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Felix Arabia
- eine unvollendete Farce -

von Kurt Wiessner

 


Bühne, die ein Café am Rande eines arabischen Souk darstellt. Spielpause. Der Schauspieler Allen sitzt auf einem grüngestrichenen Faltstuhl an einem ebenso grüngestrichenen Tisch von dem schon ( Bühnenbild ) die Farbe abblättert. Um ihn herum auf dem Boden und auf einem dem Tisch liegen in ordentlich, unordentlichen ( Bühnenbild ) Stapeln Bücher. A. ist ein zorniger Leser. Buch für Buch wird an einer markierten Stelle aufgeschlagen, um wütend auf den nachwachsenden Bücherklumpen ( Bühnenbild ) am Boden gefeuert zu werden.

A: ( höhnisch ) 
... Nehmen wir dies hier. Am 28. September 1660 notiert unser akribischer Wüstling:

"Habe nach einer Tasse Tee, einem chinesischem Getränk, geschickt. Etwas, das ich noch nie zuvor gekostet habe".

Das ist wirklich superbe ultrabeschissen. Die englische East India Company sitzt in Bombay, importiert über den malaiischen Archipel Tee aus China. Quadratkilometer aus Segeltuch werden in den Weltmeeren aufgespannt, um Mr. Pepys den Geschmack von Jauche zu vermitteln. Teeabsud vom Faß, mehrmals aufgebrüht. Mich wundert, daß er überlebt hat.

Andererseits ... zeigt diese Notiz in grober Form, um was es überhaupt geht bei diesen Entdeckerfahrten. Das Abenteuer hat einen praktischen Zweck, nämlich schnell reich zu werden über das Glück in Narrenform, die Poesie der Substanz, einer kulinarische Reliquie aus einer schmutzigeren, aber leichteren Welt.

B. tritt auf. Er kaut genießerisch an einem Thunfischsandwich, dessen Brösel er betulich mit einer Papierserviette auffängt. Im Stück hat er die Rolle des pyknischen Spaßmachers ( nach Art von Wallace Shawn ) der für die Lacher sorgt - der Nachfeger, wie man im englischen Theater sagt. Bert genießt das clowneske Element seiner Auftritte, begreift aber nicht, daß sein Charakter, den er - in welchem Stück auch immer - verkörpert, zu einem Gutteil aus der Mischung zwischen lachendem Mund und sorgenden Dackelfalten besteht.

B: ( kauend ) Ich würde mir wünschen Allen, das du das einmal lassen könntest. Man vermittelt die Atmosphäre des Textes, indem man ihn völlig akzeptiert und nichts Neues hinzufügt. Als Schauspieler sind wir reine Larven des Textes. Wir sind keine besserwissenden Bücherwürmer, sondern talentierte Marionetten, die sagen was vorgeschrieben ist. ( gibt seine berühmt-berüchtigte Imitation des Donald Duck Keckerns zu besten. Wer richtig googlen kann findet bestimmt den MP3 File dafür) 
Wir sind nun einmal Schauspieler, darstellende Schlampen, Verkörperungen des Textes, nicht der Text selbst.

Musik und plötzlich belebt sich die Kulisse. Schmutzige Tuchfetzen geben Gesichter frei, Hände tauchen hinter Teppichen auf. Aus dem Theatersouk wird ein wirklicher Souk. Händler und Taschenspieler setzen ihr professionellstes Lächeln auf, heben Hitachi-Stereos in die Höhe, küssen in Silber gefaßte Gemmen, haben winzigste Moccatassen in der Hand, Jongleure  jonglieren grüne Billardkugeln.

Der Markt von Samarkand im Jahre 1021 nach Christus, oder um den Anschein des Kosmopolitischen auf penetrante Weise vorzuführen ( 1021, minus 622 dem Jahr der Hidjra, ) das Jahr 399 nach Islamischer Zeitrechnung. 

Zwei Personen mit extravaganten Turbanen treten auf. Sie geben dem Bettler je ein Lächeln und eine Silbermünze, kaufen einen Ghettoblaster, trinken einen winzigen Schluck Kaffee mit dem Silberhändler und applaudieren den Jongleuren.

Ibn Sina : Wie leicht ist das Leben auf einem Bazar und wie leicht wird mir ums Herz, wenn ich Menschen um mich sehe, die fröhlich sind. Jeder trägt einen kleinen Schmerz spazieren - den nur Allah sieht - und dennoch ist das Glück sichtbarlich vorhanden. Wahrlich, das Glück ist eine seltsame Sache. So glaubten die Griechen, daß die wirklichen Ereignisse in der Welt nur dünn eingesäht werden, und daß der Gott des rechten, günstigen Zeitpunkts - Kairos - im Grunde nur ein anderer Name für den günstigen Zufall ist; ein Roß, das zügellos über Berge und Täler braust und seine Gaben willkürlich, ohne auf Rang und Würden zu achten, verteilt. Oft wirbeln die Hufe dieses feurigen Pferdes Wohlstand zusammen, selten immerwährende Gesundheit und noch seltener jenen Zustand der Seele, den man als Glück bezeichnen könnte.

Ja, dieses Bild gefällt mir. Das Glück des Einzelnen besteht aus dem Kehricht, den der Zoon Politicon, das politische Gemeinwesen verächtlich beiseite läßt. Und obgleich wir über diese Erkenntnis verfügen, weben wir Bahnen aus Schweigen und Schatten in unseren Lebensteppich.
Ya salam, niemand weiß das besser als ich Abu Ali al-Husayn ibn Abd Allah ibn Sina, als Arzt und Philosoph."

Der Begleiter Avicennas ( alias Ibn Sina ) , ein älterer Mann mit einem mächtigen Bart, hat sich diesen Monolog mit gedankenvoll gesenkten Kopf und gefalteten Händen  angehört, doch man bemerkt an seinen gekräuselten Mundwinkeln, seinen blitzenden Augen, daß er vom Geist des Widerspruchs besessen ist.

Al Biruni : Ihr nennt also eure Vertreibungen, die euch von Buchara nach Hwarizm, nach Gurgan, Rayy, Qazwin, Hamadan und schließlich nach Isfahan führten, einen individuellen Zufall. Das ist nicht recht gedacht für einen Muslim. Für den wahren Gläubigen ist die Geschichte eine große Karavane, die den Weg von Kahira nach Mecca unbeeindruckt von Wegelagerern, Wellen und Wespen fortsetzt. Auf ihrem Zug macht sie die Wüste zu Wasser, die Berge zu Ebenen, die Armen wohlhabend und die Dörfer zu Städten. Ihr seht also, daß wir uns dank Allah auf einer Reise befinden. All dies wird stattfinden auf einer gedachten Reiselinie die unser Leben ist.

Avicenna lacht und packt im selben Augenblick einen Dieb am Ohr, der sich soeben mit der Börse seines Begleiters davonmachen will.

Ibn Sina : Soviel zu eurem Vertrauen an die große Karavane der Geschichte. Einen Moment noch und ihr hättet euren Lebensweg ohne einen Dirhan in der Tasche fortsetzen müssen.

Der Dieb : Ay ay ay ay ay ... mein Ohr ! Ihr werdet es zerreißen.

Ibn Sina : Schweig ! Du wirst noch viel mehr jammern, wenn dir deine rechte Hand abgehauen wird. Denn Ohren, die nur dazu taugen ins Gespräch versunkene Philosophen zu belauschen, gehören abgerissen. ( versonnen lächelnd ) Ich denke mir, daß unser heutiges Menue aus saftigen Wassermelonen und fritierten Diebesohren bestehen könnte.

Al Biruni : Laßt es gut sein und erschreckt diesen Menschen nicht länger, der mir den Eindruck eines Gebildeten macht.
(beiseit) Freilich auch den eines solventen Bettlers, eines schamlosen Irren, eines selbstlosen Mörders und eines sekundierenden Entdeckers.

Der Dieb ( sinkt auf die Knie, nachdem sein Gesicht camäleongleich alle von Al Biruni aufgezählten Eigenschaften gezeigt hat ):

Vergebung, ihr Herren. All dies bin ich und bin's auch nicht. Freundlich Gesinnte nennen mich El Sarq, denn ich komme aus dem fernsten Osten - der Heimat der Winde. Meine Feinde sprechen allerdings von mir als "el Gharb", weil alles Schlechte aus dem Westen kommt. Ich bin überall gewesen und bin im Überall Alles gewesen, war in so vielen und soundsovielen Völkerschaften, daß ich nicht mehr unterscheiden kann was bei den Muslimen recht und billig ist. Bin, wenns beliebt Entdecker aus Passion was die menschlichen Leidenschaften betrifft und habe bei meinen Reisen eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit erworben.

Bei diesen Worten, die die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer fesseln sollen, windet er geschickt seine Ohren aus Händen, die eher die Eselsohren von Büchern festzuhalten gewohnt sind, als Diebeslauscher und flieht, nicht ohne einen coolen Spruch zu hinterlassen.

Sehen könnt ihr. Aber nicht halten. Ihr Büchernarren.

Al Biruni : ( als ob nichts passiert wäre ) ... demnach beginnt ihr eure Rede mit den kleinen Freuden des Lebens - die so klein nicht sein können, wenn ich euer Mienenspiel richtig deutete - und endet bei der Qual einer Existenz die nichts als Dunkelheit ist. Wenn ich euch nicht kennte, das strahlende Licht, welche eure Aristoteles-Kommentare verbreiten, würde ich meinen, hier redet einer irre.

Avicenna lächelt und feilscht mit einem Melonenverkäufer. Schneidet sich mit finsterer Miene ein Melonenstück ab. Ißt - und mit jedem Biß hellt sich seine Miene wieder auf.

Al Biruni : Sprecht doch, damit ich es verstehen kann. Kann so ein großer Unterschied zwischen den Worten und dem Menschen der sie ausspricht, bestehen. ( ... ) Ja, ich ahnte es fast ... So weit seid ihr gereist. Und doch ... immer noch so wenig eins mit euch selbst ?

Avicenna nun mit strahlender Miene, nickt und deutet mit einem angebissenen Melonenstück auf Al Biruni.

Ibn Sina : Was redet ihr da. Nie habe ich gesagt, daß die Metaphysik und mein Gemüt, daß die Worte und das Geschwätz Eines wären. Dazu müßte man Gott sein, oder ein Heiliger oder zumindest ein Anachoret. Und diese drei wären weder glücklich noch unglücklich, sondern ruheten nur in sich selbst.

Avicenna nimmt den neuerworbenden Radiorecorder und dreht ihn auf volle Lautstärke. "Cake" mischt sich mit "Lucinda Williams". NeoRock mit NeoCountryblues.

Die Szene erstarrt. Die Schauspieler A und B haben sich bislang in respektvoller Distanz, will heißen in die Ecken der Bühne, zurückgezogen. Sie klatschen mit den Händen, stampfen mit den Füßen, um die gute Darbietung zu honorieren. Und mit jedem Klatschen werden die Hände der anderen Schauspieler welker, verschmelzen mit den Teppichmustern der Bühne. Gesichter werden zu Papiermache. Die lockende Geste des Silberschmieds wird zu einem unauffindbaren Schatten im Gewirr der Requisiten. Nur eine letzte grüne Billardkugel - eine von Sieben, die der Jongleur immerwährend in der Luft hielt - landet endlich, mit einem Plopp ( ... ),  auf dem Bühnenboden.

B:( engagiert ) Manchmal frage ich mich Allan, warum du dich auf die Bühne verirrt hast ? Ich meine ... nichts gefällt dir. Der packendste Text ruft nur ein müdes Grinsen in dir hervor. Shakespeare war ein toller Bühnenmanager, der die Gasrechnungen des Ensembles promt bezahlte, aber seine Stücke sind gequirrlte Scheiße. Shaw ist Mist. Osborne ein Angeber. Stoppard ein Milchbart. Nimm mirs nicht übel, aber das ist keine Einstellung für einen Schauspieler. Man muß an die Stücke glauben. Man muß mit jeder Faser seines Herzens am Text hängen als seis die Seeligkeit. Ich würde was drum geben deine Rolle zu spielen. Etwas über das Schweigen und die Schatten zu erzählen, die Ohnmacht der Erfahrung.

A: Schweig er Sklave und zapf er mir etwas von dem erfrischenden Trunk ab, der sich in deiner Taschenflasche befindet. ( wirft sich in Pose ) ... denn, et tu in felix arabia ego. Auch Ich war in Arabien. Und was ist Arabien ? Nichts als ein Haufen Sand und das Dröhnen eines gequälten Drillbohrers, ein Lautsprecher auf einem Minaret. Nichts als ein gähnendes Loch in dem die großen Karavanen von Kahira nach Mokka, die wahnsinnigen Derwische und gütigen Scheiche langsam verschwinden, die lebenden und toten Augen der Wüste ...

B: Moment mal. Steht das so im Manuskript ? Mein Gott Allan, du bist ja ein Dichter. Merde oder Merda wie der Italiäner zu sagen pflegt, dass ist ja endlich mal scheissaufregend in dieser langweiligen Veranstaltung.
( verträumt ) die großen Karavanen und die noch größeren Karavansereien. Ein Mond, der doppelt so groß ist wie in England. Bärtige Männer die sich um einen Geschichtenerzähler scharen, dessen auswendiges Repertoire aus einer ganzen Ilias besteht. Und soeben läuft ein halbwüchsiges Kind über den großen Innenhof der Karavanserei um ... sagen wir mal die Trensen seines Lieblingskamels nachzuziehen.

A: ( ungehalten und genauer Erbsenzähler ) ... das heißt hier nicht Trensen.
Und Bert, du bist ein liebenswerter Idiot. Ein Träumer. Du bringst alles durcheinander. Du bringst wirkliche Dinge und deine Träume durcheinander. Und widersprich mir nicht. Wer zahlt dir die Miete für deine Bruchbude und das tägliche Bier in der Kneipe nebenan - zahlt das dein Enthusiasmus für die Welt der eingebildeten Dinge ? Ich möchte dich sehen wie du zum Kellner im Excelsior sagst : das geht zusammen auf die Rechnung meiner Träume und ... behalten sie den Rest. 
Komm endlich zu dir und werde ein nützliches Glied unserer Gesellschaft. Wir spielen hier um unser Leben. Wenn dieses Stück nicht hinhaut können wir uns nach Taxifahrerjobs umsehen. Und ich sags dir, so viele Taxis kanns gar nicht in London geben, wie es abgebrannte Schauspieler gibt.

B: ( schweigt verstockt )

Auftritt von C, dem Regisseur des Stücks. Er betritt die Bühne wie eine hybride Mischung aus Chefarzt und General, gefolgt von eifrigen Regieassistenten, die jedes seiner Worte auf gigantische Notizblöcke notieren.

C: Absatz B13. Streichen, streichen, auslöschen, eliminieren. Keine "Schattenlinien" auf meinem Schiff. Wir halten hier keine psychologischen Monologe a la Conrad sondern führen nur blitzsaubere Unterhaltung in diesem Etablisement.

( deutet auf einen der eifrigen Dramaturgen )

Und ich erwarte von ihnen, Heap, daß sie mir stattdessen etwas mit mehr Pep einfügen. Etwas Elegantes über die Last des Reichtums und streuen sie etwas mehr arabisches Konfetti über das Publikum. Und lesen sie die Reiseprospekte die ich ihnen gegeben habe verdammt noch mal endlich gründlich. Was bleue ich den Schauspielern schon seit Beginn der Proben ein ? Hinter der Wanderdüne, vor mir das erhabene Schauspiel einer Beduinenjagd mit Falken und Geparden ...

( er hebt dirigierend die Hände )

Der Chor der Assistenten : ... steht ein Whisky Soda schon bereit und bereit auch ein Swimming Pool, darin kostbare Leiber zu kühlen.

C: Wir verstehen uns also. Absatz G 34 komplett streichen. Und bevor ichs vergesse M 1 bis M 340 ist neuzuformulieren. Diese endlosen Streitereien des Expeditionsteams haben aufzuhören. Ein bißchen mehr "sugar and spice" bitte ich mir aus. Ein bißchen mehr knallzarte Männerfreundschaft.

( er gibt vor die beiden Schauspieler erst jetzt zu bemerken )

Ja, wen haben wir denn da. Beide Forscher höchst daselbst. Mr. Livingstone I presume und Mr. Stanley den rasenden Reporter. Während andere sich während der Spielpause ein rasches Käsesandwich genehmigen oder ein schnelles Bier, dis-ku-tie-rt die Blüte der Schauspielkunst das Fortkommen unserer kleinen, armseeligen Veranstaltung. ( A und B verneigen sich ironisch und beginnen zu spielen )

A: ( gibt die Stichworte ) Wohl einen kalten Anweg hatten wir, war grad die schlimmste Zeit im Jahr für eine Reise, eine so lange Reise : Die Wege tief, das Wetter harsch, mitten im ärgsten Winter.

B: ( rasch dazwischenfahrend ) ... Nicht zu vergessen die Kameltreiber die uns davonliefen oder warens Esel oder irgend etwas Anderes das uns davonlief und war es vielleicht nicht Winter, sondern Sommer. Ja, jetzt erinnere ich mich. Die Hitze sperrte uns in einen Kokon aus Schweiß und dumpfen Gedanken und der Sand verbrauchte unsere letzten Kräfte. Wir waren völlig angewiesen auf unsere Kamelführer, die uns mürrisch durch die Wüste schleppten, durch unsere Furcht, durch unsere Verlassenheit hindurch - eine Furche in den Dünen die kein Ende nahm. Niemals wieder habe ich mir so sehr gewünscht anzukommen, irgendwo anzukommen oder zurückgelassen zu werden - im Irgendwo zu bleiben und so endlich im Bleiben, im Tod da zu sein.

A: ( trocken ) Aber schließlich kamen wir doch an. Und es dauerte keine Stunde bis wir wieder völlig auf dem Damm waren und die Nigger nach Lust und Laune herumscheuchten. Wissen sie was ? Ich glaube nicht an Erfahrungen, sondern an meine Erziehung. Für mich wird Barmherzigkeit immer das Gesicht unseres Landpfarrers tragen und nicht das mit Kameldung verschmierte Gesicht eines Beduinen. Menschen sind ja sooo unbelehrbar. Eine Fee könnte ihnen drei Wünsche anbieten, das Glück auf dem Tablett. Aber gesetzt sie wäre ungeschminkt, und es gäbe da einen dunklen Fleck in ihrem Lebenslauf und sie trüge keine gängige Dauerwelle ... 
Danke - wir verzichten.

A & B ( unisono ) : Vom Anfang und vom End der Welt -
wir wissen nichts :
Denn dieses alten Buches erstes Blatt,
sein Letztes fehlt.

B: Es war einmal eine Expedition nach dem glücklichen Arabien, nach arabia felix oder "L'Arabie heureuse", wie man es in Frongreisch nennt, deren Teilnehmer wie die Fliegen hinwegstarben ...

A: ( wendet sich an C ) Das schreit förmlich nach Zensur. Man bricht als Mensch zu einer Expedition auf und verendet wie ein Insekt. Und dies gar im Plural, da Gliedertiere wie Würmer als Mehrzahl gedacht werden müssen. Einspruch euer Ehren !

B: ( Ungerührt ) Sie starben wie Menschen in zwei Tagen, wie der Dichter Kalim sagt. Ein Tag um sich ans Leben zu binden. Nur einer um sich vom Leben zu trennen. Und warum ? Einfach deshalb, weil sie das glückliche Arabien suchten und nicht das südliche. Denn das bedeutet der Name " Jemen ". Rechts vom heiligen Land, und rechts von heiligen Stein in der Kaaba, liegt seit urdenklichen Zeiten immer der Süden.

A: ( nachdenklich ) Demnach wäre der Süden nicht der Süden ? Es ist einfach eine Himmelsrichtung und nicht das Paradies ? Glück wäre also auch dort nicht zu finden - außer einer eindrucksvollen Sonnenbräune und einer nachhaltigen Magenverstimmung. Seltsam !

B: Seltsam ist der Name für das Ausdenkliche, seltsam ist der Traum, und seltsamer die Schwestern des Traums - dornige Sträuche und Rosenblätter. Wunde und gleichermaßen -  und wunderbarerweise - Balsam für den Schmerz. Wer alles hat, ist nicht ohne Schmerz, doch nur wer entbehrt - oh ihr Brüder und Schwestern - ist glücklich und unglücklich glücklich zugleich.

A: Scheiß drauf.

C: Gestrichen.

Die Schauspieler streiten mit C. dem Intendanten, nennen ihn einen Esel und noch andere Tiere und Körperteile, während C. sie pedantisch über betriebswirtschaftliche Dinge aufklärt und danach unehrenhaft aus seinen Diensten entlässt. Aus ungeklärten Gründen kommt plötzlich Angela Merkel auf die Bühne. Mit völlig neuer Frisur. Das Publikum ist darob derart verstört, dass es den Vorhang verpasst, der sich seiner Aufgabe gemäß gewissenhaft senkt. Tumult ! Glücklicherweise ist gerade die Dark Wave Gruppe "Transparent Persuasions" im Publikum zugegen, die der Intendant händeringend um einen Auftritt ersucht. Der stattfindet. Das Publikum zerstreut sich anschliesslich - doch noch gerührt - in alle Ecken der Welt.

Endgültiger Vorhang

ENDE









 

 


 
 
 
   
© 2004 by Kurt Wiessner • kurtwiessner@hiatus.de