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Abkunft von Reykjavik gen Südwesten

Wir verließen am Freitag, dem 3. August 1492 das Fischerdorf Reykjavik und folgten dem Küstenverlauf dieser Insel bis wir den Schneefelsgletscher am Breidafjord erreichten. Dann richteten wir unser Steuerruder nach Südwesten.
Schon in der ersten Nacht stellte der Kapitän gewisse Abweichungen der Kompassnadeln mit dem Polarstern fest, und beschloß fürderhin nach den Wächtern des kleinen Bären zu navigieren.
Noch keine zwölf Stunden sind vergangen und schon gibt es kleine Reibereien zwischen den schwedischen Rudergängern und der isländischen Besatzung. Der Kapitän meint, daß man hier äußerst diplomatisch vorgehen muß. Es sei nur zu natürlich, daß die Härten der Reise und vor allem der ungewisse Kurs die Seeleute zu " gewissen Dingen " treiben würde.
Jetzt sind wir schon zwei Wochen auf Kurs und die Tage werden merklich kürzer und kälter. Unsere Segel sind schwer von kaltem Regen und manchmal fällt dickflockiger Schnee auf unser Schiff.
Tiefziehende Wolken begleiten uns deren Dunst unsere Kleidung durchnässt.
Der Kapitän richtet meine Aufmerksamkeit auf die wechselnde Farbe des Meeres. Zuweilen ist es grün, dann wieder tiefblau wie in gewissen Gegenden des Mittelmeers die von den Fischern gemieden werden.
Dann kam der Tag als wir die ersten Eisschollen sichteten. Plötzlich schien die Mannschaft aufzuleben. Rufe wurden laut.
Offenbar glaubte man, daß sie die ersten Vorboten des Grönlands seien.

Das Naglfar

Am nächsten Tag beim Wachwechsel saß ein Rabe auf unserem Steuerruder und über uns am Himmel weitere dieser Unglücksvögel, die ein Geräusch von sich gaben als ob trockene Hölzer aneinander geschlagen würden. Die Mannschaft fürchtete sich vor diesem Vogel, den sie Huginn oder den Gedanken des Rabengotts nannten. Schließlich trat Eric der Maat vor Columbus und trug ihm den Willen der Mannschaft vor. " Man müsse umkehren, denn diese Vögel bedeuteten etwas sehr Schlechtes für das Schicksal des Schiffes." Der Käpitän meinte aber lächelnd. " Das einzige was diese Raben bedeuten ist, daß das grüne Land sehr nahe ist. " Es war als ob diese Raben die menschliche Sprache verstünden, denn keinen Augenblick später - als ob sie nun genug gespäht hatten - verließen sie unser Schiff gegen Westen.

Die folgende Dämmerung wird ewig in meinem Gedächtnis haften bleiben. Ein Nebel hatte sich auf unser Schiff gesenkt . Zuerst hörten wir in der Ferne das dumpfe Schlagen einer Trommel. Doch schließlich sahen wir im Dunst eine riesige Eisscholle an uns vorübertreiben.
Auf ihr befand sich eine tanzende Gestalt die ein großes Tamburin abwechselnd von beiden Seiten bediente. Und in einem weiten Halbkreis von ihr bewegten sich menschliche Schatten die in Lumpen gehüllt waren. Manche von ihnen bedeckten ihr Haupt als ob sie dort etwas schmerzte aber alle hielten die Hände verschränkt über dem Herzen, versunken in eine Qual die keine Erlösung kannte.
Es waren allesamt greise Menschen und sie waren so alt wie die Wasser der Welt, die nun ihren Schlund auftaten diese Überzähligen zu verschlingen.
Erstarrt betrachteten wir dieses Schauspiel. Solange bis das Näherkommen des Eisflosses uns zu einem Schiffmanöver zwang um die drohende Kollision zu verhindern.
Und keinen Herzschlag später verschwand dieser Spuk im Eisnebel.

Zwei Tage danach ist es mit der Moral der Seeleute unserer Knarre so schlecht wie nie bestellt. Uralte Ängste kommen zum Vorschein und ich fürchte daß die tröstliche Botschaft des Evangeliums für sie nur eine Tünche ist die nun abblättert und die alte barbarische Religion zum Vorschein bringt.
Gerüchte gehen nun um, die die Eisinsel zu einem schwarzes Schiff umdichten, zum Naglfar - wie sie es nennen, dem Nachen der die Toten auf eine Insel in der Nähe Irlands bringe. " Niemand darf es sehen außer den Toten. ", meint Eric der Maat, der einer der verständigsten unter den Seeleuten ist.
"Und ach Herr Bischof, ich fürchte dies hat etwas Schreckliches zu bedeuten. "
Nun ist es an dem Kapitän alles - im buchstäblichen Sinne - auf eine Karte zu setzen.
" Morgen werden wir Herjolfsnes erreichen eine Siedlung am Grönländischen Kap die zuletzt vor zehn Jahren von bergischen Handelsleuten besucht wurde. Ich setze eine Belohnung von zwei schwedischen Goldmünzen demjenigen aus der zuerst Land sichtet. "
" Und einen Strick um meinen Hals wenn wir nicht binnen zweier Tage tatsächlich Land sichten, Herr Bischof ", meinte er düster zu mir.
Tatsächlich sind am nächsten Tag große Eisfelder zu sehen, lange und schmale Schwerter, die unserem Schiff entgegenstarren. Es schien ein großes Wagnis zu sein zwischen diesen Klingen aus Eis zu mänovrieren, aber schließlich sehen wir Berge, die von dem warmen Licht der ewig untergehenden Sonne wie Smaragde glühen und grüne, moosige Wiesen.
Plötzlich wimmelt es am Ufer von Menschen die weiße Tücher schwenken, aufgeregt auf und ab springen, die Hände an den Mund legen und sich erschöpft von solcher Raserei mit ausgebreiteten Armen auf den Boden sinken ließen.
Und unsere düsteren Seeleute, die sich auf der großen See wie eine Bande von Halsabschneidern gebärdeten, sie werden plötzlich zu kleinen Kindern. Glücklich über die Aussicht festen Boden unter den Füßen zu spüren, freudig erregt über das Willkomm brüllen auch sie Scherzworte und werfen die Arme hoch :
Hurrah !

Letzter Bischof von Grünland

Es steht sehr schlecht um meine Diözese, wenn man diese Ansammlung von zwanzig grossen Torfhütten so bezeichnen will. Wie eine Silbermünze die man fest in den Handballen drückt, hat sich der Winter in den Gesichtern und Augen der Menschen eingeprägt.
Ein alter Mann wankt uns entgegen und schüttelt unsere Hände. Er stammelt nur unverständliche Worte in lateinischem Kauderwelsch hervor:
"Factum bene. Benissime. Bellum late effusum incendium. Scraelingae. "

Wenn ich ihn recht verstehe ist er der Mann der in der Kirche nach dem Rechten sieht - der Küster.
Die folgenden Tage bestehen aus Händen und Mündern. Es scheint als ob die Hoffnung in jenen Menschen sprachlos geworden ist. Zweifellos hungern sie seit geraumer Zeit und stopfen dankbar alle essbaren Güter die wir nur irgendwie entbehren können in ihre unersättlichen Mägen.
Sie berühren auch alles, den Vordersteven unseres Schiffes, das steife Segeltuch und die Wangen unserer Matrosen, als ob durch die Berührung dieser Gegenstände eine sehr vage Erinnerung freigesetzt würde. Dann halten sie inne und scheinen auf etwas zu lauschen.
Seltsam - ich muß mehr über sie in Erfahrung bringen. Mit Björn dem Isländer besuche ich das Dorf, betrete die weit auseinander liegenden Gehöfte. Überall das gleiche leere Lächeln, dessen Fundamente nicht mehr in dieser Welt gegründet sind.
Eine alte Frau die wir vor einem Hof damit beschäftigt sehen, die Körner verwilderten Weizens aus dem Stroh zu klauben, scheint lebhafteren Gemüts.
" Worauf wartet ihr ? ", fragte Björn der Fischer. Ein Wortschwall in einem Idiom das selbst der Isländer nur mit Mühe verstand ergoß sich über uns.
" Sie hoffen, " übersetzte Björn " auf eine großes schwarzes Schiff das sie ins Paradies übersetzen wird. Ein Schiff gefertigt aus den Fingernägeln des Heilands, das den Nebel, der über ihnen schwebt und ganz aus geflügelten Drachen besteht, überwindet. Denn sie können nicht hierbleiben, sagen sie. Ein Riese der sich tief im Innern der Gletscher befinden soll oder ein Tier das auf einem vereisten See sitzt und mit seinem feuerspeienden Maul Seelen verschlingt und wieder ausspeiht, rücke mit jedem Jahr näher.

Ich bin verwirrt und niedergeschlagen. Zwanzig Jahre ohne geistlichen Beistand haben genügt aus Christen Heiden zu machen. Schon ist das Evangelium eine Saga, die durch die Nägel des Kreuzes nur mühsam zusammengehalten wird.
Noch mehr besorgt mich jedoch der Zustand unseres Kapitäns, der zwischen den Segeln der Knarre umherirrt wie eine kranke Taube. Während seiner Geistesabwesenheiten hat er Gesichte. Er hält mich an der Schulter fest und flüstert mir ins Ohr - kaum kann ich verstehen was er sagt :
"Diese Nacht träumte ich von einer Insel die mit Eis bedeckt war. Aber das kann nicht sein, dachte ich. Ein warmer Passat treibt doch die Schiffe nach Westen und heute habe ich im Meer grünes Schilfrohr gesehen das an der Bordwand vorbeistrich und den Ast eines Dornbusches mit roten Früchten. Und dennoch, wenn ich meine Augen öffne sehe ich dicke Schneeflocken, die sich zögernd im Meer auflösen. "

Ich schweige und fürchte mich. Ist denn diese eisige Hölle , die Menschen zu Schattenspielen macht, wirklich oder lebe ich selbst in einem verbotenen Traum aus dem mich im Morgengrauen das silberne Geläut von St. Peter erlöst ?
"Kapitän!
Als Eurer geistlicher Beistand und Beichtiger verordne ich Euch einen Quart Südwein, vermischt mit einem Ave Maria. Das wird das Fieber mäßigen."
Mein Rezept erwies sich als wenig hilfreich. Der nächste Morgen zeigt mir eine Kreatur die bis aufs Hemd entblößt auf dem Bett liegt und über die Hitze stöhnt im Lande " Bohio, wo das Gold an den Bäumen wächst und es von einäugigen Menschen wimmelt, die sich von Menschenblut ernähren. "
" Wo ist meine Botschaft an den großen Khan von Kathai, denn dieses Land kann nicht mehr weit sein ? Es kann nur noch um eines Fingernagels Breite von uns entfernt sein. Ich rieche seine Gewürze : Zimt und Pfeffer, Früchte die unendlich süß schmecken.
Richtet mich auf und kleidet mich anständig in das vorbereitete Seidengewand mit dem ich den Fürsten des Orients empfangen werde. Setzt Hauben unter die Großsegel, damit uns die günstigen Winde schneller über den Ozean treiben. "

Man kann auf Colon nicht mehr zählen und was weit schlimmer ist, nicht mit einem Kapitän.
Meuterei liegt in der Luft und Knut der Schwede richtet eine Muskete auf mich. Starr stehe ich am vereisten Ufer - zu meinen Fußen ein Kranker der in Fieberphantasien glüht:
" Kanoes voller Gold gegen gläserne Perlen. Nehmt, nehmt mir doch ein wenig von dieser Last ab die mir die Brust einschnürt. "
Ein Schlag trifft mich am Kinn. Als ich wieder zu mir komme sehe ich ein Schiff mit gerafften Segeln, das durch die Eisschollen einen Weg zurück nach Osten sucht.
 
 
 

 


 
       
© 2001 by Kurt Wiessner; Kurt Wiessner@compuserve.com