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Galatea 2.2

von Richard Powers

"... Wir erkennen vieles, aber wir erkennen nicht wie wir erkennen."
Francisco J. Varela

Nicht erst seit Mary Wollstonecraft Shelleys "Frankenstein" ist die Lern- und Leidensfähigkeit künstlich geschaffener Wesen ein Bestandteil der menschlichen Phantasie gewesen. Allerdings ist mit diesem hochberüchtigten Roman der englischen Romantik dieses Wesen zum Inbegriff allen Schreckens geworden, die der künstlichen Schöpfung innezuwohnen scheint. Wer aber den Roman Mary Shelleys aufmerksam gelesen hat ( und "Frankenstein" nicht mit Boris Karlov verwechselt. ) entdeckt auch durchaus Anderes.
"Frankenstein" ist eigentlich ein negativer Bildungsroman, eine frühsozialistische pädagogische Schrift, die davon handelt wie "Jemand" ohne ethische Sorgfälltigkeit ins Leben gebracht wird.
Denn darin besteht ja die eigentliche Trägödie dieses von der Gesellschaft ausgestossenen naiven Geistes, der schliesslich zum gehetzten Dämon wird.

H.G. Wells hat das damals noch durchaus verstanden. In der "Insel des Dr. Moreau" beschreibt er einen wahnsinnigen Wissenschaftler, der diesmal nicht nur unachtsam und unwissentlich fahrlässig - wie Dr. Frankenstein - mit seiner Schöpfung umgeht, sondern seine Schöpfungen einer unbarmherzigen Hölle ausliefert
Es scheint so, dass im 19. Jahrhundert Monster erstmal nichts zu lachen hatten. Sie sind noch weit entfernt von den grimmen Posituren der "Marvel Comics".
Wie "Don Quixote" ist der "Frankenstein" Mary Shelleys ein integraler Bestandteil unserer Kultur geworden, freilich um den Preis, dass man die tatsächliche Bedeutung dieser Romane nicht mehr kennt. Sie werden zitiert, aber nicht mehr gelesen.

Richard Powers Roman "Galatea 2.2" befindet sich durchaus in der Tradition beider Romane, stellt aber schon ganz andere Fragen. Inwiefern ist unser Bewusstsein ein Bestandteil einer gesellschaftlichen Wirklichkeit ? Wie denken wir wirklich ? Und gibt es überhaupt "Wirklichkeit" jenseits unseres gewohnten Denkens ?
Es handelt sich also um Fragestellungen, die die neuesten Forschungen im Bereich der "Künstlichen Intelligenz" und der "kognitiven Neurologie" betreffen.

In Powers Roman kehrt ein erfolgreicher Schriftsteller von den Niederlanden in das Universitätsstädtchen in Michigan zurück in dem er einst studiert hatte. Eingeladen von der neu eingerichteten Fakultät für "kognitive Wissenschaften" als "Humanist in residence", als Vorzeigeliterat, den sich diese neue Wissenschaft leistet um ihr Image aufzupolieren. Die Fakultät besteht aus einem Labyrinth aus Laboratorien und vernetzten Computern. Das Alles hat wenig zu tun mit dem neuen Roman den Powers plant, aber er ist trotzdem fasziniert von den Vorgängen in dieser neuen Welt der "Kognitiven Neurologie".
Durch einen Zufall trifft er auf den misantropischen Wissenschaftler Lentz der davon überzeugt ist, dass sich Bewusstsein, durch "emergente Netzwerke" erzeugen lässt, die Gehirnneuronen nachahmen können.
Powers wird Lentz's Assistent. Und die nächsten 10 Monate beschäftigt er sich damit die zunächst primitiven Versionen des Computernetzwerks sprachlich zu trainieren, während sich Lentz um die Hardware kümmert.
Schliesslich entsteht aus diesem Gebilde etwas, das
- nachdem ihm das Märchen von des "Kaisers neuen Kleidern" vorgelesen wurde - auf die Frage "Woraus sind diese neuen Kleider gemacht ?" antworten kann:
"Die Kleider sind aus Fäden von Ideen gemacht."
Diese Antwort ist deshalb so genial falsch, weil das Neuronen-Netzwerk noch nicht die Ideen von den Dingen und die materiellen Dinge auseinander halten kann. Das sprachlich Imaginäre, die Metapher, ist für Helen ( wie Powers das Netzwerk schliesslich nennt ) ununterscheidbar von dem was ihr Vorleser als die materielle "Wirklichkeit" des Menschen einspeist.

Helen sagt deshalb nicht, wie das kleine Mädchen in Andersens Märchen:
"Der Kaiser ist ja nackt !"
Sondern er ist ja bekleidet, nämlich mit dem Geschwätz der Leute. Und woher sollte "Helen" auch wissen, dass die Worte nicht die Dinge sind, sondern dass sie lediglich die Dinge bezeichnen.
Als "Helen" - die von Powers vor allem mit den schönen Idealen der Literatur "gebildet" wurde - eine CD-Rom verarbeiten muss, die ihr die mörderischen Details unseres Jahrhunderts offenbart, antwortet sie schliesslich nicht mehr.
Sie verstummt.

Richard Powers hat mit "Galatea 2.2" ein Wesen erschaffen, das die schöne Literatur wortwörtlich nimmt. Gedichte, Märchen und grosse Romane sind ihr "begrenztes Ganzes". Aber sie hat keinen ausgleichenden Algorithmus, etwa das Mystische oder die Religion, der die gute Welt - über die man redet und die sein soll - mit der schlechten Welt "die ist" integrieren kann.
Während wir Menschen das jeden Tag machen.
Es ist die Leichteste der Übungen unseres Bewusstseins.

Kurt Wiessner

 


 
 
 
   
© 2002 by Kurt Wiessner • KurtWiessner@compuserve.com