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Inferno

Langsam sinkt die Winternacht auf uns herab. Lange Nächte, das Heulen des Windes und allzu kurze Tage. Schneegestöber, das eine schwache kupferne Sonne verdeckt - das silberne Glitzern der Eisflächen.
Wir haben Zuflucht gefunden in einer kleinen Kirche, die ganz aus Grassoden gemacht ist und ich extemporiere die erste Messe aus dem Gedächtnis:

" Glückseelig die nicht nach Gerechtigkeit hungern, denn sie wissen, daß unser Los, widrig oder gnädig, ein Werk des Zufalls ist, eines unerforschlichen Zufalls."

Es scheint, daß meine kleine Gemeinde diese Worte des Hl. Biorges günstig aufnahm, denn heute morgen brodelt vor dem hölzernen Altar ein Topf mit Seehundfleisch. Es wird dunkler und dunkler um uns, denn die Sonne hat sich hinter den Horizont zurückgezogen. Ewige Dämmerung umfängt uns. Der Kapitän verläßt kaum noch die Kirche. Eingesponnen in seinen Traum, verdämmert er die Zeit auf einem Bett aus Soden. Doch jeden Morgen erzählt er mir was sich zugetragen hat in jener anderen Welt. Er erzählt und erzählt, während mich die Melancholie mehr und mehr verschlingt.

Die Tage werden wieder länger

Jagdsaison ! Man rüstet eine Expedition aus um dringend notwendiges Seehundfleisch zu jagen. Man erbittet meinen Segen. Noch mehr, man fordert meine Teilnahme. Kann ich ihn, den Träumer, seinem Schicksal überlassen ?
Man wird für ihn sorgen, ist die Antwort. Ich werde also mit den Jägern in den Norden ziehen.
Ein Tag ist wie der andere Nächstfolgende. Tage in blendendem Schnee und auch verhangene Tage so giftig wie Eisbärenleber. Nur langsam kommen wir unserem Ziel näher:
Eine Bucht im ewigen Eis in der sich Eislöwen tummeln sollen, in der Heringe und Lachs in solcher Vielzahl vorkommen, daß man ganz London, Venedig und Rom dazu, mit ihnen ernähren könnte.
Endlich sind wir da !
Vor uns breitet sich eine weite Eisebene aus, deren Saum von den schwarzen und trägen Wassern des arktischen Meeres beleckt wird.
Ein weißer Bär richtet sich drohend auf, streckt seine Tatzen in die Luft - die schwarzen Linien der Walrossherden, die kreischenden Stimmen der Vögel.
Es ist ein grausames Land in das es mich verschlagen hat. Ein Ungeheuer, das in sich selbst ruht , eine Landschaft die den Menschen nicht kennt, arglos und grausam wie das Leben selbst.
Am Rand des Tales, das von Süden nach Norden verläuft sehe ich seltsam regelmäßige Eisblöcke umsäumt von einem Gewimmel aus Tierleibern.
Ich nehme mir vor, sie zu einer späteren Gelegenheit zu erkunden.

Fünf Tage später ist der Küstensaum mit Blut besprengt. Unsere Schlitten sind mit gefrorenem Fleisch vollgepackt, die Netze voll mit silbernen Fischen. Man spricht bereits davon den Heimweg anzutreten. Ich muß mich beeilen um den Nordrand des Tals zu besuchen. Am sechsten Tag breche ich auf...
Meilenweite Reise übers Eis und o Gott, wie mühsam geht es voran. Jeder Schritt muß geplant werden wie eine Reise innerhalb einer Reise.
Beinahe brach ich in eine Spalte ein, die - verborgen im verharrschten Schnee - lange Zeit auf ein Lebewesen gewartet hatte um es wie eine Fliege in Bernstein in den gläsernen Domen der Unterwelt zu ersticken.
Die Sonne blendet mich und noch mehr das milchige Licht des Schnees oder das schneidende Blau des Eises...

Als ich wieder die Augen öffne springt ein Schneehase über meinen Schatten und ich höre das Gekrächze eines Raben dicht über meinen Haaren.
Erst jetzt wurde mir bewußt, daß ich lange Zeit mit geschlossenen Lidern meinem Ziel entgegengetaumelt war. Was für ein Wunder, daß ich nicht gestürzt, daß mein gedankenloser Zustand mir nicht zum Verderben wurde. Und doch kein Wunder ..., denn der Schlaf meiner Augen hatte mich ganz nahe an mein Ziel geführt.

Palos eisumschlossen

Ich mußte viele Meilen gegangen sein, denn vor mir lag ein Hafen. Und nicht ein Hafen im gewöhnlichen Sinne.
Die Kais, die Landungsstege, die Magazinhäuser, ja selbst die Tavernen waren aus purem Porzellan oder - wenn ich mich recht besinne - bestanden sie aus kunstreich verfugten Porzellanstücken.
Diese Fugen waren sehr regelmäßig angelegt und warfen ein Netz über die glänzende Landschaft, die somit in Linien und Querlinien unterteilt war.
Über all diese Linien liefen Menschen die drei großartige Schiffe mit Fracht beluden. Menschen, so klein und braun wie die Lehmsoldaten eines Kindes. Figuren gebückt. von einer Last die in Leinwand verpackt war. Andere Lehmfiguren hieben mit Sicheln große Eiszapfen von der Takelage der Schiffe.

Endlich zeigt sich der Kapitän dieser kleinen Flotte und welchen Jubel empfängt er von der ebenso lehmfarbenen gaffenden Menge.
Triumphierend zeigt er auf eine vergilbte Karte des Atlantischen Ozeans und deutet mit seinem Degen den Kurs an, den er nehmen wird.
Mir stockt der Atem - ich kenne den Menschen.
Ich sah ihn zuletzt - mit stumpfen Zähnen eine Seehundbrühe kauend - in Herjolfsness.

Als ich wieder aufsehe ist da nur noch ein zertrümmertes Schiff, ein Schiffsgrab, ein Nichts aus Planken.
Und anstatt der Soldaten und Matrosen, der Lastträger, schauen mich Walrosse mit scharfen Hauern tückisch an und peitschen ungeduldig mit ihren Schwänzen, als ob sie mich als mögliche Mahlzeit in Erwägung zögen.
Der einzige menschliche Körper liegt entseelt auf dem Eis. Er hält eine zerfetzte Fahne in der linken Hand auf der ein hispanischer Name steht :
Santa Maria.
Die rechte Hand hält einen gefrorenen Hering.
Auf seinen Kopf hat eine Lumme - die wohl das Kopfhaar für ein natürliches Nest hielt - ein Ei gelegt.
Es ist wohl sofort zerbrochen.
Und der gefrorene Eidotter ist über die Nase dieses Gesichts gelaufen und hat neu zu entdeckende, länglich-zähe Kontinente, imaginäre Länder, geformt, die so weit entfernt sind, daß man eine Münze unter der Zunge bräuchte, um sie zu erreichen.

* * *

Ich habe ein paar wesentliche Details des Manuskriptes ausgelassen, die ihm eine scheinbare Plausibilität verleihen würden.
So beschreibt M. die Planktonblüte des arktisches Frühlings sehr genau :" Tag für Tag werden die Täler des unruhigen Meeres grüner und es wird nun sehr leicht Fische an Bord zu ziehen." Aber diese Beobachtungen sind so zugeschnitten auf die rationale Welt des 19. Jahrhunderts und deren Poesie, daß mein Argwohn - es könnte sich um eine raffinierte Fälschung handeln - eher genährt als beschwichtigt wird.
Wie dem auch sei. Es ist schwer daran zu glauben, daß ein kosmisches Gesetz einen zweiten Columbus, einen möglichen Anderen auf den Weg geschickt hat, um alle anderen Geschichten auszuschöpfen, alle anderen Arten der Geschichte. In dieser Geschichte gäbe es kein Amerika - nicht das Land der Wunder, nicht das Land dazwischen. Und ohne Ablenkung wären wir nach China gesegelt, um unserem kulturellen Spiegelbild, dem Orient zu begegnen.
Ich habe über dieses Rätsel nachgedacht, das genauso unergründbar ist, wie diese merkwürdigen Zeilen in John Donne's Poem

A Valediction

"... Deshalb erleiden unser beider Seelen, die doch Eines sind,
trotz meines Abschieds kein
Scheiden, eher eine Ausweitung
wie Gold, das der Hammer
zur Hauchesdünne trieb ..."

Und ich sehe, daß es das Geheimnis immer noch gibt - aufgehoben in jeder Blume, in jeder Bewegung des Tiers - aufgehoben in jener Gewißheit, über die wir nur noch aus der Ferne verfügen.

dixit:
Kurt Wiessner
 
 
 

 


 
       
© 2001 by Kurt Wiessner; Kurt Wiessner@compuserve.com