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GAIN

von Richard Powers

"Gain" ist Richard Powers sechster Roman. Und er handelt von "gains and losses" - Gewinnen und Verlusten. Es ist ein Roman über die Geschichte der ökonomischen Entwicklung des imaginären Chemiekonzerns "Clare", aber auch die Geschichte der ökonomischen Entwicklung der "Vereinigten Staaten".
"Gain" ist auch die Geschichte von Laura Bodey die eines Tages entdeckt, dass sie Gebärmutterkrebs hat. Powers beschreibt minutiös den "Verfall" von Laura. Und das ist ungeheuer traurig und deprimierend geschildert...
Das allein wäre kaum lesend zu ertragen, wenn der Autor nicht gleichzeitig eine ungeheuer realistische Studie von Laura selbst und ihrer sozialen Umgebung beschreiben würde. Der Autor schreibt keinen Sozialkitsch, sondern müht sich damit ab zu beschreiben, wie es wirklich ist, langsam zu sterben.
Zwei Geschichten und doch eine. Die exzellent dargestellte Erfolgsgeschichte eines amerikanischen Chemiekonzerns wird konterkariert durch die Leidensgeschichte einer Frau, die trotz Chemotherapie allmählich an Krebs stirbt. Eine Chemotherapie, die übrigens - wenn nicht von "Clare" dann von einem anderen Pharmakonzern angeboten wird.

Wer annimmt, dass zwischen diesen beiden Geschichten ein Zusammenhang besteht, hat recht und zugleich unrecht. Denn wie könnte man einen direkten Zusammenhang zwischen der Entwicklung industrieller Güter, dem Grad der "Zivilisation" , der Zunahme einer formalen Rechtssicherheit - die gleichzeitig eklatante Fehlurteile begünstigt -, der Zunahme von Umweltschädigungen und der persönlichen Leidensgeschichte vieler Menschen konstruieren ?
Man kann es eigentlich nicht ! Auch die radikale linke Politik - so essentiell notwendig sie ist - verfängt nicht, weil sie keine wirklichen Alternativen anzubieten hat. Sie kann einen Missstand anmahnen und glücklicherweise manchmal korrigieren, aber sie kann ein "System" nicht grundsätzlich verändern.
Denn sie geht zu unrecht von einem personalisierbaren "Kapitalismus" aus, von den "Verschwörungen" des Kapitals. Damit geht sie sogar hinter dem hegelianischen Marx zurück, der das "Kapital" als einen wirklichen Zustand ansah, also etwas, mit dem man zu rechnen hat. Ein Zustand. Ein ökonomischer Virus. Whatssoever.
Das ist der Hintergrund von Powers Roman "Gain".
Ein bitterer Scherz findet sich am Ende des Romans. Der Sohn von Laura, Timothy, ein Computerfreak- entwickelt in naher Zukunft ein Programm das in der Lage ist Eiweiss-Sequenzen zu entwerfen, die in der Lage sind bestimmte Krebsarten therapeutisch zu steuern.
Es gründet mit seiner Erbschaft, dem Kapital - das seine sterbende Mutter von "Clare" einklagte - eine neue Firma. Damit ist der Kreislauf paradoxerweise wieder geschlossen.

Kurt Wiessner

 


 
 
 
   
© 2002 by Kurt Wiessner • KurtWiessner@compuserve.com