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Kurts Büchertagebuch
15.April.2002
Ich erwachte im selben Augenblick aus dem Traum als
mein kindliches Traumselbst in Wyoming einer anderen Person einen
Scheit Holz überreichte:
"Schau mal ! Das ist eine Platane !"
Wobei das Verblüffende an dieser Erinnerung die präzisen
Details sind :
"Kindliches Ich", "Wyoming" und der "Platanenscheit" ( den ich mit
Stolz an der glatten silbergrauen Rinde des Scheits erkannte ). Im
Traum noch griff ich zum Telephon
- es hatte geläutet -
( man wacht auf und sieht scheinbar schon. Eine Hand streckt sich nach
dem primitiven Kommunikationsknochen aus, der in Reichweite liegt ) und
brachte als Antwort nur Gestammel heraus. Es waren ebenso
verblüffend nur Gedankenfetzen, die eher aus meinem limbischen
System zu kommen schienen, als aus dem Kortex, dieser grauen
durchfurchten Hirnoberfläche - die übrigens im lebenden
Zustand eher rosa gefärbt ist, weil sie noch durchblutet wird. Und
bevor ich letztlich erwachte, wiederholte ich diese sinnlosen
Sätze noch mehrmals, bis ich schliesslich durch mahnende Worte zur
Ordnung und in den Wachzustand gerufen wurde.
Irgendein Neurologe hat geschrieben, dass sich das Gehirn, selbst im
Wachzustand, fast ausschliesslich mit sich selbst beschäftigt. So
ausschliesslich, dass es fast ein Wunder ist, dass man überhaupt
Sinneswahrnehmungen hat. Vielleicht kann man es sich so vorstellen,
dass erwartete Sinnesmuster gar nicht wirklich gesehen und gehört
werden müssen, sondern nur der Anstoss für einen inneren
Prozess sind, in dem das Erwartete bereits vorhanden ist. Deshalb
grenzt es an ein Wunder, wenn es Menschen gibt die wirkliche Details
nicht nur wahrnehmen, nie mehr vergessen, sondern sie auf eine neue Art
und Weise beschreiben können.
Vladimir Nabokov hatte diese Gabe, die aber vermutlich auch als Fluch
betrachtet werden kann. Der Fluch des Schriftstellers, nämlich der
synaptischen Abstimmung von Aussen- und Innenwahrnehmung wegen. Nabokov
war ein Meister der überzeugenden Wiedergabe der Wahrnehmung.
Die meisten seiner Romane und Erzählungen haben filmischen
Charakter.
Vielleicht war ihm deshalb die Psychoanalyse ein Greuel. Es ging ihm
nicht um eine symbolische, sondern um eine genau umrissene
Wirklichkeit. Nabokov konnte sie sehen wie kein Anderer.
Sigmund Freud war für ihn einer der grössten Scharlatane des
20. Jahrhunderts. Was aber nicht viel zu sagen hat. Nabokov liebte
harte und exzentrische Urteile ohne "Wenns und Abers".
Deshalb nannte man ihn in in der Cornell University auch den "alten
Widerling". Er hatte nicht viele amerikanische Freunde. Einer davon war
aber Edmund Wilson, der sich sehr für Russland interessierte. Die
Freundschaft Nabokov/Wilson endete mit dem Roman "Lolita".
Wilson fand diesen Roman zutiefst unmoralisch.
Für Nabokov jedoch war „Lolita" eher etwas das einer
Bach´schen Fuge ähnelt. Ein Werk das ihn lange quälte
und dessen erstes Kapitel Vera Nabokov ( der einzige Freund den
Vladimir sein ganzes Leben lang hatte – Vera, die immer für ihn da
war ) vor dem Feuertod rettete.
Als pseudo-pornographische Literatur bleibt „Lolita" heute eher
ungelesen. Es ist eher ein Roman-Mythos. Aber wer hat schon den
„Ullysses" von Joyce oder „V" von Pynchon ganz gelesen ?
Auch ich hatte „Lolita" bis jetzt selbst nicht gelesen. Das Buch
moderte seit Jahren in meinen Bücherregalen und setzte Staub an.
Der Kern der Geschichte ist eher langweilig. Die dargestellten Personen
sind unsympathisch und sperren sich so der Lektüre. Nabokov
stellte „Humbert" und „Lolita" als wenig liebenswerte Menschen dar.
Vielleicht war dies das das eigentlich Unmoralische, das das
puritanische Amerika der Sechziger monierte. Einer sympathischen
Romanfigur sieht man Vieles nach. Man identifiziert sich mit ihren
Schwächen, die auch unsere Eigenen sind. Mit unsympathischen
Figuren hat man jedoch nicht diese Nachsicht.
Man hat dieses Gefühl von einem Tod im Bauch, der nicht der Eigene
ist. Dann mag man nicht weiterlesen. Übrigens geht das einem mit
vielen Werken der Weltliteratur so. Wenn man ihre "Form" nicht
begriffen hat versteht man rein gar nichts.
Glücklicherweise hat Nabokov den Ursprung des Romans "Lolita"
für uns identifiziert. Er hatte ihn in einem Pariser
Zeitungsartikel entdeckt:
"Soweit ich mich erinnern kann wurde der initiale
Inspirationsschauer über einen Menschenaffen im Jardin de Plantes
ausgelöst, der, nachdem ihn ein Wissenschaftler monatelang
getrietzt hatte, die erste je von einem Tier hingekohlte Zeichnung
hervorbrachte: Die Skizze zeigte die Gitterstäbe des Käfigs
der armen Kreatur."
Abgesehen davon, dass es eine ältere Version von "Lolita" gibt,
nämlich "Der Zauberer", scheint Humbert der Erzähler - in
einem psychischen Gefängniss zu leben, nämlich einer
Besessenheit die sein ganzes Leben bestimmt. Tatsächlich ist
"Lolita" nicht der Roman über einen Sexomanen, sondern die eher
abstrakte Geschichte eines modernen "Ichs", dass sich mit seinen
diversen Fixiertheiten und Manien herumschlägt. Nebenbei ist das
Buch am Ende übrigens auch ein Plädoyer gegen die Todesstrafe.
"Lolita" ist nicht gerade mein Lieblingsroman von Nabokov, obgleich ich
einräume, dass er vielleicht so gross ist wie Flauberts „Madame
Bovary". Auch dies ein Roman dem man sich nur allmählich
annähern kann. Ein Roman, dessen stilistische "Wirklichkeit"
grösser ist, als die eher banale Geschichte.
Ich werde "Lolita" vielleicht irgendwann einmal "einsehen". Genauso wie
die "Leaves" von Whitman für mich lange Zeit nur
unverständliches Gestammel waren.
Währenddessen behelfe ich mich mit Nabokovs frühen
Erzählungen , seinen "Erinnerungen" und mit "Pnin".
Meine Lieblingsstelle bei "Pnin", eine hintergründige Humoreske
über einen liebenswerten, trotteligen Exilrussen ist die
Geschichte, wie er sich das Fahren mit einem Automobil beibringt.
Pnin liegt in einem neuenglischen Krankenhaus wegen seines Rückens:
"Pnin hatte schon zu Anfang des Jahres bei der Fahrschule
von Waindell Unterrichtsstunden genommen, doch war ihm das «wahre
Verständnis», wie er es aus-
drückte, erst zuteil geworden, als er ein paar Monate später
wegen Rückenschmerzen das Bett hüten mußte und nichts
anderes getan hatte, als mit profundem Genuß das vierzigseitige
Autofahrerhandbuch zu studieren, das der Gouverneur des Staates in
Zusammenarbeit mit einem anderen Fachmann herausgegeben hatte, dazu den
Artikel «Automobil» in der Encyclopedia Americana, mitsamt
seinen Abbildungen von Getrieben, Vergasern, Bremsen und einem
Teilnehmer der Glidden Tour, circa 1905, der in deprimierender Umgebung
im Matsch eines Feldwegs steckengeblieben war. Der Doppelcharakter
seiner anfänglichen Ahnungen wurde dann und erst dann endlich
transzendiert, als er auf seinem Krankenlager lag, mit den Zehen
wackelte und Geistergänge schaltete. Während der
tatsächlichen Stunden mit einem barschen Fahrlehrer, bei dem sich
sein Stil verkrampfte, der unnötige Anweisungen in technischem
Slang herausbellte, ihm in den Kurven das Lenkrad zu entwinden suchte
und einen ruhigen, intelligenten Schüler mit Ausdrücken
ordinärer Verunglimpfung irremachte, war Pnin völlig
ausserstande gewesen, das Auto, das er in seiner Vorstellung lenkte,
mit dem Auto, das er auf der Straße fuhr,
wahrnehmungsmäßig zu vereinbaren. Jetzt endlich verschmolzen
die beiden. Wenn er bei der Fahrprüfung das erste Mal durchfiel,
so weil er sich mit dem Prüfer in einen Streit einließ, um
dem zu diesem ungünstigen Zeitpunkt zu beweisen, daß es
nichts Demütigenderes für ein vernunftbegabtes Wesen gebe,
als die Entwicklung eines niederen konditionierten Reflexes zu
begünstigen, indem man an einer roten Ampel selbst dann hielt,
wenn keine einzige Kreatur in Sicht war, weder auf Achse noch auf
Absätzen."
16.April.2002
Es war kein Neurologe der geschrieben hatte, dass sich das Gehirn,
selbst im Wachzustand, fast ausschliesslich mit sich selbst
beschäftigt." Sondern der Kognitionswissenschaftler Francisco J.
Varela in seinem Buch „Der mittlere Weg der Erkenntnis". Und
natürlich kann man das so nicht schreiben. Vielmehr führen
die visuellen Pfade der Wahrnehmung vom Auge über den Sehnerv zu
einer Region im Thalamus die „seitlicher Kniehöcker" ( Nucleus
corporis geniculati lateralis, kurz NCGL ) genannt wird. Erst dann zur
Sehrinde.
Offenbar stammen jedoch 80% dessen „worauf eine NCGL-Zelle anspricht,
nicht von der Retina, sondern von starken Wechselwirkungen zwischen
anderen Regionen des Gehirns."
Das bedeutet, dass der Anteil des Lichtes in unserer Wahrnehmung nur
20% beträgt. Den Rest liefert das menschliche Hirn. Was eigentlich
doch nicht so verwunderlich ist. Eine Kamera kann ja auch keine Kuh von
einem Kaktus unterscheiden. Das Seltsame ist jedoch, dass dieser
Prozess – nennen wir ihn provisorisch „Mustererkennung" – der Sehrinde
des Gehirns vorgelagert ist.
Brrrr ! Ich mag erst mal nicht darüber nachdenken und mach die
Augen zu.
17.April.2002
Im „Guardian" gefunden
In Great Britain gibt es keinen Bücherramsch, allerdings
Buchmärkte wie in Greenwich, in denen man die neuesten Bücher
antiquarisch erwerben kann. Und hier die schlechte Nachricht, ca 10%
aller neu in G.B. publizierten Bücher landen ziemlich früh in
Essex im Schredder. Und das gleich tonnenweise. Tag für Tag.
Eigentümer der Firma „TBS Returns" ist ironischerweise der
Buch-Verlag „Random House" ( siehe Eintrag vom 12.März ).
Tja, Bücher waren auch nicht immer das was sie sind. Und werdens
auch nicht mehr werden.

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