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Kurts Büchertagebuch

Donnerstag, der 5.August 2004

„Das lahme Schicksal“ - von Boris und Arkadi Strugatzki.
Überraschend witzig und elegant , bzw. „vergnüglich“ ( wer mit dieser etwas altertümlichen Vokabel noch etwas anfangen kann ), manchmal auch leider ein wenig langatmig und unnötig verwirrend. In den Sorokin-Kapiteln wird der Alltag eines Schriftstellers beschrieben, der dem Leben Arkadi Strugatzkis ähnelt, der zeitweise Militärjournalist war.

Gedicht von Ted Hughes nochmals gelesen: „Where I sit writing my letter“.
Sehr schön übertragen von Arnfried Astel.
„Plötzlich regnen kleine ungezogene Stare zeternd um mich herum, rufen wie ungeheuer es sei und daß jeder Mitmachen soll, und weg sind sie im Handumdrehen.“
Ich denke darüber nach, warum diese Sätze eine derartige ( auch ironische ) Präsenz haben und so gut funktionieren wie ein Filmclip.
Stare sind tatsächlich die Frettchen unter den Vögeln. Ungeheuerer Stoffwechselumsatz. Ständig stehen sie unter Strom.
Im Herbst, wenn sie Schwärme bilden und in den Bäumen von Schulen ( sic ) nächtigen, geht es genau so zu.

„Shouting how it's tremendous and everybody has to join in ...“

An dieser Stelle noch ein schöner Satz über Stare:
„They can't believe their wings“.
Etwas das mir zwar spontan einleuchtet, aber trotzdem schwer erklärbar ist. Vielleicht so: Auf der anderen Seite der ornitologischen Skala befindet sich der unhektische Albatross oder der Sturmvogel verewigt in Coleridges „The Rime of the Ancyent Marinere“ ( Dtsch. „Der alte Matrose“. )

„Das Eis war hier, das Eis war dort,
Das Eis war überall;
Es türmte sich, und fürchterlich
Dröhnt' übers Meer sein Schall.

Doch endlich schoß ein Albatros
Durch Nebel und durch Regen;
Als wär's 'ne Christenseel', so tönt
Ihm unser Gruß entgegen.

Der Vogel fraß aus unsrer Hand,
Flog auf dem Deck umher;
Das Eis zerbrach mit dumpfem Krach:
Wir sind auf offnem Meer!

Ein guter Südwind tut sich auf;
Hoch folgt uns durch die Luft
Der Vogel treu und schwebt herbei,
Wenn der Matrose ruft.

Auf Tau und Mast, da hält er Rast
Der wolk'gen Nächte neun,
Und alle Nacht durch Nebel lacht
Des Mondes weißer Schein. -

Vor bösen Geistern schütz' dich Gott,
Du alter Schiffsgenoß! Was stierst du? -
mit der Armbrust mein
Schoß ich den Albatros!“

Es ist wohl das „Schweben“ des Sturmvogels mit dem Wind, das ihn dichterisch tauglich macht an seine Flügel zu „glauben“. Während die Stare in ihrem hektischen Schwarmverhalten sich selbst eher vorausrennen als zu fliegen. Warum schießt der „Ancyent Marinere“ übrigens auf den Albatross ? Keine Ahnung. Oder na gut, es ist die "Natur" in ihm selbst ( ich bin heute nicht besonders philosophisch angehaucht. Sonst gerne eine nähere Erläuterung ).
„Was stierst du ?“ gilt für den Aberglauben der Matrosen. Eine ziemlich dünne Stelle eines sehr schönen Gedichtes, finde ich.
"Zeitgemäss" halt. Ziemlich blöd auch heute dieses pseudoaltertümliche Englisch: „Ancyent Marinere“.
Ein Pendant „Ye olde copy shoppe“.
Bei Baudelaire, der alten Giftwolke, übrigens eine realistischere Information:

„Oft fängt das Schiffsvolk, dass es sich vergnüge,
Den Albatros den Aar der Meeresweiten
Und lässigen Gefährten ferner Züge
Den Schiffen die auf bittrem Strudel gleiten.“

Freitag, der 6.August 2004

Es gibt eine Verständigung zwischen Büchernarren die besonders scheint. Das der literarischen Quantenverschränkung.
Es ist eine Verständigung über das Neue, das Unerwartete, das über jede platte Psychologie hinausreicht.
Das Interesse das entsteht, als ich in der Buchhandlung etwas von Valery bestellen will.
Die Buchhändlerin ist nett und neu und offensichtlich eine Leserin. Statt „Monsieur Teste“ zu bestellen findet sie mir die „Windstriche“ in den Regalen, die ich akzeptiere ohne einen Blick hineingeworfen zu haben.
Diese manchmal allzuleichte, französische „ungefähre“ Genauigkeit, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Die deshalb weh tut, weil sie nahe genug an der Wahrheit ist, aber deshalb doch nur von Worten repräsentiert wird.
Ja - Valery und seine Aphorismen:
„Schau zu, wenn im Blick der Menschen manchmal der Verstand vorbeizieht, mit seinem Gefolge an Albernheiten und vertrauten Tieren. Selten ist er allein, nie auf lange Zeit. Sieh, wie schön und rein er ist, wenn er zur Quelle schreitet. Affe und Schwein erwarten ihn auf dem Rückweg.“

Affe und Schwein sind übrigens die Hauptfiguren des chinesischen Romans "Reise in den Westen". So eindeutig klar - wie es uns vorkommt - ist dieses Urteil also nicht.

Das Gute und das Böse von guten Aphorismen ist, das sie immer über die breite Autobahn der eigenen Vorurteile geleitet werden. Sie betreffen uns selten selbst. Es müsste eine eignene Kunstgattung geben, die uns die Wahrheit über uns sagt. Aber es gibt sie natürlich schon längst:
Die Bild am Sonntag.

Freitag, der 13 August 2004

Beginn der olympischen Spiele in Athen die mich nicht sonderlich interessieren.
Im antiken Griechenland galt ja während der Spiele Waffenruhe. Das war der Sinn der ganzen Angelegenheit. Jetzt ertrotzt sich Olympia, die routinierte Leistungsträgerin der Welt, die Spiele durch hochgradigsten Sicherheitsaufwand.
Gute Website gefunden, die die antiken mit den heutigen Olympischen Spielen vergleicht.
http://www.perseus.tufts.edu/Olympics/index.html

Ferner bei Lettre International gutes ( etwas älteres ) Interview mit dem Dichter Mark Strand gefunden. Interviewer Wallace Shawn ( Schauspieler und Autor. Film „ Mein Essen mit André“ ).
http://www.lettre.de/archiv/49_strand_shawn.html

Beginne mit Roberto Calassos „Die Literatur und die Götter“ Carl Hanser Verlag ( 2003 ).
Vorher wurde Calasso bei Insel bzw. Suhrkamp verlegt. Was ist da schon wieder passiert ihr Leute?
Calasso ist natürlich kein Geschäft. Man braucht exzellente Übersetzer/Lektoren um diesem Autor gerecht zu werden.
Geld kann man mit sowas nicht verdienen.

Ein kleiner Auszug:

„Nach Stirner ist Lautréamont der zweite künstliche Barbar, der auf die Bühne stürmt, diesmal nicht die des Geistes, sondern die der Literatur. Wie Stirner den kühnen Junghegelianern gezeigt hatte, dass sie ein Haufen Frömmler waren, voller Ehrfurcht vor dem Staat und die Menschheit, so zeigt Lautréamont den romantischen Satanisten, einer breitgestreuten Sippe, die in Baudelaire gipfelte, dass sie beim Vorspiel des „noir“ stehengeblieben waren, ohne mit Sorgfalt, Geduld und freiem Blick die Details des Entsetzlichen ins Auge zu fassen. Vermutlich ähnelten sich auch die Orte, denen diese beiden Giftwolken entströmt sind: gemietete Zimmer in der Grosstadt, Berlin oder Paris, obere Stockwerke, tiefer Himmel hinter den Scheiben, Schatten auf der Wand.“

Von Reimar Klein brillant, sparsam und effizient übersetzt.

Samstag , der 14. August 2004

Gestern verblüfft festgestellt, dass sowohl der Grossvater von U., der meinige, als auch Ernst Jünger 1917 im Schlamm von Ypern steckten. Genauer in einer unbegradigten Frontlinie, der „Flandern-Stellung“ um die Dörfer Wytschaete und Messines – ein deutsches Munitionslager. Daraus enstand wohl „In Stahlgewittern“.
Nicht gerade einer meiner Favoriten.
Im Verlauf dieser schrecklichen Materialschlacht wurde mein Grossvater glücklicherweise von den Briten gefangengenommen.
Der eher konservative englische Militärhistoriker John Keegan zitiert in seiner ausgezeichneten Studie „Der erste Weltkrieg – Eine europäische Tragödie“, den englischen Kompagnieführer Edwin Vaugham:

„Die (deutschen) Gefangenen, heruntergekommen und verzweifelt, drängten sich um mich und erzählten mir, was für eine schreckliche Zeit sie durchgemacht hatten: „Nichts essen, nichts trinken, immer Granaten, Granaten, Granaten !“ ... Ich hatte keinen Mann übrig um sie nach hinten zu bringen. Deshalb schickte ich sie in Granattrichter, zusammen mit meinen Männern, die viel Wirbel um sie machten und ihre spärlichen Verpflegungsrationen mit ihnen teilten. Aus anderen Granattrichtern war in der Dunkelheit von allen Seiten das Stöhnen und Jammern verwundeter Männer zu hören: das schwache, anhaltende, schluchzende Ächzen des Todeskampfes und verzweifelte Schreie.“

Mittlerweile gibt es eine neue Historikergeneration die den 1. Weltkrieg etwas anders beurteilt. Erzählt uns ausführlich im neuen „New Yorker“ ADAM GOPNIK.
Auch "online".

Gesehen, dass u.U. ein Filmprojekt mit dem working title „Ted and Sylvia“ von der BBC beabsichtigt ist. Die Tochter von Sylvia Plath und Ted Hughes Frieda Hughes ist darüber nicht begeistert und hat kurzerhand verboten Textzitate ihrer verstorbenen Mutter für diesen Film zu verwenden.
Frieda Hughes ist Malerin und selbst eine veritable Poetess.

Weiter mit Calasso über Baudelaires „ecole paiene“
„... es gelingt ihm ( Baudelaire ), auf wenigen Seiten und im Stil eines Sensationsartikels drei Elemente ins Blickfeld zu rücken, die nie zuvor als untrennbar miteinander verknüpft betrachtet worden waren: das Erwachen der Götter, die Parodie und die absolute Literatur ( also die Literatur in ihrer zugespitztesten Form, die jede soziale Drapierung verschmäht.)“
Heine ( die Parodie ) und Baudelaire also.

Sehr gutes Buch im Bücherramsch gefunden. „Der Islam – eine Einführung durch Experten“. Suhrkamp Taschenbuch 2845
Hier : „Der Tod und der Sufismus“.

„Für den normalen Muslim kommt mit dem Tod zunächst die Zeit im Grabe, und dann bei der Auferstehung, das Jüngste Gericht, das entscheidet ob der Mensch ins Paradies oder in die Hölle geht. (...) Für die Sufis ist der Tod nur eine Brücke, die den Liebenden zum Geliebten führt. In einem alten Wort heisst es: „Der Mensch liebt Gott und der Tod nimmt die Schleier fort, die den Menschen von Gott trennen.“
Diese "humanistische" Gottesliebe des Islam ist ungeheuer weit entfernt vom abscheulichen „wahabitischen“ Gehabe, das seit langem die Spalten der Tageszeitungen füllt.

Montag , der 16. August 2004

Neuer Roman von Peter Ackroyd herausgekommen „The Lambs of London“ - ein fiktiver Roman über das Leben von Mary und Charles Lamb.

Weiter gelesen - „Die Literatur und die Götter“. Hier mögliche poetologische Genealogie von Heiner Müllers Gedichtschluss gefunden:
„( ... ) Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.“
Bei Hölderlin das Wort vom „Heiligen Chaos“.
Bei Rilke:
„Das Schöne ist nichts als des schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen.“
Bei Heidegger:
„Das Heilige ist das Entsetzliche selbst. (...) aber seine Entsetzlichkeit bleibt verborgen in der Milde des leichten Umfangens.“
Calasso meint in seinem Buch dazu:
„Was immer es sonst sein mag, das Göttliche ist gewiss dasjenige, was mit höchster Intensität das Gefühl schafft, lebendig zu sein. Das ist das Unmittelbare, aber die reine Intensität als kontinuierliches Ereignis, ist „unmöglich“, überwältigend.“

„Bilder bedeuten alles am Anfang. Sind haltbar. Geräumig. Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung. Schon den Himmel hält kein Bild mehr. Die Wolke, vom Flugzeug aus ein Dampf der die Sicht nimmt. Der Kranich nur noch ein Vogel. Der Kommunismus sogar, das Endbild, das immer erfrischte Weil mit Blut gewaschen wieder und wieder, der Alltag Zahlt ihn aus mit kleiner Münze, unglänzend, von Schweiss blind Trümmer die grossen Gedichte, wie Leiber, lange geliebt und Nicht mehr gebraucht jetzt, am Weg der vielbrauchenden endlichen Gattung Zwischen den Zeilen Gejammer auf Knochen der Steinträger glücklich Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.“

Man sollte sich nicht dadurch irritieren lassen, dass Heiner Müller Rilke auf den Kopf stellt.
Und der Steinträger, der kommunistische Arbeiter, aber auch Sysiphos darüber glücklich sind, dass die bürgerlichen Götter, die mythopoetischen Bilder verbraucht sind, und man ganz im materialistischen Hier und Jetzt angelangt ist. Glücklich war der „Dichter“ zumindest darüber noch lange nicht, denn er hat den Weg dorthin verstanden.
Er ging ihn nicht als Unverständiger.
Möglicherweise arm, kulturlos, „vielbrauchend“ und "endlich" sind die Menschen damit geworden. Das ist schon damals die „Unmittelbarkeit“ und die  „Intensität“ des Sozialismus.
Allerdings der Kapitalismus -„ Alles ist so schön bunt hier.“
Möglicherweise bunt, aber ebenso bilderlos, da „vielbrauchend“, da allzuvoll mit Bildern.
Hier wie da, die gleiche Unerlöstheit.

Dienstag , der 17. August 2004

Das Wandern, als Re-Import des Menschen in die Natur.
Die Autobahn als gegenteiliger Re-Export begriffen.

Gefunden Kommentar zur Iain Sinclairs „London Orbital“ in der Netzeitung.. http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/212992.html
Martin Conrads ist offenbar ein Kenner der Sarkasmen des Psychogeographen Londons – Iain Sinclair.
Was Sinclair hier über die M25, jener ungefähr 122 Meilen lange Autobahnring um London, der am 29. Oktober 1986 von Margaret Thatcher dem Verkehr übergeben wurde, geschrieben hat ist lesenswert ( und durchaus kenntnisreich ), jedoch auch mit Vorsicht zu betrachten. Denn Sinclairs „London“ ist auch immer ein postmoderner journalistischer Hype. Eine situationistische Inszenierung der Wirklichkeit.

„Die M25, schreibt Sinclair, ist einfach zu erfolgreich, denn sie wird aus vielen Gründen benutzt – von Dieben auf Streifzügen, von Sexarbeiterinnen auf dem Weg zu den Parkplätzen, auf denen sie arbeiten, oder von Londonern, die einfach bis an die Grenzen ihrer Stadt gehen wollen. Tatsächlich ist Sinclair für sein Buch mit einigen wechselnden Begleitern über Monate hinweg immer wieder zu Fuß Teilstücke der M25 gegen den Uhrzeigersinn entlang gelaufen, immer in Hörweite des Verkehrs, vielleicht, wie einer seiner Weggefährten orakelte, um herauszufinden, wohin diese Straße führt.“

Mittwoch, der 18. August 2004

Die neueste Ausgabe von Outlook India,
http://www.outlookindia.com/
ein sehr lesenswertes Magazin, hat den historischen Schwerpunkt „WHAT IF....“ Was wäre wenn Ghandi, JFK nicht ermordet worden wären ... ? Etc. Was hätte sich für Indien damit verändert ?
Der witzigste Artikel der Ausgabe ist zweifellos von Sunil Menon.
Es geht ungefähr um den freien Gebrauch des Pidgin-English in Indien als eine Art Open Source basiertes linguistisches Mulligatawny – die bekannte anglo-indische Suppe, die mancher grimme, pensionierte britische Offizier bei seinem englischen Koch durchsetzte.
Titel: „What If Ingleesh Is Free?“
Übersetzen kann man das schwerlich. Deshalb hier ein paar Auszüge in Ingleesh:
 
„Talking of royalty, here's a liberating gust from Tok Pisin, a Melanesian Pidgin born on 19th century plantations. An ethnic mish-mash of South Sea Islanders, slaving away on indigo, took English, gave a royal tweak to its grammar and minted their own Wantok (One Talk). The first, ravishing lesson in pidgin revenge: Nambawan Bigflo Blong Missis Kwin. What species of life-form is that? Why, a moniker for Prince Philip! Number One Big Fellow Belonging To Mrs Queen! (Ouch!) Take that, your excellency, as a small reciprocal gift from world culture. (One Ken Campbell was so taken with this, he did a whole Pidgin Macbeth, rendering the Bard in "rude voodoo telegrams".)
(...)
So after double roti, kapda aur makaan, what? Some worldified English. Between Hollywood and Buddy Holly, Guardian Review and Google, we've installed a multi-port fuel injection system for language: phreaking into tech registers, F-1 and net slang, jargon from Dow Jones to diplomacy, haute cuisine to low couture, po-mo bibles to Aussie sports commentary. And making a mean mulligatawny out of it all. It shows in our exhibitionistic wordplay, our recklessly code-mixed ads, the vicious punning of news headlines. We are a linguistic nouveau riche. And yes, barring the sorry practitioners of the Stephanian School, it shows. Editing yields brief, revelatory moments ("That's not my language! Don't put any of your English in it."). See what's at stake here?
 The first flush of ownership.My English. (...)

Dienstag, der 24. August 2004

Im Perlentaucher Auszüge aus
Ian Burumas neuem Buch : Chinas Rebellen.
Die Dissidenten und der Aufbruch in eine neue Gesellschaft.
Aus dem Englischen von Hans Günter Holl
Carl Hanser Verlag, München 2004
432 Seiten, gebunden, Euro 25,90

Auszüge:
„Nach 1989 stand die Rhetorik im Zentrum der schärfsten Tian’ anmen-Kontroverse. So legten die Filmemacher Carma Hinton und Richard Gordon 1995 ihre Dokumentation The Gate of Heavenly Peace als eine Polemik gegen die "radikalen" Studentenführer an, allen voran Chai Ling. Durch geschickten Einsatz von Archivmaterial und Kommentierung suggerierten sie, die extremsten Studenten hätten sich im Handstreich der Demonstrationen bemächtigt: Gerade das radikale Verhalten von Chai Ling und Konsorten habe als Spiegelbild des Extremismus der Kommunistischen Partei die Hardliner in der Regierung provoziert, derart brutal zurückzuschlagen. Als Hauptbeleg dafür diente das berüchtigte Interview mit Chai in dem Pekinger Hotelzimmer wenige Tage vor dem Gemetzel, mit der umstrittenen Aussage, "daß wir in Wirklichkeit auf ein Blutbad hoffen ". Chai behauptet, und ihre Verteidiger bestätigen, daß jenes "hoffen" im Chinesischen je nach Kontext auch "erwarten" bedeuten kann, doch ihre Kritiker bezeichnen sie als Lügnerin.“ (...)

„Mich interessierten diese Streitigkeiten nicht als Chronist von Tian’anmen, sondern ich wollte mehr über die Rebellen selbst und die Art ihrer Zwietracht wissen. Die politischen Ansichten der am Aufstand beteiligten Studenten, Intellektuellen, Arbeiter, Journalisten et cetera waren zu konfus, widersprüchlich und undurchschaubar, um simple Schlüsse zu erlauben. Und ihre zehn Jahre nach den Ereignissen von 1989 dazu abgegebenen Kommentare sollte man auch nicht beim Wort nehmen. Also haben wir nichts als Interpretationen, eine Rashomon-Story. Wie immer in solchen Fällen sagen diese Deutungen mehr über ihre Urheber aus als über die Sache selbst, und um alles noch verwickelter zu machen, ändern sie sich im Lauf der Zeit mit den Umständen. Als erster Schritt in die Welt der chinesischen Rebellionen bot sich daher ein Rashomon des Tian’anmen an.“

Der gegenwärtige amerikanisch irakische Konflikt mit dem sog. schiitischen Mahdi von Nadjaf Muqtada Al-Sadr nimmt schon heute groteske Züge an. Im Telewischen kaum ernstzunehmende Korrespondentenberichte, weshalb ich mir mit iraqischen Weblogs behelfe. Da „Salam Pax“ auf einen anderen Blogspot verzogen ist ( link later ) ist jetzt das Blog von Zeyad, einem anonymen Zahnarzt der öfter von Basrah nach Bagdad reist, meine Hauptinformationsquelle.
Healing Iraq
Ob seine Statements immer stimmig und objektiv sind  kann ich nicht beurteilen, jedenfalls verhilft mir sein Webtagebuch zu neuen Einsichten.Heute stellte Zeyad eine Karte der umkämpften Gebiete von Najaf zur Verfügung. http://healingiraq.blogspot.com/najaf1.jpg
Nachtrag:
Der Link zur Karte funktioniert leider nur über den Umweg zu Zeyads Weblog. Sorry.

Zeyad schreibt heute:

Tuesday, August 24, 2004

The Iraqi interior minister, Falah Al-Naqib, just made a statement on Al-Arabia that the situation in the old city would be resolved in a few hours. Correct me if I'm wrong, but I seem to remember that he has been saying that every day during the last two weeks.
Meanwhile, the situation on the ground in Najaf remains the same. Al-Mahdi still control the shrine of Imam Ali and the cemetery of Wadi Al-Salam, while Iraqi and US troops are situated about half a kilometre away, supposedly surrounding the area. I made this map for details. Muqtada Al-Sadr is rumoured to have left Najaf, how he would have managed to escape such a tight hold on the old city is beyond me. The Najaf IP commander, Ghalib Al-Jaza'eri, mentioned that he was in Suleimaniya, someone else said he was in Nasiriya, others say he is in Iran. It might be possible that he is still in hiding somewhere in Najaf with his supporters spreading these rumours as a distraction.
Ahmed Al-Shaibani, a deputy of Sadr, dismissed these allegations as rumours and insisted that 'al-sayyed al-qa'id remains in the battlefield'. He also mentioned that all negotiations with Sistani's office on the current status of the shrine have been 'suspended'. Sistani seems to have given instructions to his office in Najaf not to accept the keys to the holy shrine unless a neutral committee inspects the contents of the shrine and an inventory is made to ensure nothing is missing from the treasury of the shrine.
This treasury which is located inside a safe locked basement beneath the shrine contains historical artifacts, priceless manuscripts and a significant amount of gold and gems. These have been gifted and donated to the shrine by Shia from all over the world for centuries. No one has ever dared touch that treasury except the family that holds the keys to the shrine. Radhwan Al-Rufai'i was forced to give over the keys to one of Sadr's aides last April. Al-Rufai'i had taken over the responsibilities of the shrine after his cousin Haider Al-Kelidar who was murdered with Abdul Majid Al-Khoe'i on 10 April 2003 by Sadr's followers.
Sistani's office has been placing these obstacles on Sadr in response to rumours that a large part of the treasury has been stolen and possibly smuggled to Iran. If true, Sadr would be in a very bad position since he was practically responsible for the shrine's contents and would also expose him as the gangster he is.
Another troubling development was the kidnapping of Sayyed Mahdi Al-Hakim, the son of Grand Ayatollah Mohammed Sa'id Al-Hakim who is one of four senior clerics in Najaf. He was at the house of Mahdi Al-Khorassani with Mohammed Ridha Al-Mar'ashi when armed militiamen broke into the house. The three clerics were violently beaten and Mahdi Al-Hakim was taken with them. Another reason why the marji'iyah are not going to be very forgiving with Sadr.
(...)
Something else has been bothering me for a while. How come there are NEVER any suicide bombings whenever there is trouble in the south with Sadr? And why do the Sunni areas seem so peaceful?

Mittwoch, der 25. August 2004

Der  digitale Grimm bei Zweitausendeins.
Jetzt bin ich doch verblüfft über das unmenschliche Ausmasz an Gelehrsamkeit und Wiszbegier dieser Beiden. Und das läszt sich beileibe nicht damit erklären, dasz es im 19. Jahrhundert noch keine Playstation gab, denn derartige Sammelleistungen sind wohl auch
ungeheuer manisch obsessiv .
Die Grimms wuszten nicht nur schon um die lautverschobene Verwandschaft der ungarischen mit der finnischen Sprache, sie hatten auch ein hochentwickeltes linguistisches Verständnis für eine Groszzahl der Sprachen.
Und nebenbei sammelten sie Volksmärchen, redigierten und entschärften sie für "moralische Anstalt"  späterer deutscher Kindergenerationen.

Zum Buchstaben B schrieben sie u.A.:

"die sprachen standen nicht still, aber in ihren bewegungen waltete regel. alle stummen consonanten halten, wie die gestirne sich von osten gen westen drehen, ihren festen naturgang ein, so dasz sich die weiche, volle, tönende media zur dünnen, dumpfen tenuis erhärtet, die harte tenuis in aspirata spaltet und die entfaltete aspirata wieder zur media zusammenschlieszt. hiermit ist der kreislauf vollendet und kann von neuem beginnen. wer wollte nicht die media obenan stellen? unnatürlich wäre ein fortschritt aus ihr zur aspirata, aus der aspirata zur tenuis, aus der tenuis zur media, und nur im rückschritt oder erschlaffen mag ein solcher wechsel sich kundthun. es gibt aber sprachen, die der media ganz, oder der meisten aspiraten verlustig gehn, keine, der die tenuis gebräche.
Diese der etymologie willkommne und heilsame lautverschiebung, obgleich in allen alten und neuen sprachen hin und wieder oder strichweise auftauchend, ist doch bei der deutschen zunge am wahrnehmbarsten und in zweimaligem ansatz durchgedrungen. gerade wie die stummen consonanten der hochdeutschen mundart auffallend abtreten von denen jeder andern deutschen sprache, ebenso entfernen diese sich von allen nichtdeutschen, urverwandten sprachen. gegenüber der groszen masse des sanskrit, griechischen, slavischen, lateinischen, keltischen findet sich die gothischnordischniederdeutsche eigenheit in geringerem umfang, und gegenüber diesen letzten einzig und allein die hochdeutsche im geringsten. es scheint als ob der sprachgeist, indem er jenen ausschritt zuliesz, der spitze desselben nur den engsten raum gestatten wollte. ältestes beispiel der lautverschiebung gewährt uns das zend im verhältnis zum sanskrit, neuestes das ungrische entgegen dem finnischen; einzelne verschiebungen treffen wir im sanskrit, griechischen und latein genug an, wie das gothische und hochdeutsche auch ausnahmen davon darbietet."

Am Rande eine Anekdote meiner geschätzten Kollegin E., einer rumänischen Ungarin, die im damaligen noch sozialistischen Rumänien an einer Reisegruppe vorbeiging. Sie hörte flüchtige Laute, wohl auch die Sprachmelodie, und dachte natürlich sind das Ungarn ( Magyaren ). Es waren aber Finnen, wie sich später herausstellte, die  Rumänien besuchten.

Donnerstag, der 25. August 2004

Im  Booklet des "Digitalen Grimm" von ZWEITAUSENDEINS ein Artikel - "Wie das Deutsche Wörterbuch in den Computer kam."
Gar nicht mal so uninteressant.
Für die Grimms war das DW ursprünglich  als "Hausbuch" für jedermann
gedacht. 35 000 Druckseiten verteilt auf 33 Bände, wo man "kurz" mal was nachschlägt. Das hat über die Jahre nicht sooo ganz gut funktioniert. Wer liest denn sowas auszer Germanisten ?

Spannende Frage. Wie wurde es doch zu einem "Hausbuch" auf der Gigabyte fähigen Festplatte ?
Wie nimmt man es digital auf ?
Erste Idee. Einscannen und durch eine optische Texterkennung durchrauschen lassen.
Undenkbar. Einmal war es der kleine Schriftgrad des DW, dann die vielen Sonderzeichen die eine OCR ( Optical Chraracter Recognition ) sehr erschweren.
Ich kenne das ja selber. Selbst bei einem sehr guten OCR Programm bei einer Erkennungsrate von 99,9 % muss also jedes tausendste Zeichen nachgebessert werden. Auf einer Seite mit ca. 10000 Zeichen wären das also etwa 10 Fehler pro Seite.
Und das systematisch bei 35 000 Druckseiten.
Ein Standartwerk  mit 10 mal 35000 Fehlern = 350 000.
Das ist natürlich undenkbar - bei einem Standartwerk.
Was also tun ?

Man verständigte sich darauf zwei verschiedenen Teams in China ( die keinerlei  Deutsch konnten ) die Übertragung zu überlassen. Der Vergleich beider Versionen ( kaum anzunehmen dabei, dass sich zweimal dieselben Überlesefehler fanden, wie bei deutschen Transkriptoren möglich ) würde den gemittelten Korpus des Wörterbuchs bilden.
Man hätte also nur reine Tippfehler, aber praktisch keine Überlesefehler.
Interessante Überlegung. Hat auch gut funktioniert.


Samstag, der 27. August 2004

Das schon etwas ältere Buch der chinesischen Historikerin Feng Chen "Die Entdeckung des Westens" ( Fischer TB 60165 ) wertet zum erstenmal die offiziellen Berichte und Reisebücher chinesischer Diplomaten aus, die ab der späten Mitte des 19. Jahrhunderts nach Europa und Amerika entsandt wurden.
Schon allein das war keine leichte Entscheidung für die Mandschu-Kaiser Chinas. Für sie war China - nach wie vor - das Land der einzigen Zivilisation. Vorher dienten die chinesischen Gesandten vor allem dazu, den zentralasiatischen "Ländern des Westens" einen symbolischen Tribut abzufordern.
Die Opiumkriege, die Rebellion der Taiping und der Krieg gegen Japan brachten das mandschu-chinesische "Establishment" jedoch allmählich zur Einsicht ihren Isolationismus zähneknirschend aufzugeben.
Denn wie war es möglich, dass diese westlichen Barbaren solche kriegsentscheidenden Erfolge hatten ? Zweifellos war es die Technik, vielleicht aber auch ihre Kultur ? Man musste das unbedingt herausfinden.
Man sah ja schon im Japan der Meiji-Reformen, dass die Reform des Militärs nach westlichem Vorbild ungeahnte Erfolge mit sich brachte.
Höchst angefeindet von der eigenen Klasse der Mandarine, begaben sich nonkonforme chinesische Beamte in den Westen. Die meisten waren eher bornierte Aufsteiger, die keinerlei Einblick in das westliche System gewannen. Doch manche waren auch begabte blinde Beobachter.
( Auch die kulturelle Blindheit ist eine Gabe, vom Standpunkt des Historikers gesehen ).
Diese chinesischen "Diplomaten" haben zwar als privilegierte Besucher in "Europa" nicht die unsichtbaren sozialen Regularien des westlichen "Alltags", nicht die sozialen Grenzen zwischen zwischen "arm" und "reich" gesehen. Und deshalb erschien ihnen die europäische Gesellschaft als egalitärer als die Chinesische.
Ferner entging ihnen die frühkapitalistische, dezentrale "Funktions-Isolation" des westlichen Kapitalismus.
Die Religion war nicht der Staat/Kaiser.
Die Wirtschaft war nicht der Staat/Kaiser.
Das Soziale war nicht der Staat/Kaiser.
All das war im Westen schon in ungehobelten, doch voneinander unabhängigen Funktionseinheiten angelegt, deren Ideologie scheinbar in der individuellen Freiheit mündete.
Viele konservative chinesische Diplomaten sahen das früher mit Abscheu.

Aber die jungen fortschrittlichen Chinesen die nach 1912 zur Ausbildung nach Europa kamen ( wie etwa "Zhou Enlai" oder "Deng Xiaoping" ) sahen im kolonialistischen, demokratischen "Europa" ein durchaus nachahmenswertes Modell.
Ein Modell, das 1912 nach der Abdankung des letzten mandschurischen Kaisers, als Vorlage der ersten "chinesische Republik" diente.
Chaos, ein unendlicher Bürgerkrieg und unerhörte Grausamkeiten waren die Folge.
Man konnte die europäischen Gesellschaft, auch die Sowjetunion nicht einfach kopieren. Gesellschaftliche Funktionsweisen sind Gegenstand einer langen Evolution. Und beruhen auf sogenannten "emergenten Strukturen", Einzelfunktionen die sich schliesslich verknüpfen, weil sie - auf eine zunächst nicht beschreibbare Weise - einfach zu einander passen.
Man kann keine funktionierende Gesellschaft importieren !

Heute ist es umgekehrt. Der Westen sieht heute China als ein kulturelles, autochtones Paralleluniversum von dem man lernen könnte. Vor allem, wie man Geld nach chinesischem Muster verdient.
Aber gerade da ist Vorsicht geboten. Der märchenhafte wirtschaftliche Aufschwung Chinas ist eine Chimäre, die vollständig ausländischen Investitionen geschuldet ist.

Sonntag, der 28. August 2004

Im ICE von Frankfurt nach Mannheim zwei junge Türken kennengelernt die für einen neuen türkischen Sender http://samanyolu.tv/in Offenbach ( ehemaliges Polaroid Gebäude ) arbeiten. Der Sender ist ein Ableger der türkischen Tageszeitung http://www.eurozaman.de/ deren Website auch auf englisch erscheint.
Sehr nette Leute - angeregtes Gespräch.
Die Zeit im Zug verging im Flug.

Montag, der 29. August 2004

Simon Winchester "Krakatau"; Albrecht Knaus Verlag; 2003

Der Geologe und schriftstellernde Globetrotter Simon Winchester hat hier ein weiteres Buch geschrieben das voll mit klug vermittelten Wissen ist. 
Es handelt von der holländischen Kolonialgeschichte, der Geschichte der Evolutionstheorie und der "Plattentektonik" der Kontinente.
Zwischen dem indonesischen Archipel ( genauer zwischen den Inseln Java und Sulawesi ) verlaufen die Grenzen der australischen und der grossen eurasischen Kontinentalplatte. Hier befand sich auch der Krakatau, ein Vulkan dessen Ausbruch 1883 ein klimatisches Disaster hervorrief. Eine ähnliche Katastrophe durch einen "berstenden" Vulkan innerhalb der menschlichen Geschichtsschreibung hatte es vor 3400 Jahren nur durch das Bersten der Insel Thera  gegeben ( heute die ägäische Inselgruppe Santorin ). Folge: Untergang der minoischen Kultur und der ersten griechischen Schrift ( Linear A und B ) die sich von der Phönizischen Schrift ableitete.
Die Phönizier schrieben übrigens von rechts nach links. Die Minoer alternierend.  Erste Zeile von rechts nach links . Zweite Zeile von links nach rechts.
Soviel zur weitläufigen Beziehung der Vulkanologie und der Entwicklung der der Schrift.

Wer schon immer einen lesbaren Einstieg zur Geologie finden wollte - hier ist das Buch dazu.
Hierzu auch von Simon Winchester
"Eine Karte verändert die Welt"

William Smith und die Geburt der modernen Geologie
TB; btb Verlag 2003

Dienstag, der 30. August 2004

In Outlook India ist heute der vierhundertste Jahrestag der Sikh Religion Thema , bzw. die Niederschrift des heiligen Buches des Sikhismus - des "Adi Granth" ( auch "Guru Granth" ). Die Religion der Sikhs im pakistanischen/indischen Punjab ist synkretisch, d.h. sie vereinigt hinduistische als auch islamische Elemente zu einer eigenständigen Religion/Kultur.
Leider befindet sich das Originalmanuskript des "Adi Granth"  in den Händen des Sodhi Clans von
Kartarpur, die ihren Schatz eifersüchtig hütet.
Natürlich gibt es Kopien, aber das Original ist nun mal das Original.
"The Sodhis have no right to deny Sikhs a darshan of the holy Bir,"  meinen viele Sikhs.

"Darshan" ist übrigens ein Hindu Terminus.
"Indische Religiosität ist wesentlich vom Glauben an die überragende Bedeutung und Wirkung des Sehens geprägt. Die Anhänger eines Gottes schauen das Bildnis der Gottheit an, ist diese doch für sie im Kultbild anwesend und damit offen für Gaben und Wünsche. Die Gottheit gewährt den Gläubigen den Darshan, den Blickkontakt. Große offene Augen sind ein Kennzeichen der Darstellungen indischer Götter."

Es gibt auch sakrale Steine die rot oder gelb gefärbt  sind und mit grossen Silber- oder Messingaugen belegt werden.

Mittwoch, der 1. September 2004

Verblüffend gut lesbarer guter Roman des Amerikaners John Wray "Die rechte Hand des Schlafes" .
Hardcover wird jetzt bei http://www.jokers.de/ verramscht, da das Taschenbuch herausgekommen ist.


Roman über die NS-Zeit in Kärnten. Eine "Art Anti-Heimat Roman"  mit  einer grossen Liebe zum Detail, überhaupt zur Beschreibung. Gut gelungen auch die Charaktere die ja "noch nicht wissen können, was werden wird".  Per Montage wird die seltsame Geschichte des Kärntners Oskar Voxlauer beschrieben, den es nach dem ersten Weltkrieg in die bolschewistische Ukraine verschlägt und 1938 kurz vor "der Heimkehr ins Reich" nach Kärnten zurückkehrt.

Der New Yorker John Wray hat hier sehr einfühlsam die amerikanische "back to the origin " Literatur  Robert Olmsteads, Charles Fraziers und Mark Spraggs  in das Kulturumfeld seiner östereichischen Mutter übertragen.
Manche Sätze lesen sich - gerade wegen ihrer Lakonie - wie reine Lyrik.
Wie üblich bei guten Romanen, braucht man ein bisschen Zeit um sich einzufinden.
Die brilliante Übersetzung besorgte übrigens Peter Knecht.

Freitag, der 3. September 2004

Neuigkeiten von Zeyad aus dem Iraq, der deshalb ( wie er schreibt ) im Iraq unterwegs ist um Kinder in der Provinz gegen Pocken zu impfen. 
Eine  Arztkollege der vor einer Woche in Nadschaf war , sah angeblich die Unterschrift von Muqtada auf der Hawza-Erklärung Sistanis. Zeyad bemerkt dazu,
"the clerics must have put some significant pressure on the spoiled child"
.
Ferner gingen die Zerstörungen an der Fassade der Imman Ali Moschee angeblich grösstenteils auf das Konto der Mahdisten.
Mohammed Bashar Al-Faidhy, Sprecher der Vereinigung muslimischer Lehrer gab eine Erklärung an den "irakischen Widerstand" in den Arabischen Fernsehsendern ab - auch zu den französischen Geiseln.
Dessen Wortlaut ( gekürzten englischen Text bitte nachsehen auf Zeyads Blog ) Zeyad  kommentiert:
"Basically, he is saying: My dear children, it is true they are infidels, but we should turn the infidels against each other when ever we have the opportunity. Do not kill these two infidels, maybe another time when no one is looking."
Zu den 12 ermordeten nepalesischen Geiseln meint Bashar A-Faidhy:
"... the 12 agents were fooled to come to Iraq to serve the occupation forces..."

Ferner erklärt Zeyad uns Lesern den Unterschied zwischen der sunnitischen und der shiitischen Geistlichkeit.
Die sunnitische Geistlichkeit verbringe nicht Jahrzehnte in religiösen Seminaren wie die shiitischen Imane, stattdessen absolviere ein kommender sunnitischer Imman 4 Jahre in einem "sharia college".
Ideologisch glaube die shiitische Geistlichkeit im Iraq auch nicht an einen "gerechten Herrscher" vor der Widerkehr des verborgenen Iman ( des Mahdi ), weshalb sie sich in der Regel aus der Politik "heraushielten".
Bei den Sunniten sei das etwas anders, meint Zeyad ( der aus Basra kommt, also vermutlich einen  shiitischen "Background" hat, wenngleich er nicht gläubig ist ), und klagt sie wegen ihres politischen Opportunismus an.

Dazu nicht unbedingt passend Hans Sachsens Holpervers im DW:
"Darumb wolauf mit eil und jach
wer mit uns will der kumb hernach"
( ... wer nicht so geschwindt ist wie wir, kommt halt ein bisschen später an ...).
Den Letzten fressen die Hunde. So deute ich das.

"Jach" ist die mittelalterliche Form von "Jäh", die noch Luther benutzte ( auch er ein religiöser Fundamentalist ).
Jachzorn = Jähzorn.
Denn es zu vermeiden gilt, gerade jetzt.

Dienstag, der 7.09.2004

Für sehr gut befunden Mark Spraggs ersten Roman "Duft der harten Erde".
Der vorhergegangene biographische Roman "Wo der Fluss die Richtung ändert" schildert Spraggs Kindheit und Jugend auf einer Gästefarm im Wyoming der fünfziger Jahre.
In "Duft der harten Erde" erwähnt Spragg Barry übrigens Barry Lopez "Winterchronik, Wanderwege".
Ebenfalls empfehlenswert, wie überhaupt Alles von Lopez.
Kurz gesagt.
Lopez Prosa ist poetisch und naturverbunden ohne das übliche Getue.

Das Heft Nr. 8 (September 2004) des schweizer Magazins "du" steht unter dem kritischen Schwerpunkt:
"Amerika. Vereinigte Staaten. Geteiltes Land."

"«du» hat Kenner des Landes um Befindlichkeitsprotokolle und Diagnosen, um Zustandsbeschreibungen und Antworten gebeten; Politologen wie Michael Walzer und Joseph Nye, Wirtschaftsspezialisten wie Ted Halstead und Michael Lind, Fernsehstars wie Tim Russert und Journalisten wie den Autor der «Herald Tribune», William Pfaff, der eine zutiefst gespaltene Nation ausmacht. Und schliesslich stellen wir die einflussreichsten Vertreter der linken und rechten Demagogie und Argumentation vor, von Ann Coulter und William Kristol über Susan Sontag und Seymour Hersh bis Michael Moore, die teilweise seit Jahrzehnten die Diskussion beherrschen."

William Pfaffs Artikel "Risse im Sternenbanner" sieht ein Volk in der Krise.
Einen Mangel an Einheit, an kultureller Identität.
Gründe dafür sieht Pfaff u.A:

"Zu einem zweiten bedeutenden Bruch in der Kontinuität der amerikanischen Gesellschaft kam es durch die Lehren, die Ende der sechziger und in den siebziger Jahren von Volks- und Betriebswirtschaftlern vertreten wurden. Die neuen volks- und betriebswirtschaftlichen Theorien verlangten eine Deregulierung der amerikanischen und der internationalen Wirtschaft und eine Neuausrichtung der Unternehmen, die allein die Rendite zum Kriterium des Unternehmenserfolgs erhob. Danach hatte das Management die Interessen der Beschäftigten und der Gemeinschaft ausser Acht zu lassen, sofern die Rendite dadurch geschmälert wurde. Der einzige Massstab für den Erfolg war nun die Börsennotierung."

"Eine weitere Ursache für die Spaltung der Nation liegt in einer neueren Entwicklung im Bereich der religiösen Ideologie. Die Republikanische Partei ist über ihre Wählerschaft in die Abhängigkeit einer messianisch-apokalyptischen Variante eines protestantisch-evangelikalen Fundamentalismus geraten. Diese Bewegung ist zur stärksten religiösen Kraft des Landes geworden und kann inzwischen etwa 30 Prozent der Bevölkerung zu ihren Anhängern zählen, darunter auch Präsident Bush."

"Schliesslich hat der wachsende Einfluss der als Neokonservatismus bezeichneten intellektuellen Bewegung mehrere neue Faktoren in die amerikanische Aussenpolitik eingeführt. Dazu gehört die Überzeugung, das nationale Interesse verlange eine Manipulation des Wahlvolks durch die Elite.








 

 


 
 
 
   
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