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" Mein lieber Mattias, neugierigster aller Mönche. Aus der Liste eurer entliehenen Bücher meine ich ein gewisses Interesse für Ultima Thule, dem nördlichsten aller Länder herauszulesen. Und so wisset ihr zweifelos bereits, daß der Titel eines " Episcopus Thulensis " das heißt, der des Bischofs von Grönland seit einem Jahrhundert bereits eine reine Angelegenheit des Titels ist. Meinen Vorgängern auf dem Stuhle Petri beliebte es damals aus Pfarrern und Vikaren aus Deutschland, Portugal und England zu Bischöfen ohne Ländereien zu machen und so verdiente Priester zu einem Phantasiebistum zu verhelfen. Aber diese Praxis gilt nun nicht länger und ist mir ein Greuel. Denn man spricht bereits davon, daß die Grönländer für das Christentum verloren sind, weil seit achtzig Jahren weder Bischofe noch Priester in der Kirche von Gardar die Messe verlesen haben.
So kommt es, dass die Bewohner dieses Landes keine andere Erinnerung mehr an die christliche Religion haben als ein Korporale das vor hundert Jahren auf Christi Leib und Blut geweiht wurde.
So fasste ich den Entschluß einen Mönch aus einem benediktinischen Kloster - denn nur dieser Orden ist neugierig, beredsam und gleichermaßen gottesfürchtig - mit bischöflichen Vollmachten auszustatten um die Bewohner Thules zurückgewinnen für den apostolischen Glauben.Jenen Mönch sehe nun vor mir.
Ihr seid es.
Denn ihr besitzt sowohl den Willen etwas zuende zu bringen, als auch die Demut euch einem gefassten Beschluß nicht zu widersetzen.
Ihr habt genau einen Tag Zeit um euch nach Genua einzuschiffen, wo ein Schiff darauf wartet nach Bergen in See zu stechen."

" O ihr Mächtigen der Erde wie leichtherzig verfügt ihr über Menschen, die ihr wie Schachfiguren über die Weltkarte des Contarini verteilt. Und wie muß es euren Geist befriedigen Wirkungen hervorzurufen ohne selbst den Unbilden des Wetters, der Wolken, der Wellen und der Seekrankheit ausgeliefert zu sein. Dennoch, hatte ich eine Wahl ? Wog die Erniedrigung nur ein Bauer im großen Spiel um die Macht zu sein, schwerer, als die Erhöhung zu einem minderen Offizier der heiligen Kirche ? Wenn diese Fahrt zur Morimarusa - des toten und gleichsam geronnenen Meeres, in dem sich die festen, flüssigen und luftigen Elemente der Welt zu einem Ganzen vereinigen -, je etwas Gutes in sich trug, dann war es ein Stück Selbsterkenntnis.

Ich trank diesen Becher bis zur Neige. Sah täglich beide Gesichter der Zukunft, das Anlitz der Hoffnung und das Medusenhaupt der Furcht. Am Ende dieser Seereise, die Rah meines Verstandes bis zum Bersten gespannt vom Segeltuch meiner Erwartungen, verstand ich endlich, warum unsere walisischen Bauern sich einem selbstgezimmerten Evangelium unterwarfen.
In einer sternenklaren Nacht warf ich meine Schrift - der Abglanz eitler Gelehrsamkeit - ins Meer. Mögen Ungeheuer sich an ihr mästen.

Ankunft in Bergen

Nach fürchterlichen Stürmen, deren turmhohe Wellen unser kleines Schiff mehr als einmal zu zerschmettern drohten, erreichten wir endlich Bergen. Eine Stadt aus geschnitztem dunklen Holz, die von hartgesichtigen Küstenfahrern bewohnt und von gravitätischen Hansekaufleuten besessen wird.
Bergen - das vor Geschäftigkeit summte wie ein Bienenschwarm, und nach eingesalzenen Heringen und den Flüchen der Lastenträgern stank wie auch irgendeine Handelsstadt des Mare Nostrum.
In der Taverne " Zum schwarzen Walfisch " wo ich mich einquartierte, sah ich zum ersten Mal die Wappenzeichen Ultima Thules :
die Hauer des fischschwänzigen Tigers.
Hier sollte ich einen gewissen Christopher Colon treffen, einen italiänischen Seemann und Kartographen, der lange Zeit mit englischen Fischern aus Bristol die nördlichen fischreichen Gründe des Atlantischen Ozeans bereiste und vermaß.
Doch heute ist er ein Kapitän in hanseatischen Diensten der Ordre von Lübeck erhält. Es wurde mir von meinen Mittelsmännern beschrieben, als Mann von mittlerer Größe, ein Mensch mit eher melancholischem Temperament, bebartet nach englischer Facon und ich kenne schon eine Schwäche von ihm.
Er ist der " Mann mit dem Ei ", so nennen ihn die Fischer. Ein Seemann, der importierten lombardischen Rotwein dem norwegischen Bier vorzieht und der hitzig wird, wenn die Rede auf die Gestalt der Erde kommt.
" Aber was soll uns die Gestalt der Ärde? " , murrte ein nordischer Fischer
" Meinetwegen kann sie wien Walfisch aussehen, wenn se nur genug Heringe hergibt, um unsere Mäuler zu stopfen. "
Der Italiäner zuckte nach einem solchen Meinungswechsel nur die Achseln, doch nahm er eines Tages ein ungekochtes Ei in die Hand und forderte seine Trinkkumpane auf es auf die Spitze zu stellen.

Doch nicht mittels einer stützenden Beihilfe von Brotkrümeln oder Salz.
Niemand gelang dieses Kunststück. Da nahm Colombo das Ei, das so vergeblich die Runde gemacht hatte und stellte es, nachdem er die Spitze so leicht eingedrückt hatte, so daß der Dotter keinen Schaden nahm, auf den Tisch.
" Wie überaus simpel ! ", bemerkte einer der anwesenden hanseatischen Käpitäne. Und Colon stimmte ihm lächelnd zu.
" Simpel und doch einleuchtend.
Neue Ideen scheinen immer einfach. Nachdem sie einmal formuliert sind."

Heute ist die Taverne leer bis auf einen Mann der finster vor sich hin blickt als läge er in Ketten. Ein Gefangener dieser nordischen Stadt, deren Sommer feucht sind und nach Mücken stinken. Vor ihm ein Glas roten Weines und eine Karte, die er eifrig studiert. Er mustert mich scharf, aber was er sieht - einen Mönch in der Soutane der Reisenden - scheint ihm nicht zu mißfallen. Er bedeutet mir schweigend mich zu setzen und versenkt sich erneut in das Stück braunen Pergaments. Vage sind mir die Umrisse dieser Karte vertraut aus einem Brief den ein Florentinischer Geograph, genannt Toscanelli 1474 an einen Bediensteten Heinrichs von Portugal - des Seefahrers -, geschrieben hatte. Das Zentrum dieser Karte des atlantischen Ozeans nimmt die große Insel Cippangu ein, eine Insel, die zwischen der bekannten Welt und Katai und Indien läge, nähme man den westlichen statt den östlichen Seeweg.

Colon - denn er ist es - betrachtet finster die Karte, taucht seine Feder in rötliche Dinte und zeichnet entschlossen weit nördlich dieses Inselarchipels eine Küstenlinie auf, zögert dann und verlängert sie spekulativ bis zu jenem Inselarchipel. Weitere Striche im Nordosten werden zu Inseln: Eisland und Grünland. Er deutet auf die letztere Insel.
" Dorthin werden wir fahren ! Aber wenn ich meine Aufgabe beendet habe werde ich Hyperborea besuchen, jenen Küstenstrich, den die Normannen auch Vinland nannten, das Weinland."
Höflich erwiderte ich :
"Da habt Ihr zweifellos auch Ari Thorgilson Frodes " Islandbuch " gelesen, denn dort steht, daß Vinland bewohnt wird von Menschen, welche die Grönländer Skrälinge nannten, kleine, aber sehr wehrhafte Menschen, deren verlassene Wohnstätten Eric der Rote auch in Grönland fand.
Aber fürchtet Euch, das sind nicht die Hohepriester Apollons, jene Glücklichsten aller Sterblichen, weil sie, wie Plinius schrieb , "ihren Tod wählen wie eine Speise."

Darüber lachte Colon :
"Was täten wir Seeleute ohne euch Bücherwürmer ? Ihr reist so weit mit euren Büchern, lasst euch vom Passat des müßigen Lesens treiben. Was wißt ihr schon vom Reisen, von den Winden und den Menschen ?
Wenn ich je an eine fremde Küste kam, von der ich gelesen und geträumt hatte, stets war es ein Anblick voller Enttäuschung. Armseelig lag sie da, wie ein zerlumpter Bettler der auf ein Almosen wartet.
Aber dennoch habt ihr recht, gebe ich euch recht - euch Bücherverzehrern - auch ich suche nach Glanz wo keiner ist. In mir scheint ein Doppelgänger zu wohnen, den es unaufhörlich in den Westen treibt. Und manchmal fürchte ich mich vor meinen Träumen. "

 
 
 

 


 
       
© 2001 by Kurt Wiessner; Kurt Wiessner@compuserve.com