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Ich muß gestehen, daß mich zunächst die Lakonie verblüffte mit welcher der junge Botaniker diese Nachricht verfasste. Auch im Zeitalter der falsifizierbaren Wunder fand man nicht einfach ein Artefakt aus dem 14. Jahrhundert auf einer unwirtlichen Insel in der Nähe des Polarkreises. Eine Insel die Leif Erikson mit Fug und Recht Helluland, Steinplattenland taufte und zum Anlaß nahm schleunigst einen südlicheren Kurs einzuschlagen.
Auf dem Vorsatzblatt des Manuskripts stand im eleganten Latein einer längst vergangenen Zeit :

" In nomine domini nostri Jhesu Christi. An Alexander den vierten Papst dieses Namens entbietet Matthias, Bischof von Grönland seine untertänigsten Grüße. "

Mister Cormick. Diese Handschrift ist gefälscht !
Aber ich möchte sie als Kuriosum selbst erwerben. Nennen sie einen Preis !
Bald war der Handel perfekt.
Nicht einen Augenblick hatte ich die Möglichkeit erwogen, daß ich am Ende doch eine echte Handschrift erworben hatte. Doch versprach ich mir ein privates Vergnügen in der Entschlüsselung dieses offensichtlichen Schwindels.
Da die Redlichkeit Joseph Dalton Cormicks außer Zweifel stand - Cormick über den sein Biograph Oliver Lawson Dick schrieb :
" Zur Verwaltung eines botanischen Gartens schien er hinreichend befähigt und seine Kreativität beschränkte sich auf die Taxonomie. Darüber hinaus erschien er seinen Zeitgenossen als geradezu pedantischer Tugendbold. Kein Stoff für Legenden. "

Es blieb die Frage offen, welchem Umstand die Schrift des Matthias ihre Entstehung verdankte. Vielleicht entstand sie während des langen Winterbiwaks der EREBUS auf Baffin Island im Kopf eines gebildeten Offiziers ?
Ein Seemann, der perfekt das Kirchenlatein der Renaissance nachzubeten vermochte und überdies in seinem schmalen Gepäck eine prächtige Antiquität mitführte - einen antiquierten Seemannsquadranten im Zeitalter der Präzisionsuhren und der Meßbestecke des 19. Jahrhunderts.
Sehr, sehr unwahrscheinlich !

Sollte ich also doch - vorläufig zwar und nur zu meinem Vergnügen - die Möglichkeit zulassen, daß der Inhalt der Kiste doch schon sehr lange auf seine Entdeckung wartete ?
Folglich - da ich keine Hinweise besaß wie die Kiste in die Frobisher Bay gekommen sein konnte - lag die einzige Möglichkeit zur Lösung des Rätsels in der Entschlüsselung und kritischen Begutachtung des Manuskripts selbst.
Diese vergilbten Seiten haben mich manche Nacht gekostet ohne daß ich einer Lösung nähergekommen wäre. Meine Skepsis ist nicht geschwunden, aber ich muß gestehen, daß ich ihnen im Laufe der Zeit diesselbe Plausibilität einräumte, wie den vielen Mythen die sich um die Entdeckung des Nordens ranken.

Mit dieser Einschränkung versehen, möchte ich diese Schrift an dieser Stelle erstmals veröffentlichen. Sie wurde von mir an den Stellen gekürzt wo sich der Autor in allzu weitläufigen Abschweifungen gefällt und insgesamt sprachlich modernisiert.

Das Manuskript des Mattias


Im Februar des Jahres 1490 traf ich in Rom ein um gewisse Studien zu betreiben zu denen mich mein Orden beauftragt hatte. Matthias ist mein Name und ich kam aus dem großen Kloster * * * * in Wales nach Rom, um die " Hanes Taliesin " - ein bardisches Lied das sich immer noch einer gewissen Beliebtheit erfreut auf seine Übereinstimmung mit den Lehren der Patriarchen zu untersuchen. Der Bischof von * * * * ist zweifellos ein geduldiger Mann, aber nach seinem Verständnis kann die Geduld mit dem christlichen Laienvolk auch zu weit gehen. Denn Taliesin der Oberbarde, maßte sich an die Reinkarnation des Johannes, des Elia, und des Jeremia zu sein.
Aber wie kann das Alles angehen ?
Die kurze Zeitspanne bis zum jüngsten Gericht, dem Ende der Geschichte, erlaubt nicht den Luxus der Verdoppelungen - keine Wiederkehr des Gleichen.
Alles was das Heil der Menschen betrifft ist schon gesagt. Christus jedoch ist nur einmal für die Sünden der Menschen gestorben und nur einmal aus dem Hades wiederauferstanden.
"Wenn das so weiter geht, " brummte der Bischof, der ein gebildeter Mann ist und die Klassiker schätzt, " behaupten sie gar die Zeit kenne kein Ende. Achilles wird wiederum gegen Troja ziehen, die Spiegelbilder der Toten werden zu Candlemas das Gesinde erschrecken und die alten Götter werden erneut in den Trümmern ihrer Nekropolen erwachen. "
Nun mag unser Volk noch gewisse liebgewordene barbarische Traditionen pflegen, aber einem Spruch vom Sitz des Fischerapostels würde es sich schwerlich entziehen können.

Schon einen Monat später küßte ich, Mattias, die schwere Hand des Borgiapapstes Alexander.
"Ich möchte ehrwürdiger Vater ", so begann ich meine instruierte Rede " Einblick nehmen in die Archive des Vatikans, und besonders die Kommentare des Synesios, die Kontemplationen des Hieronismus, auch die Visionen des St. Veit in Augenschein nehmen.
Dies alles, um herauszufinden was es mit jener zweifelhaften Stelle der drei synoptischen Evangelien auf sich hat, die dem unverbildeten Laien nahelegt, daß Christus unser Herr in verschiedenen Inkarnationen auf dieser Erde wandelte."
" Es sei ", sprach der Kirchenfürst " aber sagt mir Mattias, Mönch aus dem Norden, verfügt ihr auch über eine genügende Kenntnis des Dänischen um bestimmte Dokumente, die sich mit dieser Frage besonders befassen zu verstehen ? "
" Es ist mir durchaus geläufig, eure Herrlichkeit."
Einen Tag später schon begann ich meine Arbeit. Aber ach, die wenigen Verzeichnisse der Archive erwiesen sich als unzureichend und irreführend wie Flüsse die sich in verschiedene gleichberechtigte Nebenarme teilen und bald begannen die Dämonen der Buchreihen, und die Bibliothekare ein seltsames Spiel mit mir zu treiben. Betrafen die ersten Archivalien die mir gebracht wurden noch durchaus meine Forschungen, mischten sich späterhin jedoch fehlgeleitete Dokumente zwischen das Erwünschte.

Nun bin ich ein Freund des Wissens und der läßlichen Sünde der Neugier schon längst überführt. So las ich auch all das was mir der scheinbare Zufall auf mein Pult geweht hatte :
- Die Saga des ersten Bischofs von Grünland Arnald und sein Ränkespiel mit den Edlen der Ostbay.
- Den Reisebericht des Griechen Pytheas, der Eisland, das auch von manchen Friesland genannt wird, entdeckte.
- Die Abrechnung des Bischofs von Grünland, der achthundert inwendig gedrehte Fischhörner und tausend Hauer des Seetigers zur Finanzierung des letzten Kreuzzuges gegen die Ungläubigen sandte.
- Die detailierte Beschreibung einer Reise in ein Land, das westwärts von Grünland gelegen ist - Vinland.

Nach Ablauf der Frist die mir meine Oberen gegeben hatten war jedoch die Schlacht geschlagen und ich skizzierte befriedigt die Konklusion meines Berichtes :
" In summa. Auch die Alten weisen entschieden die Vorstellung zurück, daß Christus den Menschen mehrmals erschienen sei, denn die bewußten Evangelien berufen sich lediglich per forma auf die Verkünder des Herrn. Und die Geschichte stürmt weiterhin wie der Boreas, der Westwind nur in eine Richtung voran - die der Apokalypse. "

Meine wenigen Habseeligkeiten waren bald gepackt. Es gab nur noch eins zu tun, nämlich mich förmlich vom Schutzpatron des Unternehmens zu verabschieden. Eine Zweitabschrift meiner Schrift in den Händen betrat ich einen Seitenflügel des Vatikans, senkte mein Haupt schon bevor mir Einlaß in den Audienzsaal seiner Heiligkeit gewährt wurde. Gnädig winkte mich Alexander VI. auf Hörweite herbei.

 
 
 

 


 
       
© 2001 by Kurt Wiessner; Kurt Wiessner@compuserve.com