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Kurts
Büchertagebuch
Dienstag,
der 22.Juni.2004
Auf der Suche nach Artikeln über Richard
Powers auf der Website von David G. Dodd http://www.richardpowers.net
festgestellt, dass die meisten amerikanischen Zeitungen und
Zeitschriften dazu übergegangen sind ihre Seiten nur für
zahlende Besucher zu öffnen. Meinetwegen ! So muss ich weniger
Zeit damit verbringen Hunderte von Artikeln, die im Grunde die selben
Interviewstellen benutzen, durchzulesen.
Lese gerade nebenbei „Der rebellische Affe“, ein chinesischer Roman aus
der Mingdynastie. Eigentlich heisst es „Die Reise nach dem Westen“. Der
Kern der Geschichte ist die Reise des buddhistischen Mönchs
Hsüan-Tsang während der Tangdynastie ( „Tripitaka“ auf
Sanskrit in diesem Roman – noch keinen Schimmer, warum nicht der
chinesische Name verwendet wird ) um die ursprünglichen Texte des
Buddhismus nach China zu holen. Aus dem Chinesischen ins Englische ins
Deutsche. Aber man schrieb 1961 – dass mans halt mal hat. Rowohlts
rotierende Romane ( ewig rotierende Klassiker ).
Aber zurück zu Richard Powers. Hier ist momentan des Preisens ist
kein Ende. Und das völlig zu recht. Powers ist vermutlich einer
der integersten Schreiber der gegenwärtigen amerikanischen
Literatur. Die erste Übersetzung seines Romans „Galatea 2.2“
erschien in Schweizer „Ammann Verlag“ 1995. Wurde dann vom Fischer
Verlag vertaschenbucht.
„Plowing the dark“, auf deutsch „Schattenfluchten“ ( hört sich
einfach besser an „Als das Dunkle zu pflügen“ ) erschien dann
schon als Hardcover bei Fischer. Und jetzt der „Klang der Zeit“.
Ungeheuerlich, was da für plötzlich Werbegelder für
BÜCHER freigesetzt werden können !
Während Übersetzer/innen gleichzeitig für ein Butterbrot
beschäftigt werden können.
Remember !
Jede übersetzte Zeile die man als Leser – auf deutsch – geniest,
ist die schlecht bezahlte Arbeit von enthusiastischen
Übersetzer/innen. Also ruhig auch mal darauf schauen. Die Zeiten
sind vorbei, in denen sich Verlage der Bildung des Volkes widmeten.
Heute sind es knallharte Strategien der Vermarktung.
Mittwoch,
der 23.Juni 2004
Beginne Richard Powers Roman „Prisoner's Dilemma“ zu
lesen. Hier auch wieder eine singende Familie. Der Vater, ein
Geschichtslehrer, spielt den Quizmaster, dessen Fragen allerdings auf
hohen assoziativen Niveau sind. Das erinnert mich an mein liebstes,
unaufgelöstes Rätsel.
„Die athenischen Arrephoren.“
Bei Pausanias (1,27,3) steht dazu:
„Nicht weit vom Tempel der (Athena-) Polias entfernt wohnen zwei
Jungfrauen, die die Athener Arrephoroi nennen. Diese halten sich einige
Zeit bei der Göttin auf, und wenn die Zeit des Festes kommt, tun
sie in der Nacht folgendes. Sie setzen sich auf den Kopf, was ihnen die
Priesterin der Athena zu tragen gibt, und dabei weiß diese nicht,
was sie ihnen gibt, die es tragen, wissen es auch nicht. Und nicht weit
entfernt ist in der Stadt ein Bezirk der Aphrodite ‚in den
Gärten’, zu dem ein natürlicher unterirdischer Gang
führt. Dorthin steigen die Jungfrauen hinab. Unten lassen sie, was
sie getragen haben, und erhalten dafür ein anderes und bringen es
verdeckt (zurück). Und diese entlassen sie nun von da an und
führen statt ihrer andere Jungfrauen auf die Burg."
Entdeckt habe ich sie zuerst bei Roberto Calassos „Die Hochzeit von
Kadmos und Harmonia ( s. 250ff.). In seinem Buch erfindet Calasso auch
eine „Erklärung“ für dieses Mysterium, die allerdings im
hypothetischen Dickicht seiner schönen Prosa über die
Mythologie der Griechen schnell wieder verschwindet. Ich wills auch gar
nicht wissen ( beinahe hätte ich geschrieben „nicht wirklich“ -
„not really“ - dieser Amerikanismus nervt mich schon seit geraumer Zeit
). Und so bleibt dieses Mysterium für alle Zeiten unerklärt.
Man erhält etwas - von dem man nicht weiss was es ist - und
tauscht es aus gegen etwas, von dem man ebenfalls nichts weiss. Es gibt
keine bessere Metapher des reinen medialen Transports.
Donnerstag,
der 24.Juni 2004
Eine Kollegin im Labor fragt mich was ein „Hangul“
Dingsda Converter bei MS_Word ist. Irgendwo klingelts da. Aber S., die
auf koreanisch kämpft weiss es genauer. Es ist die koreanische
Silbenschrift, die man per Mausklick in chinesische Kanji umwandeln
kann. Ich benutze händereibend die Gelegenheit darüber zu
dozieren, dass die kulturelle Hegemonie Chinas in Korea und Japan dazu
geführt hat, dass man dort zunächst kein eigenes
Schriftsystem entwickelt hatte, das die Laute der jeweiligen Sprache
wiedergibt. (...) Gähnende Langeweile. Kein Mensch hört mehr
zu. Man absentiert sich allgemein für eine Zigarettenlänge
bis der Bildungsanfall vorbei ist. Na gut. Rudi Völler hat heute
auch das Handtuch geworfen.
Dafür drucke ich mir auf Hangul folgenden Text aus:
„Dieser Satz ist nicht das Papier wert auf dem er ausgedruckt ist.“
Freitag,
der 25.Juni 2004
Jahrestag von „Little Big Horn“ ( 1876 ). Gesehen bei
www.wikipedia.de, die jetzt ein
neues Layout hat - aber auch Serverprobleme.
Bin jetzt ein halbes Jahr nur mit Linux im Netz.
Und damit ziemlich zufrieden.
Samstag,
der 26.Juni 2004
Bevor ich den „rebellischen Affen“ weiterlese,
nochmals „Die Reise nach Westen“ von Rene Grousset – ein Klassiker der
Orientalistik gelesen. Das Spannendste dabei - die Geschichte des
Mahajana Buddhismus.
Grob skizziert erreicht der Buddhismus ca 200 v.Chr. das China der Han
über die Seidenrouten ( es gibt nicht nur die eine Seidenstrasse )
und zwar die zwischen Balk ( Balch ), Kundus -im heutigen Afghanistan-
und Xian. Durch die hochentwickelte Bewässerungstechnik der
Chinesen, die durch Handelskontakt in die zentralasiatischen
Oasenstädte gelangt, gibt es hier eine enorme zivilisatorische
Entwicklung. Es ensteht eine Art Rückkopplung. Im Westen ( in
Indien
) der Ursprung des Buddhismus. Im Osten ( China ) ein durch den
Taoismus
„verwässerter“ Buddhismus. ( Übrigens. „zivilisatorisch“,
„verwässert“. Der Kürze wegen, kann man manchmal nicht umhin
quasi ideologische Bewertungungen mit zu übernehmen. Denn
zweifellos schuldet der „Chan-“ oder Zen-Buddhismus dem chinesischen
Taoismus eine ganze Menge ). Also Verbesserung der Kommunikationswege
der oft buddhistischen Oasenstädte. „Wildwüchsigkeit“ des
chinesischen Buddhismus. Theologische Streitereien in der Tang-Zeit.
Also „ad fontes“ – zurück zu den Quellen. Das ist der Grund
für die Reise Hsüan-tsangs in den Westen ( Indien ).
Ich würde das mal gerne als Computeranimation sehen, oder oops,
das ist keine so gute Idee.
Denn es ist ja noch wesentlich komplizierter. Ich habe bis jetzt nur
einen winzigen Seidenzipfel dieser sehr fremden zentralasiatischen
Geschichte erwischt. Dazu kommt, dass es vor und nach den Tang hier
Begegnungen zwischen verschiedenen Religionen gibt. Dem
Manichäismus der Uighuren und der sog. Ostkirche des Christentums,
dem Nestorianismus. Die sich gegenseitig wohl in Grund und Boden
debatiert haben. Es kann also durchaus sein, dass es gewisse
christliche Einflüsse auf den volkstümlichen Amida-Kult ( dem
Buddha der Güte und der Verzeihung ) einwirkten, sowie
manichäische, endzeitliche Vorstellungen eines Kampfes zwischen
Gut und Böse hier eine – im Grundrauschen der Religionsgeschichte
- Rolle spielen. Es gibt hier noch soviel zu entdecken.
Bei Kuno Lorenz' Buch „Indische Denker“ erlese ich übrigens, dass
„Hsünan-Tsangs“ ( schon wieder eine andere Schreibweise ) Mission
deshalb Erfolg gehabt hat, weil er in in Indien zufällig ein Klima
der religiösen Toleranz angetroffen hat.
Sonntag,
der 27.Juni 2004
Mal was Anderes. Die Verwendung von Wasser und
die
Urinanalyse bei Shakespeare.
Beginnend bei Heinrich dem 4.ten ( 2nd part ).
SCENE II.
London. A street
Enter SIR JOHN FALSTAFF, with his PAGE bearing his
sword and buckler
FALSTAFF. Sirrah, you giant, what says the doctor to my water?
PAGE. He said, sir, the water itself was a good healthy water; but
for the party that owed it, he might have moe diseases than he knew for.
FALSTAFF. Men of all sorts take a pride to gird at me. The brain
oft his foolish-compounded clay, man, is not able to invent anything
that intends to laughter, more than I invent or is invented on me. I am
not only witty in myself, but the cause that wit is in other men. I do
here walk before thee like a sow that hath overwhelm'd all her litter
but one.
„Sirrah, you giant“ ist ein Ausruf, den August Wilhelm Schlegel mit
„He, du Riese?“ übersetzt hat. Dem würde ich nicht ohne
weiteres zustimmen. Ich würde eher auf „geistiger Tiefflieger“
oder „hirnverbrannt“ tippen oder ähnliches Zeitgenössisches.
Die „Schlegels“ waren halt romantische Ästheten und pfolgen keine
intensive Bekanntschaft mit der Gossensprache. Das Wasser vom dem
Falstaff redet ist sein Urin. Das Urin ist O.K., weil eine Substanz
eben philosophisch so ist wie sie ist, da gibt's kein Vertun. Aber der
Besitzer dieses Wassers hat mehr Krankheiten als er weiss. Es kommt
jetzt heraus, dass dieser Page Falstaff von Prinz Heinrich abgestellt
ist. Und Falstaff wittert eine Intrige. Absolut hinreissend die
Bescheidenheit Falstaffs:
„Hab nicht nur Witz, bin auch der Grund warum Andre ihn haben.“
Womit er wieder den späteren Heinrich IV. meint.
Auch etwas Wasser bei Othello.
„False like water.“
Furchtbar die Unterhaltung OTHELLOS mit Emilia - der Frau Jagos.
Akt 5/Szene 2
( Man muss das übrigens laut lesen, ihr Leute, um den Text ( die
Textur ) richtig zu verstehen. Es geht auch um den Klang )
OTHELLO. She's like a liar gone to burning hell;
'Twas I that kill'd her.
EMILIA. O, the more angel she, And you the blacker devil!
OTHELLO. She turn'd to folly, and she was a whore.
EMILIA. Thou dost belie her, and thou art a devil.
OTHELLO. She was false as water.
EMILIA. Thou art rash as fire, to say That she was false. O, she
was heavenly true!
OTHELLO. Cassio did top her; ask thy husband else.
Jetzt kommt also Alles raus. Und Alle sind ziemlich sauer auf Jago. Und
da Shakespeare noch keine Menschenrechtskommision gekannt hat endet
Jago auf der Folter. Ja, das ist schon ein ziemlich trauriges
Stück.
HEINRICH DER ACHTE
KATHARINE His promises were, as he then was, mighty; But his
performance, as he is now, nothing. Of his own body he was ill, and
gave The clergy ill example.
GRIFFITH. Noble madam, Men's evil manners live in brass: their virtues
We write in water. May it please your Highness To hear me speak his
good now?
KATHARINE. Yes, good Griffith; I were malicious else.
Schön übersetzt von Wolf Graf Baudissin „Edle Frau, der
Menschen Tugend schreiben wir in Wasser, Ihr böses Treiben lebt in
Erz; vergönnt Ihr Mir jetzt auch sein Lob.!“ Es ist unglaublich.
Da stellt sich dieser Typ hin und preist den Mörder, den
König. Seine mörderischen Aktivitäten werden
überliefert werden ( in Erz gegossen werden ), aber man vergisst
ja dabei seine guten Seiten. Man darf das ja nicht vergessen – um
Himmelswillen. Hitler war schliesslich auch Vegetarier ! Welche guten
Seiten hat ein Serienkiller wie Heinrich der Achte denn ? Er war
clever, beredsam, hatte einen gesunden sexuellen Appetit, war charmant
und er hatte Leute wie Griffith. Der schlieslich das Opfer dazu bringt
zu sagen:
„Yes, good Griffith; I were malicious else.“
Im Nachspruch des Stücks schreibt Shakespeare: „Zehn gegen eins
dass unser Stück nicht Allen Behaglich war.“
Wohl war.
Montag,
der 28.Juni 2004
Chinesische Propagandaposter werden izt auf www.artelino.de versteigert. Ich bin im Zweifel:
Ärgerlich oder
Nostalgisch ? Aber da kommt sie eben wieder zum Vorschein, diese
faltenlose, optimistische Version des Kommunismus chinesischer
Prägung.
Heute kann man sehen, dass die Poster zuweilen erstaunliche
Ähnlichkeiten mit amerikanischen Werbepostern haben ( als die noch
gemalt wurden ). Derselbe ultra-enthusiastische,
konservativ-fortschrittliche, sentimentale Kitsch. Papiertiger (
eigentlich eher kleine Löwen, wie die vor chinesischen
Restaurants, welche die Mutterlöwin hätschelt ) gibt es
übrigens zuhauf in China. Es sind Papierkörbe, die einem sehr
lieb ansehen. Gib mir was. Vielleicht Deine alte Maobibel. Gerne ! Wenn
ich sie doch noch hätte. Ob daher der Begriff her kommt ?
Wäre schön, wenns so wäre.
Wer Papiertiger ausserhalb von China sehen möchte, muss sich in
den chinesischen Garten in Frankfurt bemühen.
Die Buchempfehlung:
Wolfgang Büschers „Berlin-Moskau“ - Eine Reiseerzählung.
Selten etwas Deutscheres gelesen, das mir Verwandter vorkam.
Hier ensteht eine Innenwelt der Aussenwelt, eine Grenze – ein
Hinübergehen.
In Demut.
Dass es solche Leute hierzulande noch gibt wundert mich.
Ein ausserordentliches Buch.
Dienstag,
der 29.Juni 2004
„Nestorianer“ auch in Büschers Buch. Dieses
kirchenhistorische Rätsel verfolgt mich schon seit Jahren. Seit
der Lektüre von Lew Gumilews „Search of an imaginary Kingdom“. Es
gibt hier aber nichts, was man einfach nachlesen kann. Keine Geschichte
der Ostkirche - die einst von Syrien bis nach China reichte. Getrennt
von der „Katholischen“ und „Orthodoxen“ Kirche, durch einen Streit um
die Vereinbarkeit der göttlichen und menschlichen Natur Christi.
Sonntag,
der 4.Juli 2004
Witziger als der „Berg der Seele“ von Gao
Xingjian
ist wohl Dai Sijies neuer Roman „Muo und der Pirol im Käfig“.
Chinesischer Witz und chinesische Tiefsinnigkeit, d.h. eine Vermittlung
der chinesischen Kultur wird von beiden Schriftstellern betrieben. Sie
sind die ersten Jongleure dieser Vermittlung. Beide sind im Pariser
Exil und schreiben auf französisch.
Beide Romane sind auch zwei verschiedene Versuche sich dem Westen
verständlich zu machen.
Gao Xingjian bereist das südliche China wie der frühe Peter
Handke Kärnten.
Beobachtend, melancholisch als auch nostalgisch.
„Der Berg der Seele“ ist eine Reisebeschreibung. Er versteht sich aber
auch auch als handelnde „Beschreibung“. Das „Ich“ wird langsam
lebendig, löst sich von der „kollektiven“ Beschreibung der
chinesischen Wirklichkeit.
Während Dai Sijie die Form des chinesischen „Picaroromans“
fortsetzt. Und auf den Witzfaktor setzt.
Das funktioniert für uns „Westler“ noch nicht so recht.
Immerhin wird der chinesische Humor langsam lesbar. Man sieht, dass die
Chinesen auch herzhaft über sich selber lachen können.
Man erzählt sich ja auch einiges in China über den trockenen
Humor der Deutschen.
Aber der übersetzte Humor der Chinesen ins Deutsche ist ja noch
trockener.
Noch unverständlicher als die Lehren des „Kong-Fu-Tse“.
Beide Autoren, Gao Xingjian wie Dai Sijie betreiben eine
Übersetzung vom Chinesischen ins Europäische, übersetzen
eine mentale Barriere zwischen Okzident und fernem Orient, die
allmählich übersehbar wird.
Montag,
der 5.Juli 2004
Bei der sehr verdienstvollen Übersetzung von
Ted
Hughes Gedichten „ Der Tiger tötet“ folgende Übersetzung des
Gedichttitels „Football at Slack“ - „Fussball verschlampt“ - gefunden.
„Slack“ im Sinne von „Faulenzen“ wohl mit der Assoziation von
„Stillwater“.
Auf meinem Streetatlas von „West Yorkshire“ Slack als Nachbarort von
Heptonstall gefunden in dem Hughes einen Teil seiner Jugend verbrachte.
Die gewählte Übersetzung ist dennoch besser, da wohl Niemand
etwas mit dem Ortsnamen eines nordenglischen Weilers anfangen kann.
Sehr schön übersetzt mein Lieblingsgedicht von Hughes: „Deaf
School“
Es handelt sich dabei um den Hughes Besuch einer Taubstummenschule.
Um den Unterschied zwischen sprechenden und tauben Kindern.
„Their unused faces were simple lenses of watchfullness.“
Es ist eine poetische Umschreibung, dass das Gesicht hier wenig zu
„sagen“ hat – ja nicht gelernt hat zu „sagen“. Stattdessen drückt
es gespannte Aufmerksamkeit aus.
Es ist eine Maske -„the front skin“-, in der das Ich verborgen und
für sich bleiben kann.
Dienstag,
der 6.Juli 2004
Weiter mit Hughes. „The Hare“.
Ein Hase auf der Autobahn. Vermutlich ist es Nacht.
„Don't overtake him, don't try to drive past him,
He's scatty, he's all over the road.“
Hier bietet sich der Vergleich zu Schrödingers Katze an.
Deren Tod und Leben im Reich der Quantenphysik „verschmiert“ - ungewiss
- ist.
Eben „scatty“.
Dieser kleine Hinweis reicht, um gleich darauf wieder die newtonsche
Kindermechanik zur Geltung zu bringen.
„He can't keep his steering, in his ramshackle go-cart,
His big loose wheels, buckled and rusty,
Nearly wobbling off.“
Die Panik ( Das Hasenpanier ) macht aus dem Hasen ein schlecht
zusammengesetztes Kinderspielzeug, das ungenau reagiert . Seine
Bewegungen sind unkoordiniert.
Sie sind es deshalb, weil sein Hasenleben keine so schnellen
Füchse kennt wie unsere Autos.
Freitag,
der 9.Juli 2004
X. mosert mal wieder über die
„sozialdemokratischen“ Reformen. Sein Kind – meint er, würde mal
meine ( da kinderlos ) Rente bezahlen. Was das politische Bewusstsein
betrifft herrscht hier ein eklatanter Nachholbedarf.
Gähnende Leere !
Dazu gelesen: Vilem Flussers Essay „Unsere Wohnung“.
Flusser schlägt hier provokativ vor eine „ars moriendi“zu erlernen.
„Wir müssen lernen, uns in der uns verfolgenden
Zukunft
wiederzuerkennen, die uns Verfolgenden ( die ghettoisierten Einwanderer
) anzuerkennen, sie zu lieben. Eine nicht zu unterschätzende
Leistung müssen wir vollbringen nämlich eine Zukunft zu
lieben, die dabei ist uns aufzufressen.“
Das war nämlich schon immer so. Die nächste Generation, die
nächste Einwanderungswelle, die nächste Konfliktregion kommt
zu uns - der „Feste Europa“.
Was Politiker gerne vergessen uns zu erzählen sind die Fakten aus
Ökonomie, der Einwanderungsdynamik und der Demoskopie.
Mittwoch
der 14.Juli.2004
Verblüffende Nachricht im heutigen Guardian:
Die Bevölkerung von Indien wird die Chinas in 30 Jahren
übertreffen und dies trotz der in beiden Staaten fortgesetzten
Abtreibung von weiblichen Föten.
Das Verhältniss von weiblichen und männlichen
sechsjährigen Kindern in Indien: 927:1000
In China: 870:1000.
Diese männlichen unverheirateten Arbeiter werden dann auf der
untersten Stufe ihrer Gesellschaft stehen. Schon heute sorgen die
„illegalen“ Wanderarbeiter Chinas für den Wohlstand ihrer Familien
im chinesischen, ländlichen Kernland. Zynisch gesagt ist es ihre
Perspektivlosigkeit, die den grössten ökonomischen Ausgleich
zwischen der hochentwickelten chinesischen Küste und dem
landwirtschaftlichen Hinterland leistet.
Donnerstag,
der 15 Juli.2004
Lasse mich von Vilem Flusser belehren dass das
Wort
Ziffer aus dem Arabischen kommt.
„Sifr“ bedeutet „leer“. Ziffern sind leere
Behälter
die etwas
aufnehmen können. Etwa die Zahl „zwei“ oder den Laut „a“. Ziffern
zu lesen bedeutet eine Entzifferungsleistung. Man übersetzt immer
Etwas in sich selbst ( einem leeren Behälter ).
Ich übersetze die Nachrichten des heutigen Tages in mir selbst und
entdecke wenig Erfreuliches.
Nullsummen wohin man auch blickt. Enthauptungen im Iraq und die
Enthauptung der „Arbeiterklasse“ ( wie man heute wohl wieder zu Recht
sagen kann ) in der BRD.
Deutschland ist nur noch eine Standortfrage. Das Grimmsche
Wörterbuch wurde kürzlich schliesslich auch von Chinesen ( zu
einem Bruchteil der hiesigen Kosten ) in digitale Form gebracht.
Freitag,
der 16.Juli 2004
Endlich „Chaos“ von David Mitchel herausgekommen.
Auf
dieser Site auch besprochen unter „Ghostwritten“. Hier wieder die
Unsitte einem witzigen englischen Buchtitel einen möglichst
nichtsagenden, allgemeingültigen deutschen Titel zu verpassen.
Nicht so beim Suhrkamp Verlag wo „La sombra del viento“ von Carlos Ruiz
Zafon auch auf Deutsch so heissen darf: „Der Schatten des Windes“. Ein
offenbar viel versprechendes Buch.
Samstag,
der 17 Juli 2004
Tommaso Landolfi „Die Erzählung vom Werwolf“.
Zwei Werwölfe die von ihrem Dasein beim Vollmond genervt sind,
nehmen den Mond kurz entschlossen gefangen und entlassen ihn durch den
Kamin.
„... denn der Russ wird ihn schwarz wie einem Schornsteinfeger machen.“
Das klappt auch eine Zeitlang.
Das Verblüffende ist, dass diese kurze und herrlich absurde
Erzählung ausgezeichnet funktioniert.
Dazu passend der Papagei Laverdure in Queneaus „Zazie in der Metro“.
„Tu causes, tu causes, c'est tout ce que tu sais faire.“
„Du quasselst, du quasselst, das ist alles, was du kannst.“

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