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GHOSTWRITTEN

von David Mitchell

Von der ausgezeichneten Buchhandlung in der "Royal Festival Hall" in London hatte ich mir den Belegschaftstipp mitgenommen. Ein ziemlich dickes, orangenes Paperback der Verlagsreihe "Sceptre" von Hodder und Stoughton Ich wurde nicht enttäuscht.
"Ghostwritten" - untertitelt als " a novel in nine parts", ist vermutlich eines der ambitioniertesten Bücher, die sich mit der Globalisierung, der elektronischen "Vergleichzeitigung" der Welt auseinandersetzen. Auch wenn man ein Web-Enthusiast ist, bedeutet das ja nicht unbedingt etwas Gutes.
Denn die neue Informationsgesellschaft ist sowohl eine Risiko- als auch eine Aktualitätsgesellschaft, in der vor allem die Masstäbe der Neuheit gelten. Diesen grundsätzlichen Bruch zwischen zwei Welten kann man übrigens gegenwärtig sehr gut an den Zerfallserscheinungen der Politik beobachten. Hier überredende, rein rhetorische Mitteilung ohne Inhalt, dort der journalistische Drang nach einem permanenten Umschreiben der Information in reine "Aktualität".
Was dabei auf der Strecke bleibt ist ein Abgleich der Botschaften. Oder Etwas, das klar und ersichtlich zu lesen wäre.

Das ist auch der Subtext von "Night Train", einer der 9 Erzählungen die David Mitchells Roman bilden.
Ein kleiner Sender in einem Manahattan der nahen Zukunft, dessen DJ, zwischen gemässigtem Jazz und anspruchsvollem Pop, Anrufe entgegennimmt und sie moderiert.
Und schliesslich ruft Gott an.
Naja, es ist eigentlich nicht Gott, sondern ein Computer einer völlig neuen Generation. Er nennt sich "Zookeeper" und er kann Dinge bewirken.
"Zookeeper" kann Ökonomien stabilisieren und atomare Kriege verhindern. Aber es gibt da ein Problem. Die Mathematikerin die ihn erschuf, hat ihn auf starre Prinzipien festgelegt, vergleichbar mit den Asimovschen Robotergesetzen. Er kann ein Massaker beobachten, das etwa von einer Guerillaeinheit in Eritrea angerichtet wird, aber er kann nicht eingreifen, weil es gegen seine festgelegten Algorithmen verstossen würde.

Kann man also menschliche "Ethik" programmieren ? Und was ist mit der objektiven Bösartigkeit von Menschen, die an eine Sache glauben und dafür tausende Menschen töten. Muss auf sie dieselbe Ethik Anwendung finden, wie für einen Ladendieb ?
No sir !
Die in "Recht" gegossene Ethik stellt lediglich sicher, dass kein Unschuldiger verurteilt wird. Es richtet aber den Verursacher eines Schadens.
Was aber, wenn der Verursacher das Opfer eines anderen Verursachers ist und so fort ? Ist Recht dann überhaupt möglich ?
Denn ein Jedermann ist ja immer auch das Produkt eines sozialen Umfeldes.
Genau deshalb wird im Recht die "Zurechnungsfähigkeit" eines Subjektes untersucht.
Hat das "Subjekt" die prinzipielle intellektuelle Möglichkeit zwischen "Gut" und "Böse" zu unterscheiden - es entscheidet sich aber für das Böse - dann gibt es keinen Grund mehr es vor einer Strafe zu verschonen.
Wie steht es aber mit Staaten, Korporationen, kapitalistischen Prinzipien, der Mafia etc. ? Mit Verursachern also, die eine ganze Gesellschaft entmündigen ?
Was ist also der Sinn von ethischen Prinzipien ? Ist es manchmal nicht eher so, dass man sie manchmal vergessen muss, um sie am Leben zu halten ? Eine gefährliche Frage Aber sind ethische Prinzipien nicht auch die Prinzipien der herrschenden westlichen Kultur ?

"Night Train" ist für mich die Zentrale, die alle anderen Erzählungen von David Mitchells "Ghostwritten" zusammenklammert. Mehr will ich aber darüber nicht verraten.

Kurt Wiessner

 


 
 
 
   
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