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Kurts
Büchertagebuch
Samstag, der
18. September 2004
Der September müsste ja eigentlich November heissen, da "er" der
neunte Monat ist.
Aber dass kann uns ziemlich wurschd sein, Hauptsache
es ist noch ein bissel warm und - bilde ich mir das jedes Jahr aufs
Neue ein ? - wieder ziemlich ruhig in den Strassen.
Wobei mir einfällt, dass mir kürzlich beim Einschlafen die
lautlichen Ähnlichkeiten zwischen dtsch. "Essig" und engl. "Acid"
aufgefallen ist.
Das war auch langsam mal Zeit.
Andere programmieren vorm Einratzen noch ein paar Zeilen PHP oder
zählen Schafe.
Müsste man mal recherchieren, was da neuronal genau passiert -
beim Einschlafen nämlich.
Im Deutschen Wörterbuch ist übrigens "Essig", lateinisch
ausser
"acetum" , auch als "edulus" ausgewiesen - gleich "essbar".
"Damit ist es Essig" kommt übrigens vom Umschlagen des Weins in
Essig. Im Sinne von " das war also mal wieder nichts".
Dazu passt mal ausnahmsweise die viel verwendete doch unverstandene
Redensart:
"Wo der Barthel den Most holt."
Drohend in pietistischem Schwäbisch ( ich weiss, überall
sonst wäre das ein Wiederspruch ) hervorgestossen:
'I will der zaige, wo Bartle Moscht holt!';
'Dem will i sa, wo Bartle
de Moscht holt!'
Der "Barthel" ist nämlich der Kalendertag des hl.
Bartholomäus (der 24.
August). Die Weinernte fängt aber i.d. R. erst später an. Wer
also zum 24. August schon Most hat muss schon ziemlich durchtrieben
sein.
Allerdings taugt der - wie auch immer gewonnene - frühe Most
nichts.
Er wird i. d.R. ziemlich sauer.
So sagen die pragmatischen Schwaben auch:
'Dea richt se wie Bartls Moscht, un den habbe mr uff de Mischthufe
gschütt'.
Habe ich vor ein paar Minuten geschrieben es wäre hier ziemlich
ruhig. Fehlanzeige ( 18.05 Uhr )!
Gröhlende Menschen, hupende Autos - ein Fuszballspiel, I presume.
Das ist mir jedoch schnurzwurstpiepe, vulgo 'wurstegal'.
Vergleiche:
'Je m'en fous (comme de l'an quarante)'
( wörtlich: Es ist mir so egal wie das Jahr vierzig ).
Was ist aber das französische Jahr vierzig ?
I wais es nit.
Das wär wohl ein Themenabend bei ARTE.
Gibt es Wurst aber auch auf Chinesisch ?
Auf jeden Fall.
"Xiang chang". Etwa Fleisch und Eingeweide. Passt ja gut - ne ?
Übrigens gibts sogar die Bockwurst und die Extrawurst als
chinesische Zeichen !
Sonntag, der
19. September 2004
Zeyad der Zahnarzt aus Basra
schrieb am Dienstag dem 16.
September:
„Muster der
Gewalttätigkeiten im
Iraq“
Ich übersetze/kommentiere
dies mit
der heissen Nadel und kürze sehr stark.
Wer also hier etwas obskur findet,
soll sich bitte die Orginalinfo auf Zeyads Blog selbst ansehen.
URL im vorangegangenen Blog.
Zeyad schreibt:
"... wenn es
zu Gewalttätigkeiten
im Süden kommt, hören die Gewalttätigkeiten im
restlichen Iraq schlagartig auf. Mit anderen Worten, wenn El Sadr
Pause macht, kommt Zarqawi wieder ins Spiel.
Es gab keine
Selbstmordattentate
während Sadrs Revolte im letzten April bis Mai. Sie begannen
erst wieder als die Lage "wieder klar" ? war. Die Attentate hörten
während des zweiten Aufstandes Sadrs im August wieder auf und
beginnen jetzt wieder aufs Neue.
Seltsamerweise finden auch
Aufstände
in Gebieten statt, die normalerweise friedlich sind ( in Talafar und
der Haifa Street in Bagdad ) während in Gebieten die notorisch
unfriedlich sind ( Adhamiya in Bagdad, Hawija ) keine Aufstände
stattfinden.
Es folgt eine Klassifizierung der
Aufständischen.
„Erstens.
Sunniten, deren
Aktivitäten von
der Gegend um Latifiya ( im Süden Bagdads ) bis nach Mosul
reichen. Diese Gruppe besteht im wesentlich aus Loyalisten der
Baath-Partei, plus miltanten Stammesleuten. Diese Gruppen agieren
lokal und haben keine Unterstützung in anderen Sunni-Gegenden.
Zweitens.
Ausländische
Kämpfer,
die als
kleine isolierte Zellen in sunnitische Gegenden „einsickern“.
Diese Gruppe steckt vermutlich hinter den Selbstmordattentaten und
einigen der „Kidnappings“.
Drittens.
Sadr's Al-Mahdi Miliz, die
in den
meisten Gegenden des Südens und in den Vorstädten von
Bagdad operiert (Sadr city, Al-Sha'ab, Kadhimiya, Al-Shu'la,
Al-Hurria, and Al-Bayaa'). Diese Grupppe ist am wenigsten
organisiert. Ist aber zahlenmässig die Grösste.“
Abzusehen ist, dass diese –
eigentlich konkurrierenden - Gruppen in Zukunft ihre Gebiete
abstecken werden und den Iraq in einen endlosen Bürgerkrieg
stürzen werden. Ganz abgesehen davon, dass auch die kurdische
Peschmerga wohl irgendwann die Ölfelder in Kirkuk übernehmen
werden wenns so weiter geht.
Zeyad ist da ziemlich pessimistisch.
Nachdem Salam Pax mit seinem Weblog ( kurz "Blog" übrigens ) eine
Art Medienprominenz erreicht und zwischen den Rollen als
Aufstandsberichterstatter ( er dreht u.A. für die BBC ) und
Privatblogger hin und her changiert, ist Zeyads Blog ( "Healing Iraq")
mittlerweile die beste Adresse für subjektive Beobachtungen und
kluge Analysen aus dem Iraq.
But remember ... Es ist ein Webtagebuch. Genau wie dieses hier.
Es spiegelt nur subjektive Meinungen, mit denen man vielleicht etwas
"anfangen" kann, aber es gibt in diesem Konflikt eben keine objektiven
Wahrheiten mehr.
"Man drechselt sich auch hier
die
Welt
zurecht gerecht."
Dieser schlechte Vers ist übrigens nicht von Wilhelm Busch sondern
leider von mir. Sorry.
Konnte aber nicht wiederstehen -recht mit -recht kurz
hintereinander zu reimen.
Dazu besser WIELAND :
"Ein paar Figuren wie
gedrechselt
bei deren Anschaun oft der
Andachtsfaden brach."
( aus der "Geschichte der Abderiten" oder so ähnlich. )
Das ist Sprachkunst at it's best. Man hat keine Ahnung worum es
sich handelt, aber irgendwie schon. Oder ?
Der "Andachtsfaden" bei Wieland ist übrigens der einzige Nachweis
dieses Wortes im Deutschen Wörterbuch.
Es erinnert irgendwie an die Spinnstube des frühen 19.
Jahrhunderts, in denen es auch Vorleserinnen gab. Betriebliche
Weiterbildung also während der Arbeit.
Übrigens habe ich heute im Technischen Landesmuseum von Baden
Würtemberg tatsächlich gedrechselt. Es gibt hier nicht
nur sehr nette Lernbetreuer/innen, sondern auch eine
per Fuss zu
betreibende Drechselbank mit der man dringend benötigte
Haushaltsgegenstände herstellen kann. Wie etwa hölzerne
Kerzenständer. Auf denen man früher ( in den Spinnstuben )
auch Talglichter
befestigte. Fast abgebrannt waren sie immer noch für eine Suppe
gut.
"nach der specksupp hab ich verlangen, sonderlich wann man
kerzenstümpflein darein stoszt."
kündet eine anonyme Quelle
der Grimms im DW.
Grund genug hier bei "Talglicht" im DW nachzuschauen.
"Widerwillig ergriff der
wirth ... ein talglicht und führte den
fremden in den oberstock."
Guter Anfang für eine Geschichte, die später Dino Buzzati
1953 geschrieben hat. Dessen Wirt jedoch durchaus
entgegenkommend ist und dessen Kneipe eigentlich schon elektrisches
Licht hat.
Aber in den Oberstock führt er den Gast schon.
Soweit stimmt ja
Alles.
"Il Buio" ( "Das Dunkel") ist in etwa die kürzeste, witzigste,
absurdeste
phantastische Erzählung,
die ich jemals gelesen habe.
Freitag, der
24. September 2004
Stefan Krempl gibt in seinem Weblog "China in the News" einen
regelmässigen Nachrichtenüberblick
über die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Veränderungen im
Reich der Mitte.
http://www.china-in-the-news.de
Heute warnt er in TELOPOLIS vor einer möglichen
"Investitionsblase" in China.
Zusammengefasst ein paar Daten.
"Es gibt rund
76 Millionen
Chinesen, die im Jahr 10.000
US-Dollar für den Konsum zur Verfügung haben."
Zum Vergleich. Es gibt etwa 70 Millionen Deutsche die den gleichen
Betrag zum Verschleudern haben.
Das sieht zunächst mal nach viel aus. Aber China hat ein paar mehr
Einwohner als Deutschland. Eins komma drei Milliarden, wenn ich mich
recht erinnere.
China ist - was das Brutosozialprodukt betrifft - immer noch ein
Schwellenland. Es kriegt, so glaube ich mich zu erinnern, sogar noch
Entwicklungsgelder.
"Für BASF-Chef
Jürgen Hambrecht ist es beispielsweise keine Frage mehr,
"dass China der Wachstumsmotor der Weltwirtschaft ist". Die Verlagerung
von Produktionsstätten und Arbeitsplätzen ins Reich der Mitte
folgt dem
Vorstandsvorsitzenden des Chemie-Riesen gemäß alten
kapitalistischen
Grundsätzen: "Der Wettbewerb führt dorthin, wo die
günstigsten
ökonomischen Rahmenbedingungen bestehen." Und in China produziert
es
sich nicht gut und billig, sondern das Land hat laut Hambrecht auch die
Chance, "die größte Economy of Scale" weltweit aufzubauen."
"Greatest Economy of Scale". So unterhalten die sich, unsere
Wirtschaftsmanager.
Tatsächlich unterliegt China momentan einer Inflation.
Das hat mit dem gesteigerten chinesischen Energiehunger zu tun. Energie
ist hier wie da knapp und deshalb teuer. Daher !
Samstag, der
16. Oktober 2004
Lese zur Zeit immer noch "Quicksilver " von Neal
Stephenson.
Auf Seite 224 folgender erhellender Satz:
"In einer Kutsche durch
London zu fahren war nur geringfügig besser als von Männern
mit Knütteln systematisch verprügelt zu werden."
"Riding in a carriage through
London was only a little better than being systematically beaten
by men with cudgels (...)"
Sehr gut ist die Wahl der Übersetzer/innen was die
"Knüttel" betrifft.
Das Schwierige bei Stephensons "Barock Zyklus" ist ja, dass er relativ
beliebig zwischen dem gegenwärtigen und dem barocken Englisch
wechselt - um einen authentischen Ton hinzukriegen.
Tatsächlich trifft "Knitell" oder "Knüpell" noch im
Mittelhochdeutschen gleichermassen zu.
Grosse externe USB-Festplatte formatiert, erst abgespült
und danach war immer noch viel Zeit zum Schmöckern.
Daher mit Vergnügen Brief gelesen von Edmund Wilson an den
Verleger (?) W.W. Norten der ca. 1941 eine neue amerikanische Ausgabe (
Neuübersetzung ) von Rimbauds Gedichten plante. Wilsons Antwort
fällt eher vernichtend für den neuen Übersetzer aus (
für das Gutachten verlangte er damals 50 Dollar ) und mahnt an,
das, was in Rimbauds Gedichten im Französischen gereimt sei, auch
auf Amerikanisch gereimt sein sollte.
Er schlug ferner W.H.Auden
als Übersetzer- der bis
jetzt nicht übersetzten Gedichte - vor.
Wohl eine gute Wahl.
Wilson grantelt noch Jahre später:
"Ich weiss nicht, warum diese
Jungen, die nicht einmal das Umgangsfranzösisch beherrschen, so
verrückt danach sind , die "Saison en enfer" zu
übersetzen."
Aus dem einzigen Grund Mr. Wilson, dass sie ihren eigenen Rimbaud haben
wollten. Und nicht den Ihren.
Sonntag, der 17. Oktober
2004
Momentan bemängele ich beim Lesen von "Quicksilver" das Fehlen (
also die
Entwicklung ) des philosophischen Überbaus der barocken
"Wissenschaften".
Typischer Denkfehler von mir, würde der Puritaner Daniel
Waterhouse bemängeln. Es kann ihn ja noch gar nicht geben.
Was es damals - im 17. Jahrhundert - jedoch gab, ist heute eher eine
obskure Ansammlung von verstreuten Spekulationen. Es ist heute das
Gebiet der Wissenschaftsgeschichte.
Wie kam es trotzdem dazu, dass sich bestimmte empirische Beobachtungen
und subjektive Meinungen allmählich zu einem System
verfestigten ?
Antwort:
Die Post. Die Korrespondenz. Der Austausch, der Streit
durch das
Medium.
Hier kommt im Roman der Sekretär der "Royal Society" Heinrich
Oldenburg ( den es tatsächlich gab ) ins Spiel.
Anmerkung:
Jonathan Swift
karrikiert ja die "Royal Society" in "Gullivers Reisen" - nämlich
in der 3. Reise nach Laputa und Lagado.
Besondere Mühe gab er sich, die "Universelle Sprache" des
"Bischofs von Chester" John Wilkins'
ins Lächerliche zu ziehen:
"Der erste Professor, den ich
sah, befand sich in einem großen Zimmer und war von vierzig
Schülern umgeben. Nach der gewöhnlichen Begrüßung
bemerkte er, daß ich interessiert einen Rahmen betrachtete, der
den größten Teil des Zimmers in Länge und Breite
ausfüllte, und sagte: Ich wundere mich vielleicht, daß er
sich mit einem Projekt beschäftige, die spekulativen
Wissenschaften durch praktische und mechanische Operationen zu
verbessern. Die Welt werde aber bald die Nützlichkeit dieses
Verfahrens bemerken. Er schmeichelte sich mit dem Gedanken, daß
eine höhere und edlere Idee noch nie aus dem Gehirn eines Menschen
entsprungen sei.
Ein jeder wisse, wieviel
Mühe die gewöhnliche Erlernung der Künste und
Wissenschaften bei den Menschen erfordere; er sei überzeugt, durch
seine Erfindung werde die ungebildetste Person bei mäßigen
Kosten und bei geringer körperlicher Anstrengung Bücher
über Philosophie, Poesie, Mathematik und Theologie ohne die
geringste Hilfe des Genies oder von Studien schreiben können. Er
führte mich an einen Rahmen, wo alle seine Schüler in Reihen
aufgestellt waren. Der Rahmen enthielt zwanzig Quadratfuß und
befand sich in der Mitte des Zimmers. Die Oberfläche bestand aus
einzelnen Holzstücken von der Form eines Würfels, von denen
jedoch einzelne größer als andere waren. Sie waren
sämtlich durch leichte Drähte miteinander verbunden. Diese
Holzstücke waren an jeder Fläche mit Papier überklebt,
auf dem alle Worte der Landessprache in Konjugationen und
Deklinationen, jedoch ohne alle Ordnung aufgeschrieben waren.
Der Professor bat mich,
achtzugeben, da er seine Maschine in Bewegung setzen wolle. Jeder
Zögling nahm auf seinen Befehl einen eisernen Griff zur Hand, von
denen vierzig am Rande befestigt waren. Durch eine plötzliche
Wendung wurde die ganze Anordnung verändert. Dann befahl er
sechzehn Knaben, die verschiedenen Zeilen langsam zu lesen, und wenn
sie drei oder vier Worte herausgefunden hatten, die einen Satz bilden
konnten, diktierten sie diese vier anderen Knaben, welche sie
niederschrieben. Diese Arbeit wurde drei- oder viermal wiederholt. Die
Maschine war aber so eingerichtet, daß die Worte bei der
Umdrehung einen anderen Platz einnahmen, sobald das ganze Viereck sich
von oben nach unten drehte.
Sechs
Stunden mußten die Schüler täglich bei dieser Arbeit
zubringen. Der Professor zeigte mir mehrere Folianten, die auf diese
Weise aus abgebrochenen Sätzen gebildet waren und die er
zusammenstellen wollte. Aus diesem reichen Material werde er einen
vollständigen Inbegriff aller Wissenschaften und Künste
bilden; ein Verfahren, das er jedoch verbessern und schneller beendigen
könne, wenn das Publikum ein Kapital zusammenbringen wollte, um
fünfhundert solcher Rahmen in Lagado aufzustellen, und wenn man
die Unternehmer zwingen werde, in verschiedenen Sammlungen die
nötige Summe beizusteuern.
Mithülfe der Phantasie, später ergänzt
durch das mechanische Kalkül der Leibnitzschen Rechenapparaturen
kann man jedoch heute durchaus - durch die Karrikatur hindurch und
gleichsam durch sie besser vermittelt - schon die Phantasie eines
digitalen Computers sehen.
Vielleicht ist eher Swift und nicht Pascal ( oder Wilkins oder Lullus )
- gerade weil er die
absehbare Mechanik der "Universalsprache" ( die ihn absties ) und so
deutlich und genau ins Lächerliche zog - der
eigentliche Erfinder der Programmsprache.
Schreib ich halt mal so hin.

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