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Kurts Büchertagebuch
11.März.2002
Einen Aufsatz über Rudyard Kiplings Roman „Kim“ von Ian
Mackean
gefunden. http://www.english-literature.org/essays/kipling.html Trotz
der üblichen Abmahnung des britischen „Imperialismus“ Kiplings, bekommt
Mackean dann doch die Kurve dem Roman einen interessanteren Aspekt als
den Üblichen abzugewinnen. Warum also ein tibetischer Lama als „spiritus
rector“ des „Freundes aller Welt“ ?
“We should ask why Kipling made
Kim's spiritual mentor a Buddhist, when Buddhism is not a representative
Indian religion. If Kipling really wanted to make the novel a thoroughly
Indian story he should have chosen a Hindu or Moslem teacher for Kim.
Perhaps Kipling didn't feel favourably enough towards those religions to
use them, perhaps feeling they had too many complications, such as
specific beliefs and strict moral codes, compared to the simple purity
of the Buddhist 'Way', and perhaps feeling that to have allied himself
with Hinduism or Islam would have suggested that he was 'going native'
rather more than he wanted to. After all, 'St. Xavier's looks down on
boys who 'go native all-together'.' Kipling's father was an expert on
Buddhism, and no doubt this influenced his choice, and Mason
mentions that Kipling had picked up an interest in Buddhism from his
Pre-Raphaelite friends, and had read 'The Light of Asia', as well as
learning about it from his father. Nevertheless, the fact that he chose
a Buddhist does place a serious limitation on the extent to which Kim
can be thought to be a 'portrait of India'.“
Tatsächlich beginnt
Rudyard Kiplings „Kim“ mit einer liebevollen Beschreibung seines Vaters
John Lockwood Kipling der damals in Lahore ( heute Pakistan ) im „Haus
der Wunder“ auch Kurator einer einzigartigen Sammlung graeco-baktrischer
buddhistischer Kunst war – der sogenannten Ghandara-Schule. Aus dieser
Eingangsszene – die auch eine Verbeugung vor seinem Vater ist -
entfaltet sich der ganze Roman, in dem allerdings die gesamte kulturelle
Fülle Nordindiens nicht zu kurz kommt.
Ich finde den Aufsatz von Mackean interessant, doch
oft ärgerlich. Der Autor versucht seine jugendliche Faszination an „Kim“
hinter zeitgemässen „politisch korrekten“ Einwänden zu verstecken.
Zweifellos war die Person Rudyard Kipling ein Verfechter des britischen
Imperialismus ( der britischen „Raj“ ) in Indien. Seinen Roman „Kim“ nur
auf die Biographie seines Verfassers zu reduzieren ist jedoch ein
schwacher kritischer Einwand. Und mehr ! Hinter all der Kritik wird der
eigentlich humanistische Gehalt des Romans nicht mehr sichtbar.
Millionen von Lesern scheinen sich also zu irren, wenn sie dieses Werk
immer noch schätzen.
12.März 2002
Schön dass der Goldmann Verlag, alias
„Random House GmbH. München“ den Roman Peter Ackroyds „ The House of
Doctor Dee“ endlich als das „Haus des Magiers“ übersetzt hat. Das
Problem besteht natürlich darin, dass Peter Ackroyd eher ein Historiker
der esoterischen Geschichte Londons ist , als ein moderner Esoteriker.
Das Buch ist also etwas unscharf „platziert“. Und mit den deutschen
Klappentexten wird man dem Romangehalt auch nicht näher kommen. Die sehr
gute Übersetzung - von Sebastian Vogel – hat dennoch eine unglückliche
Stelle hervorgebracht die der Lektor, die Lektorin übersehen hat. Für
jemand, der mit dem tragischen Leben der Geschwister Lamb vertraut ist,
zweifellos kein Stolperstein, dennoch für den Leser zweideutig oder
unverständlich: „Manchmal ging ich die Kingsland Road entlang und blieb
an dem altem Asyl von Hoxton an der Wharf Lane stehen: hier hatte es
Charles Lamb, immer auf ihren eigenen Wunsch hin, mit seiner Schwester
getrieben, und einmal versuchte ich ihre Fusspuren über die Felder zu
verfolgen ( ... )“ („...it was here that Charles Lamb used to take his
sister, at her own request, and once I tried to track their footsteps
…”) Das Fatale daran ist, das der Satz absolut korrekt übersetzt ist,
aber für den deutschen Leser unter Umständen einen völlig anderen Sinn
ergibt. Er überliest vielleicht das Asyl von Hoxton - das Irrenspital,
in das Charles Lamb seine unglückliche Schwester brachte, wenn sich ihre
„Zustände“ ankündigten.
Ein schönes Beispiel für unschöne Sätze führt
übrigens auch Stephen King in seinem Buch „Das Leben und das Schreiben“
auf : „Als Mutter von fünf Kindern, das sechste ist unterwegs, steht das
Bügeleisen nicht mehr still.“ Der Sinn scheint klar. Das Bügeleisen jedoch
nicht. Wird es jetzt durch das Sechste womöglich noch weniger still sein
?
13.März 2002
Kippers ! In der vielgeliebten englischen Fernsehserie
„Der Doktor und das liebe Vieh“ – seit geraumer Zeit vom WDR wiederholt
– handelt eine Serien von eingesalzenen und geräucherten Fischen.
Nachkriegszeit ! Es fehlt in Yorkshire an Allem, besonders an Protein
das nicht an Tristans Farnams Würstchen erinnert. Deshalb widmen sich
James Herriot und Tristan hier dem Verzehr von sog. „Kippers“. Den
Ursprung dieses englischen Wortes für den „Bückling“ liegt im
altsächsischen Wort für Kupfer („Kupiro“). Leicht einzusehen - durch das
Räuchern bekommt der silberne Hering eine gelbe bis orangene
Metallfarbe. „To kipper“ bedeutete für den englischen Fischer einen
Fisch längs aufzuschneiden, ihn zu entgräten, einzusalzen und
schliesslich zu räuchern. Später wurde der „Kipper“ identisch mit dem
deutschen „Bückling“ – damals eher ein „arme Leute Essen“. Was bedeutet
aber „Bückling“ ? Es kommt von dem mittelniederdeutschen Begriff
„bünkinc“, der nichts mit der Hauptbeschäftigung serviler Zeitgenossen
zu tun hat, sondern mit dem strengen Bocksgeruch, den diese frühe
„Konserve“ früher oder später annahm.
14. März 2002
Einen wunderbaren
Neologismus in der Schweiz gefunden: „Harfenfallenfänge“. Es kommt im
ganzen Internet nur einmal vor. Und da kommt ihr nie drauf. Es ist eine
besondere Falle für Fledermäuse. Im Arbeitskreis Umweltschutz Bochum e.V
für Fledermäuse nennt man das eher prosaisch „Netzfänge“. Man möchte sie
– die Fledermäuse - nämlich zählen und identifizieren. Dazu muss man sie
natürlich aber erst mal fangen. Eben in Harfenfallenfängen !
Link zu "Biodiversity" in der Schweiz
21. März 2002
Im „Guardian“ wird die Schriftstellerin Sarah Waters als eine neue
Inkarnation von Wilkie Collins gefeiert. Waters neuester Roman
“Fingersmith”, spielt in den Londoner Slums von Southwark. Etwa in der
Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier sprechen die Proletarier und die Diebe
von "fuck" and "cunt" wenn sie besonders authentisch wirken sollen. Es
handelt sich also um die nischenhafte Aushebelung jener Krimiautorin die
das eher seriöse kriminelle viktorianische England beharkt. Ehrlich
gesagt hab ich dieses Werk noch nicht gelesen. Werde ich auch nicht,
bevor dieses Teil in einer Übersetzung vorliegt. Es gibt einfach viel
zuviel übersteigerte Kritiken, die jedes neue historische
„Kriminal-Sujet“ in den verlagstechischen Himmel loben. Ausserdem ist
der moderne Avatar von Wilkie Collins immer noch Charles Palliser mit
seinem Roman „Quincunx“. Ein Roman, der leider an seiner
dickensianischen Dickleibigkeit am deutschen Publikum gescheitert ist.
Last not least, was die Viktorianer betrifft: „In Hell“. Ein Film mit
einem äusserst dünnen Treatment, nahezu comicartig. Und Kunststück, die
Vorlage ist ja auch ein Comic. Wäre es nur dabei geblieben. Absolut
grandios jedoch die Bauten ( fast doch ein Grund sich den Film anzusehen
) und natürlich Johnny Depp. Für Cineasten gibt es den kurzen
Wiederauftritt von John Merrick, dem Elephantenmenschen und seinem Arzt
Frederick Treves ... Neues - oder originellere Spekulationen über „Jack
the Ripper“ - wird der Zuschauer in diesem Film jedoch vermissen. Auch
hier der Verweis an Charles Palliser der mit seinem Verwirrspiel namens
"Betrayals" („Verrätereien“ – leider bis heute unübersetzt ) das ganze
Rätsel um den „Ripper“ in weitere Rätselfragmente auflöst, die
allmählich vom schwarzen Loch des Mythos aufgesogen werden.

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