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Kurts
Büchertagebuch
Mittwoch, der 19.
Januar 2005
Über
das "Periplus des Erythraeischen Meeres" wieder bei der Ostkirche
gelandet. Der Kaufmann und spätere
nestorianische Mönch Kosmas Indikopleustes ( der
Indienfahrer ) berichtete im 5. Jahrhundert über
wohlorganisierte
christliche Gemeinden in Malabar, in der Gegend um Bombay und auf
Ceylon - den sog. Thomaschristen.
Kosmas, der Indienfahrer ist heute vor allem auch berüchtigt
wegen
der Propagierung einer "flachen Erde", die im Zeitalter der
Aufklärung als Indiz für die
Rückständigkeit der
christlichen Spätantike und des "Mittelalters"
propagandistisch
genutzt wurde.
Siehe hier auch das interessante Buch von
Krüger,
Reinhard: Das Überleben des Erdkugelmodells in der
Spätantike
Freitag, der 21.
Januar 2005
Erhellendes Essay
von Dieter Wenk im Web entdeckt: "Mode und Hysterie". URL leider nicht
mitgespeichert. Für den googelnden Zeitgenossen aber leicht
findbar.
Zitat:
"Denn
als System hat auch
Mode nicht primär mit Menschen zu tun, sondern mit
„Personen“ im
Sinne von „sozial identifizierten
Erwartungskollagen“, also
mit Masken,
die getragen werden, die selbst wieder von Marken gezeichnet sind, die
der Markt hervorbringt und auch wieder von ihm verschwinden."
Dienstag, der 25. Januar
2005
Heute nichts Besonderes.
Der Tag beginnt. Die Winter-Wolken ziehen. Ich gehe arbeiten. Ich lese,
mache
mir Notizen und lege mich hin um zu schlafen wie Jederman.
Donnerstag, der 27.
Januar 2005
"Jonathan
Strange & Mr.
Norrell" beendet. Ein
schöner und
märchenhafter ( flüssig zu lesender ) Roman, dessen
Poesie
mich sehr ( vor allem
am Ende ) an Ted Hughes "Crow" erinnert.
Mittwoch,
der 2. Februar 2005
Der Lyriker Craig Raine, Fellow in Oxford, Herausgeber der
vorzüglichen Literaturzeitschrift "Arethe" ist hierzulande
eher
unbekannt.
Hier besonders was "History - The
Home Movie" ( etwa:
Geschichte als Familienfilm ) betrifft.
Es geht hier um die Verknüpfung der Geschichte der russischen
Pasternaks und der Familie von Craig Raine. Raine ist mit einer
Nichte Boris Pasternaks verheiratet.
In diesem sehr bunten Poem, das von den
Jahren 1905 - 1984 reicht, wird man schwerlich eine
Glorifizierung des Kommunismus russischer Prägung erwarten
können.
Ich habe mir erlaubt eines der Gedichte vorläufig zu
übersetzen. Es handelt sich um der fiktiven Beschreibung der
Mumifizierung von Lenin (1924) - schon im Advent des stalinistischen
Terrors.
Seit einiger Zeit ist übrigens die Autobiographie Zbarskys (
dem
Mumifizierer Lenins ) im
Bücherramsch erhältlich.
1924:
Lenin nimmt ein
ausgedehntes Bad
Ein
Rückstand ? Ein
Kuriosum, eine Frage,
die
hier in Formalin schwebt
wie
ne trockne Aprikose,
versteinert,
bewahrt in Sirup,
mit
fünf versengten
Haaren,
Bestandteil
des Kompotts,
das
langsam zum Leben erwacht.
Kälte.
Shura
zieht den Mantel enger,
dessen
fallende Linien
unschön
ausbeulen
durch
unsichtbare Fäuste
-
eine
Fledermaus, die sich
einfaltet.
Pepa
Zbarsky, Ingeniör
der Chemie,
den
gewaltigen Bart als
Schürze vor der Schürze
tragend,
betrachtet
seinen Kollegen,
den
Architekten des Mausoleums
quer
durchs Labor und
lächelt:
„Genug
gesehn ?
Schamhafter ? Wirklich genug ?
Und
dies Ding nennt man
Pimmel !“
Schwarz
wie ne Trüffel,
ein
Kohlequerschnitt.
Sie
betrachten wieder Lenin,
der
versunken in seinem
Marinadebad
allmählich
in allen
Farben Sumatras gerbt:
Frische
Eichenrinde in
Lösung,
plus
Lanolin, Glyzerin,
und
Lebertran zu gleichen
Teilen.
Die
Blutgefäße
immer
noch überschwemmt
mit Formaldehyd.
Die
Gesichtsmuskeln sind
verhärtet:
Baumwolle
formt
die Augenlider,
Bindfäden
halten die
Kiefer zusammen
wie
eine Reihe von
Flaschenzügen,
rein
und raus, Nüster
und Scheidewand,
runter
und rüber hinter
die Lippen.
„Ich
mach ihn so zur
Tunke“
sagt
Zbarsky auf Englisch,
den
Kopf beugend
der
hin und her schwankt wie
die Schwanzfedern einer Ente:
Shakespeare.
Richard der
Dritte.
Gar
nicht schlecht für
einen Chemiker.
Bald
wird er für immer
so sein.
Ganz
nach der alten Methode
der Ausweidung.
Diese
Pharaonen wußten
schon Bescheid.
Laßt
eure englischen
Nadeln beiseite
Diese
Swann-Morton Stiele.
Nichts
geht über
Z-förmige Klingen. Bleiche ?
„
Wer braucht schon
Eosin oder Saffranin ?“
Zbarsky
grinst geziert
Und
küsst durch die Luft
die Leiche.
„In
weniger als einem
Monat,
wird
er so so hart sein wie
Bakelit,
durch
Amylazetat, das die
Motten fernhält.“
Shura
zieht den Mantel
dichter,
mit
beiden Händen
bündelt er ihn
fest
wie einen Theatervorhang,
während
Zbarsky weiter
Shakespeare extemporiert:
'Here's
fine revolution,
and
we had the trick to see't'
Shura
würde gern eine
fröhlichere Melodie pfeifen,
zum
Beweis, daß Lenin
tot ist,
doch
seine Lippen sind fest
versiegelt.
Formaldehyd ( Formalin, Carbolsäure ), das Wort entstammt
übrigens nicht nur der formalen Sprache der Chemie, das auch,
sondern kommt von Formica, der Ameise. Eigentlich ein stechend
riechendes
Gas, das die unangenehme Eigenschaft besitzt Eiweisse zu
härten.
Deshalb wird Formol im 19. Jahrhundert - auch später noch
zur
Desinfektion - zur Konservierung anatomischer Präparate
verwendet.
In Raines Poem kann man sehr genau beobachten wie Zbarsky bei Lenins
Präparation ( und um nichts anderes handelt es sich ) vorging.
P.S.: Kleine Handreichung für China Touristen:
Wer jemals das Bedürfniss verspürt in Bejing an Mao`s
Präparat anstehen zu müssen, sollte sich
Zeit nehmen
und mögliches Handgepäck vorher deponieren.
Dienstag, der 8. Februar
2005
Immer
schon wollte ich wissen
warum es heisst: hinterherkommen wie die alte Fastnacht.
'Er
kommt
henneno wie die alt Fasenacht'.
Die Bedeutung dieser Redensart ist kirchengeschichtlicher Natur.
"Im christlichen
Festkalender ist die Fastenzeit dem Osterfest vorangestellt, das auf
dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 auf den jeweils ersten
Sonntag
nach Frühlingsvollmond festgesetzt wurde. Der Ostertermin ist
daher beweglich und kann entweder gleich auf den 21. März
folgen
oder erst in den April fallen. Da die Fastnacht als Fest vor dem Fasten
der Fastenzeit vorausgeht ist ihr Termin ebenfalls beweglich und
bestimmt sich im Verhältnis zu Ostern durch die Länge
der
Fastenzeit.
Dadurch
verschob sich
auch die Fastnacht nach vorne und endet seither mit dem Dienstag vor
dem Mittwoch nach dem 7. Sonntag vor Ostern (Estomihi). Diese neue
Regelung konnte sich jedoch am Hochrhein gegenüber der
früheren Tradition nicht überall durchsetzen, wie in
Basel
und in Teilen des badischen Markgräflerlandes, wo man am
Termin
der 'alten Fastnacht' als 'Bauernfastnacht' gegenüber der
neuen
'Herrenfastnacht' weiter festhielt, so daß hier die
Fastnachtzeit
erst beginnt, wenn sie anderswo bereits zu Ende ist."
Zitat aus:
Röhrich,
Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten.
Freitag, der 18.
Februar
2005
Lese mit Gewinn Anita Albus' Buch "Die Kunst der Künste -
Erinnerungen an die Malerei". Man erfährt z.B. etwas
etwas
über den komplizierten Schichtenaufbau klassischer
Ölbilder -
die "Taten und Leiden des Lichts".
Oder wie Licht aussieht, "wenn es vollkommen sich selbst
überlassen ist", dass heisst Nichts reflektiert. Dann es ist
nämlich schwarz wie der "Weltenraum".
Dass wir die Sonne oder die Sterne sehen ergibt sich aus der langen
Entwicklungsgeschichte unserer Augen. Das klingt banal, heisst aber,
dass, bevor primitivste biologische Lichtsensoren entstanden, die Welt
- was die Wahrnehmung betraf - nicht vorhanden war.
Der schlimmste Meteroriteneinschlag auf der Protoerde war ja weder zu
sehen, zu hören , noch zu fühlen. Da helfen ja alle
Illustrationen nichts. Denn es war ja Niemand da.
Es ist also durchaus nicht banal , wenn Jachwe in der Genesis zuerst
das "Licht " einführt.
"Es werde Licht und es ward Licht."
Samstag, der 19.Februar
2005

Ein Bild - eher eine Vision - welches die Kamera in Glasgow aufnahm.
Was ich gesehen hatte, war dieses irisierende grüne Licht des
kurzgeschnittenen Rasens, das durch die Schatten der Bäume
erst
sichtbar und durch die Umbratöne des Sandplatzes geschnitten
wird. Dazu passte das rote Kinderfahrrad.
Im oberen Bildteil die Banalität eines Sommertages. Baumreihen
-
Wolken.
Was tatsächlich zu sehen war, ist auf diesem Bild nicht
enthalten.

So wie sie sich jetzt sehen, sahen sie sich später - auf dem
Photo
-
nicht mehr. Was sieht der heutige Betrachter ?
Mittwoch, 9. März 2005
Gavin
Menzies - "1421- Als
China die Welt entdeckte." Knaur TB 77766
Es scheint tatsächlich so , dass es in der frühen
Phase der
Ming-Dynastie Anstrengungen gab die Isolation Chinas durch Handel
zu beenden. So gelangte etwa 50 Jahre vor Vasco da Gama eine grosse
chinesische Flotte unter dem Admiral Zheng He die ostafrikanische
Küste.
Das lässt sich tatsächlich nachweisen.
Menzies geht aber einige Schritte weiter.
Er behauptet tatsächlich, dass die chinesische Flotte die
ganze
Welt umsegelt hätte und sogar die Nordost-Passage bezwungen
hätte.
Ärgerlich dabei ist, dass belegte Fakten mit einer
abenteuerlichen, spekulativen Mischung aus scheinbaren Entdeckungen
verquast werden.
Während es doch genügt hätte, ein neues
Kapitel in der
chinesischen Geschichte aufzuschlagen.
Spannend genug.
Schwach fällt auch seine Erklärung aus, warum das
China der
späten Ming schliesslich zu seiner Abschottung
gegenüber dem
"Westen" gelangt ist.
Das wäre die wichtigere Frage gewesen.
Über die Selbstgenügsamkeit Chinas in der
späten
Ming-Dynastie
handelt u.a. das Buch von Ray Huang:
"1587
- Ein Jahr wie jedes
andere" - Insel Verlag.
Donnerstag,
der 10.
März 2005
Nützliche
Website von Paul Halsell gefunden.
Chinese Accounts of Rome, Byzantium and the Middle East,
c. 91
B.C.E. - 1643 C.E.
Ein Faszinosum der Historiker des 19.Jahrhunderts war die
mögliche
Begegnung Chinas während
der Han-Dynastie mit dem
Rom unter Mark Aurel. Die
übrigens niemals stattgefunden hat.
Für Rom existierten lediglich die "Serer",
Völkerschaften im heutigen westlichen "China" der
Seidenstrasse.
Im griechischen Periplus
taucht zwar eine Stadt auf die "Thina" genannt
wird, die Informationen sind hier jedoch äusserst
dünn.
Der Sinologe Paul Halsell hat sich die Mühe gegeben, die sog. Jih-li
durchzuforsten -
tägliche Hofberichte, die es seit der Han-Dynastie gab.
Hier existiert vor allem ein kompiliertes "Wissen" um das
römische
Syrien
(Ta-ts'in), der Rest des Seuleukidenreichs,
das damals noch Babylonien (T'iao-chi) humfasste. Quellen waren
vermutlich die sog. nestorianischen christlichen Missionare und
jüdische Kaufleute die bis zum 2. Jahrhundert n.Chr. von der
religiösen Toleranz der Parther profitierten. Später
war den
Chinesen auch Byzanz (Fu-lin) bekannt. Ein Reich
mit dem angeblich lockere Tributbeziehungen bestanden.
Im Wen-hsien-t'ung-k'ao
des
Ma Tuan-lin ( ca.330 n.Chr. ) findet sogar die
Bibliothek von Alexandria ( Ali-san ) eine vage Erwähnung :
hier
gäbe es Hüter offizieller Aufzeichnungen und Fremde
die
fremdsprachige Aufzeichnungen übersetzten.
Dass man Bücher wegen ihrer literarischen oder philosophischen
Schönheit oder Wichtigkeit komplett archiviert ( der
philologischen Genauigkeit wegen ), ist den Han noch fremd.
Lesetipp:
"Die
Apostolische Kirche des
Ostens" von Wilhelm Baum und
Dietmar W.
Winkler.
Freitag,
der 11.März 2005
Doch wieder bei G.W. Leibniz angekommen.
Es handelt sich bei dieser Schrift verblüffenderweise u.a.
um den
"Bericht
über die jetzt endlich - 1692 -
erfolgte Erteilung der Erlaubnis, die christliche Religion in China zu
verbreiten; von Pater José Soares aus Portugal, Leiter des Pekinger Collegiums"
Von christlicher Religion findet sich bei Leibnizen jedoch nicht viel.
Er scheint eher an einer Aufklärung Chinas (
eigentlich Zhongguo;
etwa Reich der Mitte )
analog zu Europa interessiert zu sein.
Durch
eine
einzigartige Entscheidung des Schicksals,
wie ich glaube, ist es dazu gekommen, daß die
höchste Kultur
und die
höchste technische Zivilisation der Menschheit heute gleichsam
gesammelt sind an zwei äußersten Enden unseres
Kontinents,
in Europa
und in Tschina(so
nämlich spricht man es aus, das gleichsam wie ein Europa des
Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert. Vielleicht verfolgt
die Höchste Vorsehung dabei das Ziel - während die
zivilisiertesten
(und gleichzeitig am weitesten voneinander entfernten) Völker
sich
die
Arme entgegenstrecken -, alles, was sich dazwischen befindet,
allmählich zu einem vernunftgemäßeren Leben
zu
führen. Und es geschieht
nicht durch Zufall, glaube ich, daß die Russen, die durch ihr
riesiges
Reich China mit Europa verbinden und den äußersten
Norden
des
unzivilisierten Gebiets entlang den Küsten des Eismeeres
beherrschen,
unter dem tatkräftigen Bemühen des jetzt regierenden
Herrschers selbst wie auch
durch den ihn mit
Ratschlägen unterstützenden Patriarchen, wie
ich gehört habe, dazu
angehalten werden, unseren Errungenschaften nachzueifern.
Dazu noch eine Buchempfehlung :
"The
Memory Palace of Mario
Ricci" von Jonathan D. Spence
Samstag, der 12.
März 2005
Die Geschichte der Christianisierung Zentralasiens und Chinas durch die
nestorianische Kirche ( der apostolischen Ostkirche ) ist eher
unbekannt. Was
mich dabei fasziniert ist, dass es wohl eine konkurrierende
( zeitweise kooperierende ) Begegnung zwischen den
spätgnostischen
Manichäismus, dem
Mahajana Buddhismus und der Ostkirche entlang der Seidenstrasse gegeben
haben muss.
Ein paar Daten - ziemlich grob :
635 ( nach Gernet 631 - vermutlich falsch )
erreicht der
erste "nestorianische"
Missionar das Chang'an der Tang
638 Toleranzedikt des Tangkaisers Tai Tsung
gegenüber
den "Nestorianern".
732 ( 733 ? ) zum zeitlichen Abgleich: Karl Martell
besiegt
die Araber bei Poitiers
981 Keine Spur mehr von "Nestorianern" in
China
1063 "Nestorianischer" Metropolit bei den mongolischen Kithai in
Nordchina ( Liao Dynastie )
1124 Die erste katholische Mission erreicht Khanbalik ( nach den
Besuchen der Polos )
1318
Papst Johannes XXII. teilt Asien in zwei missionarische Bezirke ein.
Die Franziskaner sind für China zuständig. In Persien
( d.h.
Zentralasien ) missionieren die Dominikaner.
1608
findet der Jesuitische Priester Matheo Ricci nur noch Spuren der
"Nestorianer" in China.
Die Bezeichnung Nestorianer ist übrigens kirchengeschichtlich
falsch.
Wens interessiert, das China-Portal der Wikipedia ist mittlerweile
sehr gut. Es gibt hier u.a. die sog. 214 ( bzw. 224 oder 227 )
Radikale ( jap. Kanji ) der chinesischen Schrift. Grundbausteine
mittels derer komplexere Schriftzeichen in
Wörterbüchern oder
heutzutage auch im chinesischen Internetbrowser gefunden werden
können.
Open Office ( die Version 2.0 kann mittlerweile als Betaversion
heruntergeladen werden und verfügt über
eine SQL
kompatible Datenbank ) lässt sich meines Wissens neuerdings
schriftspezifisch einrichten. Also auch von links nach rechts.
Ausprobiert hab ichs jedoch noch nicht.
Auch NVU ( Version 0.81) , der Open Source Html Editor ist mittlerweile
so gut, dass man ihn relativ bedenkenlos für die eigene
Website
benutzen kann.
Ob Windows oder Linux.
Montag, der 14.
März 2005
Aus
Glasgow ( schon eine Weile
her )
die Essay und- Tagebuchsammlung des witzigen Stückeschreibers
Allan
Bennett mitgebracht ( der u.a. das Treatment für den Film
„The
Madness of George III“ geschrieben hat :„Writing
Home“
Drin
geblättert und
folgendes
Zitat von William Hazlitt gefunden:
„Good
nature, or what
is often
considered as such,
is the most selfish of all virtues:
it is nine times out
of ten mere indolence of
disposition.”
Ausserdem
hier noch ein Buch im
Ramsch.
„Mao“ von Jonathan Spence gefunden. Und wies der
Teufel
will,
hier schon wieder ein Hazlitt Zitat. Es bezieht sich auf die
Königsdramen von Shakespeare.
„Kings
ought never to
be seen on
the stage. In the abstract, they are very disagreeable characters: it
is only while living that they are “the best of
kings”
… Seen
as they were, their power and their pretensions look monstrous and
ridiculous.”
But
who the heck
was
WILLIAM HAZLITT ?
1778-1830
Ein
englischer Kritiker und
Essayist.
Ein politischer Radikaler, der Zeit seines Lebens an die
französische
und die amerikanische Revolution glaubte. Bewunderer von Napoleon und
das im England von Jane
Austen !
Studierte
Philosophie,
malte später Potraits. Dann Journalist mit dem Schwerpunkt
Theaterkritik.
Schlieslich
ein Meister des
literarischen Essays.
Schnelldenker,“a
wit“
auf diversen angesagten Parties seiner Zeit, pflegte die unumwundene,
direkte Rede jedoch „with stile“.
Schrieb so schnell
wie
er sprach. Deshalb entwickeln sich seine Essays relativ planlos um
ein Thema. Und häufen eher Argumente an, anstatt sie sich
entwickeln zu lassen.
Aber hey, das ist
eben
die Spannweite des modernen Essays. Es reicht vom konzisen
Aufsatz, in dem alles seine Ordnung hat und zu einem didaktischen
Ende führt, bis zum witzigen, verstolperten, behauptenden oder
pointierten Text.
Mittwoch,
der 23. März 2005
Über tolle Website des National
Institute
of Informatics gestolpert, das Digital
Silk Roads (DSR) Project. Eins
der Ergebnisse ist das "Digital
Archive of
Toyo Bunko Rare Books," eine Sammlung von 35
rare books (16
creators : 9,062
pages) über die Seidenstrasse und China. Alle Buchseiten sind
vergrösserbar, inclusive der Photos.
Ein paar Bücher sind leider nur auf Chinesisch, z.B. die
Aufzeichnungen der
Han Dynastie über die sog. "Yüe-tschi", ein
Volksgruppe an
den Oasenstädten der Takla Makan, deren Sprache zur westlichen
indogermanischen Kentumgruppe gehörte. Kentum wie
lat.
Centum=10. Daher der Name. Eine isolierte "indogermanische" Sprachinsel
in Zentralasien also.
Siehe auch Tocharer, Tocharisch in der Wikipedia.
Die "Tocharer" wichen vermutlich später unter dem Druck der
"Hsiung-nu", der
"Hunnen", nach Westpakistan aus ( Städte: Taxila und Ghandara
)
und
gründeten in der Nachfolge der graeco-baktrischen
Königreiche
das Kuschanreich.
Wie schon früher erwähnt war Lockwood Kipling ( der
Vater von
Rudyard Kipling ) Kurator des "Lahore Museums" in dem die
damals besten Stücke der buddhistischen Ghandara Kunst
eingelagert
waren: Buddhas mit hellenistischen Faltenwurf.
Von Lockwood wurde übrigens Aurel Stein ( einer der ersten
Archäologen
der
Seidenstrasse, ein Raubgräber nach heutiger chinesischer Sicht
)
in die Kunst der Seidenstrasse eingeführt.
Wer hierzulande Ghandarabildwerke ansehen will, kann das
übrigens
in Stuttgart
tun. Im Lindenmuseum gibt es eine rel. grosse Auswahl.
Im Tagebuch von Allen Bennet weitergelesen. Am 31. Januar 1980 sieht er
John Hustons Film "Wise Blood".
"...a
battered american small
town, shot in bitter, blue sunshine."
Tatsächlich hat die blaue Weite der amerikanischen klassischen
Westernlandschaft oft etwas Steriles an sich, die weit entfernt davon
ist heiter
zu wirken.
Mittwoch, der
30.März 2005
"Sucht
mein Angesicht"
von John Updike ( Rowohlt ).
Roman ( auch ) über die Geschichte der
amerikanischen
Nachkriegskunst.
Die 79jährige Künstlerin Hope Chafetz wird von der
ehrgeizigen Kunstjournalistin Kathryn für ein Online-Magazin
interviewed. Natürlich ist Kathryn besonders an Hopes kurzer
Ehe
mit dem Künster Zack interessiert.
Man ersetze den Namen Hope mit "Lee Miller" ( bzw. Lee
Krasner )
und Zack mit "Jackson Pollock".
Besonders interessant ist der innere Monolog Hopes, die
sich zunächst gegen die Zudringlichlichkeit der Journalistin
sperrt.
"Jemand aus ihrer Generation kann sich wahrscheinlich gar nicht
vorstellen, wie wichtig, wie entscheidend, wie gewaltig Malen damals war. (...) Es war
noch
nicht domestiziert. Man hatte ihm noch nicht, mit einem
Tätscheln
seines kleinen Wuschelkopfs, seinen Platz zugewiesen, seine Seite im
Lifestyle-Teil."
Schwierig zu
bestimmen, was mir an diesem Roman am
Besten gefällt.
Es ist wohl vor allem die Flüssigkeit der Sätze, die
eine
wirkliche Gesprächssituation nachbilden. Die
Sprünge (
Einsprengsel ) die im Gespräch stattfinden. Die müde
Gewitzheit Hopes:
"Gut. New York war
früher überall sicher, dachten wir
jedenfalls, als wir jung und dumm waren. Setzen sie sich doch. Oder
möchten sie sich lieber umschauen und Details für
ihren
Artikel sammeln ?"
"Es
geht nicht um die Art
Artikel, strenggenommen."
"Um
welche Art , was sagten
sie, geht
es, streng genommen."
"Meine
Artikel sind nicht wie
die von anderen - sie sind eher
essayistisch. Impressionistisch wenn sie so wollen. Ich weiß
nie
genau, was ich sagen werde, bis ich anfange es zu sagen."
Selbst über "Guy", den zweiten Mann - eine Melange
zwischen
Andy Warhol ( 80 % ) und Claes Oldenburg ( 20 % ) - spricht Hope warme
Worte.
"Ich
glaube nicht, dass seine
Mitarbeiter im Hospice besser verstanden als ich, warum ein einzelner
Siebdruck von einem Zeitungsartikel nichts weiter ist als ein
Abklatsch, aber wenn man sechzehn Stück machte, in einer
Reihe,
alle mit Kirschrot oder Türkisblau überzogen, dann
war's ein
Kunstwerk, das an einer Museumswand einiges hermachen würde.
Zack
ging es einzig darum, das auszudrücken, was ein Maler
fühlte.
Guy ging es eher um das, was der Betrachter sah."
Guy's stetig
wachsenden, unzerstörbaren Erfolg im
Kunstmarkt - trotz prompt einsetzender giftiger Kritik -
erklärt
sie sich mit den hellen Worten :
"
... die Museumsdirektoren
mochten, was er machte, es passte zu allem, was draußen vor
dem
Museum war und durch das die Leute hindurchmussten, um reinzukommen. Es
verband das Museum mit dem Leben auf der Straße, mit der
Geschenkboutique."
Ausgezeichent übrigens die deutsche Übersetzung von
Maria
Carlsson.
Freitag, der 1.April
Nachklapp zum 1. April.
Anfang der Achziger plante Warhol ein Portrait von William S. Burroughs
und lud ihn dazu in die Knitting
Factory ein.
Das Polaroid das Burroughs am besten gefiel, war eines auf dem er sein
Kinn mit der Hand aufstützte:
"Da
sehe ich wie ein
Französischer Intellektueller aus."
Aus dem Deal wurde jedoch nichts, da Warhol immer erst dann ein
Portrait ausführte, wenn eine Bestellung mit den
nötigen
Scheinchen vorlag.
Schade !
( Barry Miles; William S. Burroughs; Ullstein; 1999 )
Donnerstag, der 14.April
"Sonnenflecken über Pisa", Hanns Cibulka ( Reclam Leipzig ).
"Pisaner Cantos", Ezra Pound.
"Das periodische System", Primo Levi.
In "The Pisan Cantos" habe ich seit Urzeiten selten
hineingeschaut.
Für Hanns Cibulka - 1943 Soldat in Sizilien, später
Bibliothekar in Gotha - sind die Gesänge eines der
grossartigsten
Werke der Weltliteratur.
Vom Verlag als Roman angekündigt entpuppt sich "Sonnenflecken
über Pisa" eher als Tagebuch oder eher deren Zwei. Das Erstere
ist
die
Beschreibung einer Reise nach Pisa und Venedig auf den Spuren
von
Pound, bestens geeignet bei dem einen oder Anderen neues Interesse
für den Dichter zu wecken, gespickt mit einer klugen Kenntnis
der
italienischen Literatur.
Bekanntlich wurde Pound 1943 in einem "Detention Camp" in der
Nähe
von Pisa als gefährlicher Krimineller gefangengehalten. Wg.
seines
Einsatzes für den italienischen Faschismus im Radio. Es ist
auch
heute noch nicht leicht, den grossartigen Dichter von dem verblendeten
Ideologen und Antisemiten zu trennen.
Vergeblich macht sich Cibulka auf den Weg, den Ort des
ehemaligen
Straflagers zu finden. Er ist in Vergessenheit geraten.
( Wer im Netz googelt findet den Ort "Metata". But - so what ? Was
wüsste man damit mehr ? ).
In Italien gelesen "Il sistema periodico" von Primo Levi. Vielleicht
das Antidot zu Pounds "Personae", den Masken ( vielmehr "Stimmen" ) die
in den Cantos kollagenhaft übereinandergelegt werden. Ein
italienischer , jüdischer Chemiker ( Partisan und
Überlebender von Auschwitz ) erzählt seine
Lebensgeschichte
mittels der chemischen Elemente. Ein "Trennungsgang" also, wie man die
antiquierte qualitative Analyse nennt. Hier
erfährt man viel über das faschistische Italien.
A very good read, auch ein Stück Weltliteratur.
Motto:
"Ibergekumme
zoress is gut zu
derzaijln."
Freitag, der
15.April
Weiter
mit den Cantos. Ein Gemisch aus
Italienisch, Griechisch, Chinesisch. Die Bibel, die Odyssee. Die
Spitznamen von Freunden. "Possum" ist T.S. Eliot.
Der schrieb "Old Possum's Book of Practical Cats" - die Vorlage
für das spätere Musical "Cats" ( So
abgedreht und unvorhersehbar sind manchmal die Bezüge von
ernsthafter Lyrik und Kommerz.
)
Die Widmung von Eliot an Pound in "The Waste Land" ( il miglior fabbro
- hier rate ich "der beste Schmied" ? ) bekommt so für mich
endlich Sinn :
"Nam
Sibyllam quidem Cumis
ego ipse oculis meis vidi im ampula pendere ...
Die
Sibylle habe ich
nämlich in Cumae mit eigenen Augen gesehen. Sie hing in einer
Flasche und als die Knaben sie fragten: "Sibylle, was willst du? "
antwortete sie: "Sterben will ich."
In seinem Wortkäfig zu Pisa übersetzte Pound
ferner Konfutse.
Eva Hesse schreibt im sehr hellsichtigen Essay
"Ezra Loomis Pound,
Kontakte und Leben" :
"In
den Cantos, die im Lager entstehen, den Pisaner
Cantos, durchbricht
Pound zeitweilig das Eigengefängnis des
schöpferischen Elitebewußtseins, das er um
sich
errichtet hatte, und gewinnt seine ursprüngliche Offenheit
zurück. Jede Abgrenzung gegenüber Mitmenschen
entfällt
— die einfachen Menschen, die namenlosen Opfer der
Geschichte
und der Gesellschaftsordnung kommen in diesem Canto-Abschnitt
zahlreich vor. Die größte Liebe, sagt Pound hier,
wäre
bei denen zu finden, »die das Reglement
übertraten«
(eine ziemlich »unkonfuzianische«
Äußerung!).
Und er gelangt zu einer Selbstdefinition, die ungewohnterweise einmal
von seiner literarischen Sendung absieht und auf eine rein
menschliche Basis zurückgreift: »amo ergo sum / und
zwar
genau in dem Maße«. Seine frühere
Verhärtung
gegen die Mitmenschen, seine programmatische Absage an das Mitleid
(Canto XXX), macht
ihm jetzt,
da er selber so sehr auf die Menschlichkeit angewiesen ist, schwer zu
schaffen. Diese Rückwendung zur Menschlichkeit entwickelt sich
zu einer wichtigen Motivkette der Selbstanklage in den späten Cantos, wo wir das Mitleid unter
verschiedenen
Tarnnamen
beschworen finden (Jen, benevolence, humanitas, Caritas, cha-rity,
Amor, Kwannon, Isis, Luna, Leukothea u.a.m.).
Indem er
die vorangegangenen Phasen seiner Entwicklung nun kritisch als Stufen
auf dem Weg zu sich selber begreift und nicht mehr als absolut
gültige abgeschlossene Erkenntnisse, gewinnt er den
Gesamtzusammenhang, die lebenserhaltende Konsequenz seines
Daseins zurück"
Selbst
die gemeinsten Kriegsverbrecher im
Strafcamp zu Pisa bekommen für Pound einen Namen,
eine
Stimme, werden
mythologisch verbrämt und in ihrem Slang zitiert.
"Pisa
in the
23rd year of the effort in sight of the tower
and Till was hung yesterday
for murder and rape with trimmings plus Cholkis
plus mythology, thought he was Zeus ram or another one.
Hey
snag wots in the bibl' ?
wot
are the books of the
bible ?
Name
'em, don't bullshit ME."
Des Todes grässlichste Fassade. Als Pound endlich aus seiner Zelle
kommt,
macht er mit seinen Händen das Erhängenzeichen
für seine
neuen Freunde. Alle Anzeichen stehen
für ihn dafür, dass er hingerichet werden wird.
Dienstag, der 19.April
Aus den Cinque Terre Photos
mit aufgerollten orangenen und grünen Olivennetzen mitgebracht.
Fast alle
Olivenhaine sind damit ausgestattet. Eine ganze Landschaft aus
orangenen
Linien, Knüppeln und Knoten.
Die Olivenernte ist allerdings schon längst vorbei.
Jetzt warten wir ungläubigen Gläubigen auf den weissen Rauch
der aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle quillt.
Und die WELT bringt heute ein Interview mit Pater Eberhard von
Gemmingen, der das
deutsche Programm von Radio Vatikan leitet.
DIE WELT:
Gibt
es eine vatikanische
Zensur?
Gemmingen:
Nein,
bei uns reicht, wie
bei den meisten Medien, die Schere im Kopf. Wir wissen, was wir
dürfen und was wir nicht dürfen. Der Vatikan ist in vielen
Dingen anders als die Leute meinen. Wenn ich jemanden anstelle, frage
ich nicht nach seinem persönlichen Glauben, nach der Einstellung
zu kircheninternen Fragen, nicht, ob er in die Kirche geht. Ich
vergleiche uns in unserer internen Freiheit gern ganz unbescheiden
mit dem "Spiegel" und sage, unsere Freiheit ist größer
als die beim "Spiegel".

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