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Kurts Büchertagebuch

Mittwoch, der 19. Januar 2005

Über das "Periplus des Erythraeischen Meeres" wieder bei der Ostkirche gelandet.  Der Kaufmann  und spätere nestorianische Mönch Kosmas Indikopleustes (  der Indienfahrer ) berichtete im 5. Jahrhundert über wohlorganisierte christliche Gemeinden in Malabar, in der Gegend um Bombay und auf Ceylon - den sog. Thomaschristen.
Kosmas, der Indienfahrer ist heute vor allem auch berüchtigt wegen der Propagierung einer "flachen Erde", die im Zeitalter der Aufklärung als Indiz für die Rückständigkeit der christlichen Spätantike und des "Mittelalters" propagandistisch genutzt wurde.
Siehe hier auch das interessante Buch von
Krüger, Reinhard: Das Überleben des Erdkugelmodells in der Spätantike

Freitag, der 21. Januar 2005

Erhellendes Essay von Dieter Wenk im Web entdeckt: "Mode und Hysterie". URL leider nicht mitgespeichert. Für den googelnden Zeitgenossen aber leicht findbar.
Zitat:
"Denn als System hat auch Mode nicht primär mit Menschen zu tun, sondern mit „Personen“ im Sinne von „sozial identifizierten Erwartungskollagen“, also mit Masken, die getragen werden, die selbst wieder von Marken gezeichnet sind, die der Markt hervorbringt und auch wieder von ihm verschwinden."

Dienstag, der 25. Januar 2005

Heute nichts Besonderes.
Der Tag beginnt. Die Winter-Wolken ziehen. Ich gehe arbeiten. Ich lese, mache mir Notizen und lege mich hin um zu schlafen wie Jederman.

Donnerstag, der 27. Januar 2005

"Jonathan Strange & Mr. Norrell" beendet. Ein schöner und märchenhafter ( flüssig zu lesender ) Roman, dessen Poesie mich sehr ( vor allem am Ende ) an Ted Hughes "Crow" erinnert.

Mittwoch, der 2. Februar 2005

Der Lyriker Craig Raine, Fellow in Oxford, Herausgeber der vorzüglichen Literaturzeitschrift "Arethe" ist hierzulande eher unbekannt.
Hier besonders was "History - The Home Movie" ( etwa: Geschichte als Familienfilm ) betrifft.
Es geht hier um die Verknüpfung der Geschichte der russischen Pasternaks und der Familie von Craig Raine. Raine ist mit einer Nichte Boris Pasternaks verheiratet.
In diesem sehr bunten Poem, das von den Jahren  1905 - 1984 reicht, wird man schwerlich eine Glorifizierung des Kommunismus russischer Prägung erwarten können.

Ich habe mir erlaubt eines der Gedichte  vorläufig zu übersetzen. Es handelt sich um der fiktiven Beschreibung der Mumifizierung von Lenin (1924) - schon im Advent des stalinistischen Terrors.
Seit einiger Zeit ist übrigens die Autobiographie Zbarskys ( dem Mumifizierer Lenins ) im Bücherramsch erhältlich.

1924: Lenin nimmt ein ausgedehntes Bad

Ein Rückstand ? Ein Kuriosum, eine Frage,
die hier in Formalin schwebt
wie ne trockne Aprikose,

versteinert, bewahrt in Sirup,
mit fünf versengten Haaren,
Bestandteil des Kompotts,

das langsam zum Leben erwacht.
Kälte.
Shura zieht den Mantel enger,
dessen fallende Linien

unschön ausbeulen
durch unsichtbare Fäuste -
eine Fledermaus, die sich einfaltet.

Pepa Zbarsky, Ingeniör der Chemie,
den gewaltigen Bart als Schürze vor der Schürze
tragend,
betrachtet seinen Kollegen,

den Architekten des Mausoleums
quer durchs Labor und lächelt:
„Genug gesehn ? Schamhafter ? Wirklich genug ?

Und dies Ding nennt man Pimmel !“
Schwarz wie ne Trüffel,
ein Kohlequerschnitt.

Sie betrachten wieder Lenin,
der versunken in seinem Marinadebad
allmählich in allen Farben Sumatras gerbt:

Frische Eichenrinde in Lösung,
plus Lanolin, Glyzerin,
und Lebertran zu gleichen Teilen.

Die Blutgefäße
immer noch überschwemmt mit Formaldehyd.
Die Gesichtsmuskeln sind verhärtet:

Baumwolle
formt die Augenlider,
Bindfäden halten die Kiefer zusammen

wie eine Reihe von Flaschenzügen,
rein und raus, Nüster und Scheidewand,
runter und rüber hinter die Lippen.

„Ich mach ihn so zur Tunke“
sagt Zbarsky auf Englisch,
den Kopf beugend

der hin und her schwankt wie die Schwanzfedern einer Ente:
Shakespeare. Richard der Dritte.
Gar nicht schlecht für einen Chemiker.

Bald wird er für immer so sein.
Ganz nach der alten Methode der Ausweidung.
Diese Pharaonen wußten schon Bescheid.

Laßt eure englischen Nadeln beiseite
Diese Swann-Morton Stiele.
Nichts geht über Z-förmige Klingen. Bleiche ?

„ Wer braucht schon Eosin oder Saffranin ?“
Zbarsky grinst geziert
Und küsst durch die Luft die Leiche.

„In weniger als einem Monat,
wird er so so hart sein wie Bakelit,
durch Amylazetat, das die Motten fernhält.“

Shura zieht den Mantel dichter,
mit beiden Händen bündelt er ihn
fest wie einen Theatervorhang,

während Zbarsky weiter Shakespeare extemporiert:
'Here's fine revolution,
and we had the trick to see't'

Shura würde gern eine fröhlichere Melodie pfeifen,
zum Beweis, daß Lenin tot ist,
doch seine Lippen sind fest versiegelt.

Formaldehyd ( Formalin, Carbolsäure ), das Wort entstammt übrigens nicht nur der formalen Sprache der Chemie, das auch, sondern kommt von Formica, der Ameise. Eigentlich ein stechend riechendes Gas, das die unangenehme Eigenschaft besitzt Eiweisse zu härten. Deshalb wird Formol im 19. Jahrhundert - auch später noch zur Desinfektion - zur Konservierung anatomischer Präparate verwendet.
In Raines Poem kann man sehr genau beobachten wie Zbarsky bei Lenins Präparation ( und um nichts anderes handelt es sich ) vorging.

P.S.: Kleine Handreichung für China Touristen:
Wer jemals das Bedürfniss verspürt in Bejing an Mao`s Präparat anstehen zu müssen, sollte  sich Zeit nehmen und mögliches Handgepäck vorher deponieren.

Dienstag, der 8. Februar 2005

Immer schon wollte ich wissen warum es heisst: hinterherkommen wie die alte Fastnacht.

'Er kommt henneno wie die alt Fasenacht'.


Die Bedeutung dieser Redensart ist kirchengeschichtlicher Natur.
    "Im christlichen Festkalender ist die Fastenzeit dem Osterfest vorangestellt, das auf dem Konzil von Nicäa im Jahre 325 auf den jeweils ersten Sonntag nach Frühlingsvollmond festgesetzt wurde. Der Ostertermin ist daher beweglich und kann entweder gleich auf den 21. März folgen oder erst in den April fallen. Da die Fastnacht als Fest vor dem Fasten der Fastenzeit vorausgeht ist ihr Termin ebenfalls beweglich und bestimmt sich im Verhältnis zu Ostern durch die Länge der Fastenzeit.
 Dadurch verschob sich auch die Fastnacht nach vorne und endet seither mit dem Dienstag vor dem Mittwoch nach dem 7. Sonntag vor Ostern (Estomihi). Diese neue Regelung konnte sich jedoch am Hochrhein gegenüber der früheren Tradition nicht überall durchsetzen, wie in Basel und in Teilen des badischen Markgräflerlandes, wo man am Termin der 'alten Fastnacht' als 'Bauernfastnacht' gegenüber der neuen 'Herrenfastnacht' weiter festhielt, so daß hier die Fastnachtzeit erst beginnt, wenn sie anderswo bereits zu Ende ist."
Zitat aus:
Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten.

Freitag, der 18. Februar 2005

Lese mit Gewinn Anita Albus' Buch "Die Kunst der Künste - Erinnerungen an die Malerei".  Man erfährt z.B. etwas etwas über den komplizierten Schichtenaufbau klassischer Ölbilder - die "Taten und Leiden des Lichts".
Oder wie Licht aussieht, "wenn es vollkommen sich selbst überlassen ist", dass heisst Nichts reflektiert. Dann es ist nämlich schwarz wie der "Weltenraum".
Dass wir die Sonne oder die Sterne sehen ergibt sich aus der langen Entwicklungsgeschichte unserer Augen. Das klingt banal, heisst aber, dass, bevor primitivste biologische Lichtsensoren entstanden, die Welt - was die Wahrnehmung betraf - nicht vorhanden war.
Der schlimmste Meteroriteneinschlag auf der Protoerde war ja weder zu sehen, zu hören , noch zu fühlen. Da helfen ja alle Illustrationen nichts. Denn es war ja Niemand da.
Es ist also durchaus nicht banal , wenn Jachwe in der Genesis zuerst das "Licht " einführt.
"Es werde Licht und es ward Licht."

Samstag, der 19.Februar 2005

licht

Ein Bild - eher eine Vision - welches die Kamera in Glasgow aufnahm. Was ich gesehen hatte, war dieses irisierende grüne Licht des kurzgeschnittenen Rasens, das durch die Schatten der Bäume erst sichtbar und durch die Umbratöne des Sandplatzes geschnitten wird.  Dazu passte das rote Kinderfahrrad.
Im oberen Bildteil die Banalität eines Sommertages. Baumreihen - Wolken.
Was tatsächlich zu sehen war, ist auf diesem Bild nicht enthalten.


family

So wie sie sich jetzt sehen, sahen sie sich später - auf dem Photo -
nicht mehr. Was sieht der heutige Betrachter ?

Mittwoch, 9. März 2005


Gavin Menzies - "1421- Als China die Welt entdeckte." Knaur TB 77766

Es scheint tatsächlich so , dass es in der frühen Phase der Ming-Dynastie Anstrengungen gab die Isolation Chinas durch Handel zu beenden. So gelangte etwa 50 Jahre vor Vasco da Gama eine grosse chinesische Flotte unter dem Admiral Zheng He die ostafrikanische Küste.
Das lässt sich tatsächlich nachweisen.
Menzies geht aber einige Schritte weiter.
Er behauptet tatsächlich, dass die chinesische Flotte die ganze Welt umsegelt hätte und sogar die Nordost-Passage bezwungen hätte.
Ärgerlich dabei ist, dass belegte Fakten mit einer abenteuerlichen, spekulativen Mischung aus scheinbaren Entdeckungen verquast werden.
Während es doch genügt hätte, ein neues Kapitel in der chinesischen Geschichte aufzuschlagen.
Spannend genug.
Schwach fällt auch seine Erklärung aus, warum das China der späten Ming schliesslich zu seiner Abschottung gegenüber dem "Westen"  gelangt ist.
Das wäre die wichtigere Frage gewesen.

Über die Selbstgenügsamkeit Chinas in der späten Ming-Dynastie handelt u.a. das Buch von Ray Huang:
"1587 - Ein Jahr wie jedes andere" - Insel Verlag.

Donnerstag, der 10. März 2005

Nützliche Website von Paul Halsell gefunden.
Chinese Accounts of Rome, Byzantium and the Middle East
, c. 91 B.C.E. - 1643 C.E.

Ein Faszinosum der Historiker des 19.Jahrhunderts war die mögliche Begegnung Chinas  während der Han-Dynastie mit dem Rom unter Mark Aurel. Die übrigens niemals stattgefunden hat.
Für Rom existierten  lediglich die "Serer", Völkerschaften im heutigen westlichen "China" der Seidenstrasse. Im griechischen Periplus taucht zwar eine Stadt auf die "Thina" genannt wird, die Informationen sind hier jedoch äusserst dünn.

Der Sinologe Paul Halsell hat sich die Mühe gegeben, die sog. Jih-li durchzuforsten - tägliche Hofberichte, die es seit der Han-Dynastie gab.
Hier existiert vor allem ein kompiliertes "Wissen" um das römische Syrien (Ta-ts'in), der Rest des Seuleukidenreichs, das damals noch Babylonien (T'iao-chi) humfasste. Quellen waren vermutlich die sog. nestorianischen christlichen Missionare und jüdische Kaufleute die bis zum 2. Jahrhundert n.Chr. von der religiösen Toleranz der Parther profitierten. Später war den Chinesen auch Byzanz (Fu-lin) bekannt. Ein Reich mit dem angeblich lockere Tributbeziehungen bestanden.
Im Wen-hsien-t'ung-k'ao des Ma Tuan-lin ( ca.330 n.Chr. ) findet sogar die Bibliothek von Alexandria ( Ali-san ) eine vage Erwähnung : hier gäbe es Hüter offizieller Aufzeichnungen und Fremde die fremdsprachige Aufzeichnungen übersetzten.
Dass man Bücher wegen ihrer literarischen oder philosophischen Schönheit oder Wichtigkeit komplett archiviert ( der philologischen Genauigkeit wegen ), ist den Han noch fremd.

Lesetipp:
"Die Apostolische Kirche des Ostens" von Wilhelm Baum und Dietmar W. Winkler.

Freitag, der 11.März 2005

Doch wieder bei G.W. Leibniz angekommen.
Es handelt sich bei dieser Schrift verblüffenderweise u.a. um den
"Bericht über die jetzt endlich - 1692 - erfolgte Erteilung der Erlaubnis, die christliche Religion in China zu verbreiten; von Pater José Soares aus Portugal, Leiter des Pekinger Collegiums"

Von christlicher Religion findet sich bei Leibnizen jedoch nicht viel. Er scheint eher an einer Aufklärung Chinas ( eigentlich Zhongguo; etwa Reich der Mitte ) analog zu Europa interessiert zu sein.

Durch eine einzigartige Entscheidung des Schicksals, wie ich glaube, ist es dazu gekommen, daß die höchste Kultur und die höchste technische Zivilisation der Menschheit heute gleichsam gesammelt sind an zwei äußersten Enden unseres Kontinents, in Europa und in Tschina(so nämlich spricht man es aus, das gleichsam wie ein Europa des Ostens das entgegengesetzte Ende der Erde ziert. Vielleicht verfolgt die Höchste Vorsehung dabei das Ziel - während die zivilisiertesten (und gleichzeitig am weitesten voneinander entfernten) Völker sich die Arme entgegenstrecken -, alles, was sich dazwischen befindet, allmählich zu einem vernunftgemäßeren Leben zu führen. Und es geschieht nicht durch Zufall, glaube ich, daß die Russen, die durch ihr riesiges Reich China mit Europa verbinden und den äußersten Norden des unzivilisierten Gebiets entlang den Küsten des Eismeeres beherrschen, unter dem tatkräftigen Bemühen des jetzt regierenden Herrschers selbst wie auch durch den ihn mit Ratschlägen unterstützenden Patriarchen, wie ich gehört habe, dazu angehalten werden, unseren Errungenschaften nachzueifern.

Dazu noch eine Buchempfehlung :
"The Memory Palace of Mario Ricci" von Jonathan D. Spence

Samstag, der 12. März 2005

Die Geschichte der Christianisierung Zentralasiens und Chinas durch die nestorianische Kirche ( der apostolischen Ostkirche ) ist eher unbekannt. Was mich dabei fasziniert ist, dass es wohl eine konkurrierende ( zeitweise kooperierende ) Begegnung zwischen den spätgnostischen Manichäismus, dem Mahajana Buddhismus und der Ostkirche entlang der Seidenstrasse gegeben haben muss.

Ein paar Daten - ziemlich grob :
635   ( nach Gernet 631 - vermutlich falsch ) erreicht der erste "nestorianische" Missionar das Chang'an der Tang
638   Toleranzedikt des Tangkaisers Tai Tsung gegenüber den "Nestorianern".
732   ( 733 ? ) zum zeitlichen Abgleich: Karl Martell besiegt die Araber bei Poitiers
981   Keine  Spur mehr von "Nestorianern" in China
1063 "Nestorianischer" Metropolit bei den mongolischen Kithai in Nordchina ( Liao Dynastie )
1124 Die erste katholische Mission erreicht Khanbalik ( nach den Besuchen der Polos )
1318  Papst Johannes XXII. teilt Asien in zwei missionarische Bezirke ein. Die Franziskaner sind für China zuständig. In Persien ( d.h. Zentralasien ) missionieren die Dominikaner.
1608 findet der Jesuitische Priester Matheo Ricci nur noch Spuren der "Nestorianer" in China.

Die Bezeichnung Nestorianer ist übrigens kirchengeschichtlich falsch.

Wens interessiert, das China-Portal der Wikipedia ist mittlerweile sehr gut. Es gibt hier u.a. die sog. 214 ( bzw. 224 oder 227 ) Radikale ( jap. Kanji ) der chinesischen Schrift. Grundbausteine mittels derer komplexere Schriftzeichen in Wörterbüchern oder heutzutage auch im chinesischen Internetbrowser gefunden werden können.
 
Open Office ( die Version 2.0 kann mittlerweile als Betaversion heruntergeladen werden und  verfügt über eine SQL kompatible Datenbank ) lässt sich meines Wissens neuerdings schriftspezifisch einrichten. Also auch von links nach rechts. Ausprobiert hab ichs jedoch noch nicht.
Auch NVU ( Version 0.81) , der Open Source Html Editor ist mittlerweile so gut, dass man ihn relativ bedenkenlos für die eigene Website benutzen kann.
Ob Windows oder Linux.

Montag, der  14. März 2005

Aus Glasgow ( schon eine Weile her ) die Essay und- Tagebuchsammlung des witzigen Stückeschreibers Allan Bennett mitgebracht ( der u.a. das Treatment für den Film „The Madness of George III“ geschrieben hat :„Writing Home“

Drin geblättert und folgendes Zitat von William Hazlitt gefunden:

Good nature, or what is often considered as such,
is the most selfish of all virtues: it is nine times out
of ten mere indolence of disposition.”

Ausserdem hier noch ein Buch im Ramsch. „Mao“ von Jonathan Spence gefunden. Und wies der Teufel will, hier schon wieder ein Hazlitt Zitat. Es bezieht sich auf die Königsdramen von Shakespeare.

Kings ought never to be seen on the stage. In the abstract, they are very disagreeable characters: it is only while living that they are “the best of kings” … Seen as they were, their power and their pretensions look monstrous and ridiculous.”

But who the heck was
WILLIAM HAZLITT ?

1778-1830

Ein englischer Kritiker und Essayist. Ein politischer Radikaler, der Zeit seines Lebens an die französische und die amerikanische Revolution glaubte. Bewunderer von Napoleon und das im England von Jane Austen !

Studierte Philosophie, malte später Potraits. Dann Journalist mit dem Schwerpunkt Theaterkritik.

Schlieslich ein Meister des literarischen Essays.

Schnelldenker,“a wit“ auf diversen angesagten Parties seiner Zeit, pflegte die unumwundene, direkte Rede jedoch „with stile“.

Schrieb so schnell wie er sprach. Deshalb entwickeln sich seine Essays relativ planlos um ein Thema. Und häufen eher Argumente an, anstatt sie sich entwickeln zu lassen.

Aber hey, das ist eben die Spannweite des modernen Essays. Es reicht vom konzisen Aufsatz, in dem alles seine Ordnung hat und zu einem didaktischen Ende führt, bis zum witzigen, verstolperten, behauptenden oder pointierten Text.

Mittwoch, der 23. März 2005


Über tolle Website des National Institute of Informatics gestolpert, das Digital Silk Roads (DSR) Project. Eins der Ergebnisse ist das "Digital Archive of Toyo Bunko Rare Books," eine Sammlung von 35 rare books (16 creators : 9,062 pages) über die Seidenstrasse und China. Alle Buchseiten sind vergrösserbar, inclusive der Photos.
Ein paar Bücher sind leider nur auf Chinesisch, z.B. die Aufzeichnungen der Han Dynastie über die sog. "Yüe-tschi", ein Volksgruppe an den Oasenstädten der Takla Makan, deren Sprache zur westlichen indogermanischen Kentumgruppe gehörte.  Kentum wie lat. Centum=10. Daher der Name. Eine isolierte "indogermanische" Sprachinsel in Zentralasien also.
Siehe auch Tocharer, Tocharisch in der Wikipedia.
Die "Tocharer" wichen vermutlich später unter dem Druck der "Hsiung-nu", der "Hunnen", nach Westpakistan aus ( Städte: Taxila und Ghandara ) und gründeten in der Nachfolge der graeco-baktrischen Königreiche das Kuschanreich.

Wie schon früher erwähnt war Lockwood Kipling ( der Vater von Rudyard Kipling )  Kurator des "Lahore Museums" in dem die damals besten Stücke der buddhistischen Ghandara Kunst eingelagert waren: Buddhas mit hellenistischen Faltenwurf.
Von Lockwood wurde übrigens Aurel Stein ( einer der ersten Archäologen der Seidenstrasse, ein Raubgräber nach heutiger chinesischer Sicht ) in die Kunst der Seidenstrasse eingeführt.
Wer hierzulande Ghandarabildwerke ansehen will, kann das übrigens in Stuttgart tun. Im Lindenmuseum gibt es eine rel. grosse Auswahl.

Im Tagebuch von Allen Bennet weitergelesen. Am 31. Januar 1980 sieht er John Hustons Film "Wise Blood".
"...a battered american small town, shot in bitter, blue sunshine."
Tatsächlich hat die blaue Weite der amerikanischen klassischen Westernlandschaft oft etwas Steriles an sich, die weit entfernt davon ist heiter zu wirken.

Mittwoch, der 30.März 2005

"Sucht mein Angesicht" von John Updike ( Rowohlt ).
Roman ( auch ) über die Geschichte der  amerikanischen Nachkriegskunst.

Die 79jährige Künstlerin Hope Chafetz wird von der ehrgeizigen Kunstjournalistin Kathryn für ein Online-Magazin interviewed. Natürlich ist Kathryn besonders an Hopes kurzer Ehe mit dem Künster Zack interessiert.
Man ersetze den Namen Hope mit  "Lee Miller" ( bzw. Lee Krasner ) und Zack mit "Jackson Pollock".
Besonders interessant ist der innere Monolog Hopes, die sich zunächst gegen die Zudringlichlichkeit der Journalistin sperrt.

"Jemand aus ihrer Generation kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie wichtig, wie entscheidend, wie gewaltig
Malen damals war. (...) Es war noch nicht domestiziert. Man hatte ihm noch nicht, mit einem Tätscheln seines kleinen Wuschelkopfs, seinen Platz zugewiesen, seine Seite im Lifestyle-Teil."

Schwierig zu bestimmen, was mir an diesem Roman am Besten gefällt.
Es ist wohl vor allem die Flüssigkeit der Sätze, die eine wirkliche Gesprächssituation  nachbilden. Die Sprünge ( Einsprengsel ) die im Gespräch stattfinden. Die müde Gewitzheit Hopes:

"Gut. New York war früher überall sicher, dachten wir jedenfalls, als wir jung und dumm waren. Setzen sie sich doch. Oder möchten sie sich lieber umschauen und Details für ihren Artikel sammeln ?"

"Es geht nicht um die Art Artikel, strenggenommen."
"Um welche Art , was sagten sie, geht es, streng genommen."
"Meine Artikel sind nicht wie die von anderen - sie sind eher essayistisch. Impressionistisch wenn sie so wollen. Ich weiß nie genau, was ich sagen werde, bis ich anfange es zu sagen."

Selbst über "Guy", den zweiten Mann  - eine Melange zwischen Andy Warhol ( 80 % ) und Claes Oldenburg ( 20 % ) - spricht Hope warme Worte.

"Ich glaube nicht, dass seine Mitarbeiter im Hospice besser verstanden als ich, warum ein einzelner Siebdruck von einem Zeitungsartikel nichts weiter ist als ein Abklatsch, aber wenn man sechzehn Stück machte, in einer Reihe, alle mit Kirschrot oder Türkisblau überzogen, dann war's ein Kunstwerk, das an einer Museumswand einiges hermachen würde. Zack ging es einzig darum, das auszudrücken, was ein Maler fühlte. Guy ging es eher um das, was der Betrachter sah."

Guy's stetig wachsenden, unzerstörbaren Erfolg im Kunstmarkt - trotz prompt einsetzender giftiger Kritik - erklärt sie sich mit den hellen Worten :

" ... die Museumsdirektoren mochten, was er machte, es passte zu allem, was draußen vor dem Museum war und durch das die Leute hindurchmussten, um reinzukommen. Es verband das Museum mit dem Leben auf der Straße, mit der Geschenkboutique."

Ausgezeichent übrigens die deutsche Übersetzung von Maria Carlsson.

Freitag, der 1.April

Nachklapp zum 1. April.
Anfang der Achziger plante Warhol ein Portrait von William S. Burroughs und lud ihn dazu in die Knitting Factory ein.
Das Polaroid das Burroughs am besten gefiel, war eines auf dem er sein Kinn mit der Hand aufstützte:
"Da sehe ich wie ein Französischer Intellektueller aus."
Aus dem Deal wurde jedoch nichts, da Warhol immer erst dann ein Portrait ausführte, wenn eine Bestellung mit den nötigen Scheinchen vorlag.
Schade !
( Barry Miles; William S. Burroughs; Ullstein; 1999 )

Donnerstag, der 14.April

"Sonnenflecken über Pisa", Hanns Cibulka ( Reclam Leipzig ).
"Pisaner Cantos", Ezra Pound.
"Das periodische System", Primo Levi.

In "The Pisan Cantos" habe ich seit Urzeiten selten hineingeschaut.
Für Hanns Cibulka - 1943 Soldat in Sizilien, später Bibliothekar in Gotha - sind die Gesänge eines der grossartigsten Werke der Weltliteratur.
Vom Verlag als Roman angekündigt entpuppt sich "Sonnenflecken über Pisa" eher als Tagebuch oder eher deren Zwei. Das Erstere ist die Beschreibung einer Reise nach Pisa und  Venedig auf den Spuren von Pound, bestens geeignet bei dem einen oder Anderen neues Interesse für den Dichter zu wecken, gespickt mit einer klugen Kenntnis der italienischen Literatur.
Bekanntlich wurde Pound 1943 in einem "Detention Camp" in der Nähe von Pisa als gefährlicher Krimineller gefangengehalten. Wg. seines Einsatzes für den italienischen Faschismus im Radio. Es ist auch heute noch nicht leicht, den grossartigen Dichter von dem verblendeten Ideologen und Antisemiten zu trennen.
  Vergeblich macht sich Cibulka auf den Weg, den Ort des ehemaligen Straflagers zu finden. Er ist in Vergessenheit geraten.
( Wer im Netz googelt findet den Ort "Metata". But - so what ? Was wüsste man damit mehr ? ).

In Italien gelesen "Il sistema periodico" von Primo Levi. Vielleicht das Antidot zu Pounds "Personae", den Masken ( vielmehr "Stimmen" ) die in den Cantos kollagenhaft übereinandergelegt werden. Ein italienischer , jüdischer Chemiker ( Partisan und Überlebender von Auschwitz ) erzählt seine Lebensgeschichte mittels der chemischen Elemente. Ein "Trennungsgang" also, wie man die antiquierte qualitative Analyse nennt.  Hier erfährt man viel über das faschistische Italien.
A very good read, auch ein Stück Weltliteratur.
Motto:
"Ibergekumme zoress is gut zu derzaijln."

Freitag, der 15.April

Weiter mit den Cantos. Ein Gemisch aus Italienisch, Griechisch, Chinesisch. Die Bibel, die Odyssee. Die Spitznamen von Freunden. "Possum" ist T.S. Eliot.
Der schrieb "Old Possum's Book of Practical Cats" - die Vorlage für das spätere Musical "Cats" (
So abgedreht und unvorhersehbar sind manchmal die Bezüge von ernsthafter Lyrik und Kommerz. )
Die Widmung von Eliot an Pound in "The Waste Land" ( il miglior fabbro - hier rate ich "der beste Schmied" ? ) bekommt so für mich endlich Sinn :
"Nam Sibyllam quidem Cumis ego ipse oculis meis vidi im ampula pendere ...
Die Sibylle habe ich nämlich in Cumae mit eigenen Augen gesehen. Sie hing in einer Flasche und als die Knaben sie fragten: "Sibylle, was willst du? " antwortete sie: "Sterben will ich."
In seinem Wortkäfig zu Pisa übersetzte Pound ferner Konfutse.

Eva Hesse schreibt im sehr hellsichtigen Essay
"Ezra Loomis Pound, Kontakte und Leben" :

"In den Cantos, die im Lager entstehen, den Pisaner Cantos, durchbricht Pound zeitweilig das Eigengefängnis des schöp­ferischen Elitebewußtseins, das er um sich errichtet hatte, und gewinnt seine ursprüngliche Offenheit zurück. Jede Abgrenzung gegenüber Mitmenschen entfällt — die einfa­chen Menschen, die namenlosen Opfer der Geschichte und der Gesellschaftsordnung kommen in diesem Canto-Abschnitt zahlreich vor. Die größte Liebe, sagt Pound hier, wäre bei denen zu finden, »die das Reglement übertraten« (eine ziemlich »unkonfuzianische« Äußerung!). Und er gelangt zu einer Selbstdefinition, die ungewohnterweise einmal von seiner literarischen Sendung absieht und auf eine rein menschliche Basis zurückgreift: »amo ergo sum / und zwar genau in dem Maße«. Seine frühere Verhärtung gegen die Mitmenschen, seine programmatische Absage an das Mitleid (Canto XXX), macht ihm jetzt, da er selber so sehr auf die Menschlichkeit angewiesen ist, schwer zu schaffen. Diese Rückwendung zur Menschlichkeit entwickelt sich zu einer wichtigen Motivkette der Selbstanklage in den späten Cantos, wo wir das Mitleid unter verschiedenen Tarnnamen beschworen finden (Jen, benevolence, humanitas, Caritas, cha-rity, Amor, Kwannon, Isis, Luna, Leukothea u.a.m.). Indem er die vorangegangenen Phasen seiner Entwicklung nun kritisch als Stufen auf dem Weg zu sich selber begreift und nicht mehr als absolut gültige abgeschlossene Erkennt­nisse, gewinnt er den Gesamtzusammenhang, die lebenser­haltende Konsequenz seines Daseins zurück"

Selbst die gemeinsten Kriegsverbrecher im Strafcamp zu Pisa bekommen für Pound  einen Namen, eine Stimme, werden mythologisch verbrämt und in ihrem Slang zitiert.

"Pisa in the 23rd year of the effort in sight of the tower
and Till was hung yesterday
for murder and rape with trimmings plus Cholkis
plus mythology, thought he was Zeus ram or another one.

Hey snag wots in the bibl' ?
wot are the books of the bible ?
Name 'em, don't bullshit ME."


Des Todes grässlichste Fassade. Als Pound endlich aus seiner Zelle kommt, macht er mit seinen Händen das Erhängenzeichen für seine neuen Freunde. Alle Anzeichen stehen für ihn dafür, dass er hingerichet werden wird.

Dienstag, der 19.April

Aus den Cinque Terre Photos mit aufgerollten orangenen und grünen Olivennetzen mitgebracht. Fast alle Olivenhaine sind damit ausgestattet. Eine ganze Landschaft aus orangenen Linien, Knüppeln und Knoten.
Die Olivenernte ist allerdings schon längst vorbei.

Jetzt warten wir ungläubigen Gläubigen auf den weissen Rauch der aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle quillt.
Und die WELT bringt heute ein Interview mit Pater Eberhard von Gemmingen, der das deutsche Programm von Radio Vatikan leitet.

DIE WELT:

Gibt es eine vatikanische Zensur?

Gemmingen:

Nein, bei uns reicht, wie bei den meisten Medien, die Schere im Kopf. Wir wissen, was wir dürfen und was wir nicht dürfen. Der Vatikan ist in vielen Dingen anders als die Leute meinen. Wenn ich jemanden anstelle, frage ich nicht nach seinem persönlichen Glauben, nach der Einstellung zu kircheninternen Fragen, nicht, ob er in die Kirche geht. Ich vergleiche uns in unserer internen Freiheit gern ganz unbescheiden mit dem "Spiegel" und sage, unsere Freiheit ist größer als die beim "Spiegel".



       


 


 
 
 
   
© 2004 by Kurt Wiessner • kurtwiessner@hiatus.de