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Kurts
Büchertagebuch
Donnerstag, der
5.August 2004
„Das
lahme Schicksal“ - von Boris und Arkadi Strugatzki.
Überraschend witzig und elegant , bzw. „vergnüglich“ ( wer mit
dieser etwas altertümlichen Vokabel noch etwas anfangen kann ), manchmal
auch leider ein wenig langatmig und unnötig verwirrend. In den
Sorokin-Kapiteln wird der Alltag eines Schriftstellers beschrieben, der
dem Leben Arkadi Strugatzkis ähnelt, der zeitweise Militärjournalist
war.
Gedicht von Ted Hughes nochmals gelesen: „Where I sit writing my letter“.
Sehr schön übertragen von Arnfried Astel. „Plötzlich regnen kleine ungezogene Stare
zeternd um mich herum, rufen wie ungeheuer es sei und daß jeder
Mitmachen soll, und weg sind sie im Handumdrehen.“ Ich denke
darüber nach, warum diese Sätze eine derartige ( auch ironische )
Präsenz haben und so gut funktionieren wie ein Filmclip. Stare sind
tatsächlich die Frettchen unter den Vögeln. Ungeheuerer
Stoffwechselumsatz. Ständig stehen sie unter Strom. Im Herbst, wenn
sie Schwärme bilden und in den Bäumen von Schulen ( sic ) nächtigen,
geht es genau so zu.
„Shouting
how it's tremendous and everybody has to join in ...“
An
dieser Stelle noch ein schöner Satz über Stare: „They can't believe their wings“.
Etwas das mir zwar spontan einleuchtet, aber trotzdem schwer
erklärbar ist. Vielleicht so: Auf der anderen Seite der ornitologischen
Skala befindet sich der unhektische Albatross oder der Sturmvogel
verewigt in Coleridges „The Rime of the Ancyent Marinere“ ( Dtsch. „Der
alte Matrose“. )
„Das Eis war
hier, das Eis war dort, Das Eis war überall; Es türmte
sich, und fürchterlich Dröhnt' übers Meer sein Schall.
Doch endlich schoß ein Albatros Durch Nebel
und durch Regen; Als wär's 'ne Christenseel', so
tönt Ihm unser Gruß entgegen.
Der Vogel fraß aus unsrer Hand, Flog auf dem
Deck umher; Das Eis zerbrach mit dumpfem Krach: Wir sind auf
offnem Meer!
Ein guter
Südwind tut sich auf; Hoch folgt uns durch die Luft Der Vogel
treu und schwebt herbei, Wenn der Matrose ruft.
Auf Tau und Mast, da hält er Rast Der wolk'gen
Nächte neun, Und alle Nacht durch Nebel lacht Des Mondes
weißer Schein. -
Vor bösen
Geistern schütz' dich Gott, Du alter Schiffsgenoß! Was stierst du? -
mit der Armbrust mein Schoß ich
den Albatros!“
Es ist wohl das „Schweben“ des Sturmvogels
mit dem Wind, das ihn dichterisch tauglich macht an seine Flügel zu
„glauben“. Während die Stare in ihrem hektischen Schwarmverhalten sich
selbst eher vorausrennen als zu fliegen. Warum schießt der „Ancyent
Marinere“ übrigens auf den Albatross ? Keine Ahnung. Oder na gut, es ist
die "Natur" in ihm selbst ( ich bin heute nicht besonders philosophisch
angehaucht. Sonst gerne eine nähere Erläuterung ). „Was stierst du
?“ gilt für den Aberglauben der Matrosen. Eine ziemlich dünne Stelle
eines sehr schönen Gedichtes, finde ich. "Zeitgemäss" halt. Ziemlich
blöd auch heute dieses pseudoaltertümliche Englisch: „Ancyent Marinere“.
Ein Pendant „Ye olde copy shoppe“. Bei Baudelaire, der alten
Giftwolke, übrigens eine realistischere Information:
„Oft fängt das Schiffsvolk, dass es sich
vergnüge, Den Albatros den Aar der Meeresweiten
Und lässigen Gefährten ferner Züge Den Schiffen
die auf bittrem Strudel gleiten.“
Freitag, der 6.August 2004
Es gibt eine Verständigung zwischen Büchernarren
die besonders scheint. Das der literarischen Quantenverschränkung.
Es ist eine Verständigung über das Neue, das Unerwartete, das über
jede platte Psychologie hinausreicht. Das Interesse das entsteht,
als ich in der Buchhandlung etwas von Valery bestellen will. Die
Buchhändlerin ist nett und neu und offensichtlich eine Leserin. Statt
„Monsieur Teste“ zu bestellen
findet sie mir die „Windstriche“
in den Regalen, die ich akzeptiere ohne einen Blick hineingeworfen zu
haben. Diese manchmal allzuleichte, französische „ungefähre“
Genauigkeit, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die deshalb weh tut,
weil sie nahe genug an der Wahrheit ist, aber deshalb doch nur von
Worten repräsentiert wird. Ja - Valery und seine Aphorismen:
„Schau zu, wenn im Blick der
Menschen manchmal der Verstand vorbeizieht, mit seinem Gefolge an
Albernheiten und vertrauten Tieren. Selten ist er allein, nie auf lange
Zeit. Sieh, wie schön und rein er ist, wenn er zur Quelle schreitet.
Affe und Schwein erwarten ihn auf dem Rückweg.“
Affe und
Schwein sind übrigens die Hauptfiguren des chinesischen Romans "Reise in
den Westen". So eindeutig klar - wie es uns vorkommt - ist dieses Urteil
also nicht.
Das Gute und
das Böse von guten Aphorismen ist, das sie immer über die breite
Autobahn der eigenen Vorurteile geleitet werden. Sie betreffen uns
selten selbst. Es müsste eine eignene Kunstgattung geben, die uns die
Wahrheit über uns sagt. Aber es gibt sie natürlich schon längst: Die
Bild am Sonntag.
Freitag,
der 13 August 2004
Beginn der olympischen Spiele in
Athen die mich nicht sonderlich interessieren. Im antiken
Griechenland galt ja während der Spiele Waffenruhe. Das war der Sinn der
ganzen Angelegenheit. Jetzt ertrotzt sich Olympia, die routinierte
Leistungsträgerin der Welt, die Spiele durch hochgradigsten
Sicherheitsaufwand. Gute Website gefunden, die die antiken mit den
heutigen Olympischen Spielen vergleicht. http://www.perseus.tufts.edu/Olympics/index.html
Ferner
bei Lettre International gutes (
etwas älteres ) Interview mit dem Dichter Mark Strand gefunden.
Interviewer Wallace Shawn ( Schauspieler und Autor. Film „ Mein Essen
mit André“ ). http://www.lettre.de/archiv/49_strand_shawn.html
Beginne
mit Roberto Calassos „Die Literatur und
die Götter“ Carl Hanser Verlag ( 2003 ). Vorher wurde Calasso
bei Insel bzw. Suhrkamp verlegt. Was ist da schon wieder passiert ihr
Leute? Calasso ist natürlich kein Geschäft. Man braucht exzellente
Übersetzer/Lektoren um diesem Autor gerecht zu werden. Geld kann man
mit sowas nicht verdienen.
Ein kleiner Auszug:
„Nach Stirner ist Lautréamont der zweite
künstliche Barbar, der auf die Bühne stürmt, diesmal nicht die des
Geistes, sondern die der Literatur. Wie Stirner den kühnen
Junghegelianern gezeigt hatte, dass sie ein Haufen Frömmler waren,
voller Ehrfurcht vor dem Staat und die Menschheit, so zeigt Lautréamont
den romantischen Satanisten, einer breitgestreuten Sippe, die in
Baudelaire gipfelte, dass sie beim Vorspiel des „noir“ stehengeblieben
waren, ohne mit Sorgfalt, Geduld und freiem Blick die Details des
Entsetzlichen ins Auge zu fassen. Vermutlich ähnelten sich auch die
Orte, denen diese beiden Giftwolken entströmt sind: gemietete Zimmer in
der Grosstadt, Berlin oder Paris, obere Stockwerke, tiefer Himmel hinter
den Scheiben, Schatten auf der Wand.“
Von Reimar Klein
brillant, sparsam und effizient übersetzt.
Samstag , der 14. August 2004
Gestern verblüfft festgestellt, dass sowohl der
Grossvater von U., der meinige, als auch Ernst Jünger 1917 im Schlamm
von Ypern steckten. Genauer in einer unbegradigten Frontlinie, der
„Flandern-Stellung“ um die Dörfer Wytschaete und Messines – ein
deutsches Munitionslager. Daraus enstand wohl „In Stahlgewittern“.
Nicht gerade einer meiner Favoriten. Im Verlauf dieser
schrecklichen Materialschlacht wurde mein Grossvater glücklicherweise
von den Briten gefangengenommen. Der eher konservative englische
Militärhistoriker John Keegan zitiert in seiner ausgezeichneten Studie
„Der erste Weltkrieg – Eine europäische
Tragödie“, den englischen Kompagnieführer Edwin Vaugham:
„Die (deutschen) Gefangenen,
heruntergekommen und verzweifelt, drängten sich um mich und erzählten
mir, was für eine schreckliche Zeit sie durchgemacht hatten: „Nichts
essen, nichts trinken, immer Granaten, Granaten, Granaten !“ ... Ich
hatte keinen Mann übrig um sie nach hinten zu bringen. Deshalb schickte
ich sie in Granattrichter, zusammen mit meinen Männern, die viel Wirbel
um sie machten und ihre spärlichen Verpflegungsrationen mit ihnen
teilten. Aus anderen Granattrichtern war in der Dunkelheit von allen
Seiten das Stöhnen und Jammern verwundeter Männer zu hören: das
schwache, anhaltende, schluchzende Ächzen des Todeskampfes und
verzweifelte Schreie.“
Mittlerweile gibt es eine neue
Historikergeneration die den 1. Weltkrieg etwas anders beurteilt.
Erzählt uns ausführlich im neuen „New Yorker“ ADAM GOPNIK. Auch
"online".
Gesehen, dass u.U. ein Filmprojekt mit dem working
title „Ted and Sylvia“ von der
BBC beabsichtigt ist. Die Tochter von Sylvia Plath und Ted Hughes Frieda
Hughes ist darüber nicht begeistert und hat kurzerhand verboten
Textzitate ihrer verstorbenen Mutter für diesen Film zu
verwenden. Frieda Hughes ist Malerin und selbst eine veritable
Poetess.
Weiter mit Calasso über Baudelaires „ecole paiene“
„... es gelingt ihm ( Baudelaire ),
auf wenigen Seiten und im Stil eines Sensationsartikels drei Elemente
ins Blickfeld zu rücken, die nie zuvor als untrennbar miteinander
verknüpft betrachtet worden waren: das Erwachen der Götter, die Parodie
und die absolute Literatur ( also die Literatur in ihrer zugespitztesten
Form, die jede soziale Drapierung verschmäht.)“ Heine ( die
Parodie ) und Baudelaire also.
Sehr gutes Buch im Bücherramsch
gefunden. „Der Islam – eine Einführung durch Experten“. Suhrkamp
Taschenbuch 2845 Hier : „Der Tod und der Sufismus“.
„Für den normalen Muslim kommt mit dem Tod
zunächst die Zeit im Grabe, und dann bei der Auferstehung, das Jüngste
Gericht, das entscheidet ob der Mensch ins Paradies oder in die Hölle
geht. (...) Für die Sufis ist der Tod nur eine Brücke, die den Liebenden
zum Geliebten führt. In einem alten Wort heisst es: „Der Mensch liebt
Gott und der Tod nimmt die Schleier fort, die den Menschen von Gott
trennen.“ Diese "humanistische" Gottesliebe des Islam ist
ungeheuer weit entfernt vom abscheulichen „wahabitischen“ Gehabe, das
seit langem die Spalten der Tageszeitungen füllt.
Montag , der 16. August 2004
Neuer Roman von Peter Ackroyd herausgekommen „The Lambs of London“ - ein fiktiver
Roman über das Leben von Mary und Charles Lamb.
Weiter gelesen -
„Die Literatur und die Götter“.
Hier mögliche poetologische Genealogie von Heiner Müllers Gedichtschluss
gefunden: „( ... ) Denn das Schöne
bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.“ Bei Hölderlin das
Wort vom „Heiligen Chaos“.
Bei Rilke: „Das Schöne ist
nichts als des schrecklichen Anfang, den wir gerade noch
ertragen.“ Bei Heidegger: „Das Heilige ist das Entsetzliche selbst.
(...) aber seine Entsetzlichkeit bleibt verborgen in der Milde des
leichten Umfangens.“ Calasso meint in seinem Buch dazu:
„Was immer es sonst sein mag, das
Göttliche ist gewiss dasjenige, was mit höchster Intensität das Gefühl
schafft, lebendig zu sein. Das ist das Unmittelbare, aber die reine
Intensität als kontinuierliches Ereignis, ist „unmöglich“,
überwältigend.“
„Bilder
bedeuten alles am Anfang. Sind haltbar. Geräumig. Aber die Träume
gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung. Schon den Himmel hält kein
Bild mehr. Die Wolke, vom Flugzeug aus ein Dampf der die Sicht nimmt.
Der Kranich nur noch ein Vogel. Der Kommunismus sogar, das Endbild, das
immer erfrischte Weil mit Blut gewaschen wieder und wieder, der Alltag
Zahlt ihn aus mit kleiner Münze, unglänzend, von Schweiss blind Trümmer
die grossen Gedichte, wie Leiber, lange geliebt und Nicht mehr gebraucht
jetzt, am Weg der vielbrauchenden endlichen Gattung Zwischen den Zeilen
Gejammer auf Knochen der Steinträger glücklich Denn das Schöne bedeutet
das mögliche Ende der Schrecken.“
Man sollte sich nicht
dadurch irritieren lassen, dass Heiner Müller Rilke auf den Kopf stellt.
Und der Steinträger, der kommunistische Arbeiter, aber auch Sysiphos
darüber glücklich sind, dass die bürgerlichen Götter, die
mythopoetischen Bilder verbraucht sind, und man ganz im
materialistischen Hier und Jetzt angelangt ist. Glücklich war der
„Dichter“ zumindest darüber noch lange nicht, denn er hat den Weg
dorthin verstanden. Er ging ihn nicht als
Unverständiger. Möglicherweise arm, kulturlos, „vielbrauchend“ und
"endlich" sind die Menschen damit geworden. Das ist schon damals die
„Unmittelbarkeit“ und die „Intensität“ des Sozialismus.
Allerdings der Kapitalismus -„
Alles ist so schön bunt hier.“ Möglicherweise bunt, aber
ebenso bilderlos, da „vielbrauchend“, da allzuvoll mit Bildern. Hier
wie da, die gleiche Unerlöstheit.
Dienstag , der 17. August 2004
Das Wandern, als Re-Import des Menschen in die
Natur. Die Autobahn als gegenteiliger Re-Export begriffen.
Gefunden Kommentar zur Iain Sinclairs „London Orbital“ in der
Netzeitung.. http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/212992.html Martin
Conrads ist offenbar ein Kenner der Sarkasmen des Psychogeographen
Londons – Iain Sinclair. Was Sinclair hier über die M25, jener
ungefähr 122 Meilen lange Autobahnring um London, der am 29. Oktober
1986 von Margaret Thatcher dem Verkehr übergeben wurde, geschrieben hat
ist lesenswert ( und durchaus kenntnisreich ), jedoch auch mit Vorsicht
zu betrachten. Denn Sinclairs „London“ ist auch immer ein postmoderner
journalistischer Hype. Eine situationistische Inszenierung der
Wirklichkeit.
„Die M25,
schreibt Sinclair, ist einfach zu erfolgreich, denn sie wird aus vielen
Gründen benutzt – von Dieben auf Streifzügen, von Sexarbeiterinnen auf
dem Weg zu den Parkplätzen, auf denen sie arbeiten, oder von Londonern,
die einfach bis an die Grenzen ihrer Stadt gehen wollen. Tatsächlich ist
Sinclair für sein Buch mit einigen wechselnden Begleitern über Monate
hinweg immer wieder zu Fuß Teilstücke der M25 gegen den Uhrzeigersinn
entlang gelaufen, immer in Hörweite des Verkehrs, vielleicht, wie einer
seiner Weggefährten orakelte, um herauszufinden, wohin diese Straße
führt.“
Mittwoch,
der 18. August 2004
Die neueste Ausgabe von Outlook
India, http://www.outlookindia.com/ ein
sehr lesenswertes Magazin, hat den historischen Schwerpunkt „WHAT IF....“ Was wäre wenn Ghandi,
JFK nicht ermordet worden wären ... ? Etc. Was hätte sich für Indien
damit verändert ? Der witzigste Artikel der Ausgabe ist zweifellos
von Sunil Menon. Es geht ungefähr um den freien Gebrauch des
Pidgin-English in Indien als eine Art Open Source basiertes
linguistisches Mulligatawny – die bekannte anglo-indische Suppe, die
mancher grimme, pensionierte britische Offizier bei seinem englischen
Koch durchsetzte. Titel: „What If
Ingleesh Is Free?“ Übersetzen kann man das schwerlich.
Deshalb hier ein paar Auszüge in Ingleesh: „Talking of royalty, here's a liberating gust
from Tok Pisin, a Melanesian Pidgin born on 19th century plantations. An
ethnic mish-mash of South Sea Islanders, slaving away on indigo, took
English, gave a royal tweak to its grammar and minted their own Wantok
(One Talk). The first, ravishing lesson in pidgin revenge: Nambawan
Bigflo Blong Missis Kwin. What species of life-form is that? Why, a
moniker for Prince Philip! Number One Big Fellow Belonging To Mrs Queen!
(Ouch!) Take that, your excellency, as a small reciprocal gift from
world culture. (One Ken Campbell was so taken with this, he did a whole
Pidgin Macbeth, rendering the Bard in "rude voodoo telegrams".)
(...) So after
double roti, kapda aur makaan, what? Some worldified English. Between
Hollywood and Buddy Holly, Guardian Review and Google, we've installed a
multi-port fuel injection system for language: phreaking into tech
registers, F-1 and net slang, jargon from Dow Jones to diplomacy, haute
cuisine to low couture, po-mo bibles to Aussie sports commentary. And
making a mean mulligatawny out of it all. It shows in our
exhibitionistic wordplay, our recklessly code-mixed ads, the vicious
punning of news headlines. We are a linguistic nouveau riche. And yes,
barring the sorry practitioners of the Stephanian School, it shows.
Editing yields brief, revelatory moments ("That's not my language! Don't
put any of your English in it."). See what's at stake here? The
first flush of ownership.My English. (...)
Dienstag, der 24. August 2004
Im Perlentaucher Auszüge aus Ian Burumas neuem
Buch : Chinas Rebellen. Die Dissidenten und der Aufbruch in eine neue
Gesellschaft. Aus dem Englischen von Hans Günter Holl Carl
Hanser Verlag, München 2004 432 Seiten, gebunden, Euro
25,90
Auszüge: „Nach 1989
stand die Rhetorik im Zentrum der schärfsten Tian’ anmen-Kontroverse. So
legten die Filmemacher Carma Hinton und Richard Gordon 1995 ihre
Dokumentation The Gate of Heavenly Peace als eine Polemik gegen die
"radikalen" Studentenführer an, allen voran Chai Ling. Durch geschickten
Einsatz von Archivmaterial und Kommentierung suggerierten sie, die
extremsten Studenten hätten sich im Handstreich der Demonstrationen
bemächtigt: Gerade das radikale Verhalten von Chai Ling und Konsorten
habe als Spiegelbild des Extremismus der Kommunistischen Partei die
Hardliner in der Regierung provoziert, derart brutal zurückzuschlagen.
Als Hauptbeleg dafür diente das berüchtigte Interview mit Chai in dem
Pekinger Hotelzimmer wenige Tage vor dem Gemetzel, mit der umstrittenen
Aussage, "daß wir in Wirklichkeit auf ein Blutbad hoffen ". Chai
behauptet, und ihre Verteidiger bestätigen, daß jenes "hoffen" im
Chinesischen je nach Kontext auch "erwarten" bedeuten kann, doch ihre
Kritiker bezeichnen sie als Lügnerin.“ (...)
„Mich interessierten diese Streitigkeiten
nicht als Chronist von Tian’anmen, sondern ich wollte mehr über die
Rebellen selbst und die Art ihrer Zwietracht wissen. Die politischen
Ansichten der am Aufstand beteiligten Studenten, Intellektuellen,
Arbeiter, Journalisten et cetera waren zu konfus, widersprüchlich und
undurchschaubar, um simple Schlüsse zu erlauben. Und ihre zehn Jahre
nach den Ereignissen von 1989 dazu abgegebenen Kommentare sollte man
auch nicht beim Wort nehmen. Also haben wir nichts als Interpretationen,
eine Rashomon-Story. Wie immer in solchen Fällen sagen diese Deutungen
mehr über ihre Urheber aus als über die Sache selbst, und um alles noch
verwickelter zu machen, ändern sie sich im Lauf der Zeit mit den
Umständen. Als erster Schritt in die Welt der chinesischen Rebellionen
bot sich daher ein Rashomon des Tian’anmen an.“
Der
gegenwärtige amerikanisch irakische Konflikt mit dem sog. schiitischen
Mahdi von Nadjaf Muqtada Al-Sadr nimmt schon heute groteske Züge an. Im
Telewischen kaum ernstzunehmende Korrespondentenberichte, weshalb ich
mir mit iraqischen Weblogs behelfe. Da „Salam Pax“ auf einen anderen
Blogspot verzogen ist ( link later ) ist jetzt das Blog von Zeyad, einem
anonymen Zahnarzt der öfter von Basrah nach Bagdad reist, meine
Hauptinformationsquelle. Healing Iraq Ob seine
Statements immer stimmig und objektiv sind kann ich nicht
beurteilen, jedenfalls verhilft mir sein Webtagebuch zu neuen
Einsichten.Heute stellte Zeyad eine Karte der umkämpften Gebiete von
Najaf zur Verfügung. http://healingiraq.blogspot.com/najaf1.jpg Nachtrag: Der
Link zur Karte funktioniert leider nur über den Umweg zu Zeyads Weblog.
Sorry.
Zeyad schreibt heute:
Tuesday, August 24, 2004
The Iraqi interior minister, Falah Al-Naqib,
just made a statement on Al-Arabia that the situation in the old city
would be resolved in a few hours. Correct me if I'm wrong, but I seem to
remember that he has been saying that every day during the last two
weeks. Meanwhile, the situation on the ground in
Najaf remains the same. Al-Mahdi still control the shrine of Imam Ali
and the cemetery of Wadi Al-Salam, while Iraqi and US troops are
situated about half a kilometre away, supposedly surrounding the area. I
made this map for details. Muqtada Al-Sadr is rumoured to have left
Najaf, how he would have managed to escape such a tight hold on the old
city is beyond me. The Najaf IP commander, Ghalib Al-Jaza'eri, mentioned
that he was in Suleimaniya, someone else said he was in Nasiriya, others
say he is in Iran. It might be possible that he is still in hiding
somewhere in Najaf with his supporters spreading these rumours as a
distraction. Ahmed Al-Shaibani, a deputy of Sadr,
dismissed these allegations as rumours and insisted that 'al-sayyed
al-qa'id remains in the battlefield'. He also mentioned that all
negotiations with Sistani's office on the current status of the shrine
have been 'suspended'. Sistani seems to have given instructions to his
office in Najaf not to accept the keys to the holy shrine unless a
neutral committee inspects the contents of the shrine and an inventory
is made to ensure nothing is missing from the treasury of the
shrine. This treasury which is located inside a safe
locked basement beneath the shrine contains historical artifacts,
priceless manuscripts and a significant amount of gold and gems. These
have been gifted and donated to the shrine by Shia from all over the
world for centuries. No one has ever dared touch that treasury except
the family that holds the keys to the shrine. Radhwan Al-Rufai'i was
forced to give over the keys to one of Sadr's aides last April.
Al-Rufai'i had taken over the responsibilities of the shrine after his
cousin Haider Al-Kelidar who was murdered with Abdul Majid Al-Khoe'i on
10 April 2003 by Sadr's followers. Sistani's
office has been placing these obstacles on Sadr in response to rumours
that a large part of the treasury has been stolen and possibly smuggled
to Iran. If true, Sadr would be in a very bad position since he was
practically responsible for the shrine's contents and would also expose
him as the gangster he is. Another troubling development was the
kidnapping of Sayyed Mahdi Al-Hakim, the son of Grand Ayatollah Mohammed
Sa'id Al-Hakim who is one of four senior clerics in Najaf. He was at the
house of Mahdi Al-Khorassani with Mohammed Ridha Al-Mar'ashi when armed
militiamen broke into the house. The three clerics were violently beaten
and Mahdi Al-Hakim was taken with them. Another reason why the
marji'iyah are not going to be very forgiving with Sadr. (...) Something
else has been bothering me for a while. How come there are NEVER any
suicide bombings whenever there is trouble in the south with Sadr? And
why do the Sunni areas seem so peaceful?
Mittwoch, der 25. August 2004
Der digitale Grimm bei Zweitausendeins.
Jetzt bin ich doch verblüfft über das unmenschliche Ausmasz an
Gelehrsamkeit und Wiszbegier dieser Beiden. Und das läszt sich beileibe
nicht damit erklären, dasz es im 19. Jahrhundert noch keine Playstation
gab, denn derartige Sammelleistungen sind wohl auch
ungeheuer manisch
obsessiv . Die Grimms wuszten nicht nur schon um die lautverschobene
Verwandschaft der ungarischen mit der finnischen Sprache, sie hatten
auch ein hochentwickeltes linguistisches Verständnis für eine Groszzahl
der Sprachen. Und nebenbei sammelten sie Volksmärchen, redigierten
und entschärften sie für "moralische Anstalt" späterer deutscher
Kindergenerationen.
Zum Buchstaben B schrieben sie
u.A.:
"die sprachen standen nicht still, aber
in ihren bewegungen waltete regel. alle stummen consonanten halten, wie
die gestirne sich von osten gen westen drehen, ihren festen naturgang
ein, so dasz sich die weiche, volle, tönende media zur dünnen, dumpfen
tenuis erhärtet, die harte tenuis in aspirata spaltet und die entfaltete
aspirata wieder zur media zusammenschlieszt. hiermit ist der kreislauf
vollendet und kann von neuem beginnen. wer wollte nicht die media obenan
stellen? unnatürlich wäre ein fortschritt aus ihr zur aspirata, aus der
aspirata zur tenuis, aus der tenuis zur media, und nur im rückschritt
oder erschlaffen mag ein solcher wechsel sich kundthun. es gibt aber
sprachen, die der media ganz, oder der meisten aspiraten verlustig gehn,
keine, der die tenuis gebräche. Diese der etymologie willkommne und
heilsame lautverschiebung, obgleich in allen alten und neuen sprachen
hin und wieder oder strichweise auftauchend, ist doch bei der deutschen
zunge am wahrnehmbarsten und in zweimaligem ansatz durchgedrungen.
gerade wie die stummen consonanten der hochdeutschen mundart auffallend
abtreten von denen jeder andern deutschen sprache, ebenso entfernen
diese sich von allen nichtdeutschen, urverwandten sprachen. gegenüber
der groszen masse des sanskrit, griechischen, slavischen, lateinischen,
keltischen findet sich die gothischnordischniederdeutsche eigenheit in
geringerem umfang, und gegenüber diesen letzten einzig und allein die
hochdeutsche im geringsten. es scheint als ob der sprachgeist, indem er
jenen ausschritt zuliesz, der spitze desselben nur den engsten raum
gestatten wollte. ältestes beispiel der lautverschiebung gewährt uns das
zend im verhältnis zum sanskrit, neuestes das ungrische entgegen dem
finnischen; einzelne verschiebungen treffen wir im sanskrit,
griechischen und latein genug an, wie das gothische und hochdeutsche
auch ausnahmen davon darbietet."
Am Rande eine Anekdote
meiner geschätzten Kollegin E., einer rumänischen Ungarin, die im
damaligen noch sozialistischen Rumänien an einer Reisegruppe vorbeiging.
Sie hörte flüchtige Laute, wohl auch die Sprachmelodie, und dachte
natürlich sind das Ungarn ( Magyaren ). Es waren aber Finnen, wie sich
später herausstellte, die Rumänien besuchten.
Donnerstag, der 25. August
2004
Im Booklet des "Digitalen Grimm" von
ZWEITAUSENDEINS ein Artikel - "Wie das
Deutsche Wörterbuch in den Computer kam." Gar nicht mal so
uninteressant. Für die Grimms war das DW ursprünglich als
"Hausbuch" für jedermann gedacht. 35 000
Druckseiten verteilt auf 33 Bände, wo man "kurz" mal was nachschlägt.
Das hat über die Jahre nicht sooo ganz gut funktioniert. Wer liest denn
sowas auszer Germanisten ?
Spannende Frage. Wie wurde es doch zu
einem "Hausbuch" auf der Gigabyte fähigen Festplatte ? Wie nimmt man
es digital auf ? Erste Idee. Einscannen und durch eine optische
Texterkennung durchrauschen lassen. Undenkbar. Einmal war es der
kleine Schriftgrad des DW, dann die vielen Sonderzeichen die eine OCR (
Optical Chraracter Recognition ) sehr erschweren. Ich kenne das ja
selber. Selbst bei einem sehr guten OCR Programm bei einer
Erkennungsrate von 99,9 % muss also jedes tausendste Zeichen
nachgebessert werden. Auf einer Seite mit ca. 10000 Zeichen wären das
also etwa 10 Fehler pro Seite. Und das systematisch bei 35 000
Druckseiten. Ein Standartwerk mit 10 mal 35000 Fehlern = 350
000. Das ist natürlich undenkbar - bei einem Standartwerk. Was
also tun ?
Man verständigte sich darauf zwei verschiedenen Teams
in China ( die keinerlei Deutsch konnten ) die Übertragung zu
überlassen. Der Vergleich beider Versionen ( kaum anzunehmen dabei, dass
sich zweimal dieselben Überlesefehler fanden, wie bei deutschen
Transkriptoren möglich ) würde den gemittelten Korpus des Wörterbuchs
bilden. Man hätte also nur reine Tippfehler, aber praktisch keine
Überlesefehler. Interessante Überlegung. Hat auch gut
funktioniert.
Samstag,
der 27. August 2004
Das schon etwas ältere Buch der
chinesischen Historikerin Feng Chen "Die Entdeckung des Westens" (
Fischer TB 60165 ) wertet zum erstenmal die offiziellen Berichte und
Reisebücher chinesischer Diplomaten aus, die ab der späten Mitte des 19.
Jahrhunderts nach Europa und Amerika entsandt wurden. Schon allein
das war keine leichte Entscheidung für die Mandschu-Kaiser Chinas. Für
sie war China - nach wie vor - das Land der einzigen Zivilisation.
Vorher dienten die chinesischen Gesandten vor allem dazu, den
zentralasiatischen "Ländern des Westens" einen symbolischen Tribut
abzufordern. Die Opiumkriege, die Rebellion der Taiping und der Krieg
gegen Japan brachten das mandschu-chinesische "Establishment" jedoch
allmählich zur Einsicht ihren Isolationismus zähneknirschend
aufzugeben. Denn wie war es möglich, dass diese westlichen Barbaren
solche kriegsentscheidenden Erfolge hatten ? Zweifellos war es die
Technik, vielleicht aber auch ihre Kultur ? Man musste das unbedingt
herausfinden. Man sah ja schon im Japan der Meiji-Reformen, dass die
Reform des Militärs nach westlichem Vorbild ungeahnte Erfolge mit sich
brachte. Höchst angefeindet von der eigenen Klasse der Mandarine,
begaben sich nonkonforme chinesische Beamte in den Westen. Die meisten
waren eher bornierte Aufsteiger, die keinerlei Einblick in das westliche
System gewannen. Doch manche waren auch begabte blinde Beobachter. (
Auch die kulturelle Blindheit ist eine Gabe, vom Standpunkt des
Historikers gesehen ). Diese chinesischen "Diplomaten" haben zwar als
privilegierte Besucher in "Europa" nicht die unsichtbaren sozialen
Regularien des westlichen "Alltags", nicht die sozialen Grenzen zwischen
zwischen "arm" und "reich" gesehen. Und deshalb erschien ihnen die
europäische Gesellschaft als egalitärer als die Chinesische. Ferner
entging ihnen die frühkapitalistische, dezentrale "Funktions-Isolation"
des westlichen Kapitalismus. Die Religion war nicht der
Staat/Kaiser. Die Wirtschaft war nicht der Staat/Kaiser. Das
Soziale war nicht der Staat/Kaiser. All das war im Westen schon in
ungehobelten, doch voneinander unabhängigen Funktionseinheiten angelegt,
deren Ideologie scheinbar in der individuellen Freiheit
mündete. Viele konservative chinesische Diplomaten sahen das früher
mit Abscheu.
Aber die jungen fortschrittlichen Chinesen die nach
1912 zur Ausbildung nach Europa kamen ( wie etwa "Zhou Enlai" oder "Deng
Xiaoping" ) sahen im kolonialistischen, demokratischen "Europa" ein
durchaus nachahmenswertes Modell. Ein Modell, das 1912 nach der
Abdankung des letzten mandschurischen Kaisers, als Vorlage der ersten
"chinesische Republik" diente. Chaos, ein unendlicher Bürgerkrieg und
unerhörte Grausamkeiten waren die Folge. Man konnte die europäischen
Gesellschaft, auch die Sowjetunion nicht einfach kopieren.
Gesellschaftliche Funktionsweisen sind Gegenstand einer langen
Evolution. Und beruhen auf sogenannten "emergenten Strukturen",
Einzelfunktionen die sich schliesslich verknüpfen, weil sie - auf eine
zunächst nicht beschreibbare Weise - einfach zu einander passen. Man
kann keine funktionierende Gesellschaft importieren !
Heute ist
es umgekehrt. Der Westen sieht heute China als ein kulturelles,
autochtones Paralleluniversum von dem man lernen könnte. Vor allem, wie
man Geld nach chinesischem Muster verdient. Aber gerade da ist
Vorsicht geboten. Der märchenhafte wirtschaftliche Aufschwung Chinas ist
eine Chimäre, die vollständig ausländischen Investitionen geschuldet
ist.
Sonntag, der 28. August
2004
Im ICE von Frankfurt nach Mannheim zwei junge
Türken kennengelernt die für einen neuen türkischen Sender http://samanyolu.tv/in Offenbach (
ehemaliges Polaroid Gebäude ) arbeiten. Der Sender ist ein Ableger der
türkischen Tageszeitung http://www.eurozaman.de/
deren Website auch auf englisch erscheint. Sehr nette
Leute - angeregtes Gespräch. Die Zeit im Zug verging im
Flug.
Montag, der 29. August
2004
Simon Winchester "Krakatau"; Albrecht Knaus
Verlag; 2003
Der Geologe und schriftstellernde Globetrotter Simon
Winchester hat hier ein weiteres Buch geschrieben das voll mit klug
vermittelten Wissen ist. Es handelt von der holländischen
Kolonialgeschichte, der Geschichte der Evolutionstheorie und der
"Plattentektonik" der Kontinente. Zwischen dem indonesischen
Archipel ( genauer zwischen den Inseln Java und Sulawesi ) verlaufen die
Grenzen der australischen und der grossen eurasischen Kontinentalplatte.
Hier befand sich auch der Krakatau, ein Vulkan dessen Ausbruch 1883 ein
klimatisches Disaster hervorrief. Eine ähnliche Katastrophe durch einen
"berstenden" Vulkan innerhalb der menschlichen Geschichtsschreibung
hatte es vor 3400 Jahren nur durch das Bersten der Insel Thera
gegeben ( heute die ägäische Inselgruppe Santorin ). Folge: Untergang
der minoischen Kultur und der ersten griechischen Schrift ( Linear A und
B ) die sich von der Phönizischen Schrift ableitete. Die Phönizier
schrieben übrigens von rechts nach links. Die Minoer alternierend.
Erste Zeile von rechts nach links . Zweite Zeile von links nach rechts.
Soviel zur weitläufigen Beziehung der Vulkanologie und der
Entwicklung der der Schrift.
Wer schon immer einen lesbaren
Einstieg zur Geologie finden wollte - hier ist das Buch
dazu. Hierzu auch von
Simon Winchester "Eine Karte
verändert die Welt" William Smith
und die Geburt der modernen Geologie
TB; btb Verlag 2003
Dienstag, der 30. August
2004
In Outlook India ist heute der vierhundertste
Jahrestag der Sikh Religion Thema , bzw. die Niederschrift des heiligen
Buches des Sikhismus - des "Adi Granth" ( auch "Guru Granth" ). Die
Religion der Sikhs im pakistanischen/indischen Punjab ist synkretisch,
d.h. sie vereinigt hinduistische als auch islamische Elemente zu einer
eigenständigen Religion/Kultur. Leider befindet sich das
Originalmanuskript des "Adi Granth" in den Händen des Sodhi Clans
von Kartarpur, die ihren Schatz
eifersüchtig hütet. Natürlich gibt es Kopien, aber das Original ist
nun mal das Original. "The Sodhis have no right to deny Sikhs a darshan of the holy
Bir," meinen viele Sikhs.
"Darshan" ist übrigens ein
Hindu Terminus. "Indische Religiosität ist wesentlich vom
Glauben an die überragende Bedeutung und Wirkung des Sehens geprägt. Die
Anhänger eines Gottes schauen das Bildnis der Gottheit an, ist diese
doch für sie im Kultbild anwesend und damit offen für Gaben und Wünsche.
Die Gottheit gewährt den Gläubigen den Darshan, den Blickkontakt. Große
offene Augen sind ein Kennzeichen der Darstellungen indischer
Götter."
Es gibt auch sakrale Steine die rot oder gelb
gefärbt sind und mit grossen Silber- oder Messingaugen belegt
werden.
Mittwoch, der 1. September
2004
Verblüffend gut lesbarer guter Roman des
Amerikaners John Wray "Die rechte Hand des Schlafes" . Hardcover
wird jetzt bei http://www.jokers.de/
verramscht, da das Taschenbuch herausgekommen ist.
Roman
über die NS-Zeit in Kärnten. Eine "Art Anti-Heimat Roman"
mit einer grossen Liebe zum Detail, überhaupt zur Beschreibung.
Gut gelungen auch die Charaktere die ja "noch nicht wissen können, was
werden wird". Per Montage wird die seltsame Geschichte des
Kärntners Oskar Voxlauer beschrieben, den es nach dem ersten Weltkrieg
in die bolschewistische Ukraine verschlägt und 1938 kurz vor "der
Heimkehr ins Reich" nach Kärnten zurückkehrt.
Der New Yorker John
Wray hat hier sehr einfühlsam die amerikanische "back to the origin "
Literatur Robert Olmsteads, Charles Fraziers und Mark
Spraggs in das Kulturumfeld seiner östereichischen Mutter
übertragen. Manche Sätze lesen sich - gerade wegen ihrer Lakonie -
wie reine Lyrik. Wie üblich bei guten Romanen, braucht man ein
bisschen Zeit um sich einzufinden. Die brilliante Übersetzung
besorgte übrigens Peter Knecht.
Freitag, der 3. September
2004
Neuigkeiten von Zeyad aus dem Iraq, der
deshalb ( wie er schreibt ) im Iraq unterwegs ist um Kinder in der
Provinz gegen Pocken zu impfen. Eine Arztkollege der vor
einer Woche in Nadschaf war , sah angeblich die Unterschrift von Muqtada
auf der Hawza-Erklärung Sistanis. Zeyad bemerkt dazu, "the clerics must have put some
significant pressure on the spoiled child". Ferner gingen die
Zerstörungen an der Fassade der Imman Ali Moschee angeblich
grösstenteils auf das Konto der Mahdisten. Mohammed Bashar Al-Faidhy,
Sprecher der Vereinigung muslimischer Lehrer gab eine Erklärung an den
"irakischen Widerstand" in den Arabischen Fernsehsendern ab - auch zu
den französischen Geiseln. Dessen Wortlaut ( gekürzten englischen
Text bitte nachsehen auf Zeyads Blog ) Zeyad kommentiert:
"Basically, he is saying: My dear
children, it is true they are infidels, but we should turn the infidels
against each other when ever we have the opportunity. Do not kill these
two infidels, maybe another time when no one is looking." Zu
den 12 ermordeten nepalesischen Geiseln meint Bashar A-Faidhy: "... the 12 agents were fooled to come to
Iraq to serve the occupation forces..."
Ferner erklärt Zeyad uns Lesern den
Unterschied zwischen der sunnitischen und der shiitischen
Geistlichkeit. Die sunnitische Geistlichkeit verbringe nicht
Jahrzehnte in religiösen Seminaren wie die shiitischen Imane,
stattdessen absolviere ein kommender sunnitischer Imman 4 Jahre in einem
"sharia college". Ideologisch glaube die shiitische Geistlichkeit im
Iraq auch nicht an einen "gerechten Herrscher" vor der Widerkehr des
verborgenen Iman ( des Mahdi ), weshalb sie sich in der Regel aus der
Politik "heraushielten". Bei den Sunniten sei das etwas anders,
meint Zeyad ( der aus Basra kommt, also vermutlich einen
shiitischen "Background" hat, wenngleich er nicht gläubig ist ), und
klagt sie wegen ihres politischen Opportunismus an.
Dazu nicht
unbedingt passend Hans Sachsens Holpervers im DW: "Darumb wolauf mit eil und jach wer mit uns
will der kumb hernach" ( ... wer nicht so geschwindt ist wie wir,
kommt halt ein bisschen später an ...). Den Letzten fressen
die Hunde. So deute ich das.
"Jach" ist die
mittelalterliche Form von "Jäh", die noch Luther benutzte ( auch er ein
religiöser Fundamentalist ). Jachzorn = Jähzorn. Denn es zu
vermeiden gilt, gerade jetzt.
Dienstag, der
7.09.2004
Für sehr gut befunden Mark Spraggs
ersten Roman "Duft der harten Erde". Der vorhergegangene
biographische Roman "Wo der Fluss die Richtung ändert" schildert Spraggs
Kindheit und Jugend auf einer Gästefarm im Wyoming der fünfziger
Jahre. In "Duft der harten Erde" erwähnt Spragg Barry übrigens
Barry Lopez "Winterchronik, Wanderwege". Ebenfalls empfehlenswert,
wie überhaupt Alles von Lopez. Kurz gesagt. Lopez Prosa ist
poetisch und naturverbunden ohne das übliche Getue.
Das Heft Nr.
8 (September 2004) des schweizer Magazins "du" steht unter dem
kritischen Schwerpunkt: "Amerika. Vereinigte Staaten. Geteiltes
Land."
"«du» hat Kenner
des Landes um Befindlichkeitsprotokolle und Diagnosen, um
Zustandsbeschreibungen und Antworten gebeten; Politologen wie Michael
Walzer und Joseph Nye, Wirtschaftsspezialisten wie Ted Halstead und
Michael Lind, Fernsehstars wie Tim Russert und Journalisten wie den
Autor der «Herald Tribune», William Pfaff, der eine zutiefst gespaltene
Nation ausmacht. Und schliesslich stellen wir die einflussreichsten
Vertreter der linken und rechten Demagogie und Argumentation vor, von
Ann Coulter und William Kristol über Susan Sontag und Seymour Hersh bis
Michael Moore, die teilweise seit Jahrzehnten die Diskussion
beherrschen."
>William Pfaffs
Artikel "Risse im Sternenbanner" sieht ein Volk in der Krise. Einen
Mangel an Einheit, an kultureller Identität. Gründe dafür sieht
Pfaff u.A:
"Zu einem
zweiten bedeutenden Bruch in der Kontinuität der amerikanischen
Gesellschaft kam es durch die Lehren, die Ende der sechziger und in den
siebziger Jahren von Volks- und Betriebswirtschaftlern vertreten wurden.
Die neuen volks- und betriebswirtschaftlichen Theorien verlangten eine
Deregulierung der amerikanischen und der internationalen Wirtschaft und
eine Neuausrichtung der Unternehmen, die allein die Rendite zum
Kriterium des Unternehmenserfolgs erhob. Danach hatte das Management die
Interessen der Beschäftigten und der Gemeinschaft ausser Acht zu lassen,
sofern die Rendite dadurch geschmälert wurde. Der einzige Massstab für
den Erfolg war nun die Börsennotierung."
"Eine weitere Ursache
für die Spaltung der Nation liegt in einer neueren Entwicklung im
Bereich der religiösen Ideologie. Die Republikanische Partei ist über
ihre Wählerschaft in die Abhängigkeit einer messianisch-apokalyptischen
Variante eines protestantisch-evangelikalen Fundamentalismus geraten.
Diese Bewegung ist zur stärksten religiösen Kraft des Landes geworden
und kann inzwischen etwa 30 Prozent der Bevölkerung zu ihren Anhängern
zählen, darunter auch Präsident Bush."
"Schliesslich hat der
wachsende Einfluss der als Neokonservatismus bezeichneten
intellektuellen Bewegung mehrere neue Faktoren in die amerikanische
Aussenpolitik eingeführt. Dazu gehört die Überzeugung, das nationale
Interesse verlange eine Manipulation des Wahlvolks durch die Elite.

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