Geschäft oder einen Pferdewechsel zu
erreichen zu denen Straßen führen. Ich bin mir selbst
ein zu gutes Pferd um auf den Wegen zu kleben."
Nostalgia
Es gibt die kultivierten Gärten im
Fremdenverkehrsprospekt, es gibt den gepflegten englischen Rasen
der Vorstädte und es gibt die Gärten unserer Vorstellung
und unserer Erinnerung. Mag mein Garten immer wild und
ungepflegt sein. Mag sich darauf niederlassen, was immer an Dingen
vorhanden ist. Ich lasse es kommen wie es kommt. Denn wie
Lukrez schreibt, ist in der Natur "sicher und
klar verfügt, wo jedes (Ding) wachse und wohne."
Aber der andere Garten ... ! Wenn man in etymologischen
Schleifen um den Garten geht, der in zwei Sprachfamilien noch
beides ist: Form und Inhalt. Nämlich "garda"
im Gotischen - das Gatter. Etwas, das ausschließend ist -
etwas, das den Eindringling ausschließt. Aber auch
den Esel einschließt, der weiß, daß das Gras auf
der anderen Seite (der nicht Ereichbaren) immer grüner ist.
Das erreichbare Gras innerhalb des "garda" mag
strotzen vor Grün, aber Buridans Esel kann sich trotzdem
nicht entscheiden zwischen den Möglichkeiten. Es
gibt delikate Kräuter im Garten, die unendlich süß
duften, aber das hastig zusammengeraufte trockene Heubündel
außerhalb des "garda" ist dem Esel immer
begehrenswerter als leichter erreichbare Dinge. Denn das Neue
ist immer besser als das Alte ! Aber laß nur einige
Jahre vergehen und das nun sattsam bekannte Neue wird unweigerlich
zu etwas Altem. Und die Gefühle und die Erinnerung werden zu
einer rückwarts gewandten Utopie, die jetzt Natur heißt.
Nicht, daß damals alles besser war - beileibe nicht - aber
in der Nostalgie scheint jetzt etwas auf, das emotional deutlicher
scheint als das Neue. Umgeben von der Vielfalt der
technischen Langeweile, sehnen wir uns auch nach der Einfalt des
Natürlichen - den nahen überbleibseln einer ALTEN Welt.
Deshalb ist ein gewichtiges Moment des Reisens, auch des
Massentourismus, die Nostalgie. Nach einem Leben das voller
schrecklicher Ereignisse war schreibt George Gissing in seinem
Reisebuch "Am Ionischen Meer":
"Ich
werde auf das Ionische Meer blicken, nicht nur vom Zug aus oder
von einem Dampfschiff, und mit einiger Muße: Ich werde die
Küsten sehen wo sich einst die die griechischen Städte
Tarentum and Sybaris, Croton and Locri befanden. Jeder Mensch hat
seine eigene geistige Leidenschaft; und die meine ist es, dem
Leben wie ich es kenne zu entfliehen und mich in jene alte Welt
hineinzuträumen welche die phantasievolle Freude meiner
Kindheit war. Diese griechischen und römischen
Städtenamen ziehen mich ungeheuer an; sie machen mich wieder
jung und bringen die deutlichen Eindrücke jener Zeit wieder
zurück, als jede neue Seite eines Buches - seis in Griechisch
oder Latein - eine neue Erfahrung von wunderbaren Dingen war. Die
Welt der Griechen und Römer, das sind meine romantischen
Länder. Und ein Zitat aus einer dieser beiden Sprachen erregt
mich auf eine besondere Art und Weise. Es gibt bestimmte Passagen
in Griechischen oder Lateinischen Versen, die ich nicht lesen
kann, ohne daß meine Augen anfangen zu tropfen und die ich
nicht laut zu lesen vermag, weil sonst meine Stimme versagen
würde."
Dieses Alte ( diese alte Welt ) ist
im Grunde eine Suche nach dem Verborgenen. Nach dem, was wie ein
Blitz hervorkommt an Erinnerung. Eine Suche nach den Welten, die
möglich gewesen wären, aber nicht geworden sind. So
kommt der "Suche nach der verlorenen Zeit" eine süße
unbestimmbare Gewalt zu, die wiederum das Neue in ihnen vollkommen
auslöscht. Die Landschaft wird nirgendwo besser definiert als
an ihrem Verschwindepunkt. Sie entsteht erst richtig, während
sie verschwindet. Denn sie besitzt unsere Seele, indem sie in
unserer Erinnerung nistet wie ein Gespenst. Beim Wandern oft
eine Langeweile an der Langsamkeit des landschaftlichen
Vorbeiziehens. Da wir eine Karte im Kopf haben die bis nach
Usbekistan reicht und noch weiter bis zum Mond , zum Saturn, zu
den Magellanschen Wolken bis zu den Quasaren reicht, sieht unsere
"geographische" Seele sich als einen winzigen Punkt der
von Stein zu Stein, von Flechte zu Flechte, also gemächlich
von einem Atom zum Anderen reist. Man kommt schlecht voran und
obwohl man weiß, daß es so gut ist langsam zu reisen,
zu wandern, und von einem Ding zum Anderen zu vagieren, denkt man
oft an einen schnelleren Weg. Später jedoch ein Ziehen in
der Brust, ein Verlangen, eine Sehnsucht, diesen blauen Himmel,
das ferne Meer, das Kläffen eines Klosterköters, das
vergilbte Sammelsurium einer Einsiedlerklause noch einmal
wiederzusehen. All diese Eindrücke werden nicht abgetragen
von der eher gleichgültigen Eindrucksflut unseres modernen
Alltags, sondern entstehen unwillkürlich als Kontrast zu
ihm. Auch das Wasser wird schließlich zu etwas, das
nicht unwillkürlich aus der Leitung fließt, sondern
unseren Durst stillt. Ein Berg ist Etwas, das man erst ersteigen
muß, um ihn sehen zu können. Und unsere Seele -
das unmaterielle Sublime - macht daraus ein nostalgisches Relikt,
das uns manchmal und unverhofft überwältigt. Übrigens
betrachte ich gerade die Stereoaufnahme eines Weizenfeldes bei
Zülpich in der Eifel. Vor langer Zeit stand darauf eine
römische Villa. Wenn es ein sehr trockener Sommer ist,
behindern die immer noch vorhandenen Grundmauern den
Wassernachschub und beeinträchtigen das Getreidewachstum. Mit
dem Segelflugzeug könnte man die Umrisse des einstigen
"hortus" sehen, des Hortes. Die vergangene Landschaft
unter der Landschaft. Denn zweifellos haben unsere neuen
Verkehrsmittel auch die Landschaft als einen Erfahrungshorizont
verändert.
Weltschnelligkeit
" Das Reisen wird nämlich in genauem
Verhältnis zu seiner Geschwindigkeit stumpfsinnig."
John Ruskin
" Welch ein wildes
eigenartiges Vergnügen, nachts in meiner Koje in dem
luxuriösen Salonwagen zu liegen, gezogen von dem mächtigen
Baldwin - der mich umfaßt und auch erfüllt mit der
geschwindesten Bewegung und der ruhelosesten Kraft."
Walt Whitman Die Eisenbahn erschließt die
Räume und vernichtet den Raum dazwischen - die Landschaft.
Die Gesichter die an den Zugfenstern des Interregio von
Heidelberg nach Frankfurt "kleben" und späten
sommerlichen Blumen und Feldern nachschauen, sehen so nicht
"Landschaft", als ein sich nur langsam veränderndes
"Stilleben" das sich in Perspektiven auffächert,
sondern erfahren eher den geographischen Raum den die Eisenbahn
durchzieht. Denn man möchte ankommen ! Man reist
nicht mehr ins Schicksal über Stock und Stein, über die
Heide, übers Land oder über die Wasser des Mittelmeeres
wie Odysseus, sondern hat schon genaue Vorstellungen über den
Ort den man schließlich und "letzten Endes"
erreicht. Und während wir fahren, wissen wir schon,
daß der Ort, den wir erreichen werden, uns nie mehr völlig
überraschen wird. Denn schon ist Er beschrieben und
eingebettet in eine Ordnung, die nie wieder die Grenze zum
Unwahrscheinlichen überschreiten wird. So ist also
nicht die Schnelligkeit, mit der wir heute reisen das
entscheidende Moment moderner Fortbewegung, sondern das schon
Bekannte des Ankunftortes - und also das Ende der Wunder. Im
Gegensatz zu dem englischen Ästheten Ruskin begrüßt
der amerikanische Dichter Walt Whitman die Geschwindigkeit, die
für ihn aber eher eine "poetische und nationale",
eben eine amerikanische Geschwindigkeit ist. Aber wie Thoreau
sieht er zuweilen im Handel, der zunehmenden "Geschaftelhuberei"
(besonders der Südstaaten) das Problem:
"Licht
und Schatten, diese seltsame Übereinkunft von Körper und
Identität, diese Gier, die gefällig alles verschlingt.
Und endloser Stolz und endlose menschliche Eroberung -
unaussprechliche Freuden und Sorgen. Und das Wunder, das jeder
sieht in Allem, zu jeder Zeit - für immer. Gegen was
hast Du das eingetauscht, Kamerad ! Für Dein bißchen
Handel mit Weizen. Für Deinen kleinen Laden ? Oder um eine
Position im Handel einzunehmen. Daß ein müßiger
Gentleman oder seine Lady mit Deinen Gütern sinnvoll seine
Freizeit ausfüllt. Denkst Du denn, daß der Inhalt
der Landschaft und ihre Form nur darin bestünde, daß
sie gemalt würde ? Und daß an Männern und Frauen
nur das Romanhafte wichtig ist? Und daß Lieder nur Klang
sind, nichts sonst?."
Das romantische Piktoreske
entsteht gleichzeitig mit dem "Handel und Wandel",
entsteht gleichzeitig mit dem immer schnelleren Austausch der
Güter, durch Kommunikation. Durch Schnelligkeit. Wer
darüber etwas über diesen Prozess erfahren will, lese
Knut Hamsuns "Markens Grode" ( zu deutsch: "Segen
der Erde"). Die Eisenbahnschwellen verbinden konkrete
Orte mit anderen konkreten Orten. Und das Abenteuer des Reisens
verschwindet immer mehr und mit ihm seltsamerweise das NEUE der
Dinge. ALLES scheint sich mehr oder minder zu gleichen. Und wenn
das Fremde einmal nicht ( mit der "übrigen" Welt )
zu kommunizieren scheint, dann ist es nur eine Frage der Zeit, daß
sie endlich kommuniziert. Der Zug ist heute eine reine
Fortbewegungsmaschine, die nur durch den Zufall Landschaften dem
Blick eröffnet. Es gibt sie dennoch und mehr als an den
Autobahnen. Trotzdem ist jeder Eindruck zu kurz, um sich
einzuprägen. Und wozu auch ? Ich möchte von einem Ort
zum Anderen gelangen. Ich will ankommen. Ich komme an
und bin bald zu Hause - in vertrauter Umgebung.
Das
Nest
" In einem Palast gibt es keinen Winkel für
die Intimität." Baudelaire
Eine Karte zu
zeichnen. Nichts leichter als das. Doch wie schwer, das Innere der
Karte in die Welt zu zeichnen. Leicht, denn die ganze Erde ist
bereits vermessen, geschätzt und eingeteilt. Es ist leichter
meinen Standort - auf Längen- und Breitengrade genau - zu
errechnen, als mein Zuhause, mein Heim: Den Intimitätswert
eines inneren Raumes, welcher sich schwerlich auf einer
geodätischen Mission durch Triangulation ermitteln läßt. Wo
ist also dieser Ort, dieses Haus, das ich bewohne ? Aber
stellen wir diese Frage zunächst zurück, die andere
schon, mehr schlecht als recht, beantwortet haben und behalten wir
nur im Auge, daß sich die Geographie, die Beschreibung der
Erde als Netz über Küstenlinien und Bergzüge, im
Allgemeinen auf einen Bezugspunkt, einen Nullmeridian bezieht. Es
gibt ein ganzes Buch über diesen Raumpunkt in der Dichtung -
ein viel zu wenig Bekanntes. In der "Poetik des Raumes"
erinnert uns Gaston Bachelard an das Eingangskapitel von Victor
Hugos "Notre-Dame de Paris" : "Mit einem
kurzen Satz verbindet Victor Hugo die Bilder und die Wesen in der
Funktion des Wohnens. Für Quasimodo, sagt er in Notre-Dame de
Paris, ist die Kathedrale nacheinander Ei, Nest, Haus, Vaterland,
All gewesen. Man könnte fast sagen er habe ihre Form
angenommen wie eine Schnecke die Form ihres Muschelhauses annimmt.
Das war seine Wohnung, sein Loch, seine Hülle ... er hing
daran wie eine Schildkröte an ihrem Schild. Die zerklüftete
Kathedrale war sein Panzer." über das Nest
schreibt Bachelard weiter : "Die Entdeckung eines
Nestes versetzt uns in unsere Kindheit zurück, in die
Kindheit ganz allgemein. In Kindheiten, die wir hätten haben
sollen. Selten sind diejenigen unter uns, denen das Leben das
volle Maß seines kosmischen Bezugs gegeben hat." Und
schon scheine ich einen dieser Nullmeridiane gefunden zu haben,
einen Bezugspunkt, der sich freilich auf ein Bewußtsein
bezieht, das seinen Ort gefunden hat in Bezug auf den Kosmos, die
Natur.
Den
Baum vor lauter Bäumen nicht finden
Vom Fenster meiner Wohnung aus sehe ich eine Buche,
der ich meine Vorstellung vom Wesen des Blattes verdanke.
Biegsame Gräser schwanken hin und her, selbst bei leisem
Wind, während sich die Blätter der Buche kaum zu bewegen
scheinen. Es gibt nur ein sanftes Einschwingen, ein kaum
wahrnehmbares Einlassen der leicht bewegten Lüfte, ein
Wegwinken. Man bewegt sich wie ein Blatt im Wind, das
heißt, man läßt die Gewalt des Windes, der Luft
vorüberströmen und bewegt sich selbst kaum um einen
Millimeter. Bei sehr starkem Wind rollen sich die
Blätter des Baumes jedoch schließlich ein, und
verkleinern damit ihre Oberfläche. Mit seinen
starken Wurzeln und seinem dicken Stamm wird der Baum zu einem
umgekehrten Schiff, das - anders als die hölzerne Karavelle
von Kolumbus - bei Wind seine Segel einzieht. Trotzdem
kann man manchmal "den Wald vor lauter Bäumen nicht
sehen". Aber dieses Sprichwort ist so lange
unwillkürlich benutzt worden, daß man wiederum nicht
mehr genau begreift was es eigentlich bedeutet.
Jemand
könnte zum Beispiel sagen, dieser Text verzettele sich in
Einzelheiten, während die Sicht auf das Allgemeine, den Wald
ausbleibt. Nämlich, wie nämlich ist der Wald
beschaffen ? Wie steht es mit der Gesellschaft oder mit der Sache
des Menschen ? Jeder seriöse Wissenschaftler weiß,
daß man dieses Allgemeine, diesen Wald nie genau bestimmen
kann. Man weiß, daß der Wald aus Bäumen (aus
Einzelheiten) besteht und man weiß, daß diese
Einzelheiten einen Sinn, eine Erklärung hergeben müssen.
Es können auch mehrere Erklärungen des Gleichen sein.
Aber Nichts (keine Einzelheit) kann ohne Erklärung einfach
für sich bleiben. Unsere Gesellschaft (unser Wald)
kann keinen Baum für sich lassen, ohne ihn als Ensemble (als
Baumgesellschaft) zu sehen. Ohne das Eine oder das
Andere erschöpfend zu klären. Daher: ein einzelnes
Wesen finden in der Vielheit. Den Baum sehen trotz der vielen
Bäume, trotz und gerade wegen des Waldes. Etwas Einzelnes,
Unwiederholbares, Wundersames sehen, der Gleichförmigkeit zum
Trotz. Klarheit und Vielfalt. Wie oft werden wir genötigt,
das eine zugunsten des anderen aufzugeben ? Und meistens zugunsten
des scheinbar Klaren ! Und jetzt erst lese ich in Ernst Blochs
" Leipziger Vorlesungen " über Platons "
Theaitet ", der Erkenntnistheorie :
" Die
Sinnlichkeit, (...) - gibt nur Vielheit, > sensus dat
pluralitatem < (...). Ich sehe durch die Sinne niemals
Begriffliches, niemals Ideen, niemals Gattungen, ich sehe nur hic
et nunc, das Hier und Jetzt, und immer geteilt, hier eine Nase
dort eine Augenbraue, hier eine Tür und dort eine Lampe und
hier diese Decke; das Deckenhafte sehe ich mit den Sinnen nicht.
In der Schau sehe ich es, aber nicht mit den Sinnen. "
Aber es liegt etwas in der Luft, eine Krise, ein Sturm
kündigt sich an. Der Himmel verdüstert sich und eine
schwere Stille liegt über der Landschaft. Zeit, die Fenster
zur Welt zu schließen und die Leinwandbahnen einzuholen, die
zum Bleichen auf den Feldern Harlems liegen. Zeit die Blätter
meines Manuskripts vom Garten ins Haus zu holen. Zeit die Segel zu
streichen, den Blütenkelch zu schließen, die Segelallee
zu reffen. In stürmischen Zeiten kommt es ganz darauf an,
unsere Oberflächen zu verkleinern, sie im Idealfall auf den
Punkt, sie zum Verschwinden zu bringen in einer Singularität
des Raums. Denn was nützt mir meine freie Beweglichkeit,
meine kardanische Aufhängung, meine Sensibilität, die
auf leiseste Bewegungen reagiert, wenn sie mit der Gewalt der
Krise konfrontiert wird ?
Das
Auge des Namens
Nicht die Götter " elohim " schufen am
Anfang Himmel und Erde, sondern ein zorniger, eifernder Gott -
Jahwe - der den Plural in sich nicht mehr duldet. Am Anfang war
das Chaos und am Ende, sechs Tage später, eine gewisse
Ordnung, ein Garten, in den der Adam der St. James Bibel
hineingesetzt wird. 1:31 And God saw every thing that he had
made, and, behold, [it was] very good. (Und Gott sah Alles und
siehe "Es" war vollendet.) Und damit ist Alles
gesagt. Das große Geheimnis der Schöpfung besteht
darin, daß GOTT geblendet ist von seiner Vollkommenheit. Er
sieht nichts als das große Gesetz, das Dharma der Welt. Es
ist ein Blinder, ein geblendetes Alles, das in Gang setzt, was er
im Einzelnen nicht mehr übersieht. Vor allem aber erkennt
er das Leben nicht. Deshalb benennt Adam, das sterbende Auge,
die Einzelheiten, die Eigenschaften, die Namen der Dinge. Und
deshalb soll Adam paradoxerweise sterben an der Welt. "
Die Welt wird mit dem Auge erlöschen. Alles wird im
Beginn gesagt sein. " Edmond Jabés
Denn
wenn Adam sein Auge schließt, wird alles wieder vollkommen
sein. .Wenn die Welt für Adam zuende ist, wird in diesem
Tod alles wieder so sein wie am ersten Tag. Doch wozu
dieser Umweg des Lebens ? Und wozu Sein, wenn Nichtsein der Weg
ist, dein Auge, meines, und das Auge Adams zu schließen ?
Der Name der Zeit
2:20 And Adam gave names to all
cattle, and to the fowl of the air, and to every beast of the
field; but for Adam there was not found an help meet for him. Die
Benennung der Welt ist die harte und erschöpfende Arbeit des
Lexikographen, des Enzyklopädisten oder des vergleichenden
Anatomen. Aber Adam, der den Wesen einen Namen gab, war nicht
Diderot oder Cuvier, die aramäischen Hirten Palästinas
hatten solches nicht im Sinn. Und daß Adam den
Dingen ( den Tieren ) einen Namen geben soll, hatte ursprünglich
keineswegs den Sinn, daß er Namen verteilte, oder den Dingen
einen Namen gab. Sondern dieser Riese der hebräischen
Mythologie Adam erkannte lediglich, daß alle Tiere zwiefach
vorhanden waren, also männlich und weiblich waren. Es ist
die konkrete Kenntnis der Fortpflanzung, der Sexualität, die
von den viehzüchtenden Beduinen des Orients mit besonderen
patriarchalischen Tabus belegt war. Zunächst ist
Adam, dann seine erste Gefährtin die Dämonin Lilith (
die aus minderem Material: Schmutz und Sediment geschaffen wurde
) Diese erste Ehe ging nicht gut aus. Denn Lilith war
eigensinnig. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, daß sie
genausogut war wie Adam. Was für ein Widersinn in einer
Gesellschaft von indoeuropäischen Hirten, die gerade das
Patriarchat erfunden hatten und es in alte Mythen gewaltsam
hineinzimmerten. Die neuen Geschichten erzählen von
Liliths zügelloser (matriarchaler) Sexualität, und so
wurde sie in der Mythologie zu einem furchtbaren Dämon. Der
zweite Versuch Gottes, eine Gefährtin für Adam zu
schaffen erzeugte die erste Chawah ( Eva ). Und Gott machte sie so
- wie sich sehr viel später Mary Shelley eine männliche
Chimäre vorstellte; zu einem seltsamen Geschöpf
kompiliert aus anatomischen Einzelheiten. Und Adam
schüttelte sich vor Widerwillen. Erst nachdem die zweite
Chawah ( die wirkliche Eva ) aus einem nutzlosen Körperteil
Adams , nämlich einer Rippe ( daher die Metapher "spare
rib", in manchen hebräischen Legenden ist auch von einem
äffischem Schwanz die Rede ) geschaffen wurde, akzeptierte
der Urmensch Adam(ar) diese dritte Gefährtin. So
weit jedenfalls die alten hebräischen Erzählungen. Man
wird nun zu recht fragen, warum "Gott" oder die
Kompilatoren der gültigen mittelalterlichen Thora in Spanien
sich der Mühe unterwarfen, die Sexualität erst ins Leben
zu rufen ( zu "erklären" ), um sie alsogleich im
"Sündenfall" zu verdammen. Aber diese Frage ist
vermutlich falsch gestellt. Denn für die Juden in der
"Verbannung", der Diaspora, ging es zunächst darum,
aus ganz verschiedenen Volkserzählungen des Anfangs ( der
Genesis ) ein Ganzes zu schaffen. Es ging vor allem darum zu
erklären, warum der Mensch ein "Geworfener", ein
"Verbannter" aus der Geborgenheit einer ursprünglichen
Landschaft ist: nämlich dem Garten, dem griechischen
"paradisa", dem Wonneland. Und so will der "Sündenfall"
in der Thora eher erklären, woher diese "Aussetzung"
des Menschen kommt. Sie kommt wie im Buddhismus durch das
"Begehren", dem "Wollen", und die Bedingung
ist, daß die Schlange sagt: "nequaquam morte
moriemini." Nicht wirklich werdet ihr sterben !
Es wird keine wirkliche Konsequenz haben. Ihr werdet nicht
wirklich sterben, sondern nur irgendwann. Und dieses Irgendwann
wird der Tod sein. Vielleicht wird hier deutlich, was das
Faszinierende des mystischen "Judentums" ist. Es ist der
direkte Draht zu Gott, ohne die Vermittlung "halbgöttlicher"
Autoritäten wie etwa des katholischen Papstes. Hier
wird eine Menschwerdung beschworen, eine Entwicklung des Menschen
beschrieben, die zum "homo sapiens sapiens" wird, indem
sie gegen göttliche Gesetze verstößt und gerade
deshalb verstoßen wird, weil sie das göttliche Gesetz
im Sündenfall genau "erkennt" und im Einklang zu
Gott ( ein Allesseher der amüsanterweise vorgibt, nicht zu
sehen ) dagegen verstößt. Denn hier bekommt die
Frage "Warum ?" einen völlig anderen existentiellen
Beigeschmack als im Christentum. Denn dieses "Warum" ist
nicht nur retorisch oder mystisch gemeint, um sofort von
scholastischen Spitzfindigkeiten beiseite geräumt zu werden,
sondern dieses jüdische "Warum" formuliert seinen
Zweifel wirklich. Und das heißt, "Gott, bist du
auch ein wenig das Böse und auch der Tod ?"
Dahinter erhebt sich die bläuliche Gebirgslandschaft
nicht des Orients, sondern des muselmanischen Spanien, der Berge
von Andalusien. Seit Bergson und Teilhard de Chardin ahnen
wir, seit bestimmten Schlüsselwerken des französischen "
Strukturalismus " wissen wir definitiv, daß die Worte -
oder besser die Sätze, die sich aus ihnen formen lassen, das
Wesen der Schöpfung ausmachen. Die Namen die Adam
den Dingen der Welt gab, erzeugten nicht nur sinnhafte
Identitäten, sondern erschufen durch die Erinnerbarkeit ihrer
Namen auch die Erinnerung selbst. Das Gute erschafft das Böse,
indem es wissentlich wegsieht. Erst indem Gott wissentlich wegsah
entstand die wirkliche Schöpfung. Und in diesem
Wegsehen und Vergessen der Götter bevölkerte sich
langsam und allmählich die Welt.
Animaux
- Belebtes
Die Schwalbe verkörpert für mich die
Treffsicherheit innerhalb eines langen Bogens, einer engen
Ellipse. Ihre Flugbahn wird so berechnet, daß der extremste
Punkt dieses Umlaufes um einen Punkt, zugleich der Langsamste ist.
Die Bewegung kehrt sich um und ermöglicht den kurzen
Kopfsprung der Schwalbe um das Junge am Boden zu füttern.
Mitten im Kreisen eine Bewegung, die unmöglich scheint
und dennoch möglich ist. Und die Fliege wandert von
einem Schnabel in den Anderen. Ja, Tiere sind " gut zu
denken ", schreibt Levy-Strauss irgendwo in " La pensée
sauvage ". Sein ganzes Werk ist ein Beweis dafür, daß
der Mythos, die Erzählung vom Tier ein mit Scharfblick
geschaffenes Kompendium über die Psychologie des Menschen
selbst ist. Und wenn wir genau hinsehen, öffnet
sich langsam unser inneres Auge und wir sehen, daß der
sogenannte Primitive in einer subtilen Welt des Sehens UND der
Bedeutungen lebte. Was für eine poetische und
verlorene Welt, in der die Menschen sich selbst betraten, und sich
in der Pflanze, dem Tier selbst begegneten durch die mythische
Erzählung. Die Letztere ein roter Faden durch ein
Labyrinth. Sollen wir es Welt nennen ?
Wasser
( Panta rei )
Der Rhein, der Rhythmus und der Rheumatismus. Drei
Worte die dieselbe Wurzel haben, den Fluß nämlich, der
vermutlich nichts anderes ist als die leichte Dünung des
Mittelmeers unter einem griechischen blauen Himmel: Rheûma
- der Fluß, die Strömung Rheîn - fließen,
strömen Alles fließt nämlich oder strömt
und verändert sich von einem Augenblick zum Anderen. Es ist
eine mikroskopische, aber auch eine makroskopische Bewegung.
Während ich den Fluß entlangrenne, der sich wenige
Kilometer später mit dem Rhein vereinigt, beobachte ich das
zerzauste Weiß der Wolken dieses Apriltages. Und irgendetwas
in mir - etwas das ich nicht genau bestimmen kann, weil ich es
nicht bestimmen will - freut sich an dieser sachten Veränderung
die auf eine unbestimmte Weise auch eine Wiederkehr des Gleichen
ist. "Und wenn ich wirklich leben würde",
so sagt der Dichter zu seinen Träumen, "wenn ich mir
wünschte zu leben - dann nur so." Eine
beständige, sachte Umwandlung des Gleichen. Eine leichte
Bewegung, die sich gleich bleibt im ändern. Eine Welle, die
stetig bleibt in all ihren Variationen. Und auf sachte Weise
vorwärtsdrängt. Doch indem der Mensch in der Lage
ist über das richtige Leben im falschen nachzudenken, hat er
seinen tierischen Körper schon verlassen. Und was bleibt ist
die kindliche oder romantische Sehnsucht wieder zu einer
Prästabilität, einer Harmonie der Dinge zurückzukehren.
Vielleicht ist es das, was wir schließlich "Landschaft"
nannten. Die Ruhe, die wir finden, wenn eine Wolke über
den "Animus", über unsere tierische Seele
streicht. Denn wir sind noch nicht so lange Nicht-Tier
um nicht zu begreifen, daß Alles in das Fließen
fließt, in den Rhein, in den Fluß, das Meer. Das Meer
aus dem wir kamen, das unsere erste Umgebung war und die wir ( in
unserem Blut verinnerlichten ), während wir langsam an Land
gingen. Das Meer, das es noch nicht gab als der Mond geboren
wurde und die Oberfläche der Erde so heiß war, daß
es nur dichte Wolken gab über einer lichtlosen, dunklen Welt.
Als diese Wasser niederschlugen in einem langandauernden Regen der
Milliarden Jahre dauerte. Diese Wasser, die die Täler der
Welt langsam auffüllten. Deren Masse aus zwei flüchtigen
Gasen besteht - und somit leichtbeweglich ist. Wasser,
das in Bewegung gesetzt wird durch das Kreisen des Mondes. Der
somit die Wellen und die sanfte Dünung des Mittelmeeres
erzeugte, über die "Heraklit der Dunkle" an der
Ostküste des griechischen Archipels so lange nachdachte, daß
ihm ein Satz in den Sinn kam : " Panta rei - Alles fließt.
" Und noch immer entspricht der Salzgehalt unseres Blutes
dem des Meeres, das die ersten Kohlendioxyd erzeugenden
Mikroorganismen umspülte. Und vielleicht entspricht der Mond,
der die Gewässer in Bewegung setzt, unserem Herzen, das unser
inneres Meer bewegt. Makrokosmos und Mikrokosmos. Aber ein
Rhythmus. Vielleicht erfand Herakleitos von Ephesos als Erster
"za" - das bedeutet auf chinesisch " sich
setzen ". Er war der Erste, der sich setzte, um zu
betrachten. Der Erste, der sich umsah in dieser Welt. Der Erste,
der sich nicht treiben ließ vom Puls, dem Impuls des
Herzens. Und etwas sah, das sich heute nur noch schwer in Worte
bringen läßt. Es ist dasselbe was der Chinese Tendo
Nyojo unter "shikantaza" verstand. "
Einfach in Stille sitzen." In der Nachfolge dieses Tendo
schrieb der japanische Meister des Soto-Zen Dogen über das
Wasser : " Wasser ist überall. Denk darüber
nach. Schau genau hin. Aber nicht so, daß Du, als einer der
das Wasser erblickt, denkst. Nein. Das Wasser denkt, das Wasser
erblickt. Das Wasser bezeugt das Wasser. Das Wasser erkennt das
Wasser. Das Selbst trifft auf das Selbst und geht mit ihm seinen
Weg. Das Anderselbst durchdringt das Anderselbst, geht mit ihm vor
und zurück, hinein und hinaus. "
"Gemessen
an meiner Ungeduld, ...
komme ich zu langsam zurück, oder besser: zu
langsam wieder herauf. Wir glaubten an die Welt zu denken und
denken nur an die Landkarte, und wenn man von Süden nach
Norden fährt, fährt man auf der Weltkarte von unten nach
oben. Im Himmel hat das keine Bedeutung. Der Norden liegt in allen
Himmelsrichtungen." Paul Nizan: Aden
Paul
Nizan, Schüler der "École Normale Supérieur"
und Jugendfreund Sartres, tritt 1926 mit 21 Jahre eine Reise nach
Aden an. Ein Jahr ist er dort (im kolonialen Yemen) als Hauslehrer
beschäftigt. Zurück in Frankreich wird er ein Jahr
später aktives Mitglied der Kommunistischen Partei
Frankreichs von der er sich 1939, kurz nach dem Hitler-Stalin-Pakt
trennt. Er stirbt 1940 in einem Rückzugsgefecht der
französischen Armee um Dünnkirchen durch eine deutsche
Kugel. Vorher schrieb er zwei hinreißende Pamphlete.
"Aden" ist eines davon. Es ist eine leidenschaftliche
Abrechnung mit der Welt des "homo oeconomicus", des rein
auf Gewinn rechnenden Menschen und seiner Mythen. Und ein Mythos
beschäftigt ihn vor allem, nämlich die Reise "Europas"
in den Osten. Die im Mittelalter beginnt und noch im Zeitalter der
Aufklärung eher eine Reise in die Utopie ist. Aber
die Reise im 20. Jahrhundert ist nichts anderes als eine
Eroberung, als eine Erschließung von "Erdöl- und
Gewürzproduzenten". Nizan verfügt nicht über
einen verengten marxistischen Blickwinkel, denn selbst das
Scheitern seiner Reise - oder seiner Flucht - bezieht sich auf auf
klassische Vorbilder. Denn: "Es gibt nur eine einzige
Art zu reisen, das ist die Reise zu den Menschen, die Reise des
Odysseus, wie ich hätte wissen müssen, wenn mir meine
humanistische Bildung etwas genützt hätte. Und sie endet
immer mit der Rückkehr." Und: "Wenn
man gesagt hat, daß es Landstriche gibt, wo man vor Kälte
krepiert, und andere, wo man vor Hitze umkommt, und daß man
nur in den Zwischenzonen erträglich leben kann, ist der
Poesie der Erde nicht mehr viel hinzuzufügen. Die Länder
sind keine Mitglieder eines Vereins noch Morallehrer oder
Missionare, die in der einen Ecke die Unordnung, in der anderen
die Ordnung predigen: alles ist in uns. Sie können uns von
nichts überzeugen." So ist die Landschaft also
vor allem eine Eigenschaft der Menschen. Man soll den Raum nicht
länger nach einer bourgeoisen Ästhetik betrachten - also
als etwas Schönes -, sondern als etwas das die Menschen
prägt, die in ihm arbeiten. Für den Bauern ist der Raum
nur etwas Vorgefundenes aus dem sich Nutzen ziehen läßt.
Und diese Bearbeitung des Raumes durch den Menschen ergibt erst
den Reiz, das scheinbar Exotische der Landschaft. Der Mensch
jedoch - und selbst seine Abwesenheit - ist nach Nizan das
prägende psychische Element der Landschaftsbetrachtung.
Es ist überhaupt die Frage der zwanziger Jahre:
"Gibt es also keine Geheimnisse mehr ? Und was tritt an
die Stelle dieses Suchens nach dem Fremden, dem Neuen, der Exotik
?" Der jugendliche Nizan beantwortet diese Fragen,
nach seinem entäuschenden Besuch "Adens", seiner
Erfahrung mit der schon ausgelaugten, zerlumpten Fremde der
kolonialisierten Landstriche, mit einer zornigen und deshalb auch
vagen, humanistischen Globalität: Der Norden ( die
mystische Richtung ) ist dort, wo auch der Mensch ist.
Arthur Rimbaud, dieser außerordentlich auto-aggressive
Dichter hatte Frankreich im Zorn den Rücken gekehrt und
schrieb aus Aden am 8. Oktober 1887 an die Seinen: "Ich
möchte am liebsten Schluß machen mit all diesen
verflixten Ländern, aber man hofft eben immer, daß die
Dinge sich zum Besseren wenden, und so bleibt man dabei (...). Und
dann, was soll ich in Frankreich ? (...) Zurückkehren hieße
mich begraben." Deshalb sind die gescheiten
französischen Idealisten der dreißiger Jahre Rimbaud
nachgereist. Für sie bedeutete das "Dableiben" in
Frankreich eine Art Begräbnis im schon gemachten Bett
maßgeschneiderter Anstellungen. Doch anders als Rimbaud -
der nur sterbend von Somalia nach Marseille zurückkehrte -
war Nizan zurückgekommen , um etwas Neues zu beginnen.
Nämlich um eine Familie zu gründen und dem arbeitendem
Menschen ( wie er ihn als freischwebender Kommunist verstand ) ein
Stück Würde zurückzugeben. Das Pamphlet
"Aden" selbst ist eine beißende Satire über
die Landschaften der Fremde. Port Sudan im roten Meer zeigt sich
am Horizont mit "niedrigen Palmen auf dackelartigen Pfoten"
und "längs der Kais drehen sich ganze Schwärme von
Haien ungeschickt auf den Rücken und betteln wie Bären
um Futter. (...) Sie sind genauso wie alle anderen Tiere."
Wie ein Taschenspieler dreht Nizan die Vorzeichen des
Bestiariums Lautreamonts einfach um. Denn zumindest im
Einflußbereich der Kolonialmächte vermag er nichts von
den gebleckten Zähnen der Natur zu sehen. Der Reisende sieht
nur domestizierte Wesen und Landschaften. Und Aden ist nur ein
Loch in einem Felsen, einem Gemisch aus Orient und britischen
Empire das nur dunklen Zwecken dient. "Diese Zwecke
heißen hier Krieg, Handel und Transit." Und soll
das alles gewesen sein ?
Landschaft
kopfumschlossen
In einem Eintrag seines "Chinatagebuchs"
erwähnt Victor Segalen 1911 den provenzalischen Dichter Jules
Boissière, der "seine schönsten provenzalischen
Gedichte in Hanoi schrieb." Und Segalen stellt ihn sich (
dieses Sich ) vor: "Mit lauten Worten hatte Boissière
seine Abreise herbeigerufen, kaum aber war er auf dem Schiff in
Richtung Asien, da träumte er nur noch von den Dichtern der
Provence und sanften Horizonten: ... Sounge i felibre esteba &
ich denke an die Dichter der Provence ... " Obgleich
zwischen der Geburt von Victor Segalen (1878) und Paul Nizan
(1905) nur die Zeitspanne einer Generation vergangen ist, könnte
der Grundtenor ihrer Schreibweisen nicht verschiedener sein.
Denn dazwischen lag der erste Weltkrieg und die
bolschewistische Revolution. Vielleicht war es deshalb
für Victor Segalen, der gleichzeitig Arzt, Reisender,
Philosoph, Poet und Archäologe in China war, noch möglich,
sich der Fremde, der Exotik, dem "Leib der Erde" zu
nähern, ohne den beißenden Schmerz der
Orientierungslosigkeit zu spüren. Bei Segalen gibt es den
Traum noch und die sanften Horizonte der Fremde. Eine Fremde, die
mit einigem Abstand der Reisenden wieder zur Provence oder zur
Bretagne werden konnten. Bei Segalen gibt es zwar eine massive
Kritik des europäischen Kolonialismus, aber es ist eine
Kritik, die noch zu hoffen wagte. Eine Hoffnung, die darin
bestand, daß das spirituelle Element, das Poetische des
Orients eines schönen Tages Europa verfeinern würde. In
China schrieb Segalen auch das Manuskript "Peintures"
(Bilder). Es handelt sich dabei um sehr poetische Kommentare zu
bestimmten chinesischen Tuschzeichnungen. Und eines dieser,
auch als magisch begriffenen Bilder, betitelte Segalen als
"Landschaft":
"Nicht viel Himmel, aber
sehr viel Erde. Aufgetürmte Hügel, die das Ergebnis
menschlicher Arbeit sind. Und als Zeuge der Maler und die Arbeit
der Erde. Wolken entfallen dem Himmel, die die Verkleidungen der
Berge enthüllen und durchbohren. Und Beides zugleich.
Dagegen die Ebene, als einfach nur da und notwendig.
überarbeitet, eingesäht und beerntet. Doch selten
gemalt. Niemand bezeugt hier das menschliche Maß
des Zeugens und Sähens."
Auf diesem Bild ist
Niemand zu sehen - jedenfalls kein Mensch. Aber heißt das
auch, daß Niemand in diesem Bild vorhanden ist ?
Segalen beantwortet diese Frage, indem er schreibt:
"Ihr
Betrachter dieses Bildes solltet noch genauer als ein Schauspieler
seine Rolle wahrnimmt, den Menschen nachahmen. Und zwar folgender
maßen: Indem das Wenige, das vom Himmel bleibt eure
Braue verziert. So wird der Bergrücken zu einer
Augenmaske."
Niemand scheint da zu sein als
deine eigene Präsenz ? Aber da ist noch die Landschaft, als
menschliche Haut begriffen, durchbohrt durch die Sinne - als
gewaltiger, erstaunter Ausdruck !
Kurt Wiessner
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